Streik, Mordverdacht, Unternehmer - Das rastlose Leben des Asamoah Gyan

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Das Leben des Asamoah Gyan ist geprägt von unglaublichen Wendungen und Anekdoten. Dies ist die Geschichte über einen Mann, der nie zur Ruhe kommt.


HINTERGRUND

Es ist ein kühler Wintermorgen in Kayseri mitten im Herzen der Türkei. Auf dem Trainingsgelände des ansässigen Vereins Kayserispor ist niemand zu finden, denn wie in der Bundesliga ist auch in der Süper Lig Winterpause. Die Profis sollen sich von der strapaziösen Hinrunde erholen, mit ihren Familien Kräfte tanken. Ein Spieler des Tabellenfünften braucht jedoch keine Pause, könnte sich sowieso keine nehmen, denn er hat viel zu viel zu tun. Der Grund: Asamoah Gyan ist rastlos, ein ständig Suchender, ein Positiv-Wahnsinniger. 

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Die Suche nach der Antwort, warum Gyan aus seiner Mannschaft heraussticht, warum er aus jeder Mannschaft der Welt herausstechen würde, muss man in Accra beginnen. Dort wird er am 22. November 1985 geboren. Die Stadt ist das pulsierende Zentrum Ghanas, in seiner Kindheit merkt der kleine Asamoah schnell, was Wirtschaftswachstum und Wohlstand bedeuten, muss aber auch die Armut und Verelendung in den Randbezirken miterleben. Die zwei Gegensätze Wohlstand und Armut werden zu den treibenden Kräften seines Handelns - und sind es bis heute.

Schneller Wechsel nach Europa

Schnell wird Gyan damals klar: Durch den Fußball kann er zu Geld kommen, dem Elend entfliehen. Sein Talent und seine Zielstrebigkeit führen dazu, dass er den Traum tatsächlich verwirklichen kann. Früh spielt er in der ersten ghanaischen Liga bei Liberty Professionals, wo zum Beispiel auch Kwadwo Asamoah, Sulley Muntari oder Michael Essien ihre ersten Schritte gemacht haben. Nachdem ihn Udinese Calcio mit nur 17 Jahren nach Europa holt und er kurze Zeit später sogar sein Debüt in der Nationalmannschaft gibt, ist vielen bewusst: Hier reift ein Großer heran. 

Asamoah Gyan Udinese Calcio 19052007

Nach elf Toren für Udine wechselt er 2008 für acht Millionen Euro zu Stade Rennes, weitere zwei Jahre und 14 Tore später schon für das Doppelte zu Sunderland in die Premier League. Bei den Black Cats schlägt er voll ein, in seinem ersten Jahr gelingen im zehn Tore und fünf Assists. Es ist eine sportlich erfolgreiche Zeit, eigentlich stehen ihm viele Türen offen.

Bruch bei Sunderland

Dann aber folgt der Bruch, Gyan, der wegen seines Bruders stets die Nummer 3 auf dem Rücken trägt, aber nie verriet, was es damit genau auf sich hat, möchte seinen Prinzipien folgen, die ihn ja schon nach England geführt haben. Fußball ist sein Beruf, er möchte damit Geld verdienen. Niall Quinn, damals Vorsitzender bei Sunderland, beschrieb die Situation wie folgt: "Seitdem Gyan zur Saisonvorbereitung zu uns zurückkehrte, versuchten Leute ihn zu einem Wechsel zu bewegen. Wir hofften, dass das vorübergehen würde und er die Anfragen aus der Premier League, der Türkei und Frankreich nicht beachten würde." Gewissermaßen werden diese Hoffnungen erfüllt, anders jedoch, als Quinn sich das gewünscht hätte : Der Ghanaer möchte zu Al-Ain FC in die Vereinigten Arabischen Emirate wechseln.

Seinem Wechselwunsch verleiht er durch derart lustlose Trainingsleistungen Nachdruck, dass Trainer Steve Bruce ihn 2011 verärgert in die Emirate ausleiht. Lange vor Ousmane Dembele und Philippe Coutinho weiß er, wie man einen Verein zu einem Wechsel bewegt. Dort, so vermeldet es Allsport.com.gh , verdient Gyan 200.000 Dollar pro Woche. Mit diesem Vertrag hat er ausgesorgt - und kann sein Geld endlich einsetzen. 

Er investiert in seine Stiftung, die er bereits zu Premier-League-Zeiten gegründet hatte, und in seine Fußballakademie in Ghana. "Ich musste viele Prüfungen bestehen und nun, wo mich Gott mit Glück verwöhnt, ist es an der Zeit, etwas an mein Volk zurückzugeben", beschreibt er seine Beweggründe.

Nationalheld und Mordverdacht

Nicht erst durch seine wohltätige Hilfe wird Gyan zum Nationalhelden. Bereits bei der WM 2006 ist er der Hoffnungsträger eines ganzen Landes. Beim Achtelfinaleinzug in Deutschland gelingt ihm ein Tor, vier Jahre später kommen die Black Stars sogar ins Viertelfinale. Der Mittelstürmer steuert drei Tore bei, selbst ein verschossener Elfmeter und das damit verbundene Ausscheiden trüben sein Bild in der Öffentlichkeit nicht. Im Gegenteil: Das Bild des bitterlich weinenden Gyan geht um die Welt und macht ihn zum tragischen Helden.

Asamoah Gyan Ghana WM 2010 02072010

Nur vier Jahre nach Südafrika erschüttert ein Schock Ghana: Gyan, das Idol der Massen, wird des Mordes verdächtigt. Im Juli 2014 verschwinden während eines Wochenendausfluges der bekannte Rapper Theophilus Tagoe alias Castro und seine Freundin, beide waren nicht von einer Jet-Ski-Tour zurückgekehrt. Gyan kennt den Musiker, weil er mit ihm zusammen 2010 die Band Baby Jet gegründet hat, mit dem Lied African Girls standen sie sogar auf Platz eins der ghanaischen Musik-Charts.

Die Vermutung: Der Stürmer habe seinen Bandkollegen spirituell geopfert. Schon seit geraumer Zeit wird über ihn gesagt, er führe Rituale durch, was er jedoch immer wieder bestreitet. Anklage wird jedoch nicht erhoben, es gibt auch keine Beweise, trotzdem muss sein Anwalt Kissi Agyabeng klarstellen: "Wir nehmen diese Gelegenheit war und stellen ohne jeden Zweifel  fest, dass wir für das Verschwinden von Castro und Janet Bandu nicht verantwortlich sind."

Gyan, der Unternehmer

Doch Gyan wäre nicht Gyan, wenn er sich nicht von den Vorwürfen erholt hätte. Nach einem missglückten Engagement in China konzentriert er sich voll und ganz auf sein Imperium. Als dessen rastloser Kaiser gibt es immer wieder neue Herausforderungen, immer neue Aufgaben, die ihn antreiben. Er investiert in Lebensmittelimporte, gründet 2012 "Mama Vits", die Marke hat bei Reis- und Nudelprodukten in Ghana inzwischen einen hohen Marktanteil.

Danach widmet er sich immer neuen Firmen, das Eventmanagement-Büro JetLink ist eine davon. Weitere Unternehmen sind: Baby Jet Box-Promotion, das junge Boxer fördert und vermarktet, Baby Jet Plaza, ein großes Einkaufs-Center in Accra, Paradise Pac Water, die Wasser abfüllen und verkaufen, Asamoah Gyan Estates, eine Immobilienfirma, BJ3 Clothing, eine Modelinie. Des Weiteren befinden sich mehrere Hostels und ein Bus-Unternehmen in seinem Besitz, die in Afrika berühmte Asa-Band gehört ebenfalls zu seinem Reich.

Gyans neueste Erwerbung ist die Lizenz für eine Fluggesellschaft in Ghana. Der Präsident des Landes, Nana Akufo-Addo, warb persönlich um Unterstützung für das neue Unternehmen. "Es ist eine große Ehre, dass der Präsident mein Geschäft angekündigt hat und es ist positiver Druck", sagte der Stürmer gegenüber CNN zu den Äußerungen Akufo-Addos. Dass er seine Neu-Erwerbung, die als Baby Jet Airline ab Mitte 2018 buchbar sein wird, nicht nur als Investment sieht, ist für den 32-Jährigen selbstverständlich: "Ich will lernen, Pilot zu sein. Hoffentlich kann das ein Teilzeitjob werden."

Neuer Anlauf in der Türkei

Bei allen Aktivitäten und Projekten ist eine Liebe aber noch lange nicht erloschen: die zum Fußball. Deshalb wechselt er im vergangenen Sommer in die Türkei zu Kayserispor. Durch Verletzungen konnte er allerdings bis jetzt nur fünf Spiele machen, viermal davon wurde er eingewechselt. Trotzdem schwärmt man in der Türkei bereits von ihm, der Grund ist sein einziges Tor: Das gelang ihm in der fünften Minute der Nachspielzeit zum 3:3 Unentschieden gegen Fenerbahce.

In der Heimat Ghana hat der Weltenbummler ohnehin nie an Ansehen verloren, in der Stadt Kumasi, die mit rund zwei Millionen Einwohnern etwa gleich groß wie Accra ist, wurde ihm zu Ehren sogar eine Statue errichtet. Denn sie lieben ihn, ungeachtet der Skandale - er gab etwa öffentlich zu, seine Frau betrogen zu haben - und er liebt sie. Die Menschen in Ghana, die oft so wenig haben, während er in einem Drei-Millionen-Dollar-Anwesen wohnt.

"Es ist mein Wunsch, meinem Land zu helfen, Jobs zu schaffen und auch selber ein gutes Leben nach dem Fußball zu haben", sagte er in einem Interview mit CNN. Wegen seines großen Engagements für die Entwicklung seines Heimatlandes und für den Fußball erhielt er von einer ukrainischen Universität sogar den Ehrendoktortiel, über den er sagt: "Das wird mich weiter anspornen, mehr zu tun." Wenn Asamoah Gyan dem Fußball den Rücken kehrt, verliert der Sport zwar eine schillernde Gestalt, der verrückte Gyan aber wird auch fernab des Fußballs und nach der endgültigen Rückkehr nach Ghana weiter für Schlagzeilen sorgen. 

Dann wird er wieder in Accra sein, dort, wo alles begonnen hat. Und es wird ein bisschen wie damals sein. Mit einem Lächeln auf den Lippen wird er niemals inne halten, niemals Ruhe einkehren lassen - sondern rastlos immer weiter auf der Suche nach einer neuen Aufgabe sein.

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