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Jovanovs HSV: Wer soll das bezahlen?

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

die Länderspielpause ist ein geeigneter Zeitpunkt, um einige grundlegende Überlegungen zur Zukunft des HSV anzustellen. Nachdem das sportliche Fundament mit dem Dreigestirn Beiersdorfer, Peters und Knäbel gelegt worden ist, Zinnbauer seinen ersten Sieg feiern konnte und auch sonst sehr viel Positives in die Öffentlichkeit transportiert wurde, sind meine persönlichen Hoffnungen auf eine Entwicklung in dieser Saison gestiegen. Auch wenn man dem Erfolg gegen den BVB die etlichen Ausfälle der Borussen entgegensetzen muss – der Brustlöser ist dem HSV nicht mehr zu nehmen.

Doch ein Thema hat insbesondere durch das Bekanntwerden der Holtby-Verpflichtung an Aktualität gewonnen: das liebe Geld. Beim HSV fehlt es an vielen Ecken, es war einer der Gründe, warum knapp 10.000 Mitglieder im vergangenen Mai den Weg in die Arena antraten, um für ein Konzept abzustimmen, das die Entschuldung des Klubs vorantreiben sollte. Es war von einer Anschubfinanzierung die Rede, 100 Millionen Euro könnten es bei einem Verkauf von 25 Prozent der Anteile werden.

Zunächst jedoch ein Blick in die Vergangenheit. Es ist noch gar nicht so lange her, als der HSV regelmäßig international vertreten war und es zwei Mal in Folge sogar bis ins Halbfinale der Europa League schaffte. Die Kaderkosten beliefen sich in der Hochphase zwischen 40 bis 45 Millionen Euro – fünf Millionen weniger als heute. Doch schon damals war der HSV chronisch unterfinanziert. Jährlich fehlten dem Verein 20 Millionen Euro, was unter anderem an der Tilgung des Stadionkredits lag, der mittlerweile gestreckt worden ist.

Die fehlenden 20 Millionen spielte der HSV durch sein gutes Abschneiden im DFB- und im Europapokal oder durch einen Zusatzeffekt wie die Verlängerung von Catering- oder Sponsoringverträgen ein. Zusätzlich konnte man immer wieder hohe Transfereinnahmen durch die Verkäufe seiner Top-Spieler einstreichen. Der Sparplan bei der Amtsübernahme durch Carl Jarchow und Joachim Hilke war daher die logische und richtige Konsequenz. Der Gehaltsetat musste dringend gesenkt werden. Doch der Sparplan ist gnadenlos gescheitert, die Folgen sind bekannt.

Wie ist die Situation heute? Der HSV spielt noch immer nicht international und eine baldige Teilnahme an einem der beiden Wettbewerbe ist unrealistisch. Zudem sind vorerst keine größeren Transfereinnahmen zu erwarten – der Verkauf von Calhanoglu bildete hierbei eine Ausnahme. Glaubt man den Zahlen, steht der HSV im Bundesligavergleich der Gehaltsetats auf Platz sechs mit knapp 50 Millionen Euro. Dieser Anstieg der Kaderkosten ist durch die großen Gehälter von Lasogga, Müller oder Holtby zu erklären.

Die noch immer äußerst prekäre Finanzlage wird deutlich, wenn man bedenkt, dass bei der Verpflichtung von Holtby ein gängiger Bilanzierungstrick zur Anwendung gekommen ist. Da der HSV ihn erst im kommenden Jahr bezahlen muss, „schönt“ man dadurch das Ergebnis des aktuellen Geschäftsjahres, das man dennoch mit einem Minus abschließen wird. Nun mögen einige die hohen Transfereinnahmen und die Finanzspritze von Klaus-Michael Kühne dagegenhalten. Bedenken muss man allerdings, dass das Geld des 77-Jährigen zur Sicherung der Liquidität, also zur Zahlungssicherung für das laufende Geschäftsjahr verwendet wird. Ähnliches geschah mit der Fan-Anleihe, die mittlerweile fast vollständig aufgebraucht ist.

Neben der monatlichen Zinslast muss der HSV zudem sicherstellen, dass die Anleger ihr eingesetztes Kapital 2019 zurückbekommen. Insgesamt wird der HSV also weit über 20 Millionen Euro auftreiben müssen, wobei der Campus noch längst nicht gebaut, geschweige finanziert ist. Auch da kommen über zehn weitere Millionen hinzu. Da Kühne seine Darlehen im Gesamtwert von etwa 25 Millionen Euro in Anteile umwandeln lassen wird und dafür zwischen 8 und 12 Prozent an der HSV Fußball AG bekommt, ist die Finanzierung der kommenden Saison alles andere als sichergestellt. Es sei denn, Kühne öffnet erneut seinen Geldbeutel.

Zwar sollen und werden einige Großverdiener wie Rafael van der Vaart, Heiko Westermann, Marcell Jansen, Slobodan Rajkovic oder Ivo Ilicevic den Verein verlassen, wodurch insgesamt über 15 Millionen Euro an Gehältern eingespart werden können, doch wie will man all diese Spieler adäquat ersetzen? Schon jetzt sind sechs Millionen Euro, die wiederum in Raten abbezahlt werden, für die feste Verpflichtung von Lews Holtby eingeplant. Weitere Ablösezahlungen und neue Millionen-Gehälter sind somit nicht möglich, sofern man das selbst gesteckte Ziel, den Gehaltsetat auf 38 Millionen Euro zu drücken, tatsächlich erreichen will. Ausgehend von den angestellten Überlegungen, wird man viele gestandene Spieler ersatzlos ziehen lassen müssen.

Zudem, da kommt die nächste riesige Kostenstelle, wird fast jeder Posten im sportlichen Bereich derzeit doppelt bezahlt. Dazu zählen die Gehälter von Mirko Slomka, Oliver Kreuzer und den Mitarbeitern aus dem Trainerstab. Hinzu kommen die Neuen: Auch Bernhard Peters, Peter Knäbel und Frank Wettstein, ab November neuer Finanzvorstand, arbeiten nicht ehrenamtlich für den HSV. Summiert man all diese Gehaltszahlungen, dürfte der HSV den drittt- oder viertteuersten Verwaltungsapparat der Bundesliga haben. Bis der Verein finanziell also wieder auf soliden Beinen stehen kann, wird man in einer Abhängigkeit zu Kühne stehen, die auch bei der Suche nach neuen Investoren ein Problem darstellt. Denn wer setzt sich schon mit Kühne in ein Boot, der mit Karl Gernandt und Joachim Hilke zwei Personen in den wichtigsten Gremien des HSV sitzen hat?

Das Liquiditätsloch wird wahrscheinlich erst im März, spätestens aber im April zum großen Thema werden, wenn es auch um die Bundesligalizenz geht. Durch das schlechte sportliche Abschneiden in den letzten Jahren sind nicht nur die Einnahmen aus dem VIP-Bereich um ein Viertel eingebrochen, auch von den steigenden Fernsehgeldern in der Bundesliga kann der HSV kaum profitieren. Zudem läuft 2016 das Namenssponsoring für das Stadion aus. Die Verantwortlichen werden viele Gedanken darüber anstellen müssen, wie sie ihre Finanzen in den Griff bekommen. Man hat etliche Einnahmen aus Vermarktungs- und Ausrüsterverträgen aus der Zukunft in die Gegenwart geholt und damit kurzfristig das Überleben gesichert.

Ein langfristiges Konzept ist dieses Vorgehen allerdings nicht. Daher ist es wichtig, rechtzeitig auf die Problematik hinzuweisen und die Mitglieder für das Thema zu sensibilisieren, um auf der kommenden Versammlung sowohl die richtigen Fragen als auch die richtige Entscheidung bei der Wahl des neuen Präsidiums zu treffen.

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