Sieben Kandidaten, keine Ideallösung: Jogi Löws Rechtsverteidigerproblem

Kommentare()
Getty Images
Der Bundestrainer hat mehrere Baustellen. Die vermutlich größte liegt auf der rechten Abwehrseite. Goal zeigt die Kandidaten, die dort zum Einsatz kommen könnten.

Jeder wusste, dass es schwer wird. Aber dass es so schwer wird? Seit knapp zwei Jahren sucht die deutsche Nationalmannschaft einen Nachfolger für Philipp Lahm. Jahrelang war der Ex-Kapitän als Rechtsverteidiger sowas von gesetzt. Nun ist er zurückgetreten und seine Position wenige Wochen vor der Europameisterschaft noch immer vakant.

Den passenden Mann für die rechte Abwehrseite zu finden, ist eine der Kernaufgaben für Joachim Löw in der Vorbereitung auf die Endrunde. Bei der Nominierung seines 27-köpfigen Kaders verzichtete er darauf, einen gelernten Rechtsverteidiger mitzunehmen. Kandidaten wie zum Beispiel Herthas Mitchell Weiser dürfen nicht vorspielen. Stattdessen hat der Bundestrainer mehrere Spieler, die diese Position "auch" bekleiden können.

Es gibt durchaus noch viele Variablen: Setzt Löw vielleicht auf eine Dreier-Abwehr? Wird der Linksverteidiger Jonas Hector heißen? Wird der Bundestrainer wie in Brasilien auf eine Defensivkette mit vier Innenverteidigern setzen?

Eine Optimallösung wird es nicht geben, soviel ist klar. Vielmehr sucht das Trainerteam nach dem besten Kompromiss und Alternativen gibt es reichlich.

Goal zeigt die Kandidaten, die in Frage kommen:

BENEDIKT HÖWEDES | SCHALKE 04

Es spricht durchaus einiges dafür, dass der Weltmeister auf der rechten Seite das Turnier beginnen wird. Höwedes ist gelernter Innenverteidiger, hat aber auf Schalke und auch in der DFB-Elf bereits auf häufig auf der Position des Rechtsverteidigers gespielt. Er ist ein bärenstarker Zweikämpfer, mit dem die Seite wohl relativ "dicht" wäre. Nicht unterschlagen sollte man allerdings auch, dass der 28-Jährige nicht der allerschnellste Sprinter ist.

Dass Löw ihn auch auf fremden Positionen schätzt, dürfte spätestens seit der WM 2014 klar sein. Da bestritt Höwedes alle sieben Partien auf der linken Abwehrseite und hinterließ dabei einen guten Eindruck. Auf der rechten Außenbahn könnte er nun eine ähnliche Rolle einnehmen, wäre als Rechtsfuß allerdings offensiv gefährlicher als vor zwei Jahren.

Dass er verletzungsbedingt auf Schalke zuletzt kaum Spielpraxis sammelte (nur drei Einsätze in der Rückrunde), muss dabei nicht unbedingt abschrecken: Vor der Weltmeisterschaft in Brasilien musste er zwischenzeitlich nach einem Muskelbündelriss acht Wochen lang zwangspausieren und feierte erst am letzten Bundesligaspieltag sein Comeback als Einwechselspieler.

ANTONIO RÜDIGER | AS ROM

Ähnlich wie Höwedes absolvierte auch Rüdiger seine ersten Länderspiele als Innenverteidiger auf der Position des Rechtsverteidigers. Der ehemalige Stuttgarter ist mittlerweile eine feste Größe im DFB-Kader und hat durch seinen Wechsel zur Roma einen deutlichen Entwicklungsschritt vollzogen.

In Italien kam der physisch ungemein robuste Modellathlet mehrfach auf der rechten Seite einer Dreier-Abwehrkette zum Einsatz. Eine Position also, die der des Rechtsverteidigers nicht unähnlich ist. Rüdiger ist taktisch clever und verfügt über eine ausgeprägte Spielintelligenz, die ihm vor allem bei gegnerischen Pässen in die Tiefe zugute kommt.

Was dem 23 Jahre alten Rechtsfuß allerdings ein wenig abgeht, ist die Dynamik im Spiel nach vorn. Während sein Passspiel sich durch große Sicherheit auszeichnet, kommt er im Eins-gegen-Eins selten durch und seine Flanken haben ebenfalls noch Luft nach oben.

SEBASTIAN RUDY | 1899 HOFFENHEIM


Einer der Spieler, die noch um das Ticket bangen müssen. Dabei ist Rudy einer der Lieblingsschüler des Bundestrainers. Er kann im defensiven Mittelfeld spielen, ist in der Nationalelf aber fast ausschließlich rechts in der Viererkette zum Einsatz gekommen.

Dabei hinterließ er in der Regel einen ordentlichen Eindruck, mit wenig Ausreißern nach oben oder unten. Im letzten Freundschaftsspiel gegen Italien durfte der Hoffenheimer im rechten Mittelfeld ran und sammelte dort mit seiner Leistung und einer Torvorlage durchaus Pluspunkte.

Rudy ist einer von vielen defensiven Mittelfeldspielern, die auf ihrer angestammten Position geringe Aussichten auf Einsätze bei der EM haben. Die Frage ist, wer am Ende ausgesiebt wird. Für den 26-Jährigen spricht, dass er sich nach einer durchwachsenen Saison im Schlussspurt bei der TSG stark verbessert zeigte.

EMRE CAN | FC LIVERPOOL

Drei seiner fünf Länderspiele absolvierte der Liverpooler über 90 Minuten und in allen drei Partien gab er den Rechtsverteidiger. Die Kritiken für den Mittelfeldmann vielen dabei selten positiv aus. Im Gegenteil: Can wirkte übermotiviert und beging viele Fehler.

In Liverpool setzte ihn Brendan Rodgers häufig in einer Dreier-Abwehrkette ein. Der Erfolg war überschaubar und die Leistungen Cans ebenfalls. Erst als Jürgen Klopp ihn auf seine angestammte Position ins Mittelfeld vorzog, deutete der ehemalige Kapitän der U21 sein großes Potenzial an. 

Can ist eher ein Abräumer, der mit seinem großen Aktionsradius und seinen Fähigkeiten als Zerstörer in die Zentrale gehört und nicht unbedingt auf die Außenbahn, wo man ein Gespür für den richtigen Moment des Nach-Vorne-Wagens braucht und das Entblößen der Seite tödlich sein kann.

KARIM BELLARABI | BAYER LEVERKUSEN

Zweifelsohne die verwegenste und offensivste Alternative. Der pfeilschnelle Leverkusener ist eigentlich ein Mann für die Abteilung Attacke. Er hat bei Bayer allerdings schon einmal eine Position weiter hinten gespielt und das ordentlich gemacht. Auch hier gilt: Löw ist alles zuzutrauen.

Bellarabi ist mit seiner Geschwindigkeit ein großer Gewinn für die Außenbahn. Er könnte hier mit Thomas Müller ein famoses Duo bilden – natürlich unter der Prämisse, dass er auch seine Defensivaufgaben nicht vernachlässigt.

Dass der 26-Jährige zum Auftakt gegen Ukraine als Rechtsverteidiger in der Startelf steht, ist unwahrscheinlich. Seine Chancen dürften aber sprunghaft steigen, sollte sich Löw zu einer Dreierkette entschließen. Dann wäre Bellarabi als Mann für die Außenposition im Mittelfeld eine sinnvolle Lösung. Ebenso, wie in einer Viererkette, sollte es einen Rückstand aufzuholen gelten und Löw volles Risiko gehen.

SHOKDRAN MUSTAFI | FC VALENCIA

Hinter dem Weltmeister liegt eine unschöne Saison beim FC Valencia. Er war noch konstantester Defensivspieler in einer schwachen Mannschaft, die mehrere Trainerwechsel erlebte und am Ende alle Saisonziele verfehlte. Mustafi spielte in Valencia ausschließlich in der Innenverteidigung und dort ist er auch am stärksten.

Dennoch sollte der einstige Italien-Legionär auch für die defensive rechte Außenbahn in Betracht gezogen werden, schließlich war er es, der dort bei der WM in Brasilien die ersten Partien absolvierte. Dann verletzte er sich im Achtelfinale gegen Algerien und Kapitän Philipp Lahm rückte zurück. Mustafi wäre die Variante "auf Nummer sicher". Solide nach hinten, aber auch limitiert im Spiel nach vorn.

Vermutlich ist er als Backup Nummer eins für die gesetzten Mats Hummels und Jerome Boateng eingeplant, weniger als ernsthafter Anwärter auf den Startelfplatz des Rechtsverteidigers. Dort spielte er auch seit der WM nicht mehr.

JOSHUA KIMMICH | BAYERN MÜNCHEN

Kimmich ist eine durchaus charmante Alternative, mit der sich viele Fans spontan anfreunden könnten. Dabei verfügt der Shootingstar der Bayern über so gut wie keine Erfahrung als Außenverteidiger. Der gelernte defensive Mittelfeldspieler machte seine Sache als Not-Innenverteidiger beim FCB allerdings in der Rückserie so gut, dass er auch auf der rechten Seite ein Hit sein könnte.

Immerhin fiele dort seine Schwäche bei Kopfbällen nicht so sehr ins Gewicht. Dafür hat er einige andere Vorzüge, die ihn für die Lahm-Rolle prädestinieren: Kimmich ist zweikampfstark und schnell. Er kann ein Spiel lesen und ist gut darin, Räume zu besetzen. Außerdem ist er extrem passsicher und offensiv stärker als die meisten anderen Kandidaten.

Der 21-Jährige kämpft noch um seinen Platz im endgültigen Kader. Seine Vielseitigkeit ist gewiss ein großes Plus und da Jogi Löw immer für eine Überraschung gut ist, wäre es keine Überraschung, sollte er Kimmich als Rechtsverteidiger testen - und dann auch mit nach Frankreich nehmen.

GOAL-PROGNOSE

Viele Kandidaten hat Jogi Löw getestet und es steht nach wie vor in den Sternen, auf welche Formation er sich in der Defensive am Ende festlegen wird. Das Turnier in Brasilien war geprägt von ganz besonderen Umständen, die dazu führten, dass Löw auf vier Innenverteidiger hinten drin setzte. Ob das auch bei dieser EM die richtige Wahl wäre? Zweifel sind durchaus angebracht.

Es wäre aber ein größeres Risiko, einen Mittelfeldspieler dorthin zu stellen. Wahrscheinlich ist daher, dass der Bundestrainer zunächst auf Nummer sicher geht und mit Benedikt Höwedes auf eine bewährte Defensivkraft setzt.

Nächster Artikel:
Bayern-Coach Niko Kovac mit Lob und Kampfansage zugleich: "Das war mit die beste Leistung der Saison"
Nächster Artikel:
FC Bayern: Thomas Müller nimmt nach Foul Kontakt zu Ajax-Spieler Nicolas Tagliafico auf
Nächster Artikel:
Herbstmeister! Borussia Dortmund schlägt Werder Bremen verdient
Nächster Artikel:
LaLiga: Real Madrid mit Arbeitssieg gegen Rayo Vallecano, Atletico Madrid ringt Valladolid nieder
Nächster Artikel:
Dank Icardis Panenka: Inter Mailand siegt knapp gegen Udinese
Schließen