News Spiele
Exklusiv

Sonny Pike: Englands größter Kinderstar und die Geschichte des Scheiterns unter zu viel Druck und Aufmerksamkeit

10:00 MESZ 02.04.18
Sonny Pike Ajax
Das einstige Top-Talent spricht über den Faktor Psyche im Fußball und wie er von einem zwölfjährigen Star zu einem 18-Jährigen mit Burn-Out wurde.

EXKLUSIV

Nervös rutscht Sonny Pike auf seinem Stuhl hin und her. "Wenn Sie mich vor fünf Jahren gefragt hätten, ob ich das hier tun möchte", gesteht er, "dann wäre ich weggelaufen und über alle Berge gewesen."

NxGn 2018: Die besten Teenager der Welt

Aber nun ist er da und sitzt im Cafe der berühmten Nachwuchsakademie von Ajax Amsterdam. Bereit, willens und auch in der Lage, bei Goal seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die davon handelt, wie er einst für einen der ruhmreichsten Klubs der Welt auflief und dann einen nervlichen Zusammenbruch erlebte.

Sonny Pike: "Ich wollte einfach nur Fußball spielen"

Noch bevor er 20 Jahre alt war, hatte er seine Idole getroffen, Ajax Amsterdams Europapokalsieger von 1995. Er war in der britischen Comedy-Sendung "Fantasy Football" aufgetreten und hatte in zahlreichen Kampagnen für große Unternehmen wie Coca-Cola und McDonald’s geworben.

Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

"Ein Teil von mir wünscht sich, ich hätte niemals etwas mit all dem zu tun gehabt", sagt der heute 35-jährige Pike nun: "Ich wollte einfach nur Fußball spielen. Aber irgendwie bin ich in all das hineingesogen worden. Geplant war es so nicht."

Er ergänzt: "Ich wollte nicht Fußball spielen, damit ich berühmt oder ein Star werde. Alles, was ich wollte, war, ein Fußballer zu sein."

Stattdessen wurde Pike ein Werbeinstrument. Ein Posterboy der gerade startenden Premier-League-Ära, die ihn auslutschte und dann ausspuckte, als sie ihn für ihre Zwecke nicht mehr brauchte. Mehrere Berater, Werbefachleute und sogar sein eigener Vater nutzten ihn aus.

Erste fußballerische Schritte auf der Straße in Enfield

Als er 18 Jahre alt war, war der "nächste Ryan Giggs" ein emotionales Wrack, das nicht einmal mehr ein Fußballspiel anschauen konnte. Geschweige denn in einem mitwirken.

Nun, knapp zwei Jahrzehnte später, kehrt er zurück nach Amsterdam und will mit seiner Vergangenheit abschließen – und andere vor der Schattenseite des "Beautiful Game" warnen.

Pike wurde im Londoner Stadtteil Enfield geboren und wuchs dort auch auf. Auf der Straße verliebte er sich schon als kleiner Junge in den Fußball. Stunden verbrachte er dort damit, einen Ball mit den Füßen durch die schmalen Lücken zwischen den Stufen der Wendeltreppe vor dem Haus seiner Eltern zu bugsieren.

Lächelnd erinnert er sich daran: "Ich habe das nur selten hingekriegt. Aber wenn, dann rannte ich herum und jubelte. Tagelang war ich anschließend in Hochstimmung."

Mit 14 hatte Sonny Pike bereits vier oder fünf Berater

Im Alter von sechs Jahren schloss er sich den Enfield Colts an und absolvierte bei diesem kleinen Verein seine ersten Partien. Zunächst noch im Tor, ehe er schnell merkte, dass diese Position nichts für ihn war. "Ich wollte mehr am Spiel teilhaben", erklärt er: "Und außerdem: Wenn es kalt ist und regnet, dann macht es wenig Spaß, die ganze Zeit nur rumzustehen."

Also lief der junge Sonny einige Positionen weiter vorne auf und fühlte sich gleich pudelwohl. Pike ragte aus seiner Mannschaft schnell heraus – nicht nur wegen seiner langen Locken. Er erzielte ein Tor nach dem anderen und als er zehn Jahre alt war, spielte er für den Enfield Football Club, wo er weiter der Torjäger vom Dienst war.

Pike sagt: "Ich erinnere mich an ein Spiel, das wir mit 14:2 gewannen und ich 13 unserer Tore erzielte. Ich schnappte mir einfach den Ball und rannte frontal auf das Tor zu."

Ein simple, aber höchste effektive Taktik, die nicht nur größere Klubs, sondern auch Spielerberater anlockte. "Mit 14 hatte ich schon vier oder fünf. Und das waren nicht nur irgendwelche Typen aus der Nachbarschaft, sondern Berater, die Spieler in der Premier League als Klienten hatten", erinnert sich Pike.

Bei Ajax Amsterdam lebte er seinen Traum

Es war aber kein Berater, sondern ein Trip mit Enfield in die Niederlande, der Pikes Leben für immer veränderte. Er erklärt: "Als wir zurückkamen, wurde ich gefragt, ob ich nicht noch einmal hinfahren möchte. Für ein Probetraining bei Ajax. Ich sagte: 'Warum nicht? Das wird eine tolle Erfahrung'. Ajax war damals, was Barcelona heute ist. Die Mannschaft hatte in dem Jahr die Champions League gewonnen und alle Kinder träumten davon, dort zu spielen."

Pike fuhr nach Amsterdam und die Eindrücke dort waren überwältigend: "Wenn ich mich heute noch an diese Dinge erinnere … Die erste Mannschaft damals zu sehen, das werde ich nicht vergessen. Da waren (Frank) Rijkaard, (Marc) Overmars, (Jari) Litmanen, die De-Boer-Brüder ... Ich weiß noch, dass ich damals zu mir gesagt habe: 'Das hier ist wirklich nicht zu glauben'."

"Die ganze Erfahrung hat mir den Kopf verdreht. Einfach nur dort zu sein, mit diesem Trainingsanzug mit dem kleinen Wappen und auf diesem Trainingsgelände zu trainieren – das ist der Stoff, aus dem Träume sind", sagt Pike.

Langsam begann sich Pikes Karriere allerdings zu einem Albtraum zu entwickeln. Bei Ajax war es die ständige Arbeit mit den Medien, die immer mehr zu einer Last auf den Schultern des Jungen wurde. "Ich blieb nicht lange dort. Der Unterschied zwischen mir und den anderen Kids dort war die Aufmerksamkeit, die ich bekam", so Pike, der auch Beispiele nennt: "Ich erinnere mich an das erste Spiel, das wir hatten. Es war um zwei Uhr am Nachmittag. In der Nacht zuvor dachte ich: 'Mensch, das ist solch ein enorm wichtiges Spiel.' Und dann musste ich um fünf Uhr morgens aufstehen, um irgendeine Dokumentation zu drehen. Ich rannte durch Amsterdam und zeigte irgendwelche Tricks. Es erdrückte mich, es war nicht mehr nur Fußball. Diese Medienarbeit und der Rummel – es war einfach non-stop."

"Du wirst dafür bezahlt, du musst weitermachen"

Einen unmittelbaren Ausweg aus der Tretmühle fand der Kinderstar nicht. Diverse Probetrainings bei großen Klubs und vor allem ständig wechselnde und durchaus namhafte Spielerberater mit ihren eigenen Interessen pressten den Jungen aus: "Da gab es einmal einen Werbedreh und meine Beine waren wund, weil ich stundenlang einen Ball jonglieren musste. Es war kalt und ich weiß, dass ich irgendwann sagte: 'Ich habe jetzt genug davon.' Aber es hieß: 'Du wirst dafür bezahlt, du musst weitermachen.' Ich war kaputt, musste nach Hause und ein warmes Bad nehmen. Es war hart und das passierte mehrere Male."

Pike wurde erkannt, wohin er auch ging. Er war zu einem berühmten jungen Gesicht innerhalb des Fußballs geworden. Vor dem Finale des League Cups 1996 zwischen Aston Villa und Leeds United unterhielt er das Publikum in Wembley mit seinen Tricks und Sky Sports kürte ihn zweimal zum "Jugendfußballer des Jahres".

"Als ich den Award zum ersten Mal bekam", erinnert er sich, "da saß Alex Ferguson im Publikum mit (David) Beckham und all diesen Spielern. Und sie riefen: 'Sonny! Sonny!' Es ist schwer, das zu erklären. Aber als Kind konnte ich damit schwer umgehen. Sie waren ja schließlich meine Helden und ich wollte wie sie sein. Nun lobten sie mich und ich dachte bei mir: 'Ich habe es ja noch gar nicht geschafft.' Alles ging einfach zu schnell."

Pikes Ruhm beschränkte sich nicht nur auf England, wie eine andere Anekdote zeigt: "Wir hatten ein Turnier in Dänemark und reisten auf einem normalen Schiff. Da kamen zwei amerikanischen Jungen und hielten das 'Shoot'-Magazin in den Händen. Sie riefen: 'Sonny, Sonny, unterschreib es!' Sie waren in meinem Alter, aber ich war in der Zeitschrift, die ich ihnen signieren sollte. Es war surreal."

Kekse mit Louis van Gaal

Bizarr war für ihn auch der Tag, an dem er den damaligen Ajax-Cheftrainer Louis van Gaal kennenlernte. Mit Ton Pronk, dem Ajax-Scout, der ihn während der Zeit in Amsterdam betreute, und seinem Vater saß er in einem Cafe, trank einen Tee und unterhielt sich. "Dann kam Louis van Gaal an unseren Tisch", schildert Pike: "Ton und er kannten sich und so kamen sie ins Gespräch. Er stand dann auf und holte ein paar Kekse. Ich öffnete sie und nahm mir ein paar davon. Mein Vater hatte keine Ahnung von Fußball und fragte mich, wer das sei und ich antwortete ihm: ‚Das ist der Trainer der ersten Mannschaft'. Es war so aufregend."

Ajax bot ihm einem festen Platz in seiner berühmten Akademie an, doch Pike lehnte ab, weil er in der Nähe seiner Familie bleiben wollte. Er kehrte nach England zurück und wechselte zu Leyton Orient, eine auf den ersten Blick wenig einleuchtende Wahl. Die Medienverpflichtungen nahmen dennoch weiter zu. Trotzdem stimmten die Leistungen auf dem Rasen und es stand ein Transfer zum FC Chelsea im Raum – bis er sich in der Mitte eines Skandals wiederfand, der seine Welt erschütterte.

Pikes Vater Mickey, der das Scheinwerferlicht suchte und seinen Sohn ganz groß rausbringen wollte, hatte Sonny gedrängt, an einer Dokumentation teilzunehmen, die nach seiner Ansicht Nachwuchsstars auf ihrem Weg nach oben begleitete. Bei "Poaching & Coaching" ging es allerdings darum, wie Vereine mit illegalen Zahlungen an Eltern junge Spieler verpflichteten.

"Als es ausgestrahlt wurde und ich es sah, war ich völlig schockiert", sagt Sonny Pike, der zwischen unterschiedlichen Interessen zermalmt worden war und nun die Suppe auslöffeln musste, die ihm andere mit Raffgier und Unwissen eingebrockt hatten. "Ich schaute die Sendung in einem Pub mit meinem alten Trainer Terry (Welch) und ich war verwirrt. Ich lief ziellos durch die Straßen und dachte: 'Was läuft denn hier ab?' Die Zeit verging und plötzlich musste ich von ganz unten starten. Ich durfte für keinen Verein spielen und wurde für ein Jahr gesperrt. Es war schlimm, denn vorher dachte ich noch, ich würde für Chelsea spielen. Mental war das ein Schlag und um ehrlich zu sein: Davon habe ich mich nie richtig erholt."

Folge der umstrittenen Dokumentation war der komplette Bruch zwischen Pike und seinem Vater, den er zum letzten Mal vor 20 Jahren sah. Der Fußball hatte ihm einst geholfen, die Trennung seiner Eltern zu überwinden. Aus dem Drama, in dem er nun steckte, gab es keinen Ausweg.

Er war noch immer der Junge mit dem Engelsgesicht, dessen Beine für eine Million Pfund versichert worden waren und der bei Preisverleihungen an der Seite von Ian Wright und George Best in die Kameras lächelte. Wo er auch spielte, er wurde stets sofort erkannt. Er konnte sich nicht verstecken und der Druck, abliefern zu müssen, war allgegenwärtig.

Ein Spiel gegen Totteham veränderte alles

"Ich ging zum Training und die Augen der anderen Jungen wurden immer größer. Sie waren anders zu mir, während ich einfach nur mit ihnen spielen wollte. Ich wollte wieder Fußball spielen und hatte keine Lust mehr, als der grelle Charakter angesehen zu werden, für den sie mich hielten", beschreibt Pike.

Nachdem er seine Sperre abgesessen hatte, versuchte der 14-Jährige, neu anzufangen: "Ich redete nicht mehr mit meinem Vater. Ich wollte wieder spielen und suchte einen Verein. Ich landete erst bei QPR und dann bei Crystal Palace. Als ich bei QPR war, dachte ich: 'Das ist jetzt meine Chance, wieder in die Spur zu kommen.' Aber vor den Spielen in der Kabine war ich unglaublich nervös. Die Anspannung ging durch die Decke und die Erwartungen waren so hoch."

Dazu kamen noch die Probleme zuhause. Eine Menge Gepäck für einen Jungen in seinem Alter. "Ich machte damals so viel mit. Es passierte eine Menge und ich konnte mich nicht wirklich konzentrieren und ich war nicht mehr derselbe, der ich vorher war. Sogar im Training setzte mir die Nervosität zu. Vorher konnte ich auf dem Fußballplatz alles andere ausblenden und war ein wenig von mir selbst losgelöst. Nun spürte ich nur noch Druck und Verkrampfung. Ich versteckte mich, ich wollte den Ball nicht mehr haben und ich wollte anonym bleiben. Mein Wesen hatte sich verändert."

In einem Spiel für Palace gegen Tottenham war es dann so weit. Pike war mental am Ende. Er leistete sich einige harmlose Stockfehler, trat über den Ball – und hatte keine Lust mehr.

Sonny Pike hatte keinen Plan B

"Die Leute, die es sahen, hielten es für ein paar kleine technische Fehler, aber für mich entwickelte sich das zu einer großen Sache", erklärt Pike: "Mit jedem Fehler spürte ich den Druck steigen und irgendwann marschierte ich einfach vom Spielfeld. Ich gab nicht einmal an, verletzt zu sein, ich verließ einfach die Partie. Der Coach sah mich an, aber ich sagte nur: 'Lass mich gehen.‘ Ich ging direkt in die Kabine, setzte mich und dachte über all das nach, was passiert war. Das war hart, ich war damals 15 oder 16 Jahre alt. Aber ich kann es noch heute spüren. Es war mein letztes Spiel für Palace und ein paar Monate lang trat ich gar nicht mehr gegen den Ball."

Ein Freund überredete ihn schließlich zu einem Wechsel nach Stevenage. Pike stimmte zu. Nicht, weil dies sein großer Wunsch war, sondern weil er das Gefühl hatte, keine anderen Optionen zu haben.

Er gesteht: "Ich dachte bei mir: 'Will ich das alles wirklich nochmal durchmachen?‘ Aber ich wusste auch nicht, was ich sonst tun sollte. Ich saß in meinem Zimmer und überlegte: 'Falls ich kein Fußballer werde, was soll ich dann tun?' Ich hatte keine anderen Pläne und es war nicht so, als könnte ich andere Wege einschlagen. In der Schule hatte ich schließlich auch einiges verpasst."

"Also ging ich nach Stevenage. Aber dort hatte ich nicht mehr den Gedanken: 'Ich will Fußballer werden.‘ Das war vorbei. Vorüber. Ich dachte auch nicht mehr positiv: 'Wenn ich es hier schaffe, dann …' Ich war wie eine leere Muschel. Geistig war ich nicht in der Verfassung, ein Fußballspieler zu werden. Die gesellige Seite dort machte mir mehr Spaß als der Sport. Ich habe mit den Jungs viel gelacht, aber mental war ich nicht mehr bereit, Fußball zu spielen", sagt Pike über seine vorerst letzte Station.

Die Geburt der Tochter hilft ihm wieder auf die Beine

Also hörte er auf. Mehrere Top-Klubs boten ihm die Chance an, seine Karriere per Kickstart wieder in Gang zu bringen. Das Talent war noch da, der Wille aber nicht mehr. Mit 18 hatte er genug vom Fußball.

Pike erzählt, wie er sich eine lange Auszeit vom Fußball nahm und dabei schlechte Entscheidungen traf: "Fünf Jahre lang trat ich nicht gegen einen Ball. Ich dachte nicht einmal an das Spiel. Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich ging also mit Freunden aus, ganz normal, wie andere Jungs in meinem Alter. Dabei brachte ich mich in Situationen, die ich besser gemieden hätte. Ich traf eine Menge schlechter Entscheidungen. Ich wollte mich normal fühlen und nicht mehr dieser langhaarige Junge von Ajax sein. Ich wollte bei den Jungs dazugehören und fühlte mich immer schlechter. Mental hatte ich Schwierigkeiten und ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen."

Pike hatte Selbstmordgedanken. Die Geburt seiner Tochter Freya aber half ihm durch diese dunklen Zeiten. Er machte eine Taxifahrer-Lizenz, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben und seine junge Familie ernähren zu können.

"Als ich mein kleines Mädchen im Krankenhaus in den Armen hielt, dachte ich: ‘Jetzt muss ich den Absprung schaffen und etwas Vernünftiges tun", sagt Pike: "Seitdem habe ich viele kleine Schritte gemacht. Ich bin besser drauf und fühle mich mittlerweile gut. Ich habe meine Kinder, bin verheiratet und habe ein Haus. Ich genieße nun ein ganz normales Leben."

Keine Tricks mehr für die Kamera

Der gereifte Pike wollte eine Rückkehr zu Ajax. Nicht als Spieler, sondern als Ex-Spieler, der seinen früheren Klub besucht. Bei dieser Stippvisite bat ihn eine TV-Crew, doch ein paar Kunststücke mit dem Ball vorzuführen. Das löste allerdings einige unschöne Erinnerungen aus.

"Ich war ziemlich sauer", gibt er zu und ergänzt: "Ich habe abgelehnt. Denn ich muss sicherstellen, dass ich für mich die richtigen Dinge tue. Ich habe nun die Kontrolle und ich habe klargestellt, dass ich das für mich nicht möchte."

Er sei noch immer dabei, seine Jugend zu verarbeiten, sagt Pike: "Das ist ein andauernder Prozess und es fühlt sich komisch an, hier zu sein. Ich kann es nicht verleugnen, denn jeder kennt mich und spricht mich an: 'Du bist doch der Junge mit den langen Haaren, der für Ajax gespielt hat.'"

"Es fühlt sich merkwürdig an. Aber in gewisser Weise bin ich auch stolz auf mich, weil ich weiß, dass ich das aus den richtigen Gründen tue. Und natürlich gibt es auch schöne Erinnerungen, die ich mit diesem Ort verbinde. Mir ist aufgefallen, dass es mir besser geht, wenn ich über meine Erfahrungen spreche", so Pike. Er schaue nun wieder deutlich mehr Fußball und habe auch den Spaß daran neu entdeckt.

Sonny Pike will ein Buch veröffentlichen

Pikes Ziel ist es jetzt, anderen zu helfen. Nun, da er sich endlich wohl dabei fühlt, über seine Erfahrungen zu sprechen, plant er für das kommende Jahr die Veröffentlichung eines Buches, in dem er das Erlebte schildert. Er besucht regelmäßig Jugendakademien und erzählt den Nachwuchskickern von dem Druck, der ihn einst beinahe zerstört hätte.

"In gewisser Weise habe ich mich selbst neu erfunden", gibt Pike zu Protokoll. "So habe ich die Stärke gefunden, zurückzukehren und den Mut erlangt, vor Kindern und auch wieder mit der Presse zu sprechen. Noch vor ein paar Jahren habe ich die Dinge lieber mit mir selbst ausgemacht. Aber ich glaube, nun, da ich mir selbst geholfen habe, bin ich auch in der Position, anderen zu helfen."

Er sagt, er wolle junge Spieler vor dem beschützen, was ihm widerfahren sei. Vor dem Erwartungsdruck, den er so gut kennt wie kaum ein anderer. Und er will nach eigenen Angaben für mehr Verständnis für mentale Probleme werben.

Pike führt aus: "Es ist wichtig, zu berücksichtigen, dass man die mentale Gesundheit nicht sehen kann. Und manchmal ist es wie ein verstopftes Rohr. Der Druck baut sich immer mehr und mehr auf und hat keine Chance, zu entweichen."

"Die Kinder sollen weiter ihre Träume jagen"

"Vor einigen Tagen habe ich mit Arsenal gesprochen und die Idee des Vereins war es, auch die Eltern mit einzubeziehen. Ich hielt das für eine klasse Idee. So können alle zusammen arbeiten und miteinander sprechen. Überall haben Erwachsene Probleme, mit geistigen Erkrankungen umzugehen. Wie sollen es dann Kinder schaffen, wenn man sie damit alleine lässt", fragt Pike.

Er selbst fühlte sich jahrelang allein gelassen. Obwohl seine Mutter Stephanie sich immer redlich bemüht habe, sagt er. Daher wolle er Kindern auch keinesfalls davon abraten, Fußball zu spielen.

Pike geht es darum, dass man sicher stellen müsse, dass Kinder ein unterstützendes Netzwerk haben und Menschen, denen sie sich anvertrauen könnten: "Ich will den Kids sicher nicht sagen, sie könnten es nicht zum Profi schaffen, das ist das Letzte, was ich tun möchte. Meine Mission ist, den Kindern zu sagen, dass sie ihren Traum jagen sollen."

Seine eigenen Träume führten ihn einst nach Amsterdam. Und obwohl die Grübchen von einst nun von einem dunklen Bart verdeckt werden, ist das Lächeln noch immer da, wenn er sich in der Ajax-Akademie umsieht und dort an seine Begegnungen mit Rijkaard, den De-Boer-Brüdern oder Keksen mit Louis van Gaal denkt.

Pike genießt die Vaterrolle

Und weil er auch eine Menge schöne Erinnerungen hat, rät er seinen eigenen Kindern auch sicher nicht von einer Karriere im Fußball ab: "Mein Sohn ist drei Jahre alt und meine Tochter acht. Beide mögen den Fußball. Mein Sohn spielt im Haus die ganze Zeit. Ich schaue ihm zu, wie er mit dem Ball rennt und rufe: 'Ajax! Ajax!' Das ist schon komisch. Aber ich werde immer da sein. Egal, ob meiner Kinder gewinnen, Unentschieden spielen oder verlieren. Das treibt mich an."

Und dann betont Pike: "Manchmal denke ich mir sogar: ‘Ich kann es kaum erwarten, für sie da zu sein, wenn sie Probleme haben sollten.’ Ich weiß, das klingt ein wenig verrückt. Aber diesen Gedanken habe ich. Ich kann es nicht abwarten und ich werde mich um sie kümmern und sie müssen sich niemals Sorgen machen."

Nach diesen Worten lehnt Sonny Pike sich entspannt zurück in seinen Stuhl. Mit der Vergangenheit und mit sich selbst hat er Frieden geschlossen. Ein Fußballer mag er nicht geworden sein. Dafür aber genießt er offensichtlich seine Rolle als Vater.