Knapp zwei Monate lang war es ruhig um Leon Goretzka. Das Letzte, was die deutschen Fans vom Mittelfeldspieler vor der Sommerpause sahen, war eine Szene, die im Nachgang viel und ausgiebig diskutiert wurde: Ende Juni war DFB-Kapitän Joshua Kimmich im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay auf der Suche nach Elfmeterschützen, da das Duell vom Punkt mit den Südamerikanern nach fünf Schützen in die Verlängerung ging. "Nene, acht?", fragte Kimmich Linksverteidiger Nathaniel Brown, "oder Leon, du?", ergänzte er. Goretzka atmete einmal tief aus und schüttelte dann ganz leicht den Kopf.
Am Ende mussten weder Brown noch Goretzka antreten, weil Jonathan Tah als Sechster weit über den Kasten schoss und Deutschland damit sensationell ausschied. Warum musste Tah den ersten Elfmeter seiner Karriere schießen, während sich ein gestandener Spieler, ein Routinier, ein Führungsspieler wie Goretzka wegduckte und der Verantwortung aus dem Weg ging? Diese Frage beschäftigte Fans und Experten im Nachgang – und sogar eine ehemalige Weltklasse-Schwimmerin, die sich dazu berufen fühlte, sich zu diesem Thema zu äußern: "Ein Spieler, von dem ich wirklich menschlich sehr enttäuscht bin", sagte Franziska van Almsick im Podcast Kerners 11 – und meinte Leon Goretzka.
Der bekam im WM-Nachgang noch mehr Gegenwind, als angebliche Insider in den Medien berichteten, dass der 31-Jährige im DFB-Team beim Turnier in Nordamerika isoliert gewesen sei und sich zurückgezogen habe. Danach war von Goretzka selbst nichts mehr zu hören. Sein Vertrag beim FC Bayern München war Ende Juni ausgelaufen, seitdem beschäftigte sich der Mittelfeldspieler mit der Suche nach einem neuen Klub. Und diese Suche hatte in der vergangenen Woche ein Ende: Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag bei Aston Villa, wobei der Verein die Option hat, die Zusammenarbeit um eine weitere Saison zu verlängern.
Getty ImagesDie Villans kommen aus einer überaus erfolgreichen Saison 2025/26: In der Premier League erreichten sie den vierten Platz und ließen dabei mit Liverpool, Chelsea und Tottenham drei Klubs der "Big Six" in England hinter sich. Doch damit nicht genug: In der Europa League fertigten sie im Finale den SC Freiburg souverän ab und sicherten sich den ersten internationalen Titel seit 44 Jahren. Eigentlich eine optimale Basis, um darauf aufzubauen und die Mannschaft kontinuierlich weiterzuentwickeln – doch Aston Villa entschied sich ganz anders.
"Alle wissen, dass es jetzt so etwas wie einen Neuaufbau gibt", sagte Goretzka den Klubmedien bei seiner Vorstellung und untertrieb damit eigentlich noch: Die Villans gaben für rund 360 Millionen Euro Spieler ab und holten für rund 216 Millionen Euro neue – macht insgesamt Transfers in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro, die der Klub getätigt hat. Eine Summe, die auch die Top-Bundesligisten zum Staunen bringen dürfte. "Wir haben einige starke Spieler verloren", sagte Goretzka und meinte damit wohl Morgan Rogers (für 138 Millionen Euro zu Chelsea), Ezri Konsa (für 60 Millionen Euro zu Arsenal), Youri Tielemans (für 41 Millionen Euro zu Manchester United) oder Torhüter Emiliano Martinez (für 9 Millionen Euro zu Chelsea).
Warum macht Aston Villa im Sommer einen großen Umbruch?
Die Spieler, für die Aston Villa bislang Geld auf den Tisch legte, haben dabei eine Gemeinsamkeit: Keiner dieser sechs neuen Akteure ist älter als 25 Jahre. Für 60 Millionen Euro kam etwa der Schweizer WM-Shootingstar Johan Manzambi vom SC Freiburg, für 55,5 Millionen Goretzkas ehemaliger Teamkollege beim FC Bayern, Nicolas Jackson.
Die Verjüngung des Kaders war eines der Ziele, mit dem Erfolgstrainer Unai Emery nun zurechtkommen muss. Die Erfüllung der Anforderungen des Financial Fairplay eine andere, was Villa mit einem Transferplus in Höhe von aktuell 144 Millionen Euro gelungen ist.
Für Goretzka wurde keine Ablöse fällig – und der 31-Jährige soll nun der Spieler werden, der in der Zentrale die neue junge Mannschaft führt. Jemand, der für neue Euphorie und Aufbruchstimmung sorgen soll. Die Erwartungshaltung an Goretzka ist klar. "Wenn du einen Motor brauchst, vertraue einem deutschen", kommentierten die Villans in den Sozialen Medien die Goretzka-Verpflichtung. Bedeutet: Goretzka soll der neue Energizer sein, ein Antreiber. Eine durchaus optimistische Erwartungshaltung an jemanden, der zuletzt sowohl im Klub, als auch in der Nationalmannschaft nur in Nebenrollen stattfand.
"Er hat sich in der Champions League bewiesen und ist genau das, was der Klub in Bezug auf Erfahrung und Qualität braucht", lobte der Ex-Villa-Boss Keith Wyness den Goretzka-Deal bei Football Insider.
Getty ImagesNach 325 Bundesliga-Spielen wird der Ex-Bayern-Star nun am Montag erstmals in der Premier League getestet: Um 21 Uhr stellt sich der Meister Arsenal im Villa Park vor. Ob Goretzka dabei schon für einen Einsatz von Beginn an in Frage kommt, muss Trainer Emery entscheiden. Wichtig wird dem Spanier sein, dass sein neuer Führungsspieler Verantwortung übernimmt und die jungen Teamkollegen an die Hand nimmt – ganz egal, ob als Stammkraft oder Einwechselspieler.
Wie dringend die Villans aktuell um Stabilität und Erfahrung ringen, zeigte der Saisonstart, der mit einer 0:4-Klatsche bei Brighton & Hove Albion gründlich in die Hose ging. So oder so: Ein erneutes Wegducken des ehemaligen Bayern-Stars würde auch die Fans und Experten in England enttäuschen.

