Stefan Bell: "Viel Geld garantiert keinen Erfolg"

Er hat sich bei Mainz zu einem der zweikampfstärksten Verteidiger der Liga entwickelt. Mit Goal sprach er über Tuchel, den Stellenwert der Bundesliga und die Bayern-Dominanz.

Stefan Bell spielt mit Mainz 05 die beste Saison seiner jungen Karriere. Der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler steht mit den Nullfünfern punktgleich mit dem VfL Wolfsburg auf dem achten Platz und hat sich auch individuell zu einem der Top-Verteidiger der Liga gemausert - nur fünf Spieler klärten ligaweit mehr Aktionen als Bell (96).

Im exklusiven Interview mit Goal sprach der 24-Jährige über das Erfolgsgeheimnis seines Trainers Martin Schmidt, sein Engagement im Amateur-Fußball und einen Wechsel ins Ausland.

Herr Bell, Mainz spielt bisher trotz des Dämpfers in Ingolstadt eine gute Saison. Was ist das Ziel für die Rückrunde?

Stefan Bell: Wir wollen weiter in jedem Spiel ans Limit gehen und ein unangenehmer Gegner sein. Wenn man es in Zahlen ausdrücken will, dann wollen wir um die 40 Punkte holen. Mal sehen, vielleicht ist am Ende sogar mehr für uns drin.

Einer der Hauptverantwortlichen für die stabile Mainzer Saison ist Trainer Martin Schmidt. Was zeichnet ihn aus?

Bell: Er ist ein Positiv-Verrückter, der sich 24 Stunden am Tag mit Fußball beschäftigt. Er legt eine unglaubliche Akribie an den Tag und weiß alles über Fußball. Das ist ansteckend und überträgt sich dann natürlich auf die Mannschaft.

Vor Schmidt war ihr Trainer mit Thomas Tuchel ebenfalls ein akribischer Taktiker, der durchaus laut werden konnte. Wo liegen die Parallelen, wo die Unterschiede zwischen Schmidt und Tuchel?

Bell: Es war ja so, dass Tuchel Schmidt damals aus der Schweiz für die zweite Mannschaft von Mainz verpflichtet hat. Das zeigt schon die Wertschätzung, die Thomas Tuchel für Martin Schmidt hat, und die gemeinsame Auffassung von Fußball der beiden. Beide sind kommunikative Trainertypen, Schmidt vielleicht noch eine Spur mehr als Tuchel.

Kommen wir zu Ihnen. Trotz Ihrer Tätigkeit als Profi engagieren Sie sich aktiv im Amateurfußball, was sehr ungewöhnlich ist. Wie kommen Sie dazu?

Bell: Der FV Vilja Wehr ist mein Heimatverein, mein Bruder spielt dort und auch mein Vater ist im Verein. Es ist mir sehr wichtig, meine Wurzeln nicht aus den Augen zu verlieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle aus dem Amateur-Fußball kommen. Ich finde es sehr wichtig, dass man das nicht aus den Augen verliert und hilft, wenn man kann.

Was genau ist Ihre Aufgabe dort?

Bell: Ich bin im Vorstand tätig und schaue so oft vorbei, wie es das Training zulässt. Es macht mir einfach Spaß, die Vereinsstrukturen mitzugestalten. Gerade, weil es mein Heimatverein ist.

Der krasse Gegensatz zum Amateur-Fußball ist der Profi-Fußball. Dort fließen Millionen, alles ist auf Kommerz ausgerichtet und vor allem in England werden inzwischen sogar in der zweiten Liga zweistellige Millionen-Summen gezahlt. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber?

Bell: Natürlich sind diese Summen extrem, aber die Branche reagiert eben auf Angebot und Nachfrage. Es ist ein Markt für diese Summen da, also finde ich das auch okay – auch wenn das nach normalen Maßstäben natürlich Wahnsinn ist.

Vor Ihrem Wechsel 2010 zu 1860 München lag Mainz ein Angebot von Inter Mailand vor. Damals entschieden Sie sich gegen einen Wechsel, da der Schritt zu groß erschien. Wie stehen sie dem Thema Ausland heute, sechs Jahre später, gegenüber?

Bell: Auf jeden Fall anders, das Ausland ist in der Zukunft eine Option. Jetzt aber auf gar keinen Fall. Jetzt fühle ich mich in Mainz wohl und will hier in den nächsten Jahren noch einiges erreichen. Die Bundesliga ist eine der besten Ligen der Welt, warum sollte man dann wechseln? Ich kann mir aber durchaus vorstellen, noch einige Jahre für Mainz zu spielen und dann ins Ausland zu wechseln und dort eine neue Herausforderung zu wagen.

Sie sprechen es selbst an. Wie sehen Sie den Stellenwert der Bundesliga im Vergleich zu den anderen Top-Ligen?

Bell: Zusammen mit der spanischen und der englischen Liga ist die Bundesliga die beste der Welt. Und das, obwohl finanziell in England deutlich größerer Spielraum besteht. Finanziell gibt es also Unterschiede, spielerisch aber nicht. Vor allem taktisch ist die Bundesliga einzigartig.

In der Bundesliga ist die Dominanz des FC Bayern fast erdrückend. Sehen Sie ein Image-Problem wegen der "schottischen Verhältnisse" auf die Bundesliga zukommen?

Bell: Sollte Bayerns Dominanz mehrere Jahre lang bestehen bleiben, dann läuft der Kampf um die Meisterschaft natürlich Gefahr, langweilig zu werden. Ich hoffe, dass Dortmund in der aktuellen Form diese Lücke ein wenig verkleinern kann. Man muss aber natürlich auch die sehr gute Arbeit der Bayern anerkennen. Über Jahre wurde dort tolle Arbeit geleistet, und das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt. Allein viel Geld zu haben garantiert nicht automatisch Erfolg, siehe England – es ist viel entscheidender, wie man die Kohle einsetzt.