"Das neue Kind" entzückt ganz Kolumbien - James Rodriguez im Portrait

225 Spielminuten, drei Tore, zwei Vorlagen. Der Kolumbianer ist bereits einer der großen Stars bei dieser WM. Goal hat einen genaueren Blick auf den 22-Jährigen geworfen.

PORTRAIT
Von Marco Gnyp

Ursprünglich lag das Hauptaugenmerk der heimischen Fans gar nicht auf "El Pibe Nueva", dem  "neuen Kind", wie er in seiner Heimat in Anlehnung an die kolumbianische Fußball-Legende Carlos Valderrama ("El Pibe" - "Das Kind") genannt wird. "Schon als Junge habe ich Carlos verehrt und wollte immer so sein wie er. Er war mein Held, und ich bin sehr stolz, seine Rückennummer 10 zu tragen", erklärte der neue Star. Nach nur drei Partien bei dieser WM hat sich James Rodriguez in die Herzen der Anhänger der "Cafeteros" gespielt, die mit drei Siegen durch die Gruppenphase furios ins Achtelfinale gestürmt sind.

Dabei begann das WM-Jahr für Kolumbien alles andere als gut. 22. Januar 2014: Radamel Falcao wird im französischen Pokalspiel von AS Monaco beim Viertligisten Monts d’Or Azergues unfair gestoppt, hält sich anschließend das linke Knie. Der Stürmerstar muss mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz getragen werden, Diagnose: Kreuzbandriss und WM-Aus! Mit seinen neun Treffern hatte er großen Anteil an der Qualifikation seines Landes für die Weltmeisterschaft im Nachbarland Brasilien.

Nur zwei Wochen nach Beginn der WM spricht in Kolumbien mittlerweile kaum jemand über Falcao. Die Mannschaft überzeugt und beeindruckt auch ohne die Ikone vom AS Monaco. Sein Teamkollege aus dem Fürstentum übernimmt das Kommando auf dem Platz – mit Erfolg. Vor der abgelaufenen Saison war er lediglich Fußballexperten bekannt, nun ist der Zehner in aller Munde: James Rodriguez.

Sprungbrett FC Porto

Der 22-Jährige wechselte im Sommer 2013 vom FC Porto, der für sein hervorragendes Scouting-System in Südamerika bekannt ist, für 45 Millionen Euro zum AS Monaco. Nach einem holprigen Start schnitt Trainer Claudio Ranieri das System der Mannschaft auf den Kolumbianer zu. Dieser wechselte vom Flügel ins Zentrum, aus einem 4-2-3-1 wurde ein 4-4-2 mit Raute – mit James Rodriguez als Drahtzieher hinter den Spitzen. Der Neuzugang, der unter anderem durch seine exzellenten Pässe und seine Spielübersicht besticht, explodierte förmlich.

Mit neun Treffern und zwölf Vorlagen avancierte er bei den Monegassen in seiner ersten Saison zum Spielmacher, der bereits jetzt heiß begehrt ist. Ob noch viele weitere Spielzeiten im Fürstentum folgen werden, ist nach seiner jüngsten Entwicklung höchst fraglich. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die üblichen Verdächtigen wie Real Madrid, der FC Barcelona oder englische Spitzenteams wie der FC Chelsea und Manchester City um die Dienste des Kolumbianers bemühen werden. Er selbst gab schon zu, vom spanischen Fußball zu schwärmen: "Die spanische Liga habe ich schon immer verfolgt. Sie ist anders als die englische Liga, die sehr körperbetont ist. Das Spiel in Spanien wird mehr über die Technik entschieden. Deshalb mag ich sie so sehr."

Aushängeschild der "goldenen Generation"

Geboren in Cucuta, im Norden Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela, sammelte James Rodriguez bereits früh Erfahrungen. Dabei kam ihm sicherlich auch das Reformprogramm des kolumbianischen Verbands zugute. Der heutige Nationaltrainer Ecuadors, Reinaldo Ruera, war zu diesem Zeitpunkt kolumbianischer Cheftrainer. Mitte der 90er Jahre wurden mehr Ressourcen in die Jugendarbeit investiert, die in der heutigen "goldenen Generation" ihre Früchte trägt. Mit 15 Jahren kickte Rodriguez in der ersten kolumbianischen Liga. Zwei Jahre später gab er sein Debüt für CA Banfield in der höchsten argentinischen Spielklasse – mit 17 Jahren war er der jüngste ausländische Spieler im Heimatland von Diego Maradona.

Nach dem Umweg über den FC Porto landete der Mittelfeldspieler in Frankreich. Gesegnet mit einem starken linken Fuß,  mit dem er auch aufgrund seiner technischen Fähigkeiten hervorragende Freistöße schießen kann, kristallisierte sich immer mehr heraus, dass James Rodriguez im Zentrum die beste Leistung abliefern kann. Diese Position besetzt er auch in der Nationalmannschaft – und überzeugt auf Anhieb. Im Gegensatz zu vielen Offensiv-Stars ist der Kolumbianer auch defensiv aktiv und damit ein Vorbild für viele Spieler. "Er hatte eine unglaublich steile Karriere", erklärt Francisco Maturana, der ehemalige Trainer der kolumbianischen Nationalmannschaft. "Als er bei Kolumbiens U20 spielte, war er ein Junge mit einem guten Ballgefühl und großer Motivation. Er war technisch stark, hatte viel Talent. Er war zuversichtlich, und das war das Fundament für seinen Erfolg."

Bodenständigkeit als Grundpfeiler

Abseits des Platzes steht "das neue Kind" nicht im Mittelpunkt. Der gläubige Christ fällt nicht durch Eskapaden, wie sie bei dem ein oder anderen südamerikanischen Fußballer an der Tagesordnung stehen, auf. Auch nach dem Karrieresprung der letzten Monate und dem erfolgreichen WM-Start bleibt Rodriguez auf dem Boden der Tatsachen: "Wir sind auf dem richtigen Weg und glauben, dass wir weit kommen können. Wir haben Träume, aber wir brauchen Demut und Siegeslust." Der 22-Jährige präsentiert sich schon jetzt als der stille Anführer, der weiß, worauf es ankommt. Dabei lobt er vor allem die kolumbianischen Fans in den Stadien, die ihre Mannschaft vorbildlich anfeuern: "Das ist toll, wenn man so viele Leute hat, die einen unterstützen. Das ist außergewöhnlich."

Dies führt unausweichlich zu einem äußerst positiven Image bei den Verantwortlichen, Zuschauern und Medien. Die französische Presse bezeichnet ihn als das größte Talent der Ligue Un zusammen mit Marco Verratti von Paris Saint-Germain. Sein Trainer bei den "Cafeteros" schwärmt vom Mittelfeldspieler: "Er kann einer der besten Spieler der Weltmeisterschaft werden. Seine Steigerung ist toll", erklärte der Argentinier Jose Pekerman. Auch sein Idol Carlos Valderrama hält Lorbeeren parat: "James ist der Spieler, der Kolumbien viele Jahre gefehlt hat. Er ist talentiert, spielt konstant, und er bringt große Leidenschaft mit. Er hat das Potenzial, um der beste kolumbianische Fußballer aller Zeiten und vielleicht einer der besten der Welt zu werden."

Einen prominenten Fan hat Rodriguez allerdings besonders beeindruckt: das kolumbianische Pop-Sternchen Shakira. Sie twitterte nach dem Auftaktsieg von Kolumbien über Griechenland: "James!! Spektakulär!!" Viel wichtiger als die Lobeshymnen ist für James jedoch seine Familie, insbesondere seine Frau Daniela und seine einjährige Tochter Salome, auf deren Unterstützung er zusätzlich bauen kann.

Schon jetzt ist ersichtlich, dass James Rodriguez in den kommenden Jahren wohl zu den großen Namen in der Fußballwelt gehören wird. Die benötigten spielerischen Veranlagungen besitzt er, ebenso einen ausgereiften, reflektierenden Charakter, der so manchem Talent fehlt, um den letzten Schritt in Richtung große Fußball-Bühne zu machen. Die Rahmenbedingungen sind geschaffen. Namensspiele und -vergleiche ala "James Bond" oder ähnliches werden gar nicht zugelassen. Einen "James Rodriguez" kennt in Kolumbien niemand, "Chames Rodriguez" wird sein Name ausgesprochen, was seinen Bezug zum lateinamerikanischen Kontinent noch weiter verstärkt. Und dieses "neue Kind" mit dem Namen "Chames" entzückt die Welt auf der großen Fußball-Bühne in Brasilien.