Tom Henning Övrebö als Sündenbock bei Chelseas Aus gegen den FC Barcelona: Eine Nacht in der Champions-League-Hölle

Kommentare
2009 lieferten sich Chelsea und Barcelona ein denkwürdiges Rückspiel in der Champions League. Im Mittelpunkt: Schiedsrichter Tom Henning Övrebö.


EXKLUSIV

Didier Drogba war völlig frustriert, die blanke Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er versuchte zum Schiedsrichter durchzudringen, schaffte es aber nicht. Der Ivorer drehte sich um und schrie in die TV-Kamera: "Seht ihr das? Es ist eine Schande! Es ist eine Schande! Es ist eine verdammte Schande!"

Seit 2008: Die torgefährlichsten Linksfüße Europas

Chelseas Trainer Guus Hiddink ging dazwischen, wenn auch nur halbherzig. Der Niederländer konnte den Ärger seines Stürmers ziemlich gut verstehen. Zu viel war passiert an jenem Abend Anfang Mai 2009 an der Stamford Bridge. Die Blues sahen sich von Schiedsrichter Tom Henning Övrebö um nicht weniger als vier (!) Strafstöße betrogen und schieden schließlich nach einem späten Treffer Andres Iniestas gegen den FC Barcelona aus.

Andres Iniestas Treffer bringt Barcelona in das Finale

Neun Jahre später stehen sich Chelsea und Barca wieder in einem Rückspiel der K.o.-Runde in der Königsklasse gegenüber, wieder endete das Hinspiel mit einem Remis. Erinnerungen werden also wach.

Galerie: Die gefährlichsten Kopfball-Spieler Europas

Damals sorgten also mehrere Övrebö-Entscheidungen für Diskussionen. Ein Foulspiel von Dani Alves an Florent Malouda ortete der Norweger außerhalb statt innerhalb des Sechzehners. Einen Trikotzupfer von Eric Abidal gegen Drogba übersah er. Außerdem blieben zwei Handspiele von Gerard Pique und Samuel Eto’o im Strafraum ungeahndet.

Ovrebo Chelsea Barcelona GFX

Das Letztgenannte ereignete sich kurz vor dem Ende, nur wenigen Sekunden zuvor hatte Iniesta den Treffer zum 1:1 erzielt, der Barcelona ins Finale gegen Manchester United bugsierte.

Guus Hiddink kommentierte nach Spielschluss: "Spieler begehen Fehler, Trainer begehen Fehler und Schiedsrichter begehen Fehler. Darum sollten wir im Zweifel zu ihnen halten. Aber wenn man erlebt, dass drei oder vier Szenen so durchgewunken werden, dann war Övrebös Leistung die schlechteste, die ich jemals gesehen habe."

Övrebö erhält Morddrohungen

"Es dominiert das Gefühl, dass wir beraubt und das Opfer von Ungerechtigkeit wurden", so der Niederländer weiter: "Darum war es am Ende auch so hitzig."

Für Övrebö wurde es noch schlimmer. Das Echo auf seine Leistung war verheerend. Auf Anraten der Sicherheitskräfte in London musste er in jener Nacht kurzfristig sein Hotel wechseln. Es folgten sogar Morddrohungen.

In seinem Büro in Oslo erinnert sich Övrebö im Gespräch mit Goal an den denkwürdigen Abend: "Nach einem solchen Spiel kommst du in die Kabine und denkst: 'Ah, Tom Henning, das war vielleicht nicht deine beste Leistung heute.' Als Schiedsrichter auf diesem Niveau ist man die Reaktionen der Zuschauer, auch in England, gewohnt. Auch die der Medien. Man weiß genau, dass man womöglich auf vielen Ebenen für Unruhe gesorgt hat."

Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

"Anderen Schiedsrichtern ist das auch passiert. Urs Meier aus der Schweiz zum Beispiel (England gegen Portugal bei der EM 2004, Anm. d. Red.) oder Anders Frisk aus Schweden (Chelsea gegen Barcelona in der Champions League 2005, Anm. d. Red.). Auch andere könnte man erwähnen", so Övrebö weiter: "Wenn ein solches Spiel einen solchen Verlauf nimmt, wird es immer eine Reaktion geben. Darauf sind wir vorbereitet." Aber war er das in diesem Fall wirklich?

Drogba und Bosingwa werden gesperrt

Heute hat der mittlerweile 51-Jährige eine nüchterne Sicht auf die Dinge: "Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, dann kann ich mir die zwei, drei, vier oder fünf Prozent der Spiele anschauen, die beschissen waren. Oder ich denke an die 95 Prozent, die klasse waren. Als Schiedsrichter gibt es während einer Laufbahn genauso Höhen und Tiefen wie bei einem Spieler oder Trainer. Es ist wichtig, dass man auch an den Spielen Spaß hat, in denen man keine optimale Leistung zeigt. Das Besondere an der Aufgabe eines Schiedsrichters ist doch, dass es eine ganz feine Linie zwischen Himmel und Hölle ist."

Övrebö verweist dabei auf den besonderen Druck, unter dem Unparteiischen stehen. "Wenn dir in einer bedeutenden Partie ein Fehler unterläuft, dann kann deine Karriere vorbei sein. Passiert dir das als Spieler oder Trainer, setzt sich die Karriere fort. Natürlich ist es also für Spieler oder Trainer einfacher. Als Schiedsrichter kennst du die Konsequenzen und weißt um den großen Kratzer, den eine Fehlentscheidung hinterlassen kann", erklärt er.

Ovrebo Chelsea Barcelona GFX

Das 1:1 zwischen Chelsea und Barcelona hinterließ einen solchen Kratzer. Und es hatte auch ein Nachspiel: Drogba und sein Mannschaftskamerad Jose Bosingwa wurden für ihre Kommentare im Anschluss an die Partie für drei, beziehungsweise zwei Begegnungen gesperrt. Chelsea distanzierte sich öffentlich von den teils harschen Reaktionen mehrerer Fangruppierungen.

Drogba und Övrebö standen sich sogar bei einer offiziellen Anhörung durch die UEFA gegenüber. Mittlerweile hat der Ex-Unparteiische dem langjährigen Torjäger der Blues verziehen: "Man kann das natürlich nachvollziehen. Aber man kann es nicht entschuldigen. Es gab Vertreter bei Chelsea, die sehr professionell reagiert haben. Zum Beispiel der damalige Trainer Guus Hiddink."

Övrebö muss seine Laufbahn 2013 beenden

"Natürlich hat auch Hiddink Kritik geäußert und das ist verständlich. Aber er hat sich dabei wie ein Gentleman benommen. Einige andere dagegen schossen einfach über das Ziel hinaus. Ich finde es wichtig, dass man in einem solchen Fall nicht nur schwarz oder weiß sieht, sondern auch die Zwischentöne berücksichtigt", führt Övrebö aus.

Sein Ex-Kollege Anders Frisk beendet nach den massiven Anfeindungen im Anschluss an Chelseas Duell mit Barcelona 2005 seine Karriere. Der Stress war ihm zu viel geworden. Övrebö machte aber weiter und setzte seine Laufbahn bis 2013 fort, ehe ihn eine Knieverletzung zum Aufhören zwang.

Viele Fans, vornehmlich vom FC Chelsea, sahen Övrebö für seine schwache Leistung nicht hart genug bestraft. Er selbst aber bemerkte eine Veränderung: "Als die Champions League im August 2009 wieder begann, bekam ich nicht mehr die Spiele auf dem Level wie zuvor. Erst Schritt für Schritt durfte ich wieder bei größeren Partien ran. 2010 wurde ich bei Bayern München gegen den AC Florenz (2:1, Anm. d. Red.) eingesetzt. Leider übersahen wir dabei eine klare Abseitsstellung. Das waren also nun zwei Spiele, in denen mein Team und ich nicht gut gepfiffen hatten. "

Tom Henning Ovrebro Bayern Fiorentina
Bayern vs. Fiorentina: Övrebö (M.) zeigt Miroslav Klose (l.) die Gelbe Karte

Und das hatte Konsequenzen: Övrebö, der auch bei der EM 2008 Spiele geleitet hatte, bekam keinen Einsatz mehr in der Champions League, sondern pfiff nur noch in Norwegens erster Liga. Seine Karriere war auf der Zielgeraden angekommen. Auch, weil der Körper nicht mehr mitspielte.

"Du wirst ausgelacht, aber das gehört dazu"

"Leider verletzte ich mich 2012. Ich versuchte noch ein Comeback, aber 2013 musste ich dann aufhören", sagt Övrebö. Der Abschied von der Pfeife fiel ihm damals sehr schwer, hatte er doch Spiele geleitet, seit er 14 Jahre alt war.

Lächelnd denkt er an seine Anfänge als Referee zurück: "Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter von dem Wunsch berichtete und sie sagte: 'Tom, bist Du Dir sicher? Solltest Du nicht noch ein paar Jahre warten?' Aber ich wollte es unbedingt probieren und sie unterstützte mich. Von meinen Freunden gab es auch kein negatives Feedback und auch mein Vater unterstützte mich. Auch, wenn er viel auf Reisen war."

Ovrebo Chelsea Barcelona GFX

Die Schattenseite lernte Övrebö automatisch kennen: "Die Menschen kritisieren dich und du wirst angefeindet. Du wirst ausgelacht. Aber das gehört dazu und natürlich musst du damit umgehen."

Als praktizierender Psychologe ist Övrebö also ein echter Experte, wenn es um die mentale Seite geht. Früh fing er an, sich für diesen Aspekt zu interessieren und mit Anfang 20 begann er schließlich ein Studium.

Övrebö praktiziert in Norwegen als Psychologe

Nachdem er einige Zeit als Psychologe gearbeitet hatte, spezialisierte er sich auf den Sport und arbeitete am norwegischen Olympiazentrum mit Athleten. Eine Aufgabe, die ihn fasziniert und an die seine künftige Aufgabe anschließt: "Ich werde in Kürze an Norwegens Schule für Sportwissenschaften Lesungen in Mentaler Gesundheit und Sport halten. Parallel werde ich in meiner Praxis auch weiter Menschen behandeln, die unter Angstzuständen und Depressionen leiden. Außerdem gebe ich Seminare für Führungskräfte, die ihre Leistungen verbessern möchten. Meine Arbeit macht mir großen Spaß."

Seine Erfahrungen als Fußballschiedsrichter helfen ihm nun in seinem Job und Övrebö betont, dass es ihm als Schiri stets Spaß gemacht habe, Kritik und Anfeindungen hin und her.

Und es stört ihn auch nicht, dass sein Name für immer mit dem Champions-League-Halbfinale von 2009 an der Stamford Bridge assoziiert wird. Und auch nicht, dass vor dem Rückspiel zwischen Barcelona und Chelsea seine Leistung von damals wieder im Mittelpunkt der Diskussionen steht.

Ovrebo Chelsea Barcelona GFX

"Mein Motto lautet: 'Besser, die Leute streiten wegen dir, als wenn sie dich vergessen.' Die Fans dürfen mich also gerne kritisieren. Das ist kein Problem. Ich schaue mit schönen Erinnerungen zurück auf meine Spiele und wenn man jene Partie als Beispiel für schlechtes Pfeifen nehmen möchte, ist das okay für mich. Das Spiel am Mittwoch wird schön anzuschauen sein und ich würde es auch gerne leiten. Das wäre noch besser. Aber dafür ist es nun zu spät. Ich werde es mir aber angucken und vielleicht aus meinem Sessel von zuhause ein wenig mitpfeifen."

Dabei bleibt ihm die Gewissheit, dass er dieses Mal nach dem Spiel nicht als Sündenbock herhalten werden muss.

Nächster Artikel:
Ex-Nationalspieler Ziege kritisiert Leroy Sane: "Du hast das Gefühl, der steht auf dem Dorfplatz"
Nächster Artikel:
Liverpool-Star Sadio Mane an der Hand operiert
Nächster Artikel:
Fußball heute live im TV und im LIVE-STREAM: Alles zur Übertragung der Top-Spiele
Nächster Artikel:
Albanien: Regierung will Sportwetten ab 1. Januar 2019 verbieten
Nächster Artikel:
BVB: News und Transfer-Gerüchte zu Borussia Dortmund - Akanji fällt aus, Reus zurück im Mannschaftstraining
Schließen