Das Jahrhundertspiel: „Ausgerechnet Schnellinger!“

Am Ende durfte Brasilien die „Goldene Göttin“ behalten. Doch obwohl die Südamerikaner als erstes Team überhaupt zum dritten Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft gewannen und dafür den Coupe Jules Rimet für immer für ihre Vitrine mitnahmen, war es nicht die „Selecao“, die zum Thema Nummer eins wurde. Nach der neunten WM 1970 in Mexiko sprach jeder Fan nur über ein Match: das Jahrhundertspiel.
Mexiko-City. «El Estadio Azteca, Rinde Homenaje A Las Selecciones De: Italia (4) Y Alemania (3) Protagonistas En El Mundial De 1970, Del „Partido Del Siglo“» – noch heute erinnert an einem der altehrwürdigen Arenen, dem Azteken-Stadion in Mexiko, eine bronzene Tafel an das Halbfinale zwischen Italien und dem DFB-Team, das am 17. Juni 1970 in die Geschichte eingehen sollte. ARD-Reporter-Legende Ernst Huberty erinnert sich nur zu gut an diesen Tag: „Es war 9 Uhr 45. Der Tag schien glühend heiß zu werden. Das Thermometer zeigte schon 30 Grad. Das Studio war altersschwach. Der Schreibtisch vor mir wackelte, meinem Stuhl fehlte ein Bein. Ein Stoß aufgestapelter Bücher hielt ihn im Gleichgewicht“, sollte er noch einen Vorbericht produzieren, ehe er sich zum Stadion aufmachte.

Hitzeschlacht und „Montezumas Rache“


Schon in der Vorrunde hatten nicht nur TV-Kommentatoren mit widrigen Bedingungen zu kämpfen: Sei es nun die unglaubliche Hitze, „Montezumas Rache“ oder schlichtweg das gegnerische Team, das den 16 WM-Teilnehmern das Leben zur Hölle machte. Deutschland lag in den beiden ersten Partien gegen Marokko und Bulgarien jeweils 0:1 hinten, sodass die Mannschaft von Helmut Schön mehr Aufwand betreiben musste als ihr gewiss lieb war. 2:1 gegen die Nordafrikaner und 5:2 gegen die Osteuropäer lauteten die Endresultate, was die heimischen Fans zu nächtlicher Stunde nicht gerade vom Fernsehsofa riss. Erst beim 3:1 gegen Peru überzeugten die Adlerträger. Und das Viertelfinale gegen England, das das DFB-Team erst in der Verlängerung nach einer unglaublichen Aufholjagd mit 3:2 für sich entschied, war schon an Kämpferherz- Tugenden nicht zu überbieten.



Rudy Michel irrt


Wer also hätte gedacht, dass es noch dramatischer ging, als Italien im Halbfinale wartete? „120 Minuten bis zur totalen Erschöpfung. Berti Vogts sagte zu mir: Jetzt möchte ich schlafen und im Azteken-Stadion wieder aufwachen ...“, ahnte auch Huberty nicht, was da noch kommen sollte. Die Unterstützung der fußballbegeisterten Mexikaner jedenfalls war den Deutschen gewiss. Schließlich hatte Italien den Gastgeber im Viertelfinale aus dem Turnier gekegelt. Doch das sollte zunächst wenig helfen. „Mehr als ein Tor fällt nicht“, hatte Hubertys Kollege Rudy Michel vor dem Anpfiff geunkt. Und das erzielte Roberto Boninsegna von Inter Mailand schon nach acht Minuten. Alle wussten, was jetzt kommen würde. Italien rührte Beton an.

„Ausgerechnet Schnellinger!“


90 Minuten lang, die reguläre Spielzeit, lebte dieses Match eher von der Spannung. Rudi Brumme, Radio-Reporter vor Ort, brachte es fast zur Weißglut: „Mein Gott, ist das ein Fußballspiel hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder.“ Aber die Taktik der Squadra Azzurra sollte nicht aufgehen. Es brach die 90. Minute an. Ein verzweifeltes DFB-Team hatte längst die Brechstange ausgepackt, ein Mann hielt den Fuß hin – und das Leder zappelte im Netz. „Unglaublich. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen, ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben“, ächzte Huberty ins Mikro. Milans Karl-Heinz Schnellinger war sein erster und einziger Länderspieltreffer gelungen. Seine simple Begründung später, warum er sich mit nach vorne geschlichen habe: „Das italienische Tor lag auf dem Weg zur Kabine.“

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„Ich dachte, ich werde ohnmächtig“


Eine Verlängerung musste also entscheiden. Eine weitere halbe Stunde, die Fußball-Geschichte schrieb, in denen beide Teams mit Kämpferherz wie zwei Boxer über den Rasen taumelten. Mit 50 Grad hatte sich das Azteken-Stadion zum Glutofen erhitzt. Alle Taktik wurde über den Haufen geworfen. Nach vier Minuten traf Gerd Müller zum 2:1. Italiens Antwort dauerte ebenfalls vier Minuten: Ausgleich durch Tarcisio Burgnich. Jetzt hatten wieder die „Azzurri“ Oberwasser und gingen durch Luigi Riva in der 104. Minute in Führung. Dann traf erneut „kleines dickes Müller“ zum 3:3 (110.). Unglaublich, was sich in Mexiko-City abspielte. Wie es sich anfühlte? Siegtorschütze Gianni Rivera, der nur eine Minute danach Deutschland den endgültigen Todesstoß versetzte, beschrieb seinen Treffer so: „Das war mein sechster Sinn. Wegen der Erschöpfung sah ich alles nur noch Weiß. Ich sah, wie sich Maier bewegte, aber dabei stand er noch. Ich dachte, ich werde ohnmächtig vor Müdigkeit, aber dabei war es nur die Umarmung von Riva.“ 4:3 für Italien – die Hitzeschacht war beendet, das Jahrhundertspiel entschieden. Aber einen Verlierer gab es nicht. Das erlebte auch Ernst Huberty: „Draußen wurden die deutschen Spieler von den Mexikanern gefeiert wie die Weltmeister. Sie hatten ihre Herzen erobert. So viel Kampfgeist und Charakter. Einmalig.“

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