Jovanovs HSV: Der Joe-Effekt

Drei Spiele, ein Punkt: Der anfängliche Hype um Zinnbauer ist verflogen. Warum der eingeschlagene Weg trotzdem richtig ist, beschreibt Daniel Jovanov in seiner neuen HSV-Kolumne.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

es hat keine drei Spieltage gedauert, bis der Lobgesang auf den neuen Trainer der Ernüchterung gewichen ist. „Beiersdorfer stärkt Zinnbauer den Rücken“, war sogar schon zu lesen. Der Vorstandsvorsitzende gerät nach seiner „bis auf Weiteres“-Erklärung sehr früh in die Situation, den Trainer stützen zu müssen, nachdem Ferrari-Joe medial bereits zum Heißmacher schlechthin erkoren wurde. „Ist der Trainer-Effekt schon verpufft?“, lautete die Frage in der Fernsehberichterstattung, während man später an derselben Stelle direkt nachbohrte, ob es denn schon Gespräche mit dem neuen Sportdirektor Peter Knäbel über die Zukunft gegeben hätte.

Die maßlose Heroisierung neuer Trainer langweilt mich mittlerweile ebenso wie das Fallenlassen derselben nach ausbleibenden Resultaten. Aber so ist das Geschäft, so läuft die Show nun mal. Während zwischenzeitlich der neue Jürgen Klopp geboren war, wird heute, nur drei Spieltage nach seiner Amtsübernahme, Phase zwei des Trainerlebens beim HSV eingeläutet. Leise, ganz vorsichtige Zweifel machen sich breit, ob es überhaupt einen Joe-Effekt gegeben hat. Schließlich hatte man ihn so sehr in den Himmel gelobt, da muss doch ein wenig mehr rausspringen, als nur ein Punkt aus drei Spielen.

Aber das hat man auch bei Fink getan, bei van Marwijk und bei Slomka auch. Jeder von ihnen hat einen neuen Schwung in die Mannschaft gebracht, immer gab es einen „Trainer-Effekt“, bei dem eine neue Handschrift zu erkennen war, die nach kurzer Zeit jedoch wieder an Geschmiere erinnert hat. Rückblickend betrachtet hat der HSV in der vergangenen Saison gegen Ende der Rückserie unter van Marwijk den besten Fußball der jüngsten Vergangenheit gespielt – unbeschadet ist er aus der Nummer HSV allerdings nicht rausgekommen. Ihm wurden Dinge zum Vorwurf gemacht, die andere zu verantworten hatten. Das schwächste Glied in einem Fußballklub bleibt nun mal der Trainer, weshalb ich Felix Magath, den ich in der vergangenen Woche interviewen konnte, recht geben muss: Trainer beim HSV haben keine echte Chance.

Das mag in diesem Fall auch daran liegen, dass Beiersdorfer seinen Trainernovizen durch seine Jobgarantie „bis auf Weiteres“ automatisch auf den Schleudersitz befördert hat. Die Frage könnte aber auch durchaus lauten: Welcher Trainer ist denn nicht „bis auf Weiteres“ an einen Verein gebunden? Der Schwebezustand könnte beim HSV jedoch auf Dauer zum Problem werden, da der Bundesligazirkus andere Standards gewohnt ist. Man braucht Vertragslaufzeiten, konkrete Zahlen, klare Zusagen. Aber Beiersdorfer ist in dieser Hinsicht anders, denn er ist ehrlich. Und Ehrlichkeit wird in unehrlichen Geschäften wie der Bundesliga als Schwäche ausgelegt.

Der HSV täte gut daran, sich von all den vermeintlichen „Mechanismen“ des Profifußballs zu lösen, Ergebnis- und Zeitdruck zugunsten einer Entwicklung auszublenden. Das sagt sich als Außenstehender natürlich leicht. Nach all den Jahren, in denen der HSV immer wieder reagiert hat, statt zu agieren, ist in so etwas wie Gewohnheit entstanden. Man kennt es schlichtweg nicht anders. Dass es in einer Medienstadt wie Hamburg schwierig ist, dieses Dogma zu durchbrechen, müsste mittlerweile bekannt sein. Sollte es in den nächsten zwei Spielen keine Punkte geben, wird zwangsläufig der Ruf nach einem „richtigen“ Trainer lauter, der im Zweifel auch mal auf den Tisch haut und den „Millionären“ zeigt, wo der Hammer hängt.

Man kann sich daher immer nur wiederholen: Es ist ein langer Prozess, bis die alten, verkrusteten Denkmuster aufgebrochen sind, und dem HSV eine neue DNA eingepflanzt wird. Dass man an einer neuen DNA arbeitet, war unschwer an der vom Verein gestarteten Umfrage zur Stadionshow zu erkennen. Gästemannschaften sollten mit ihrem Vereinslied in der Imtech Arena empfangen werden. Ein kleiner, aber durchaus bedeutender Schritt, der von den Fans leider abgelehnt wurde. Ähnlich könnte es dem Verantwortlichen ergehen, wenn sie in naher Zukunft auch über das Thema öffentliches Training diskutieren sollten, das aus vereinspolitischer Sicht bisher ein Tabu war.

Eigentlich dürfte es überhaupt keine Diskussion mehr geben, da durch die Wahl der neuen Vereinsspitze ein klarer Auftrag erteilt wurde. Der Verein soll grundlegend umgekrempelt werden, um die Basis für eine kontinuierliche sportliche Entwicklung zu schaffen. Es bleibt abzuwarten, ob das dem Führungstrio Beiersdorfer, Peters und Knäbel gelingt. Denn auch ihnen könnte Böses drohen, wenn der Finanzier Kühne, der laut Stern kräftig Einfluss auf das operative Geschäft ausübt und seine Forderungen durchsetzt, Vertrauen und Geduld in das neue sportliche Konzept verliert. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass dies aufgrund der ausbleibenden Ergebnisse in naher Zukunft der Fall sein wird. Dann gilt es, sowohl sich als auch das schwächste Glied in der Kette, den Trainer, zu schützen, selbst wenn es sehr ungemütlich werden könnte.

Sportlich, und da kommen wir an den Anfang des Joe-Effektes, ist, wie bei all seinen Vorgängern auch, durchaus eine Entwicklung und eine Spielidee zu erkennen, die nur aufgrund sehr unglücklicher Umstände keine Punkte gebracht hat. Die Mannschaft läuft mehr, sie arbeitet konzentriert im Defensivbereich und lässt nur sehr wenig zu. Ich möchte das nicht als „Die Null muss stehen“-Ausrichtung bezeichnen, sondern als teilweise totales Pressing, in der jedes Rädchen ins andere greifen muss, damit es funktioniert. Das ist körperlich als auch geistig äußerst anspruchsvoll und erfordert jede Menge Konzentration. Ein Mal, das war beim 0:1-Gegentreffer, fehlte sowohl die körperliche als auch die geistige Frische, da Heiko Westermann seinen Gegenspieler beim Konter nicht konsequent genug verfolgte.

Die Berufung auf die rechte Seite kann ich dennoch nachvollziehen, zumal die Taktik bis auf eine Ausnahme aufgegangen ist. Trotz seines Fehlers in der Mitte sollte Zinnbauer auch nicht an Cleber rütteln, der das Vertrauen braucht, um seine Leistung abzurufen. In Situationen wie diesen könnte der Trainer unter Beweis stellen, wie groß er tatsächlich schon ist. Denn an der Personalie Cleber wird man in den kommenden Monaten sehr gut beobachten können, ob und wie schnell der HSV dazulernt.