Trainer-Talent Nagelsmann: "Bayern wollte mich für die U17"

Julian Nagelsmann ist der U19-Erfolgstrainer in Hoffenheim. Im Interview spricht er über die Arbeit mit Thomas Tuchel, Kontakt zu Bayern und Millionentransfers im Jugendbereich.

Mit 25 Jahren wurde Julian Nagelsmann einst zum jüngsten Co-Trainer in der Bundesliga. Er arbeitete bereits für Thomas Tuchel und auch der FC Bayern München wollte ihn zuletzt verpflichten.

Im exklusiven Goal-Interview spricht 27-jährige Trainer von Hoffenheims U19 über Talentförderung, eine mögliche Zusammenarbeit mit Pep Guardiola und Millionentransfers im Jugendbereich.

Herr Nagelsmann, vor zwei Jahren wurden Sie als Trainer-Talent bezeichnet. Jetzt sind sie Talente-Trainer. Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten zwei Jahren entwickelt?

Julian Nagelsmann: Ich weiß nicht, wie ich zu dem Status "Trainer-Talent" gekommen bin, ob ich ihn schon wieder verloren habe und wer mir jetzt die Bezeichnung "Talente-Trainer" verpasst hat. Meine Arbeit hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum geändert. Auf jeden Fall habe ich auch vor zwei Jahren schon sehr talentierte Spieler trainiert.

Ihre Schlüsselspieler Joshua Mees und Philipp Ochs verlassen den Junioren-Bereich. Wie sieht die Planung für die kommende Saison aus? Wer entscheidet über Neuzugänge?

Nagelsmann: Das stimmt, es bleiben aber auch viele Schlüsselspieler ein zweites Jahr in der A-Jugend. Sicherlich haben Ochs und Mees mit ihren Toren einen großen Beitrag zum Erfolg geleistet, aber Fußball ist ein Mannschaftssport und sie waren nicht allein dafür verantwortlich. Unsere Planungen sind soweit abgeschlossen, es gibt noch ein, zwei Wackelkandidaten. Über die Neuzugänge entscheiden unser sportlicher Leiter Dirk Mack und ich.

In der Jugend wird oft von "starken" und "schwachen" Jahrgängen gesprochen. Wie kommt so etwas zustande?

Nagelsmann: Ja, das ist tatsächlich ein Phänomen, das sich meiner Meinung nach aber landesweit durchzieht und vereinsunabhängig ist. Ich bin kein Anthropologe und kann nicht beurteilen, ob in diesen Fällen Fehler gemacht werden oder ob eine höhere Macht im Spiel ist.

Nach welcher Philosophie werden Jugendspieler in Hoffenheim verpflichtet?

Nagelsmann: Sie müssen zur Spielphilosophie passen, die unsere Profi-Abteilung vorgibt. Dazu gehören Faktoren wie Schnelligkeit, aggressive Balleroberung und Positionsvariabilität.

In den Jugendnationalmannschaften fällt auf, dass die Spieler dort oft im ersten Drittel des Jahres geboren werden. Wird zu viel Wert auf körperliche Voraussetzungen gelegt und weniger auf Talent geachtet?

Nagelsmann: Ich finde, dass sich hier in Deutschland einiges gebessert hat. Früher wurde in der Tat als Grundvoraussetzung für die 1. oder 2. Bundesliga sehr viel Wert auf die Körperlichkeit gelegt. Nur wer groß ist, kann Profi werden. Aber es gehört auch jede Menge Talent dazu. Klar hat im Jugendbereich ein Spieler, der in jungen Jahren körperlich weiter ist, Vorteile und kann sich in dieser Zeit viel Selbstvertrauen holen. Wir sind aber auf dem richtigen Weg, wenn wir auch auf das fußballerische Talent mehr achten. In Hoffenheim haben zuletzt mit Niklas Süle, Nadiem Amiri und Nicolai Rapp drei Jungs den Sprung in den Profi-Kader geschafft, die im September, Oktober beziehungsweise Dezember geboren wurden.

Wie arbeiten Sie mit Scouts zusammen? In welchen Ländern haben Sie einen Überblick über Talente?

Nagelsmann: Unsere Scouts erhalten von uns DVDs mit dem Anforderungsprofil idealtypischer Spieler. Und natürlich mit unseren eigenen, damit sie den direkten Vergleich haben. Wir treffen uns einmal im Jahr zum "Scouting Day". Ich habe jetzt nicht zu allen Scouts Kontakt, stehe aber mit unserem Chefscout Martin Siegbert in ständigem Austausch. Im Ausland haben wir Nationen im Blick, deren Ligen von nicht so hoher Bedeutung sind, in denen aber dennoch genügend Talente schlummern. Welche das sind, kann ich natürlich nicht sagen.

In anderen Ländern werden für sehr junge Talente Millionenbeträge gezahlt. Ihre Meinung?

Nagelsmann: Ich finde das bei sehr guter Talentprognose durchaus legitim. Wenn ich zehn Talente für je eine Million Euro hole und nur einen Volltreffer lande, amortisiert sich das Ganze trotzdem. Die Aufgabe wird allerdings aufgrund verschiedener Faktoren wie Beratern oder kompliziertem Vertragswesen immer schwieriger. Natürlich ist es sozial kritisch zu sehen, wenn sehr junge Talente geholt werden, aber in diesem Alter sind sie noch bezahlbar. Je sicherer die Prognose sein soll, desto älter die Spieler, desto teurer der Preis.

Medial ist die Jugendarbeit bei zum Beispiel Schalke 04 ein viel größeres Thema, weil die Einsatzzeiten der Talente in der ersten Mannschaft deutlich höher waren. Wie läuft die Absprache zwischen Herrn Gisdol und Ihnen?

Nagelsmann: Schalke betreibt seit vielen Jahren professionelle Jugendarbeit, Hoffenheim kann da naturgemäß noch nicht mithalten, aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Die Absprachen laufen entweder über die Profi-Co-Trainer, die als Bindeglied zur Akademie fungieren, oder eben auch über Markus Gisdol direkt.

Sind Sie enttäuscht, wenn Ihre eigenen Ziele in Gefahr geraten, weil einige Spieler bereits während der Saison den Sprung in eine höhere Mannschaft (U23, Profis) schaffen?

Nagelsmann: Nein. Ich wäre nur dann enttäuscht, wenn ich das Gefühl hätte, dass eine Entscheidung nicht zum Wohle des Spielers getroffen wird. Natürlich spiele ich in der Liga gerne oben mit, weil ich den Erfolg liebe und das Interesse für die Jungs dann größer ist, aber mein Auftrag ist, das Maximale aus den Talenten herauszuholen, und wenn das zu einer frühzeitigen Beförderung führt, habe ich diesen Auftrag jeweils erfüllt.

Letztes Jahr haben Sie Ihren Urlaub in Südtirol verbracht, dieses Jahr heißt es weiter pauken. Sie sind dabei den Fußballlehrer zu machen. Planen Sie in der Zukunft als Profi-Trainer zu arbeiten?

Nagelsmann: Das kann man nicht planen. Ich möchte die Lizenz erwerben, um die theoretischen Voraussetzungen zu schaffen, damit ich diesen Job ausüben kann. Wenn ich die Lizenz und ein gewisses Alter habe und ein Verein glaubt, mich als Profi-Trainer engagieren zu wollen und alles passt: natürlich! Wenn es nicht so kommt, bin ich nicht traurig. Ich habe ein schönes Leben!

Thomas Tuchel hat Sie zum Trainerjob gebracht und Sie in die Gegner-Analyse eingebunden. Woher stammen Ihre Stärken im taktischen Bereich?

Nagelsmann: Das weiß ich nicht. Sicherlich spielt eine Rolle, dass ich selbst in der A-Junioren-Bundesliga gespielt habe und viele gute Trainer hatte. Aber ich habe jetzt nie großartig Taktik-Bücher verschlungen oder ähnliches. Vielleicht ist es einfach nur ein Talent, das man hat oder nicht. Ich habe mir viel von meinen früheren Trainern abgeschaut und versuchte nun selbst als Trainer, mutig zu sein und auf die sich ständig ändernden Umstände im Spiel schnell zu reagieren.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Tuchel konkret aus?

Nagelsmann: Ich hatte einen laufenden Vertrag, den ich als Spieler aufgrund meiner Verletzung nicht erfüllen konnte. Also war die Frage, ob ich ihn auflöse oder in anderer Funktion erfülle. Tuchel bat mich, Spiele und Gegner zu analysieren. Das habe ich dann gemacht. Ich habe für ihn, nicht mit ihm gearbeitet.

Wie oft gab es im Bereich Taktik Meinungsverschiedenheiten?

Nagelsmann: Es gab keine, zumal ich dafür ja auch nicht zuständig war. Ich hatte in erster Linie mit der Gegneranalyse zu tun und keine taktischen Vorgaben zu machen.

Besteht noch Kontakt zu Tuchel? Wollte er Sie mit zu Borussia Dortmund nehmen?

Nagelsmann: Ja, es besteht noch loser Kontakt und wir tauschen uns aus. Über den BVB haben wir nicht konkret gesprochen.

Zuletzt wurde Ihr Name auch mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Sie haben sich mit Uli Hoeneß über ein mögliches Engagement unterhalten. Wie lief das ab?

Nagelsmann: Die Anfrage kam von Vereinsvertretern und ging an Vereinsvertreter. Wir haben uns im Büro von Herrn Hoeneß getroffen, es war eine sehr angenehme Gesprächsatmosphäre.

In welcher Form wollte der FCB mit Ihnen arbeiten?

Nagelsmann: Sie wollten mich als Trainer für die U17. Grundsätzlich wurden auch andere Möglichkeiten diskutiert, aber aufgrund meiner parallelen Ausbildung zum Fußballlehrer fehlt aktuell die Zeit.

Was gefällt Ihnen an der Neustrukturierung der FCB-Jugendarbeit?

Nagelsmann: Sie ist ja noch nicht abgeschlossen. Ich kenne und schätze Heiko Vogel (Amateure-Trainer und Leiter der Jugendabteilung des FC Bayern, Anm. d. Red.) und halte es für sehr sinnvoll, einem Mann aus der Praxis eine Führungsrolle zu geben. Es ist auch gut, dass mit einem Trainer wie Tim Walter, der beim KSC gute Arbeit geleistet hat, frisches Blut reinkommt. Ich wünsche dem FCB, dass er im Nachwuchsbereich eine sehr gute Rolle einnimmt.

Welche Bedeutung hat Taktik im Jugendbereich und wann halten Sie erste Muster im Spiel für intelligent?

Nagelsmann: Grundsätzlich muss unterschieden werden zwischen Individualtaktik, Gruppentaktik und Mannschaftstaktik und ich halte nichts davon, grundsätzlich zu sagen, dass Kinder keine taktischen Anweisungen benötigen. Klar steht bei den Kindern das Erlernen der Technik im Vordergrund, aber gerade individualtaktisch können mit altersgemäßen Übungen auch bei Kindern im Grundlagen- und Aufbaubereich Fortschritte erzielt werden. Was die Muster angeht, bin ich eher ein Freund davon, zu schauen, was für eine Spielanlage der Gegner mir präsentiert um darauf adäquat zu reagieren und nicht selbst ungeachtet der Konkurrenz verschiedene Muster einzustudieren, die dann stur zur Anwendung kommen.

Wie gelingt es Ihnen, den Spielern einen "Aha-Effekt" zu vermitteln, dass bestimmte taktische Anweisungen sinnvoll sind?

Nagelsmann: Ich benötige taktische Anweisungen, um Erfolg zu generieren. Die müssen sich dann aber auch im Spiel als tatsächlich erfolgreich erweisen. Den größten "Aha-Effekt" erziele ich am Wochenende – wenn ich aufgrund taktischer Anweisungen ein Spiel gewinne.

Wie wichtig sind gute Einzelspieler in der Jugend?

Julian Nagelsmann: Es wird immer Übertalente geben, die mit herausragenden Aktionen ein Spiel entscheiden können. Dazu brauchen sie aber den Ball am Fuß und das ist die meiste Zeit des Spiels über nicht der Fall. Um häufig in Ballbesitz zu kommen, benötigt man einen Plan. Ich denke schon, dass über eine ganze Saison gesehen auch die Besten taktische Anweisungen sehr gut gebrauchen können. Das ändert nichts daran, dass es immer Spieler geben wird, die in genialen Momenten alle Taktik über den Haufen werfen und ein Spiel entscheiden können.

Welche Übertalente im Jugendbereich sehen Sie derzeit in Deutschland und im Weltfußball? Ausgenommen die Spieler, die jeweils bereits für die 1. Mannschaft eines Vereins spielen…

Julian Nagelsmann: Ich investiere zu wenig Zeit in den Versuch, weltweit Übertalente zu suchen. In Deutschland gibt es schon jede Menge mit viel Potenzial, aber ich werde keine Namen nennen, weil ich niemanden vergessen möchte.

Ab welchem Alter trauen Sie sich zu, ein "Übertalent" als solches zu erkennen?

Julian Nagelsmann: Nach der Pubertät, weil gewisse körperliche Voraussetzungen bei der Beurteilung berücksichtigt werden müssen.

Sind Ihnen Namen wie Jose Pozo, Gerson oder Olivier Ntcham bekannt oder interessiert Sie das weniger, weil solche Namen im Jugendbereich für Hoffenheim weniger in Frage kommen?

Julian Nagelsmann: Ich kenne die Spieler lose, aber nicht gut genug. Für die TSG Hoffenheim kommen sie aufgrund ihres Alters und aus finanziellen Gründen nicht infrage.

Sie sind im Rahmen der Fußballlehrer-Ausbildung derzeit bei der U21-EM in Tschechien. Auf welche Spieler sollten unsere Leser ein besonderes Auge werfen?

Julian Nagelsmann: Da sind viele dabei, allein schon im deutschen Team. Der Engländer Harry Kane oder Dänemarks Viktor Fischer haben ja auch längst bewiesen, was sie drauf haben. Ich würde aber jedem raten, neutral in das Turnier zu starten und sich überraschen zu lassen. Das wird hochinteressant.

Im nächsten Jahr kommt es zum Duell zwischen Thomas Tuchel und Pep Guardiola. Könnten Sie sich einen Posten als Co-Trainer dieser beiden vorstellen oder ist das inzwischen grundsätzlich ausgeschlossen?

Julian Nagelsmann:  Ausschließen kann man nie etwas. Unter Tuchel oder Guardiola zu arbeiten, ist mit Sicherheit hochspannend und das kann es auch mit anderen Cheftrainern sein. Das hängt vom Gesamtpaket ab. Fakt ist aber auch, dass ich mich in der Cheftrainerrolle sehr wohl fühle und auch wenn ich mich sicher mit einer Anfrage beschäftigen würde, würde ich nicht nur aufgrund des Spektakels in die Bundesliga gehen. Wenn das der einzige Grund wäre, ziehe ich die Cheftrainerrolle im Jugendbereich vor.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen, andere Fußballspiele zu schauen als die Ihrer Mannschaft und die des nächsten Gegners?

Julian Nagelsmann:  Ich bin kein großer Freund davon, ständig darüber zu klagen, wie wenig Zeit man hat. Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen und bin mir durchaus bewusst, dass auch andere viel zu tun haben. Dennoch halte ich die Betrachtung anderer Spiele trotz ihres Fortbildungscharakters bewusst auf einem Mindestmaß. Ich lebe viel von meiner Emotionalität und kann diese nur abrufen, wenn ich richtig Bock auf ein Spiel habe. Ich ziehe meine Energie an einem trainingsfreien Tag durch die Zeit, die ich mit meiner Familie, meinen Freunden oder meinen Hobbys verbringe. Ich muss daher nicht jedes Spiel verschlingen, das gerade im Fernsehen übertragen wird oder ich mir im Umkreis von 500 Kilometern selbst anschauen könnte.

Sie haben die A-Lizenz mit der Note 1,0 abgeschlossen. Sind Sie Perfektionist?

Julian Nagelsmann: Ja, ich bin Perfektionist und ich sehe genug Verbesserungspotenzial. Zum Beispiel muss ich noch lernen, meine Emotionen besser regulieren zu können und mehr Arbeit an das Funktionsteam zu delegieren. Außerdem bin ich zu ungeduldig und wirke selbst nach herausragenden Leistungen nicht immer zufrieden, obwohl ich es im Grunde bin, aber einfach durch meine Ungeduld zu viel erwarte. Auch hier muss ich mir mehr Zeit geben, Dinge sacken zu lassen und zu erkennen, dass die Jungs auch ohne die Perfektion zu erreichen ihre Sache sehr gut gemacht haben.

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