Fitnessexperte Werner Leuthard: "Dann stimmt was mit dem Training nicht"

Der langjährige Weggefährte von Felix Magath spricht im Interview mit Goal über die Belastungsdebatte im Profifußball, Verletzungsprävention und den Einsatz von Medizinbällen.

Hamburg. Ist die Belastung im Profifußball zu hoch? Das behaupten zumindest einige Toptrainer wie Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder Weltmeister Toni Kroos. Konditionstrainer Werner Leuthard, seit über zehn Jahren im Trainerteam von Felix Magath tätig, hat dazu eine andere Meinung. Ein Interview.

Herr Leuthard, im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Fitness und Kondition synonym verwendet. Was ist der Unterschied?

Werner Leuthard: Vor etwa zehn Jahren hat sich der Begriff Fitness im Fußball gegenüber dem Begriff Kondition durchgesetzt. Mit Fitness ist der Zustand des körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens gemeint. Diese Definition gefällt mir, weil sie unser Aufgabengebiet gut umschreibt. Es ist eine Binsenweisheit, dass nur ein gesunder Spieler, der sich wohlfühlt, auch ein guter Spieler sein kann. Das Bestreben eines jeden Vereins oder Trainers muss es sein, diesen Zustand durch die tägliche Arbeit herbeizuführen. Kondition hingegen kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Bedingung oder Voraussetzung, um eine bestimmte Leistung oder Arbeit zu verrichten.

Was trifft demnach auf Sie zu: Konditions- oder Fitnesstrainer?

Leuthard: Beides.

Viele Trainer und Spieler beklagen die hohe Belastung im Fußball durch die Anzahl der Spiele pro Saison. Teilen Sie diese Einschätzung?

Leuthard: Nein, und zwar ganz entschieden nicht. Wobei man hier unterscheiden muss: Ist es die rein physische Belastung oder auch die psychische Belastung gemeint, die durch hohe mediale Präsenz und den permanenten Erfolgsdruck ausgelöst wird? Isoliert betrachtet kann man nicht sagen, dass die körperliche Belastung im Fußball das Limit erreicht hat.

Und die psychische?

Leuthard: Es hängt von der Resistenz des jeweiligen Spielers ab. Das ist bei jedem unterschiedlich. In den vergangenen Jahren wurden die Funktionsteams der Vereine mit vielen Experten in unterschiedlichen Bereichen ergänzt, darunter auch durch Sportpsychologen. Das ist eine sehr begrüßenswerte Entwicklung. Insgesamt glaube ich allerdings, dass man Profisportlern auf diesem Level diese Form der Belastung zumuten kann.

Kritiker sehen einen Zusammenhang zwischen der hohen Belastung und den häufigen Muskelverletzungen. Insbesondere die WM-Teilnehmer beklagen sich.

Leuthard: Dem kann ich mich nicht anschließen. Verletzungen treten auch bei Vereinen auf, die keine Nationalspieler haben oder international vertreten sind. Für die Medien ist diese These natürlich ein gefundenes Fressen. Zumal Spieler, Vereinsverantwortliche und Trainer dies bei ausbleibenden Ergebnissen immer wieder als Alibi in den Ring werfen.

Welche Erklärung haben Sie?

Leuthard: Es wird immer wieder behauptet, dass das moderne Training der heutigen Zeit wissenschaftlich fundiert ist. Wenn dem so ist, müssten bestimmte Trainingsprinzipien wie die progressive Belastungssteigerung oder das Prinzip der gezielten Relation von Belastung und Erholung doch die Kompensation einer derartigen Terminfülle ermöglichen. Die Ursache für Verletzungen kann man aber nicht auf die Terminfülle zurückführen, da viele von ihnen zum Beispiel unmittelbar nach der Vorbereitung, also zu Beginn einer Wettkampfphase, auftreten. Wenn die genannten Prinzipien eingehalten werden, müssten die Spieler dann auf dem höchsten Leistungsniveau sein. Diesbezüglich sind jedoch immer wieder Defizite festzustellen, wie man anhand von Verletzungsstatistiken, unter anderem auch bei Topvereinen, sehen kann.

Worauf führen Sie die Verletzungen also zurück?

Leuthard: Es müssen andere Komponenten eine Rolle spielen. Fast jeder Verletzung ohne Fremdeinwirkung liegt eine Störung des neuromuskulären Systems zugrunde, welche die Reflexmotorik beeinträchtigt. Diese wiederum ist dafür verantwortlich, externe Kräfte, wie zum Beispiel die Gravitation oder Rotationskräfte kompensieren zu können. Liegt eine Störung der neuromuskulären Koordination vor, spielt die Reflexmotorik in Form einer gewissen Verzögerung nur noch unzureichend mit. Ist sie allerdings intakt, toleriert der menschliche Organismus unglaubliche Krafteinwirkungen von außen.

Kann man das trainieren?

Leuthard: Ja. Durch qualitativ hochwertige Präventionsarbeit in diesem Bereich kann man Verletzungen vorbeugen. Diese sollte zur täglichen Trainingsarbeit dazugehören.

Wie sieht diese Präventionsarbeit aus?

Leuthard: Das neuromuskuläre Funktionssystem der Spieler sollte permanent kontrolliert werden. Dies ist einer unserer Schwerpunkte in der Präventionsarbeit und zudem ein wichtiger Verantwortungsbereich der Fitnesstrainer. Auf der anderen Seite ist der Austausch zwischen Trainerteam und medizinischer Abteilung essenziell. Wenn Sie feststellen, dass ein Spieler in einem bestimmten Bereich gefährdet ist, müssen gezielte Bewegungsmaßnahmen eingeleitet werden, um die nötige Stabilität zurückzugewinnen. Wenn dies erfolgt, ist die Chance groß, dass schwere Verletzungen vermieden werden können. Hundertprozentig auszuschließen sind sie allerdings nicht.

Welchen Einfluss haben lange Reisezeiten auf die Verletzungsanfälligkeit?

Leuthard: Einen geringen. Entscheidend ist, was nach oder vor der Reise getan wird. Wenn der Körper entsprechend eingestellt wird, spielen die Reisezeiten keine große Rolle. Das Trainerteam hat dabei eine sehr große Fürsorgepflicht für die Spieler. Dazu gehört auch die nötige Durchsetzungskraft, um erforderliche Maßnahmen gegen unschlüssige, manchmal sogar uneinsichtige Spieler durchzusetzen.

Kann man die Ausfallzeit nach Verletzungen durch moderne medizinische Methoden beschleunigen?

Leuthard: Sie müssen dabei Folgendes bedenken: Es ist heutzutage Usus, nach Verletzungen sowohl die Diagnose als auch eine Prognose zu kommunizieren. Jeder Spieler hat das unerschütterliche Recht, seine Diagnose zu erfahren. Anders verhält es sich mit der internen und öffentlichen Herausgabe einer Prognose für die Genesungszeit. Selbst sich ähnelnde Verletzungen können in ihrem Verlauf niemals miteinander verglichen werden, da Heilungsprozesse bei jedem Menschen unterschiedlich verlaufen. Entscheidend sind der Stoffwechsel sowie mentale Faktoren, die einander beeinflussen können. Außerdem wird der Betroffene durch die öffentliche Diskussion nur unnötig unter Druck gesetzt.

Grundsätzlich: Kann man Belastung messen? Was sagen diese Werte aus?

Leuthard: Es besteht die Möglichkeit, in Form einer Eingangsdiagnose die individuelle Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems oder die energetische Belastungsverträglichkeit zu messen. Da aber jedes Fußballspiel durch taktische Einflüsse stets anders verläuft, ist man äußerst selten gezwungen, an seine Belastungsgrenze zu gehen. Ich glaube, dass ein junger, gesunder Spieler, der fünf Mal in der Woche nur 90 Minuten Arbeitsaufwand in Form eines Trainings betreibt, in der Lage ist, drei Mal in der Woche auf Wettkampfebene zu spielen.

Was halten Sie von Laktat-Tests?

Leuthard: Während unserer Zeit in Wolfsburg von 2007 bis 2009 haben wir sogenannte „VO2max-Tests“ gemacht, die die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems bei maximaler Sauerstoffaufnahme bestimmen können. Die maximale Leistungsfähigkeit des Herzmuskels ist der bestimmende Faktor für die Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung sowie bei regenerativen Prozessen sowohl während als auch nach Wettkämpfen oder einzelnen Trainingseinheiten. Der klassische Laktattest gibt in erster Linie eine Aussage über den Zustand der gegenwärtigen Stoffwechselsituation bei stufenförmiger, also steigender Belastung, wird oftmals aber nicht bis zur maximalen Belastung des Probanden durchgeführt. Sollte ich mich entscheiden müssen, würde ich erstere Version – also den „VO2max-Test“ - bevorzugen.

Ein wichtiger Faktor im Fußballtraining ist die Regeneration. Was genau ist damit gemeint?

Leuthard: Der menschliche Organismus kann einem schnellen sowie einem langsamen Ermüdungsprozess erliegen. Dies wird durch unterschiedliche Stoffwechselprozesse hervorgerufen. Die Faustformel dafür heißt: Energieumsatz pro Zeiteinheit. Bei hochintensiven fußballspezifischen Belastungen macht sich die schnelle Ermüdung dadurch bemerkbar, dass Sie, banal ausgedrückt, kurzzeitig außer Atem kommen. Innerhalb weniger Sekunden können Sie jedoch die nächste Aktion auf höchstem Niveau starten.

Und was passiert bei „langsamer Ermüdung“?

Leuthard: Man spricht hierbei von einer schleichenden Glykogen-Verarmung. Diese tritt dann auf, wenn Spieler über einen langen Zeitraum hochintensiv gefordert werden, aber keine Zeit zur Regeneration bekommen. Ich glaube, dass das im Fußball nicht der Fall sein kann, zumal dieser Umstand in der heutzutage „hochmodernen“ Trainingsgestaltung völlig deplatziert wäre. Selbst bei drei Spieltagen pro Woche bleiben den Spielern in der Regel 72 Stunden zur Erholung. Beherzigt man das erwähnte Prinzip der gezielten Relation von Belastung und Erholung, dürfte ein gesunder Spieler nicht über ständige Müdigkeit klagen. Ist dies dennoch der Fall, könnte ein internistisches Problem vorliegen. Oder es stimmt etwas mit den Trainingsinhalten bzw. der Trainingssteuerung nicht.

Wie sieht regeneratives Training aus?

Leuthard: Es gibt vielfältige Möglichkeiten, die sich von vollständiger Ruhe bis hin zu leichtem Joggen, Aquasport oder gymnastischen Übungen erstrecken. Zusätzlich sollten regelmäßige Maßnahmen der physikalischen Therapie sowie die Einnahme von wichtigen Vital- und Nährstoffen hinzugezogen werden.

Bestehen bei der Regenerationszeit zwischen jungen und alten Spielern Unterschiede?

Leuthard: In der Regel regenerieren junge Spieler tatsächlich schneller. Wobei der Trainingszustand eine große Rolle spielt. Wenn ein älterer Spieler immer verantwortungsbewusst und funktionell trainiert hat, kann er seine Leistung bis in ein hohes Fußballeralter kompensieren. Bestes Beispiel ist Krasimir Balakov, der noch mit 36 Jahren auf höchstem körperlichem Niveau war. Er selbst hat auch viel dafür getan und äußerst professionell gelebt. Das heißt: gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf, sogar zwischen den Einheiten. Diese Bereitschaft muss aber vonseiten des Spielers vorhanden sein und aus Eigenantrieb erfolgen. Das Bewusstsein dafür zu entwickeln ist immer noch eine große Aufgabe für jedes Trainerteam.

Können Sie mir ein Beispiel für funktionelle Trainingsmethoden geben?

Leuthard: Das können ganzkörperorientierte Übungen mit oder ohne Zuhilfenahme von Trainingsmitteln sein, bei denen die Belastung auf möglichst viele Gelenksysteme verteilt wird. Es spielt übrigens keine Rolle, ob Sie einen Medizinball, ein Gummiband, Keulen oder Zusatzgewichte verwenden. Entscheidend sind nicht die Trainingsmittel, sondern die Übungsinhalte. Es ist daher völliger Unfug, wenn ein bestimmter Teil der Medien von antiquiertem Training spricht. Entscheidend ist nicht modern oder altmodisch, sondern ausschließlich die Effizienz, die sich auch in verringerten Ausfallzeiten der Spieler nach Verletzungen widerspiegelt.

Klingt alles nach einer ziemlich großen Verantwortung.

Leuthard: Wir setzen uns massiv unter Druck, keine oder wenig Verletzte vorweisen zu können, und das Training gleichwohl aller Härte, die man uns nachsagt, so zu gestalten, dass Leistungsentwicklung und Gesundheit miteinander einhergehen. Was glauben Sie, was trainerteamintern los ist, wenn es trotz aller Sorgfalt zu Verletzungen kommt? Wir suchen die Ursachen stets und mit äußerster Vehemenz innerhalb unserer eigenen Arbeitsweise, statt externe Faktoren wie Rasenverhältnisse, Witterungsbedingungen, das Schuhwerk oder die vermeintliche Terminfülle als Alibi zu verwenden. Wir setzen uns nicht über die Gesundheit unserer Spieler hinweg. Im Gegenteil.