Für eine friedliche WM: Russlands scheinheiliger Kampf gegen Hooligans

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Getty/Goal
Entgegen der Befürchtungen gab es bei der WM 2018 bislang keine Hooligan-Attacken. Trotzdem ist das Hooligan-Problem keineswegs gelöst.


EXKLUSIV

"Für die einen wird die WM 2018 ein Festival des Fußballs, für die anderen ein Festival der Gewalt", erklärte ein russischer Hooligan Anfang 2017 in einer Dokumentation des britischen TV-Senders BBC. In einer Fankneipe des Spitzenklubs Spartak Moskau machte der stämmige, vollbärtige Denis, wie ihn der Sender nennt, klar, dass es zu "100 Prozent garantiert" sei, dass es im Zuge des Turniers zu schweren Krawallen kommen werde.

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Verwüstete Innenstädte, Chaos, wild gewordene russische Hooligans, die auf blutende Engländer einschlagen und auch vor auf den Boden liegenden Männern keinen Halt machen. Mit diesen schrecklichen Szenen aus Marseille im Jahr 2016 im Hinterkopf wurde den Fußballfans dieser Welt in Folge der Doku angst und bange, denn die Sätze des Russen verbreiteten sich wie ein Strohfeuer in der Presse und wurden innerhalb weniger Tage zigfach zitiert.

"Habt eine Familie und Kinder um euch. Wenn ihr mit euren männlichen Freunden unterwegs seid, solltet ihr damit rechnen, angegriffen zu werden", schickte er anschließend noch eine Warnung an alle Engländer in die Welt – ebendiese Engländer, die bereits während der Europameisterschaft schwer mit den russischen Hooligans aneinandergerieten.

BBC-Hooligan-Doku: Eher ein schlechter Horrorfilm

"Diese BBC-Doku war wahnsinnig reißerisch", macht Robert Claus, Experte für Hooligans, Fankultur und Rechtsextremismus, im exklusiven Gespräch mit Goal klar. Die Aufnahmen erinnerten nicht an seriöse, journalistische Berichterstattung, sondern viel mehr an einen schlechten Horrorfilm, dessen einziges Ziel es sei, das Bild des bösen russischen Hooligans in der Gesellschaft zu manifestieren und die Menschen in Angst zu versetzen.

Anders als der vermeintliche Hooligan-Anführer Denis es befürchtet hatte, blieb das viel zitierte "Festival der Gewalt" bislang aus. Nach mehr als der Hälfte der Weltmeisterschaft sucht man Meldungen über Hooligan-Schlachten vergeblich – was allerdings nicht bedeutet, dass russische Hooligans und deren ausgeprägte Gewaltbereitschaft nur ein Märchen sind, wie Claus bestätigt: "Die russische Hooligan-Szene ist in der Tat sehr gewalttätig, gut organisiert, extrem groß und mit vielen Kampfsportlern gespickt. Das ist also mehr als nur ein Klischee."

"Hauptgrund, warum bislang nichts passiert ist, sind die umfassenden Maßnahmen des russischen Staates", weiß der Experte. Denn Russland hat bereits Monate vor dem Turnier klargemacht, dass man rigoros durchgreifen wird, wenn es zu Ausschreitungen kommen sollte. Die WM soll das russische Image aufpolieren. Und das will sich Präsident Wladimir Putin nicht von Hooligans kaputt machen lassen.

GFX Quote Hooligan

Festnahmen, Gefährderansprachen und die Angst vor der russischen Justiz

Aus diesem Grund hat der Staatschef das Thema zur Chefsache erklärt und dafür gesorgt, dass sich auch der Geheimdienst FSB der Problematik annimmt. Im Zuge dessen gab es schon lange vor Beginn des Turniers Festnahmen von großen Namen der Szene, die öffentlich inszeniert wurden. Vorrangiges Ziel: Abschreckung. Denn auch bei Hooligans gebe es großen Respekt vor der russischen Strafverfolgung, sagt Claus.

Mit dem gleichen Tenor führten die Behörden zudem zahlreiche sogenannter Gefährderansprachen durch. Darunter versteht man Hausbesuche der Polizei, die zum Teil ohne Vorwarnung klingelt und um ein Gespräch bittet. "Ziel dabei ist es, den Leuten klarzumachen, dass man sie im Auge hat und zu betonen, dass sie bei einer Reise zur WM keine Straftaten begehen sollten", erklärt Claus, Autor des Buches "Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik".

Nicht zu vernachlässigen ist zudem die Tatsache, dass Hooligans naturgemäß immer eher bei Auswärtsspielen als zu Hause randalieren, da man dort deutlich schwerer zu identifizieren ist. "Das ist in der Bundesliga nicht anders", sagt Claus.

Doch nicht nur Russlands Polizei und Geheimdienst haben Maßnahmen ergriffen, um gewaltbereite Fans von den WM-Stadien fernzuhalten. Auch die FIFA hat mir ihrer Fan-ID neue Maßstäbe in puncto Fan-Kontrolle gesetzt. Zusätzlich zur Eintrittskarte benötigt jeder Stadionbesucher nun eine personalisierte ID, um in die Arenen zu gelangen. Für die Beantragung ist man gezwungen, sämtliche persönlich Daten wie Ausweisnummer, Name, Anschrift und Geburtsdatum an den Veranstalter zu übermitteln. "Die Fan-ID ist sehr umstritten. Man sollte sie zumindest infrage stellen", erklärt Claus, zumal nicht vollständig geklärt ist, was nach dem Turnier mit den Daten passiert.

Claus: "Der russische Staat hat kein Interesse daran, den Hooliganismus zu verringern"

Obwohl auch die Fan-ID keine Ausschreitungen in den Innenstädten oder sogenannte Ackermatches, also verabredete Treffen zu Schlägereien fernab von öffentlichen Plätzen, verhindern kann, kann sie vor allem eines: Gewalt von bestimmten Orten verdrängen – im Fall der WM also von Stadien, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Nachdem im Anschluss an die Ausschreitungen in Marseille 2016 niemand in Russland etwas gegen das Hooligan-Problem unternommen hatte, machte der Kreml also erst ernst, als es um die WM im eigenen Land und dem damit verbundenen Image des Staates ging. Für Claus ein "scheinheiliges" Verhalten: "Der russische Staat hat kein Interesse daran, den Hooliganismus oder die Gewalt zu verringern."

Denn jene Hooligans, die inzwischen verteufelt werden, wurden vor zwei Jahren noch von einigen Politikern gelobt und für eigene Zwecke genutzt. "Es gibt beispielsweise auch einige Hooligans, die in russischen Kriegen mitgewirkt haben. Diese Gewaltbereitschaft wird also vom Staat toleriert und zum Teil unterstützt", macht der 35-Jährige klar.

Hooligans Marseille 2016

"Schon nach der WM wird es dem Staat wohl wieder egal sein"

Während der WM folgt Russland jedoch einer anderen Logik: Statt diese Gewalt zu unterstützen, "will man sich als moderner und perfekt organisierter Turnier-Ausrichter darstellen, hat aber in Wahrheit wenig Interesse daran, die Hooligan-Szenen abzubauen."

Claus glaubt deshalb nicht an ein langfristiges Engagement gegen Hooligans und Gewalt in der Gesellschaft. "Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Hooligan-Szenen in Russland nach dem Turnier so agieren wie zuvor. Wenn wir ein vierwöchiges Event ohne Hooligan-Auftritte sehen, bedeutet es keineswegs, dass die Szene schwächer geworden ist und Russland plötzlich kein Hooligan-Problem mehr hat. Es zeigt nur, dass sie sich während des Turniers zurückhalten. Schon nach der WM wird es dem Staat wohl wieder egal sein."

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