Schnell bergauf, noch schneller wieder runter? Der Fall Viktor Fischer(s)

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Proshots
Die Karriere des Viktor Fischer befindet sich im freien Fall. Offenbar weiß niemand, inklusive des Spielers, wie gut er eigentlich sein kann.

HINTERGRUND

Die Winterpause und das damit einhergehende Transferfenster bieten allen Mannschaften die Möglichkeit, sich für die Rückrunde zu verstärken. Manche sind durch Verletzungspech zu Neuverpflichtungen gezwungen, manche Teams haben einen anderen Grund für die neuerlichen Transferaktivitäten: Die im Sommer geholten Spieler können nicht das leisten, was von ihnen erwartet wird.

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Zu ihnen gehört auch Mainz 05, das sich mit Anthony Ujah verstärkte. Der Auslöser dafür ist unter anderem ein Talent, dessen Karriere sich trotz seiner jungen 23 Jahre am Scheideweg befindet: Viktor Fischer.

Er wird 1994 in Aarhus an der Ostküste Dänemarks geboren. Wegen seines Großvaters Poul Pedersen, der Nationalspieler Dänemarks war, fängt er in jungen Jahren mit dem Fußball spielen an. Sein Talent zeigt sich bereits früh, beim ersten Verein IF Lysend spielt er mit Spielern, die zwei oder sogar drei Jahre älter sind als er. Schnell landet er in der Jugend von Aarhus GF, jedoch bleibt sein Talent den Scouts anderer Vereine nicht lange verborgen und so zieht es ihn über Midtjylland 2011 in die Jugend von Ajax Amsterdam, dem Vernehmen nach für 1,3 Millionen Euro. Gerüchte besagen, dass zu diesem Zeitpunkt Inter Mailand und Bayern München sowie die beiden großen Klubs aus Manchester Interesse hatten.

Starke Anfänge in den Niederlanden

Auch in den Niederlanden kann Fischer weiter auf sich aufmerksam machen, kommt im Alter von nur 18 Jahren sogar zu seinem Debüt in der Champions League. Das Highlight seiner jungen Karriere folgt kurz darauf: Im letzten Gruppenspiel gegen Real Madrid darf er von Anfang an ran. Eine große Karriere scheint vorgezeichnet, bei Ajax beglückwünscht man sich bereits, wird man das Talent doch eines Tages für viel Geld weiterverkaufen können. Gegenüber EkstraBladet schlägt der Flügelstürmer seinerzeit forsche Töne an: "Ich bin mir meines Talents sehr bewusst und weiß, dass das Vertrauen in mein eigenes Spiel sehr wichtig ist."

Ajax Amsterdam Viktor Fischer Christian Eriksen 27072013

Zunächst setzt sich die Entwicklung beim Dänen auch wie geplant fort, in der Saison 2012/2013 kommt er zu 23 Einsätzen in der Eredivisie, im Jahr darauf auf 24. Bereits in seiner Debütsaison gelingen ihm starke zehn Tore und fünf Vorlagen. Nachdem er bei der U17-WM auf sich aufmerksam gemacht hatte, debütiert er im Alter von nur 18 Jahren dann auch für die A-Nationalmannschaft, kommt bis heute auf 16 Einsätze für Danish Dynamite.

Verletzung als Knackpunkt

Dann jedoch bekommt die Entwicklung und damit das Vertrauen einen Knick, den Fischer bis heute nicht korrigieren kann. Gegen Ende seiner zweiten kompletten Profisaison zieht er sich im Spiel gegen AZ Alkmaar eine Oberschenkelverletzung zu. Sein Klub gibt danach in einer Pressemitteilung bekannt, dass er für sechs Wochen ausfallen werde. Weiter heißt es: "In ein paar Wochen werden wir weitere Tests durchführen, um zu sehen, wie sich der Oberschenkel entwickelt hat." Aus den vorausgesagten sechs Wochen wird schließlich aber mehr als ein Jahr Verletzungspause, in der folgenden Saison kommt er nur noch auf vier Einsätze.

Viel schlimmer als die Verletzung wiegt jedoch, dass er sich seitdem nicht mehr weiterzuentwickeln scheint, nicht mehr zu altem Selbstvertrauen zurückfindet. War bereits in der Anfangszeit zu erkennen, dass er bei der Defensivarbeit, der Robustheit und vor allem bei der Kaltschnäuzigkeit noch deutlich Verbesserungspotenzial hat, kann Fischer nach der verletzungsbedingten Pause kaum noch an die vorherigen Leistungen anknüpfen.

Viktor Fischer, Ajax, 2015/16

Vor allem die schlechte Chancenverwertung macht ihm zu schaffen, er trifft einfach öfter als früher die falsche Entscheidung in den wichtigen Momenten. 2015/16 rafft er sich noch einmal auf, spielt wieder regelmäßig und erzielt, inzwischen muss man sagen immerhin, acht Tore. Doch, und das merkt der Däne, seine Zeit bei Ajax ist vorüber, er kann sich hier nicht mehr weiterentwickeln, braucht eine neue Umgebung, eine neue Herausforderung. Dem Guardian berichtet er: "Ich bin bereit, mich zu beweisen, aber woanders."

Da kommt es gerade recht, dass der FC Middlesbrough Interesse an Fischer hat. Boro war 2016 gerade in die Premier League aufgestiegen und suchte dringend Verstärkungen, wollte man doch unbedingt die Klasse halten. Der Däne willigt ein, die Vereine einigen sich auf eine Ablösesumme von fünf Millionen Euro. Die Vorfreude auf das neue Land und den neuen Klub ist groß, hier soll die Entwicklung zum Star endlich wieder voranschreiten. Denn Fischer ist ja immer noch erst 22 Jahre alt.

Viktor Fischer FC Middlesbrough 30072016

Jedoch wird der Wechsel nicht die erhoffte Initialzündung. Middlesbrough steigt sang- und klanglos wieder ab, Fischer hat nur 13 Einsätze, davon nur einen über die volle Distanz. Die Premier League ist für den filigranen Dänen nicht das Richtige, die größeren und robusteren Verteidiger kochen ihn regelmäßig ab. Ein Gang mit hinunter in die Championship scheint daher erst recht nicht die richtige Entscheidung zu sein, wird hier doch noch kompromissloser gespielt.

Hoffnung in Mainz?

Wieder kommt ein Angebot zur rechten Zeit, Mainz klopft letzten Sommer an und der 23-Jährige wittert seine Chance. In der Bundesliga, die deutlich besser zu seinen Fähigkeiten passen sollte, erhofft er sich bessere Chancen.

Die Rheinhessen überweisen drei Millionen Euro nach England, Sportdirektor Rouven Schröder zeigt sich im kicker  begeistert vom Neuzugang: "Ein sehr spannender Spieler mit großem Potenzial." Auch der Däne selber freut sich auf das Engagement: "Mainz 05 ist der richtige Verein für mich, um den Fußball wieder richtig genießen zu können."

Doch, wie man sich schon denken kann, auch hier kann er nicht genießen. Nach der Hinrunde steht Fischer bei zehn Einsätzen, keiner über die volle Distanz, nur dreimal von Anfang an. Es bleibt dasselbe wie bei der vorherigen Station: Zwar kann er in der Vorbereitung auf sich aufmerksam machen, scheint die neue Taktik schnell zu verinnerlichen und verbessert sich sogar in der Rückwärtsbewegung. Wenn es jedoch um einen Platz in der Startelf geht, werden andere Spieler vorgezogen.

Wenn man einen Blick auf seine Stärken wirft, scheint der bisherige Werdegang Fischers höchst eigenartig: technisch stark, trickreich, vielseitig und schnell ist er, zudem besitzt er auch den Blick für den Mitspieler. Sogar torgefährlich kann er sein, in den Spielen kann er all das aber fast nie umsetzen.

Aufschwung in Kopenhagen?

Nun steht bereits nach einem halben Jahr Deutschland und trotz eines Vertrages bis 2021 der nächste Wechsel bevor. Zum Rückrundenauftakt in Hannover saß Fischer 90 Minuten lang auf der Bank, für die Partie gegen Stuttgart letztes Wochenende schaffte er es gar nicht in den Mainzer Kader. Viel zu wenig für Fischers Ansprüche.

Wie BT berichtet, sondiert sein Berater daher bereits den Markt. "Die WM hat eine große Bedeutung und wenn Viktor in Mainz nicht spielt, muss etwas geschehen", sagt Agent Sören Lerby. Mit der aktuellen Leistung und einer dänischen Mannschaft, die durch die Playoffs zur WM spaziert ist, scheint eine Nominierung in weiter Ferne. Ein interessierter Verein scheint jedoch schon gefunden, in die Heimat nach Kopenhagen soll es gehen, wahrscheinlich per Leihe. Lerby weiß: "Wir müssen nicht über Geld reden, sondern darüber zurückzukommen."

Dort soll es nach dem ganzen bergab endlich wieder bergauf gehen, noch ist Fischer jung und seine Karriere noch nicht gescheitert. Will er jedoch irgendwann wieder Stammspieler sein, muss er bald zu seiner Anfangszeit zurückfinden. Denn er möchte nicht nochmal durch einen Wintertransfer ersetzt werden. Sein nächster Verein soll sagen können: Wir haben den Richtigen geholt.

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