Christian Streich: Anders als all die anderen

Christian Streich könnte als Coach des SC Freiburg Historisches schaffen. Dass er die Breisgauer überhaupt trainiert, ist auch einem verstorbenen Ex-Präsidenten zu verdanken.

Christian Streich ist anders. Anders als all die anderen im Fußballgeschäft. Mal nüchterner Analysator mit Hang zur Ironie. Mal cholerischer Gerechtigkeitsfanatiker. Aber immer unverblümt und ehrlich, authentisch und direkt. Ein herrlicher Farbtupfer in der Bundesliga im Allgemeinen und im Abstiegskampf im Speziellen.

"Wir dürfen jetzt nicht fliegen und anfangen zu spinnen", mahnte der Fußballlehrer jüngst am Samstag, da hatte seine Truppe gerade völlig überraschend gegen den FC Bayern mit 2:1 gewonnen. Für den Sieg gegen den Rekordmeister, stellte er fest, gebe es auch nur drei Punkte – für den SC Freiburg gleichbedeutend mit der Möglichkeit, auch nächstes Jahr "vielleicht in der Bundesliga zu bleiben". Vielleicht aber auch nicht. "Wir können immer noch absteigen", weiß Streich.

Der 49-Jährige erwägt stets alle Eventualitäten – und sagt gerade heraus, was er denkt. Das tat er schon immer.

Absage und Zusage in einer Stunde

Als der damalige Sportdirektor Dirk Dufner, heute bei Hannover 96 angestellt, Ende 2011 fragte, ob Streich den Trainerjob bei den Profis in Freiburg übernehmen wolle, zögerte dieser. Um dann abzulehnen. Er hätte es als Verrat gegenüber seinem Vorgänger Marcus Sorg empfunden, als dessen Assistent er zuvor ein halbes Jahr gearbeitet hatte, heißt es. Und er wollte nicht die gigantische Verantwortung für zahlreiche Schicksale tragen. "Es hängt so viel dran, die Arbeitsplätze, die Menschen. Was passiert mit uns, wenn es schiefgeht? Bin ich dann schuld?", erinnerte sich Streich gegenüber der Badischen Zeitung .

Tipico

Keine Stunde später sagte er zu. "Was bedeutet es, wenn du es nicht machst? Enttäusche ich dann alle?", fragte er sich zuvor - und dachte an die Worte des 2009 verstorbenen Präsidenten Achim Stocker. "Herr Stocker hat immer gesagt: Irgendwann musst du Verantwortung übernehmen."

Es dauerte nur wenige Wochen, da war Streich schon eine Kultfigur. Seine Art war so erfrischend anders. Seine Worte so ungewöhnlich im Floskelgeschäft Fußball. Die Badische Zeitung widmete ihm gar eine eigene Kategorie: Den "Streich der Woche". Dort werden seine fußballphilosophischen Kommentare zu verschiedensten Themen gesammelt. Es gibt viele Beiträge. Weil Streich, gelernter Industriekaufmann und ehemaliger Germanistik-Student, immer eine klare Meinung hat.

Manchmal allerdings präsentiert er diese zu forsch, dann gehen die Emotionen mit ihm durch. Trainerkollege Gertjan Verbeek bezeichnete Streichs Verhalten einst als "unverschämt, brutal und respektlos". Der Niederländer boykottierte sogar die Pressekonferenz nach der Niederlage seiner Nürnberger in Freiburg. "Wie ein Verrückter" habe Streich an der Seitenlinie agiert, "bei jedem Mal, wenn etwas passiert ist". Streich wies die Anschuldigungen als "Lüge" zurück. "Das ist mir völlig unerklärlich. Ich bin emotional - aber null gegen ihn", erklärte er. Es war jedenfalls weder das erste noch das letzte Mal, das Streich am Spielfeldrand die Nerven verlor.

Selbst der Kragen platzt anders

Rein sportlich aber hatte er hingegen keine Probleme, sich in der Bundesliga zu etablieren. Im Gegenteil, mit unkonventionellen Maßnahmen formte er Jahr für Jahr ein wettbewerbsfähiges Team. Er setzte stets auf die Jungs aus dem eigenen Nachwuchs, aus der A-Jugend, die er selbst 15 Jahre lang trainiert hatte. Er hielt mit einem der traditionell kleinsten Etats der Liga stets die Klasse, 2012/13 wurde er sogar Fünfter – ein sensationeller Erfolg. Mit im Schnitt 1,25 Punkten pro Spiel ist Streich erfolgreichster Trainer der Breisgauer im Oberhaus.

Mit dem Druck, den er so fürchtete, kommt Streich offenbar abgesehen von einigen emotionalen Ausreißern gut zurecht – und nimmt diesen gerne von seiner jungen Mannschaft.

Nach dem Rückspiel gegen Borussia Dortmund in der vergangenen Saison (0:1) platzte ihm der Kragen. Nicht wie man es von ehemaligen Bundesliga-Trainern a la Giovanni Trapattoni oder Thomas Doll gewohnt wäre. Nein, selbst der Kragen platzt bei Streich anders. Ruhiger und sachlicher, aber nicht minder emotional.

Historisches möglich

"Es ist in dieser Saison ganz oft passiert, dass wir die Deppen waren", befand Streich damals mit ruhiger Stimme. Wiederholt war der Sport-Club durch fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt worden. "Wenn hier irgendjemand ein persönliches Problem mit mir hat, soll er es sagen. Dann soll es jemand anders machen, damit die Mannschaft nicht alle zwei Wochen so bestraft wird", führte er völlig überzogen aus.

Sein Team stand zu diesem Zeitpunkt auf Platz 17, hatte sechs Spiele infolge nicht gewonnen. Streich verspielte mit diesen Äußerungen viele persönliche Sympathien, lenkte aber - womöglich mit klarem Kalkül - vom Wesentlichen ab.  Über die Leistung seines Teams sprach kaum jemand. Die Mannschaft konnte weiter in Ruhe arbeiten, Freiburg gewann fünf der nächsten sieben Partien und hielt die Klasse.

Ein Kunststück, das der im südbadischen Eimeldingen aufgewachsene Metzgersohn in dieser Spielzeit zu gern wiederholen möchte. Mit einem Unentschieden im letzten Spiel gegen Hannover 96 (Samstag, 15.30 Uhr im LIVE-TICKER ) wäre sein Team gerettet – und Streich der erste Trainer, der mit den SCF in fünf aufeinanderfolgenden Jahren in Deutschlands höchster Spielklasse vertreten ist.

Immer noch anders

Ein persönlicher Erfolg, der Streich vermutlich kein Stück interessiert. Für ihn zählt das Wir, der SC Freiburg, bei dem er 1995 seine Trainerkarriere begonnen hat. Mit dessen A-Jugend er dreimal den DFB-Pokal und 2008 die Meisterschaft gewann.

In all den Jahren im Fußballgeschäft hat sich Streich nie seine Art nehmen lassen. Er ist stets auf dem Boden geblieben, war nie gewöhnlich. Immer anders.