Steve McManaman: Beim FC Liverpool als Verräter geächtet, in Madrid als Gentleman gefeiert

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Steve McManaman wechselte einst unter großer Fan-Wut vom FC Liverpool zu Real Madrid. Dort erarbeitete er sich einen Kultstatus.


HINTERGRUND

Der englische Fußball der späten 1990er Jahre: David Beckham, bekannt für seine brillanten Flanken und Freistöße, zusätzlich Poster- und Glamourboy einer ganzen Nation, Tony Adams, resoluter Kämpfer, ein echter Leader. Sol Campbell, nicht minder resolut, gladiatoresk in der Zweikampfführung, Alan Shearer, der Inbegriff des Strafraumstürmers, wie geboren für die Kick-and-Rush-Mentalität. Eine Philosophie, die letztlich weder schön noch sonderlich erfolgreich, allerdings zu jener Zeit gang und gäbe war. 

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Neben den Beckhams, Adams', Campbells und Shearers, ragt ein Engländer heraus, der mit imponierender Technik und damit verbundenen Dribbelkünsten ausgestattet war: Steve McManaman, der fußballerische Schöngeist in einer Ansammlung von begabten Pragmatikern. Er legt denn auch eine Karriere hin, die in jener Zeit so gar nicht "englisch" ist.

Einige Autominuten von Liverpool entfernt, in Bootle, geboren, heuerte der dynamische Linksaußen im Alter von 14 Jahren beim großen FC Liverpool an, obwohl er als Kind für den Stadtrivalen FC Everton geschwärmt hatte. Bei den Reds durchlief er sämtliche Jugendmannschaften, ehe Trainer Kenny Dalglish ihn 1990 in den Profi-Kader berief. Fortan entwickelte sich der Lockenkopf an der Anfield Road an der Seite von Klub-Legende Ian Rush zum unumstrittenen Stammspieler, holte nur zwei Jahre später den FA Cup und weitere drei Jahre darauf auch den Liga-Pokal.

Steve McManaman FC Liverpool Im Finale des Liga-Pokals zum Man of the Match gekürt: Steve McManaman

Es sollten die einzigen Trophäen sein, die McManaman in seinen neun Jahren beim damaligen Rekordmeister in den Himmel recken durfte. Am Ende standen weit über 300 Pflichtspieleinsätze zu Buche, 66 Treffer erzielte "Macca", wie er von den Anhängern genannt wurde.

Ebenjene Fans, die dem Eigengewächs beinahe ein komplettes Jahrzehnt zugejubelt hatten, stellten sich im Sommer 1999 gegen McManaman. Vornehmlich, weil er zuvor ein Angebot für eine Vertragsverlängerung ausgeschlagen hatte und im Zuge dessen bei Real Madrid unterschrieb, ohne seinem Ausbilderverein auch nur einen müden Penny einzubringen. Ein Verräter sei er, so der einstimmige Tenor der Kopites, die ihrem einstigen Star Söldnertum vorwarfen.

Ablösefreier Wechsel dank Bosman-Urteil

Der Grund für den ablösefreien Wechsel: das so genannte Bosman-Urteil aus dem Jahr 1995. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, die seither besagt, dass Profi-Fußballer innerhalb der Europäischen Union nach Ende des Vertrages ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen.

"Es ging mir dabei nicht ums Geld, der Vertrag, den Liverpool mir damals anbot, war praktisch genauso lukrativ", erklärte McManaman 2016, lange nach seinem Karriereende, im Interview mit dem Liverpool Echo und führte aus: "Ich hatte damals noch nie in der Champions League gespielt. Ich war sehr gut und wollte wissen, ob ich auch auf diesem Niveau mithalten kann. Ich musste etwas Neues ausprobieren."

An Angeboten von europäischen Top-Klubs mangelte es jedenfalls nicht: "Ich wollte unbedingt ins Ausland, weil es mir nicht gefallen hätte, gegen Liverpool zu spielen. Barcelona, Juventus und Real Madrid, sie alle hatten ihr Interesse bekundet. Beinahe wäre ich nach Italien gegangen, hatte bereits Italienisch-Stunden genommen und mich mit Ian Rush und David Platt ausgetauscht. Letztlich entschied ich mich aber doch für Madrid. Ich meine, sie waren wohl das beste Team der Welt. Dieses weiße Trikot, Di Stefano, Puskas, all das verbindet man mit Real."

Ex-Trainer Roy Evans: "Es war nicht Steves Schuld"

McManamans Ex-Coach beim LFC, Roy Evans, nahm seinen ehemaligen Schützling gegenüber The Anfield Wrap zuletzt hinsichtlich der damaligen Fan-Anschuldigungen in Schutz: "Ich denke, es war eine harte Zeit für ihn. Besonders, weil er ablösefrei ging. Aber es war nicht Steves Schuld. Es gibt Phasen im Leben, da sucht man eine neue Herausforderung und Steve hat Real als sehr große Herausforderung für sich ausgemacht." 

David Beckham Steve McManaman England Gemeinsam für England: McManaman und David Beckham (l.)  

Tatsächlich mutete die Entscheidung McManamans nachvollziehbar an, wurde aber auf der Insel kontrovers diskutiert. Ein Engländer, den es aus der heimischen Liga nach Spanien oder generell ins Ausland zieht, war zu dieser Zeit mindestens unkonventionell und ist es letztlich bis heute. Nach Laurie Cunningham, der zwischen 1979 und 1984 die Fußballschuhe für die Blancos schnürte, war McManaman erst der zweite britische Profi, der zu Real wechselte.

Raul: "Die Umkleidekabine ist eine Grube von Lügen und Verrat"

Allerdings fand der Offensivmann in der spanischen Hauptstadt ein fragiles Mannschaftsgefüge vor. Superstar Raul sagte beispielsweise: "Die Umkleidekabine ist eine Grube von Lügen und Verrat. Für die neuen Spieler, wie Steve McManaman, tut mir das leid. Wenn er glaubt, dass er zu einem der besten Klubs der Welt wechselt, dann liegt der falsch."

Doch nicht nur innerhalb des Teams lag zwischenmenschlich einiges im Argen, auch in der Führungsebene krachte es, noch bevor McManaman bei den Iberern aufschlug. Guus Hiddink, der sich vehement für den Transfer des Liverpoolers eingesetzt hatte, wurde im Februar 1999 aufgrund schlechter Ergebnisse freigestellt, für den Niederländer übernahm John Toshack das Zepter als Übungsleiter. Der Waliser setzte zunächst auf den Neuankömmling, der das Vertrauen sogleich zurückzahlte, im ersten Ligaspiel bei RCD Mallorca als Joker die Vorlage zum späten 1:1 durch Fernando Morientes beisteuerte. In der Nachspielzeit ließ Raul sogar noch den Siegtreffer folgen.

Eine Woche später markierte McManaman beim 4:1 über Numancia sein erstes Tor für Los Merengues, nachdem er in der Halbzeit für Guti ins Spiel gekommen war. Das, was jedoch im Anschluss an den gelungenen Saisonstart folgte, hatte nichts mit den viel bemühten Galaktischen gemein. Real stürzte in der Folge auf den achten Tabellenplatz ab, Toshack musste im November, nur neun Monate nach Amtsantritt, seinen Hut nehmen.

Real stürzte auf Platz 17 ab

Vicente del Bosque ersetzte ihn. Hofften die Anhänger der Madrilenen auf einen Umschwung unter dem Spanier, dem aus seiner Zeit als Spieler sowie Co-Trainer ein gewisser Stallgeruch anhaftete, verschärfte sich die sportliche Talfahrt nur noch mehr und gipfelte in einem 1:5 vor heimischer Kulisse gegen Real Saragossa und dem Absturz auf Rang 17.

Zum Abschluss der Spielzeit arbeitete sich die hochdekorierte Truppe noch auf einen verhältnismäßig passablen fünften Platz vor. Ein ganz anderes Gesicht zeigte Real indes in der Champions League. Obwohl man gleich dreimal (2:4, 1:4 in der Gruppenphase, 1:2 im Halbfinal-Rückspiel) dem FC Bayern unterlag, buchte man dank eines 2:0-Heimerfolges über die Münchner das Ticket fürs Finale in Paris.

Steve McManaman Real Madrid FC Valencia  McManaman erzielte mit einem herrlichen Volleytor das zwischenzeitliche 2:0 im Champions-League-Finale 2000

Und ebenda schlug sie, die große Stunde McManamans: Im Endspiel gegen den FC Valencia traf der Neuzugang in herausragender Manier, als er die Kugel außerhalb des Sechzehners via Scherenschlag volley ins rechte untere Eck manövrierte. Nach 90 Minuten stand ein souveränes 3:0 auf der Anzeigetafel des Stade de France, Real hatte sich nach einer Seuchensaison Europas Krone aufgesetzt – und McManaman war als erstem Engländer das Kunststück gelungen, mit einem ausländischen Klub die Königsklasse zu gewinnen.

Ganz nebenbei schoss sich der Mann von der Mersey an jenem Abend endgültig in die Herzen der fanatischen Real-Fans. Im gleichen Sommer endete die Präsidenten-Ära von Lorenzo Sanz, unter dessen Führung der Rekordmeister unter anderem zweimal die Champions League nach Madrid geholt hatte, weil Gegenkandidat Florentino Perez vor der prestigeträchtigen Wahl großspurig angekündigt hatte, etliche Top-Stars für viel Geld ins Bernabeu locken zu wollen.

Unter Florentino Perez: Real Madrid wird galaktisch

Er hielt letztlich Wort, fädelte nur Wochen später den Transfer von Luis Figo ein, der für die damals utopische Ablösesumme von umgerechnet 60 Millionen Euro vom Erzrivalen FC Barcelona kam, für Zinedine Zidane überwiesen die Königlichen ein Jahr später sogar satte 77 Millionen Euro an Juventus Turin. Die Galacticos waren geboren.

Ganz zum anfänglichen Leidwesen McManamans, der nach Figos Ankunft von del Bosque degradiert wurde. "Ich habe Steve gesagt, dass er andere Spieler vor sich hat und dass die Chancen auf viel Spielzeit gering sind", erklärte der Trainer damals. Nicht nur das, Perez forcierte sogar einen Verkauf McManamans, um nach der kostspieligen Figo-Verpflichtung wieder etwas Geld in die leeren Kassen zu spülen.

Der Engländer blieb standhaft, gab sich kämpferisch: "Jeder wird seine Möglichkeiten bekommen und ich warte auf meine. Es wird eine lange und harte Saison mit vielen Spielen und Wettbewerben. Ich möchte bleiben und um meine Position kämpfen." Bei den Fans stand er ohnehin weiter hoch im Kurs, genoss gar Kultstatus. 90 Prozent der Madridistas sprachen sich gegen einen Verkauf aus. Eine Trotzreaktion, die sich bezahlt machen sollte. 28 Liga-Einsätze und elf Auftritte in der Königsklasse sprachen eine deutliche Sprache, seine erste spanische Meisterschaft gab es als Belohnung obendrauf.

Nicht nur aufgrund seiner Leistungen auf dem Platz erfreute sich McManaman bei Anhängern und Mannschaftskollegen großer Beliebtheit. Er hatte innerhalb kürzester Zeit Spanisch gelernt, identifizierte sich mit Verein und Stadt und trat stets freundlich auf. "Er war ein echter Gentleman, ein großartiger Junge", verriet del Bosque 2015 im Gespräch mit dem englischen Guardian und schob nach: "Er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen, beschwerte sich nie und war ein Anführer. Steve verstand sich mit jedem gut und verstand es, Menschen zu vereinen."

Steve McManaman Real Madrid FC Valencia McManaman (M.) mit dem Henkelpott im Anschluss ans Finale 2000

Vier Jahre lang spielte McManaman eine entscheidende Rolle bei einem der größten Vereine der Welt, war kein Mitläufer, sondern fester Bestandteil der Galaktischen, zu denen später noch Brasilien-Torjäger Ronaldo und Beckham stießen.

Englands Exportschlager Nummer eins

Letzterer durfte von der Titelausbeute seines Landsmannes übrigens nur träumen, als er Madrid 2007 in Richtung Los Angeles verließ.  Nach einem internen Machtkampf zwischen del Bosque und Perez wurde McManaman im Sommer 2003 zu Manchester City abgegeben. Mit einem weiteren Champions-League-Triumph und einer erneuten Meisterschaft im Gepäck ging es zurück in die Heimat, wo er nie an seine Erfolge und Leistungen anknüpfen konnte.

Und so klang sie zwei Jahre später aus, die ruhmreiche Laufbahn Maccas. Mittlerweile wird er zwar auch in Liverpool als "Legende" deklariert, ist mit den Fans im Reinen. Dass der Junge, der in einer Zeit des Pragmatismus im englischen Fußball aufwuchs, letztlich in einem Atemzug mit den ganz großen Real-Ikonen genannt wird, verdankt er seinem in die Wiege gelegten Talent, dem Habitus, das Außergewöhnliche wagen zu wollen und dem unerbitterlichen Willen, den Konkurrenzkampf auch in schweren Zeiten anzunehmen. Das wissen sie besonders in Madrid noch heute zu schätzen.

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