Thomas Müller: "Von abgezockten Italienern nicht viel zu sehen"

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Thomas Müller spricht nach dem Einzug ins Halbfinale der EM über das verrückte Spiel gegen Italien, seinen Elfmeter und "Fileteur" Urs Siegenthaler.

Die Erleichterung war denkbar groß, die Euphorie greifbar: Bestens gelaunt marschierten die deutschen Nationalspieler nach dem Sieg gegen Italien im EM-Viertelfinale durch die geräumige Mixed Zone des Stade de Bordeaux. Allen voran: Thomas Müller , einer von insgesamt sieben Schützen, denen im Elfmeterschießen die Nerven versagten. Im Interview kündigt Müller an, bei Strafstößen vorerst kürzer treten und seine Schusstechnik überarbeiten zu wollen.

Thomas, ein verrücktes Spiel liegt hinter Ihnen. Wie bewerten Sie den Erfolg?

Thomas Müller: Erst einmal fühlt es sich gut an. Wobei man sich als Spieler natürlich nie ein Elfmeterschießen wünscht, obwohl wir da mit Manu immer gute Karten haben. Trotzdem ist eine gewisse Lotterie dabei, dementsprechend sind wir glücklich, dass der aus meiner Sicht verdiente Sieger aus der Partie hervorgegangen ist. Wir waren tonangebend, haben viel investiert und hätten vielleicht das 2:0 machen oder auch in der Verlängerung treffen können. Es war ein hartes, spannendes Spiel. Italien ist nach dem 0:1 zurückgekommen wie typische Italiener, nämlich aus dem Nichts. Die Italiener haben es gut gemacht, wir aber auch. Unser Weg ist noch nicht zu Ende! So wie wir auftreten, spielen wir auf jeden Fall wie eine Erwachsenenmannschaft, die weiß, worum es geht. Von den abgezockten Italienern war gegen uns Bubis nicht viel zu sehen. 

Haben Sie ein so verrücktes Elfmeterschießen schon einmal erlebt?

Müller: So lange hat es selten gedauert. (überlegt) Nein, habe ich noch nicht. (lacht) So lange das so ausgeht, ist es in Ordnung. Die Italiener haben von den 30 Minuten in der Verlängerung mindestens fünf Minuten mit Kaffee trinken verbracht. Für den Schiedsrichter ist es dann auch nicht immer einfach, jedes Zeitspiel zu ahnden. 

Sie haben schon die "Lotterie" Elfmeterschießen und die Qualitäten von Manuel Neuer angesprochen. Ist es dann letztendlich also doch keine Glückssache?

Müller: Manu stellt seine Qualitäten jedes Spiel unter Beweis. Dass er mehr Bälle festhält als andere Torhüter auf der Welt, das ist Fakt. 

Wie steht es um Ihre Elfmeterqualitäten?

Müller: Ich werde aus dem Spiel heraus sicherlich in den kommenden zwei Wochen nicht mehr antreten, meine Elfmetertechnik überarbeiten und in ein, zwei Monaten eventuell gestärkt zurückkommen. Jetzt lasse ich erst einmal anderen den Vortritt. Falls es aber nochmal zum Elfmeterschießen kommt und jemand gebraucht wird, bin ich da. Ich dränge mich aber nicht mehr auf.

Auch nach dem fünften EM-Spiel steht bei Ihnen die Null. Heben Sie sich Ihre Treffer fürs Halbfinale und Finale auf?

Müller: Es ist egal, ob ich mir etwas aufhebe. Ich werde es weiter probieren, und wenn's passiert passiert's. Wenn wir das Finale ohne ein Tor von mir gewinnen, komme ich medial vielleicht nicht ganz so gut weg, aber das Ding nehme ich trotzdem mit nach Hause. 

Sie haben von Vierer- auf Dreierkette umgestellt. Nach dem Spiel war Spielbeobachter Urs Siegenthaler im Fernsehen großes Gesprächsthema. Welche Rolle spielt er?

Müller: Er filetiert die Gegner und bereitet dem Trainer mit einer guten Analyse alles vor. Was dann aber mit der Mannschaft passiert, entscheidet der Trainer. Es kann sein, dass Urs dem Trainerteam Ratschläge gibt, die Umstellung hat aber mit dem Trainerteam zu tun, denke ich. 

Was genau hat sich durch die Dreierkette verändert?

Müller: Wir wollten einfach einen Spieler mehr im Zentrum haben, weil wir wussten, dass Italien mit zwei Stürmern spielt. Diesen gechippten Ball in die Spitze kann man nicht verhindern, so kann aber wenigstens der Verteidiger aggressiv herausrücken ohne den Raum zu öffnen, weil ja noch zwei andere absichern. Zum Beispiel die Szene gegen Spanien, als Eder alleine aufs Tor zugelaufen ist, war so eine Situation, die schwer zu verteidigen ist. Die beiden Stürmer haben gute Automatismen. Der Ball kommt auf Pelle, der andere läuft schon. Wenn er dann direkt in den Raum spielt, ist es für den Verteidiger sehr schwer. So waren wir schlicht ein Mann mehr in der Defensive. Dadurch waren wir im Mittelfeld in Unterzahl und mussten ab und zu hinterherlaufen. Das haben wir eben in Kauf genommen, um hinten das Zentrum zu stärken. Jede Medaille hat zwei Seiten. Im Großen und Ganzen ist es aufgegangen. 

Welche Auswirkungen kann dieser Sieg im Hinblick aufs Halbfinale haben?

Müller: Wenn man sieht, wie Deutschland hier auftritt, vor allem in den letzten Spielen, speziell aber gegen Italien - wir sind ja schon anders aufgetreten als Spanien -, ist das schon gut. Die Gegner haben immer Respekt vor uns. Ich bin mir sicher, dass die Franzosen, die Portugiesen und alle anderen Mannschaften, die noch dabei sind, gerne gesehen hätten, dass die Deutschen nach Hause fahren. Das haben sie falsch gesehen. 

Die Favoritenstellung festigt sich langsam aber sicher.

Müller:  Das legen ja immer Sie fest. Wir waren uns von Anfang an sicher, dass wir unsere Rolle haben und damit auch um den Titel mitspielen würden. Es hätte heute aber genauso gut vorbei sein können, wenn wir das Elfmeterschießen verloren hätten. Dann hätten wir trotzdem ein gutes Turnier gespielt, wären aber mit leeren Händen heimgefahren. 

Was zeichnet die Mannschaft aus?

Müller: Wir haben eine sehr talentierte Truppe, und jetzt auch eine gewisse Struktur gefunden. Wir spielen seriös, mit Leidenschaft, aber trotzdem mit kühlem Kopf. Wie gesagt: Es sieht nach Männerfußball aus. Deshalb habe ich auch vor den kommenden Spielen keine Angst. 

Sind Siege nach dem Elfmeterschießen die schönsten?

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Müller: Auf gar keinen Fall. Siege sind immer schön, ich hätte aber lieber nach 90 Minuten gewonnen.

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