News Spiele
DFB-Pokal

Weltmeister Corentin Tolisso zurück beim FC Bayern: Der Musterschüler

14:00 MESZ 17.08.18
Corentin Tolisso France WC
Die Karriere von Corentin Tolisso liest sich wie ein Ratgeber für angehende Fußball-Profis. Mit dem WM-Titel gibt er sich aber längst nicht zufrieden.


HINTERGRUND

Als Corentin Tolisso an diesem Donnerstagmittag das Mediencenter an der Säbener Straße betrat, wirkte er schüchtern, erinnerte an einen Schuljungen am ersten Tag, der vom Lehrer nach vorne zitiert wird, um sich seinen neuen Klassenkameraden vorzustellen. Mit gesenktem Haupt schlich er in Richtung Podium, blickte auf seinem Weg dorthin nur einmal kurz auf, um die anwesenden Journalisten mit einem überraschend bayrisch klingenden "Servus" zu begrüßen.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

"Coco lernt fleißig Deutsch", versicherte Dieter Nickles, Pressesprecher des FC Bayern, machte aber gleich deutlich, dass das Gespräch, zu dem die Medienstelle des Rekordmeisters geladen hatte, trotzdem mithilfe einer Dolmetscherin geführt werden würde. Während der Weltmeisterschaft habe Tolisso natürlich nicht viel Zeit gehabt, um sich seinen Deutschvokabeln zu widmen.

Als der französische Nationalspieler auf der kleinen Empore Platz genommen hatte, erhellte sich seine Miene, die Augen fest ins Rund gerichtet, war plötzlich jedwede Schüchternheit verflogen. Kein Wunder, hat der Mittelfeldmann derzeit doch allen Grund dazu, selbstbewusst aufzutreten. Immerhin darf er sich seit rund einem Monat "Weltmeister" nennen. Weil Tolisso mit seiner Equipe ebenjenen Coup in Russland landete, dazu beitrug, dass die Grande Nation exakt 20 Jahre nach dem ersten WM-Triumph nun den zweiten Stern auf dem blauen Trikot erhielt, kam der 24-Jährige als letzter aller Bayern-Spieler erst vor zwei Tagen zurück aus dem Urlaub – und gab an, dass sich in seiner insgesamt zweieinhalbmonatigen Abwesenheit einiges verändert hat.

"Wir, Frankreich, sind die beste Mannschaft der Welt und ich bin Teil dieser Mannschaft", erklärte er mit Hinblick auf den größten sportlichen Erfolg seiner noch verhältnismäßig jungen Karriere. Er ergänzte: "Ich bin vor einem Jahr zu Bayern gekommen, da kannte mich niemand. Ein Jahr später bin ich plötzlich deutscher Meister und Weltmeister, natürlich verändert das vieles." Tatsächlich war Tolisso, der im Juli 2017 von Olympique Lyon in die bayrische Landeshauptstadt gewechselt war, nicht vielen Fußball-Fans in Deutschland ein Begriff. Obwohl die FCB-Verantwortlichen für ihn mit rund 41,5 Millionen Euro mehr Geld auf den Tisch gelegt hatten als für jeden anderen Spieler zuvor in der Vereinsgeschichte.

Corentin Tolisso galt als Musterschüler bei den Lehrern

Dass die Münchner einen solch hohen Betrag für einen halbwegs unbekannten Spieler, der bislang nicht in der Bundesliga gespielt hatte, in die Hand nehmen, erschien recht ungewöhnlich. Den Scouts war aber nicht nur das große Talent aufgefallen, sondern auch der unbändige Fleiß, den Tolisso in seine eigene Entwicklung steckte. Eine Einstellung, von der er schon in seiner Schulzeit profitierte, die bei Corentins Lehrern auf dem Gymnasium, auf dem er das Abitur ablegte, Eindruck hinterließ. Schulleiterin Florence Recorbet verriet einst gegenüber der französischen Zeitung So Foot: "Corentin war ein sehr fleißiger und disziplinierter Schüler." 

Für Vincent Tolisso, Corentins Vater, ging die Schule ohnehin immer vor, obwohl er seinen Sohn mit größter Leidenschaft auf dem Weg zum großen Profi-Traum begleitete, ihn sieben Jahre lang täglich von Thizy ins 70 Kilometer entfernte Lyon kutschierte. "Ich habe immer gesagt: 'Bildung hält für immer, Fußball ist zeitweilig'. Und die Intelligenz im Leben wird immer auf dem Feld umgesetzt“, sagte Vincent einmal bezüglich der Entwicklung seines Sohnes. Erstmals Aufmerksamkeit erweckte der kleine Coco, wie Tolisso von seinen Freunden genannt wird, als er mit seinem Klub FC du Pays de L’Arbresle drei Treffer gegen Lyon erzielte und am Ende ein überraschendes 4:4 auf der Anzeigetafel stand.

Da war Corentin noch ein Kind. "Direkt nach dem Spiel informierte sich OL über ihn", erzählte sein ehemaliger Trainer Laurent Vidican und schob nach: "Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihnen zu versprechen, dass er irgendwann zu ihnen wechseln wird."  Im Alter von 13 Jahren schloss sich das Top-Talent dann wirklich dem siebenmaligen französischen Meister an, durchlief fortan sämtliche Jugendmannschaften, bis er – mittlerweile in der U17 – für zu schmächtig befunden wurde und der Verein ihm keine großen Versprechungen hinsichtlich einer großen Laufbahn machen wollte, er zwischenzeitlich sogar das Olympique-Internat verlassen musste. Sein Kumpel und damaliger Mitspieler Yoann Nanou erinnerte sich: "Corentin war unser bester Torjäger, aber irgendwie bevorzugten sie bei Lyon andere Jungs."

Großer Durchbruch "dank" Knie-Operation

Eine Knie-Operation, die für junge Fußballer normalerweise zu den schlimmsten aller sportlichen Schicksalsschlägen zählt, sollte sich für Tolisso in der Folge allerdings als "Glücksfall" entpuppen. Während der Reha schuftete der Youngster im Kraftraum, arbeitete seine körperlichen Defizite auf und fand folgerichtig zurück ins Team. Nicht mehr als klassischer Torjäger, sondern vielmehr als Strippenzieher im Mittelfeld, machte sich der Rohdiamant für seinen Coach Remi Garde unverzichtbar, sodass später der alles entscheidende Schritt zu den Profis gelang, für die er – zumeist als Achter eingesetzt - in 160 Pflichtspielen 29 Tore erzielte und 17 Vorlagen beisteuerte.

Auf der Position im vorgezogenen defensiven Mittelfeld sieht Tolisso sich nach wie vor – auch bei den Bayern. "Das kann ich am besten", sagte er am Donnerstag, als er auf seine Rolle angesprochen wurde und prophezeite: "Ich glaube nicht, dass ich woanders spielen werde. Aber natürlich spiele ich da, wo der Trainer mich aufstellt." Großen Einfluss auf seine Spielweise habe – eigenen Angaben zufolge - besonders Arturo Vidal gehabt, der München zuletzt den Rücken gekehrt hatte und nach Barcelona gewechselt war.

Dass der Chilene, den Tolisso gerne als Vorbild bezeichnet, nicht mehr bei den Bayern spielt, stimmt den 14-fachen Nationalspieler etwas wehmütig: "Es ist immer schwierig, einen guten Spieler zu verlieren, und Arturo ist ein guter Spieler. Als ich noch jünger war und noch kein Profi, spielte er schon bei Juventus. Ich wollte so spielen wie er, habe versucht, mir viel von ihm abzuschauen."

Von seinem neuen Übungsleiter konnte sich der Spätrückkehrer indes noch keinen großen Eindruck verschaffen. "Er ist natürlich ein sehr guter Trainer, er hat uns immerhin mit seiner Mannschaft im Pokal geschlagen. Ich hatte noch nicht die Möglichkeit, häufig unter ihm zu trainieren, aber ich habe mit Kingsley Coman und Franck Ribery gesprochen, die mir gesagt haben, dass es im Training gut zur Sache geht“, sagte Tolisso. Aber so müsse das auch sein, gab er weiter zu Protokoll.

Dass er aufgrund seines längeren Urlaubs großartige Nachteile zu befürchten hat, glaubt er nicht. Vor allem, weil er sich in der freien Zeit offenbar treu geblieben ist, akribisch an seiner Fitness gearbeitet hat. "Ich bin viel gelaufen, alleine oder mit Freunden. Außerdem habe ich auch beim Essen aufgepasst und nicht alles in mich hineingestopft."

Tolisso gegen Drochtersen/Assel schon dabei?

Obwohl erwartet wurde, dass Tolisso im anstehenden DFB-Pokal-Spiel am Samstag beim SV Drochtersen/Assel sowie zum Bundesliga-Auftakt vor heimischer Kulisse gegen die TSG 1899 Hoffenheim noch keine große Rolle spielen werde, machte Kovac dem frischgebacken Weltmeister am Freitag Hoffnungen auf einen Einsatz gegen den Viertligisten aus Drochtersen. Kovac sagte bei der Pressekonferenz in München, dass er sich vorstellen könne, mit "voller Kapelle", also eben auch mit Tolisso, in den hohen Norden zu reisen.

Dieser hat sich – mit dem WM-Titel vermutlich auf den Geschmack gekommen –für diese Saison unterdessen ganz große Ziele gesetzt. "Mein größter Traum war es, die WM zu gewinnen. Mein zweiter Traum war immer der Champions-League-Sieg, ich hoffe, das wird gelingen. Unser Vorsatz ist es, Meister zu werden, den Pokal zu gewinnen und Champions-League-Sieger zu werden." Ambitionierte, strebsame Ansprüche, die ein Trainer von seinem Musterschüler nur allzu gerne hört.

Mehr zu Corentin Tolisso und zum FC Bayern: