Moussa Marega: Terminator aus dem Ghetto

Mit 21 kickte er noch in der 6. Liga, heute hat er eine Ausstiegsklausel in Höhe von 40 Millionen Euro und die beste Quote in Portugal. Eine märchenhafte Geschichte.

PORTRAIT

Les Ulis im Südwesten der französischen Hauptstadt Paris wird von der Farbe Grau dominiert. Die meterhohen Betonblöcke sind grau, die Gehwege im Schatten der Wohnhäuser sind grau und oft ist auch der Himmel grau, der sich über Teilen des größten Industriegebiets Europas erstreckt, dessen Smog die Farben hoch oben zu einer Einheit vermischt.

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Obwohl neben den vielen Hochhäusern in Les Ulis auch Firmen wie Microsoft ihren Sitz haben, beherrscht Trostlosigkeit das Antlitz der Gemeinde im Pariser Umland. Träume, es in die City zu schaffen, es zu etwas zu bringen, haben viele der Kinder, die hier aufwachsen. Die Erwachsenen wissen allerdings, dass diese unerfüllt bleiben werden. 

Dabei kommt es immer wieder vor. Gerade Fußballer hat Les Ulis einige hervor gebracht, darunter einen der größten aller Zeiten: Thierry Henry wuchs hier in den Achtzigern auf. Wie der elegante und pfeilschnelle Stürmer wollen sie auch heute noch sein, obwohl Henry seine aktive Karriere bereits beendet hat. Weitere Kicker, die es aus dem Grau in die schillernde Welt des Profifußballs geschafft haben, sind Patrice Evra oder Anthony Martial. 

Während letztere es beide zu Manchester United, einem der größten Klubs der Welt, geschafft haben, spielt viele Kilometer vom Old Trafford entfernt ein weiterer Mann aus Les Ulis, der als Junge Henry nacheiferte und es tatsächlich vollbracht hat, seinen Traum wahr zu machen und Fußballprofi zu werden. Im Norden Portugals kickt er im 52.000-Einwohner-Städtchen Guimaraes, das eher für seine Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, bekannt ist als für seinen Fußball. Sein Name: Moussa Marega.

Der Traum vom Profi war bereits ausgeträumt

Nur wenige kennen den 25-Jährigen. Das könnte sich bald ändern. Denn er spielt eine überragende Saison, lockte bereits Scouts von Tottenham Hotspur, dem FC Liverpool an und auch Dortmund soll am malischen Nationalspieler interessiert sein. Auffällig sind nicht nur seine überragenden physischen Voraussetzungen und seine Torquote in Portugals Beletage (alle 115 Minuten ein Tor), sondern vor allem sein märchenafter Werdegang. 

Denn mit 21 kickte er noch in der sechsten Liga, der Traum von der großen Bühne, der ihn als Kind beflügelte, schien ausgeträumt. Nur fünf Jahre später hat er eine Ausstiegsklausel in Höhe von 40 Millionen Euro im Vertrag stehen, verdient ein Vielfaches von dem, was er damals 2012 bei Evry Essonne im Süden von Paris bekam.

Aber von vorne. Marega, Sohn malischer Einwanderer, kannte in Les Ulis zwischen all dem Grau immer nur den Fußball. Anders als die Geschichten von so vielen anderen, die es aus dem Ghetto nach oben schaffen, war er nie mit außergewöhnlichem Talent gesegnet. Er war schnell, hatte schon in jungen Jahren einen knallharten Schuss, aber technisch gab es immer Bessere. Ihm versprangen Bälle, es reichte nicht für eines der herbeigesehnten Angebote eines Top-Klubs. 

Stattdessen spielte er 2011/2012, in der Saison, in der er 21 Jahre alt wurde, auf Kunstrasenplätzen mit Löchern vor 100 Zuschauern. Sechste Liga, französische Amateur-Tristesse. Dass er heute eine Villa bewohnt und selbst einer ist, den man in Les Ulis kennt, liegt nicht an glücklichen Fügungen, sondern einzig und allein an seinem eisernen Willen. Stundenlang drosch er Bälle aufs Tor, quälte sich im Kraftraum. Gepaart mit seinem guten Instinkt, seinem Abschluss und seinem Antritt bildete sich so ein Gesamtpaket, das für Liga sechs um Längen zu gut war.

Über Liga drei zum Albtraum in Tunis

Le Poire-sur-Vie VF, Fünftligist von der Westküste, holte Marega. Ein kleiner Schritt nur und für ihn doch das Zeichen, dass harte Arbeit sich auszahlt. Und so arbeitete er weiter wie ein Besessener, schoss in einem Spiel fünf Tore. Der athletische Muskelberg, an dem Abwehrspieler teilweise abprallten wie einst an George Weah, machte sich im Eiltempo einen Namen – und weckte das Interesse des Profifußball-Dunstkreises.

Nach nur einer Saison, Marega war im April 2013 22 geworden, meldete sich der SC Amiens bei ihm, ein Drittligist. Was für das Ohr eines Fußballfans ungefähr so reizvoll klingt wie ein Wechsel nach Neufundland, war für den vom kleinen Jungen zum stahlharten Stürmer gereiften Marega wie Musik in den Ohren. Denn 3. Liga bedeutete: Profifußball.

Er erkämpfte sich einen Stammplatz, ackerte weiter so hart, dass er nach dem Training oft todmüde ins Bett fiel. In einer extrem defensiv eingestellten Mannschaft erzielte er neun der insgesamt nur 32 Tore. Amiens wurde Sechster. Und plötzlich war da ein Angebot eines Erstligisten, gut bezahlt. Und zudem vom Rekordmeister. Der Haken: Kein französischer Top-Klub wollte ihn, sondern Esperance Tunis, der FC Bayern Tunesiens.

Erstligafußball, ein Wort, das Marega ausreichte. Er überlegte nicht lange und nahm die Offerte an. Er freute sich, auf dem Kontinent seiner Eltern zu spielen, sah sich auf YouTube Videos der tausenden Fans des Hauptstadt-Klubs an. Und dennoch wurde das halbe Jahr in Nordafrika zum Albtraum. Denn das Management verpasste es, einen Ausländer zu verkaufen. Und so erhielt Marega aufgrund der Legionärs-Regelung keine Spielgenehmigung und absolvierte nicht eine Minute.

Er nahm sich einen Anwalt und es war sofort klar, dass er Tunis so bald wie möglich wieder verlassen würde. Das Risiko, das mit der fehlenden Spielpraxis einherging, war immens. Denn er war 23, konnte sich nicht zeigen, saß bei einem tunesischen Klub fest. Er hatte sich, ehe er sich versah, wieder aus dem Fokus größerer Klubs verabschiedet. Seine Karriere als Profi war akut gefährdet.

ONLY GERMANY // Moussa Marega Vitoria Guimaraes

Leistungsexplosion auf der CR7-Insel

Und so war es mehr als eine glückliche Fügung, dass der portugiesische Erstligist CS Maritimo auf ihn aufmerksam wurde. Man kann nur spekulieren, wie es sich zutrug, dass ein Klub von der Blumeninsel Madeira, von der Cristiano Ronaldo stammt, auf einen vom Spielbetrieb ausgeschlossenen Franzosen in Tunesien aufmerksam wurde. Zu tun hatte es sicherlich mit dem ungewöhnlichen Scouting. Ganz portugiesischer Transfer-Tradition treu bleibend suchte Maritimo auch dort, wo andere nicht suchten.

Als absoluter Null-Risiko-Transfer geholt, waren sie bereits am ersten Trainingstag überrascht, dass der 24-Jährige die Bälle ins Tor knallte, Kopfbälle in den Winkel wuchtete und sich in die Zweikämpfe warf, als ginge es um Leben und Tod. Nach einer beeindruckenden Vorbereitung schenkte Ivo Vieira ihm, einem Spieler, der ein halbes Jahr ohne Einsatz und dessen höchster Arbeitsnachweis die 3. Liga in Frankreich war, das Vertrauen.

Und er biss sich durch, betete jeden Tag zu Allah, dass er ihm die Kraft geben möge, es zu schaffen. Gegen Tondela schoss er sein erstes Tor, weitere neun Scorerpunkte folgten bis zur Winterpause. Die Fans schlossen ihn schnell ins Herz, weil er im einen Moment vorne eine Flanke schlug und im nächsten hinten zur Ecke klärte.

Die portugiesische Liga ist sehr wohl im Fokus sämtlicher Scouts der Eliteklubs. Und so reichten den Spähern des FC Porto, berühmt für ihr geschultes Auge und frühes Handeln, Ende Januar 2016 32 Minuten Maregas, um ihn bereits am nächsten Tag unter Vertrag zu nehmen.

Plötzlich 40 Millionen Euro wert

Plötzlich spielte er beim besten Klub Portugals, nur ein halbes Jahr, nachdem er traurig seine Anwälte ins Rennen gegen Tunis schickte. Porto verankerte kurzerhand eine Ausstiegsklausel von 40 Millionen in seinem Kontrakt, denn beim Primus sah man sofort, dass man es mit einem überaus seltenen Spielertyp zu tun hatte.

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Mit einem Muskelberg, der alles drauf hat, was im Sturmzentrum nötig ist. "Terminator", nannten sie ihn schon in Frankreich, ein Name der sich hielt. Bei Porto setzte er sich dennoch zunächst nicht durch. Die Konkurrenz war dann doch um Klassen besser als alles, was er gewohnt war. Deshalb wurde er im vergangenen Sommer an Guimaraes verliehen – und machte prompt den Schritt, den sich bei Porto alle erhofften.

Elf Tore hat er in 16 Spielen für seinen Leihklub geschossen, alleine zehn waren es in den ersten acht. Er steht auf Platz fünf der Torjägerliste, obwohl er wegen einer Roten Karte und des Afrika-Cups sechs bis acht Spiele weniger absolviert hat als die vor ihm Liegenden.

"Beast Mode" oder "Diamant" lauten die Beinamen der YouTube-Videos mit seinen Highlights. Sein Erfolgsgeheimnis? Wie immer. "Er ist ein harter Arbeiter, der nichts zu verlieren hat", sagt sein früherer Trainer bei Evry, Khalid Mahroug, gegenüber L'Equipe passend. Er hat sich gegen alle Widerstände nach oben gekämpft, seine Technik in Frankreich mit Freunden beim Futsal geschult und seinen Körper an der Hantelbank gestählt. Er ist angekommen im Profifußball und längst nicht mehr nur ein Rohdiamant, sondern eine Wucht im Angriff mit Potenzial zu Größerem.

Wechsel in die Premier League?

"Natürlich wollen wir ihn über den Sommer hinaus halten", sagt Guimaraes-Präsident Julio Mendes. "Groß ist die Chance aber nicht." Denn Porto will ihn zurück. Und aus Europa kommen ständig Vereine vorbei, die sich den Jamie Vardy Portugals ansehen wollen, der es vom Amateur zu einem der gefährlichsten Stürmer der Liga gebracht hat. Tottenham soll planen, den glücklosen Vincent Janssen mit dem Franzosen zu ersetzen. Auch Dortmund soll ihn auf dem Schirm haben.

Und Marega selbst? Der redet nur ungern. Viel lieber lässt er Taten sprechen. Am liebsten Tore. "Ich will einfach nur meine Leistung bringen", sagt er. "Alles andere wird man sehen." Er sieht auch mit 40.000 Zuschauern und 40-Millionen-Klausel alles noch genau wie vor fünf Jahren, als er im Niemandsland kickte. Und genau das ist sein Erfolgsgeheimnis.

Nur eines ist ganz anders. Über seiner hell gestrichenen Villa leuchtet der Himmel strahlend blau. Vom Atlantik her weht ein leichter Wind. Das Leben ist gut, das Grau von Les Ulis weit weg. Moussa Marega hat es geschafft. Schon jetzt.