Thomas Müller: Rekordspieler auf der Suche nach größerer Relevanz

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Einst fast gewechselt, entwickelte sich Thomas Müller beim FC Bayern zur prägenden Figur. Nun aber steht der Jubilar vor einer wegweisenden Saison.

HINTERGRUND

Will man den Fußballer Thomas Müller charakterisieren, sind es nicht nur schmeichelnde Begriffe, die einem in den Sinn kommen. Als staksig, ungelenk oder unkonventionell wird seine Spielweise oftmals tituliert. Von seinen langen, dünnen Beinen ist dann gern die Rede, von seinem dürren Körperbau. Die FAZ konfrontierte Müller im Dezember 2010 mit den gängigen Eindrücken. Damit, dass er nicht aussieht wie ein Leistungssportler, nicht wirkt wie ein Athlet. Ein komischer Fußballer sei er doch, und dann dieser Laufstil. "Sie haben völlig recht. Ich habe selten so einen komischen Spieler wie mich selbst gesehen. Aber irgendwie habe ich Erfolg. Und Spaß macht es auch", antwortete Müller, damals 21 Jahre alt.

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Erfolg sollte dieser komische Spieler weiterhin haben. Inzwischen ist Müller sechsfacher Deutscher Meister, vierfacher DFB-Pokalsieger. Er gewann die Champions League und den WM-Titel. Bei den Münchnern ist er längst eine Institution. Fanliebling, Aushängeschild, Identifikationsfigur.

Und jetzt, im September 2017, steht Müller gar vor einem beachtlichen Jubiläum. Im Bundesliga-Auswärtsspiel bei der TSG 1899 Hoffenheim am Samstag (18.30 Uhr im LIVETICKER) könnte er sein 400. Pflichtspiel für die Münchner absolvieren. Nur 13 Akteure trugen das FCB-Trikot häufiger.

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Begonnen hat alles vor über neun Jahren. Es war ein ungewöhnlich kühler Sommerabend im August, Bayern spielte im Eröffnungsspiel der Bundesliga-Saison 2008/09 gegen den Hamburger SV. Die Münchner legten gut los, führten nach einer Viertelstunde mit 2:0, kamen letztendlich aber nicht über ein 2:2 hinaus. Daran konnte auch Müller nichts ändern, der ziemlich genau einen Monat vor seinem 19. Geburtstag sein Debüt für die Profis des deutschen Rekordmeisters feierte.

Von van Gaal entscheidend gefördert

2008, das waren noch andere Zeiten beim FC Bayern. Zeiten, in denen weiße Buddhas die Dachterrasse am Trainingsgelände an der Säbener Straße zierten. Zeiten, in denen Jürgen Klinsmann an der Seitenlinie stand und Spieler wie Michael Rensing, Christian Lell, Massimo Oddo oder Andreas Ottl regelmäßig zum Einsatz kamen. Von ihrer heutigen Klasse waren die Bayern weit entfernt, Deutscher Meister wurde am Ende dieser Saison der VfL Wolfsburg und Thomas Müller blieb eine Randnotiz. Abgesehen von jenem denkwürdigen HSV-Spiel war er wettbewerbsübergreifend zu nur vier weiteren Kurzeinsätzen gekommen. 

Kurz darauf sollte dann alles besser werden. Für die Bayern, aber auch für Thomas Müller. Wobei das eine unweigerlich mit dem anderen zusammenhing. Die Münchner engagierten Louis van Gaal als neuen Cheftrainer, und der Niederländer sagte schon nach wenigen Trainingseinheiten: "Thomas Müller spielt bei mir immer."

In der ersten Saison, in der Müller immer spielte, holte der FC Bayern das Double, stand zudem im Finale der Champions League. Entscheidenden Anteil daran hatte eben dieser junge unbekümmerte Mann mit dem prominenten Namen, der sich mit 19 Toren und zehn Vorlagen in 52 Pflichtspielen in Rekordzeit in den Fokus spielte. "Wenn es um den größten Förderer geht, komme ich um Louis van Gaal nicht herum. Er hat mich ins kalte Wasser geworfen", erinnerte sich Müller  im Goal -Interview vor knapp einem Jahr. "Natürlich", erklärte der inzwischen 27-Jährige weiter, "hatte ich vorher unter Jürgen Klinsmann in der Bundesliga und in der Champions League gespielt, Louis van Gaal war aber der erste Coach, der kontinuierlich auf mich gesetzt hat."

Thomas Müller GFX German

Kontinuierlich auf Müller gesetzt haben auch van Gaals Nachfolger, zumindest meistens. Aus dem aktuellen Kader der Münchner ist Müller der Spieler mit den meisten Einsätzen, vor Franck Ribery (357) und Manuel Neuer (295). Was die Tore angeht, ist Müller sogar noch weiter vorne zu finden. Nur Namensvetter Gerd (506 Tore) sowie der aktuelle Vorstandsvorsitzende Karl Heinz-Rummenigge (217) trafen häufiger für Bayern als Müller (161).

Der Durchbruch und erste Rückschläge

Der Weg zum Leistungsträger war jedoch nicht frei von Rückschlägen. Noch ehe seine Karriere so richtig Fahrt aufgenommen hatte, stand Müller vor einem Wechsel zur TSG 1899 Hoffenheim. Erst als klar war, dass van Gaal die Nachfolge von Klinsmann antreten würde, entschied er sich zum Verbleib. Nach seinen beiden Doppelpacks innerhalb von vier Tagen gegen Borussia Dortmund am 5. Spieltag und gegen Maccabi Haifa im Auftaktmatch der Königsklasse war er dann endgültig angekommen auf der großen Bühne.

"Für mich war das Spiel in Haifa sehr wichtig. Nicht nur wegen meiner zwei Tore, sondern weil ich da in einem schwierigen Spiel eine stabile Leistung gebracht habe. Ich würde sagen, das war der Durchbruch. Danach bin ich auch immer dringeblieben", erinnerte sich Müller 2010 im Interview mit dem Münchner Merkur.

Es folgten viele Höhepunkte, bis Müller während der Saison 2011/12 seine erste Krise durchlebte. 1162 Minuten blieb er zwischenzeitlich torlos, wurde unter anderem von Franz Beckenbauer scharf kritisiert. Bei der WM 2010 in Südafrika noch der gefeierte Held, bester Nachwuchsspieler und bester Torschütze, verlor Müller in der Nationalmannschaft während der EM 2012 in Polen und der Ukraine nach der Vorrunde seinen Stammplatz. Die Nichtberücksichtigung fürs Halbfinale gegen Italien bezeichnete er im Gespräch mit dem Stern einmal als "vielleicht bittersten Moment meiner Karriere".

Plötzlich umstritten

In dieser Zeit reifte Müller, bewies Nehmerqualitäten. Und er kam zurück, stärker und effektiver als je zuvor. Am Triple-Gewinn 2013 hatte er entscheidenden Anteil, in der Saison 2014/15 traf er in 31 Bundesliga-Spielen 20-mal. Müller entwickelte sich zu einer der prägendsten Figuren einer erfolgreichen Ära, zu einem Gesicht des FC Bayern. 

Thomas Müller GER GFX 2

Zuletzt allerdings litt sein sportlicher Status. Wohlgemerkt auf hohem Niveau. Trotz vieler Vorlagen steckte oder steckt Müller in einer Schaffenskrise. Weil er nicht mehr so regelmäßig trifft wie zuvor. Weil er nicht mehr unumstritten ist. Weil er plötzlich nicht mehr immer spielt. "Ich weiß nicht genau, welche Qualitäten der Trainer sehen will, aber meine sind scheinbar nicht hundertprozentig gefragt", sagte Müller, nachdem er beim 2:0-Sieg bei Werder Bremen 73 Minuten lang auf der Bank gesessen hatte.

Joachim Löw schenkte ihm daraufhin in der Nationalmannschaft das Vertrauen. Beim 6:0-Kantersieg gegen Norwegen am Montag legte Müller Timo Werner beide Tore auf, das eine mustergültig per Flanke, das andere mit der Hacke. Sehenswert, nicht staksig. Und weil er es kann, setzte er auch noch Toni Kroos per Absatzkick in Szene. "Ich hoffe, dass sich Bayern bewusst wird, dass er eine Identifikationsfigur ist. Ich würde mir wünschen, dass man als Verein sagt: 'Der muss spielen.' Für ihn kommen die Leute ins Stadion, er hat unheimliche Qualitäten. Und gerade als Stürmer braucht man ein bisschen Rückendeckung", forderte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff zuletzt. 

Müller, so scheint es, steht beim FCB vor einer richtungsweisenden Saison. Er will wieder wichtig werden. So wichtig, dass er in den wichtigen Spielen auf dem Rasen steht. Nicht nur gegen die Hamburgs oder Augsburgs, sondern gegen Mannschaften aus Paris, Barcelona oder Madrid.

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