Timon Wellenreuther: Der Achilleus von Schalke 04

Der Torwart patzte in Berlin erneut, Schalke kostete dies wichtige Punkte im Kampf um die Champions League. Di Matteo steht vor schwerer Entscheidung.

KOMMENTAR
Von Hassan Talib Haji

Nach den schweren Patzern von Timon Wellenreuther bei Hertha BSC stellt sich die Frage: Kann Roberto Di Matteo die verständlichen und dem Alter entsprechenden Schwächen eines jungen Torwarts bei dieser Wichtigkeit noch in Kauf nehmen oder muss man gerade deshalb allmählich reagieren? Eine schwierige Frage, denn im beinharten Fußballgeschäft ist solch eine Situation einnehmend, der FC Schalke 04 kann sich ja kaum noch Fehler erlauben.

In der griechischen Mythologie erzählt man sich die Sage um Achilleus (Achilles), der von seiner Mutter Thetis in den Styx getaucht wurde. Ein Fluss, der den Übergang zwischen dem Reich der Lebenden und Toten zugänglich machte. Thetis wollte dessen Kraft nutzen, um Achilleus für alle Zeiten unverwundbar zu machen.

Dabei hielt die Mutter ihren Sohn an der (dadurch bekannten) Achillesferse fest – die einzige Stelle, die tragischerweise nicht vom Wasser des Styx umschlossen und berührt wurde. Und natürlich somit auch die einzig verwundbare Stelle Achilleus' blieb. So einen Fluss könnte Schalkes Wellenreuther derzeit auch gebrauchen. Anstatt dort genüsslich unverwundbar zu werden, wurde dieser viel mehr aus der Not geboren ins kalte Wasser des Profifußballs geschmissen. Bedauerlicherweise zeigt er aktuell, dass man ihm die Schwimmflügel besser nachgeworfen hätte.

Timon Wellenreuther absolvierte bislang sieben Bundesliga-Spiele für Schalke

Jung und sterblich

Der gebürtige Karlsruher ist 19 Jahre jung, ein Schalker Torwart mit guten Anlagen – ein junger Mann, der sich traute, ins Rampenlicht zu rücken – als man ihn brauchte – und seinen Mann stehen musste. An großen Aufgaben wächst man, und der unerfahrene Schnapper hatte davon bereits im Eiltempo wahrlich einige.

Wellenreuther musste gegen den FC Bayern in der Allianz Arena vor 75.000 Zuschauern den Ersatzmann von Stammtorwart Ralf Fährmann, Fabian Giefer, ersetzen und tat dies mit Bravour. Schwere Gegner mit starken Offensivreihen folgten. Neben großen Bayern zusätzlich Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund oder Real Madrid.

Eines ist jedoch bemerkbar: Mit der Zeit und den Spielen werden Wellenreuthers derzeitige Defizite immer deutlicher. Und diese wähnte man vor der Partie gegen Hertha BSC als Beobachter am vergangenen Samstag noch in der Strafraumbeherrschung. Ihm fehlten spürbar in der Luft und abseits des Fünfmeterraums Präsenz und Durchsetzungsvermögen. In der Hauptstadt patzte er nun zweimal bitterböse auf der Linie und machte für einen Torwart viel zu leichte Fehler, die die Berliner gnadenlos auszunutzen wussten.

Schalkes junger Keeper sah gegen Hertha bei zwei Gegentoren nicht gut aus - wie hier beim Treffer von Änis Ben-Hatira (l.)

Bundesliga noch zu groß

Freilich, einem Torwart in diesem Alter sollte man solche Fehlgriffe zugestehen. Allerdings kommt man zugleich nicht an der Frage vorbei, ob sich ein professioneller Klub, der eben wie Schalke 04 in dem wichtigen Millionengeschäft Champions League die Kohle fördern muss, diese Art von Missgeschicken im Knallhart-Business Fußball leisten kann. Zudem verunsichert es jede Abwehr der Welt, wenn sie weiß, dass sie sich auf ihren Schlussmann nicht wirklich verlassen kann.

Sicherlich setzt Schalke auf die Jugend, doch muss sich der Verein auch um seine Saisonziele kümmern – mittlerweile sogar sorgen. Wellenreuther bleibt in der öffentlichen Darstellung des Klubs unangetastet, genießt Welpenschutz und wird weiter in den königsblauen Kokon gepackt – das ist verständlich und absolut richtig so. Irgendwann mag er vielleicht ein Schmetterling werden ...

Wellenreuther glänzte schon mehrfach mit beeindruckenden Paraden, doch konstant als starke Nummer eins zu agieren, gelingt dem Youngster (noch) nicht. Was man bei ihm auch als Rookie nicht verlangen kann. Schalke kann sich solche Aussetzer wie vor heimischer Kulisse gegen Werder Bremen oder nun in Berlin allerdings nicht weiter erlauben.

Denn der Platz um die Champions League, sei es nun Rang drei oder vier, rückt weiter weg. Stammtorwart Fährmann steht kurz vor der Rückkehr, trainierte nach seinem Kreuzbandteilriss aus dem Januar bereits individuell - der Klub sehnt sich nach seiner Rückkehr ins Tor. Die eleganteste Lösung wäre also wohl, wenn "Ralle" rechtzeitig vor dem schweren Spiel gegen den Königsklassen-Konkurrenten Bayer Leverkusen am nächsten Wochenende wieder fit würde und dieses auch bliebe.

Eine nachvollziehbare Herausnahme Wellenreuthers wäre der Öffentlichkeit geräuschloser nicht zu vermitteln.