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Jovanovs HSV: Die Zerstörer sind gefragt

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

es hat nach langer Zeit endlich wieder großen Spaß gemacht, im Volkspark zu sein. Natürlich nur für diejenigen, die zumindest ein kleines bisschen mit der Raute sympathisieren. Mit Fußball hatte das Spiel zwar wenig zu tun - phasenweise musste man sich ernsthaft sorgen, ob das gesunde Maß an Aggressivität nicht längst überschritten worden war. Aber es ist genau das, was der HSV derzeit braucht. Obwohl ich bei allem Respekt vor dem großen Kampf, den die Mannschaft gegen Bayer Leverkusen abgeliefert hat, noch nicht sicher bin, welche Ergebnisse eigentlich als Ausrutscher zu sehen sind: das 0:3 in Berlin oder die Punkte gegen die vermeintlichen Top-Teams der Liga?

Ob der Eindrücke der vergangenen Jahre ist diese Skepsis auch durchaus angebracht. Denn was lange Zeit nicht funktionierte, kann mit der Verpflichtung von Beiersdorfer, Knäbel und Peters nicht von heute auf morgen besser werden. Vor allem dann nicht, wenn die vielen Trainer, die sich bislang beim HSV versuchen durften, der Mannschaft ein Spiel aufzwingen wollen, das ihr nicht liegt. Es war daher verwunderlich, als Joe Zinnbauer bei seiner Vorstellung von einem „offensiven und dominanten“ Spielstil gesprochen hatte. Nichts anderes hatten viele seiner Vorgänger versucht und sind gescheitert. Berücksichtig man zudem, dass Mirko Slomka sich im Sommer ein Team zusammenkaufen ließ, das einen temporeichen Konterfußball, mit dem der 47-Jährige bereits bei Hannover 96 erfolgreich gewesen ist, forcieren sollte, könnte man berechtigte Zweifel erheben, ob die Verantwortlichen wirklich wissen, was sie wollen.

Um diesen ballbesitzorientierten Fußball spielen zu lassen, den Zinnbauer womöglich perspektivisch von seiner Mannschaft sehen möchte, müssen andere Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu zählen nicht nur weitere Verstärkungen innerhalb der Mannschaft, sondern auch ein größeres Selbstvertrauen, ein stabiles Mannschaftsgefüge, das nicht nach jedem Windstoß wieder umfällt, Zeit und viele kleine Teilerfolge. Wird der HSV aber dazu gedrängt das Spiel zu machen und überlässt der Gegner ihm den Ball, hat er kaum eine Chance. So scheint Zinnbauer nun aus der Not eine Tugend zu machen: Weil Qualität und Selbstvertrauen fehlen, um sein Spiel durchzusetzen, setzt er voll auf die Karte zerstören. Mit Valon Behrami hat er hierfür genau den richtigen Spieler bekommen. Im Passspiel und Torabschluss limitiert, weiß der Schweizer in Zweikämpfen, Stellungsspiel und bei taktischen Fouls zu überzeugen.

Was einem allerdings Sorgen bereiten kann, ist die Tatsache, dass Behrami ohne Schmerzmittel nicht mehr spielen kann. Die Einnahme solcher Mittel ist normal und sollte im Profisport kein Geheimnis mehr sein. Doch wenn der Spieler seinem Trainer vor und während des Spiels mehrfach signalisiert, einen Ersatzmann zum Aufwärmen zu schicken, weil die Schmerzen zu groß sind, kann es sich nicht mehr um eine einfache Knieverletzung handeln. Behrami hat in den Wochen zuvor immer wieder mit dem Training aussetzen müssen, nun spekuliert blick.ch, dass sein Gesundheitszustand für das Aus in der Nationalmannschaft der Schweiz sorgen könnte. Wobei sich hier mehrere Fragen auftun: Wie konnte Behrami mit dieser Verletzung den Medizincheck passieren? Wussten die Verantwortlichen des HSV vor seiner Verpflichtung von den Problemen? Und warum sind sie trotz allem dieses Risiko eingegangen?

Man mag den 29-Jährigen nun als Helden feiern, weil er bis zum Umfallen alles für den Verein gibt. Auch den Trainer, der das Risiko in Kauf nimmt. Mit Vernunft hat das allerdings wenig zu tun. Im Gegenteil. Man könnte auch den Vorwurf erheben, dass der Verein in diesem Fall verantwortungslos handelt. Chronische Schmerzen im Knie könnten ihn im schlimmsten Fall die Karriere kosten. In Anbetracht der gezahlten Ablöse und seines Gehaltes ist das gesamte Vorgehen des Vereins und der medizinischen Abteilung infrage zu stellen. Andererseits demonstriert es die Not, in der sich der HSV befindet.

Denn trotz des Erfolges gegen Bayer Leverkusen stecken die Hamburger im Abstiegskampf, das darf man bei all den Jubelarien nicht vergessen. Mit der vorgegebenen Strategie, auf Kampf und Zerstörung zu setzen, macht Zinnbauer jedenfalls nichts falsch. Dazu zählt auch die Entscheidung, Lewis Holtby und Rafael van der Vaart gemeinsam aufzustellen, die im aktuellen System weder echte „Zehner“ noch „Achter“ sind. Die Passquote von 50 Prozent führt zudem den Begriff „Spielmacher“ ad absurdum, zumal jeder dritte Ball hoch und lang ins Nirwana gedrescht wurde. Beide Spieler hatten Defensivaufgaben zu bewältigen und halfen sich mit taktischen Fouls aus brenzligen Situationen. Nach vorne, und das ist seit Beginn der Saison das größte Manko, bringt das Team überhaupt nichts zustande, wodurch sich die Debatte um Pierre-Michel Lasogga für mich erübrigt. Solange er keine verwertbaren Zuspiele bekommt, ist es schwierig, den zumeist hilflos wirkenden Stürmer zu beurteilen.

Abschließend noch ein kurzer Blick auf das von mir vor Wochen angesprochene Thema Finanzen. Laut dem „Hamburger Abendblatt“ verpflichtet der HSV einen Mitarbeiter für die „interne Kommunikation“. Christian Pletz, ein ehemaliger Redakteur dieser Tageszeitung und von 2010 bis 2011 für Dietmar Beiersdorfer bei Red Bull als Kommunikationsexperte tätig, wird diesen Posten übernehmen. Ein kluger Schritt, wobei noch nicht ganz klar ist, wie diese Aufgabe mit Leben gefüllt wird.

Erstaunlich ist jedoch, dass sich der finanziell angeschlagene HSV vorerst nicht nur vier hoch bezahlte Vorstände leistet, sondern zudem zwei Sportdirektoren, zwei Nachwuchschefs, zwei Trainer, mehrere Assistenten, zwei Teammanager und viele weitere Mitarbeiter bezahlen oder abfinden muss, die in der Summe nicht zu unterschätzende Kosten verursachen. Wie der HSV das bezahlen will und was die DFL in der Nachlizenzierung Ende des Jahres dazu sagen wird, bleibt unklar. Aber vielleicht ist der nächste Deal mit Klaus-Michael Kühne bereits ausgehandelt und niemand hat es mitbekommen. Positive Gedanken mögen zwar Berge versetzen können, das Konto füllen werden sie allerdings nicht. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.