Schmerzmittelmissbrauch im Fußball: "Spieler nehmen Tabletten wie Bonbons"

Kommentare()
Goal
Trotz Schmerzen spielen? Mit Ibuprofen kein Problem. Doch wie gefährlich sind solche Schmerzmittel? Wir haben bei einem Schmerzforscher nachgefragt.

EXKLUSIV

Freitagabend, nur noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Nach anstrengender Arbeitswoche herrscht lockere Stimmung in der Kabine einer Remscheider Betriebssportmannschaft. Während die einen schon die weitere Abendplanung besprechen, holt einer ihrer Mitspieler wie selbstverständlich eine Packung Ibuprofen aus der Trainingstasche und wirft zwei pinke Tabletten ein, bevor er sie in der Reihe herumreicht und sich zwei weitere Spieler bedienen. Der eine, weil er seit Monaten ständig über Schmerzen im Knöchel klagt, sein verletzungsanfälliger Mitspieler rein prophylaktisch. "So spüre ich im Spiel keinen Schmerz", erklärt er stolz.

Egal ob in Remscheid, Berlin oder München, diese Szenen sind im Fußball längst gang und gäbe. Ligazugehörigkeit spielt dabei keine Rolle, denn nicht nur in der Kreisliga gehören Ibuprofen, Aspirin und Voltaren genauso zur Ausrüstung wie Fußballschuhe und Schienbeinschoner. Auch im Profifußball werden Schmerzmittel massenweise eingenommen. "Die Spieler nehmen Tabletten wie Bonbons und unterschätzen die Gefahr", zeigt sich der anerkannte Schmerzforscher Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Gespräch mit Goal bestürzt.

Die Gefahr, dass diese unscheinbaren, in Deutschland rezeptfrei erhältlichen Tabletten die Karriere oder im schlimmsten Fall sogar das Leben eines Sportlers zerstören können. Denn nur die wenigsten führen sich die möglichen Nebenwirkungen von Ibuprofen und Co. vor Augen. "Nimmt man über einen längeren Zeitraum hochdosiert Schmerzmittel, kann das erhebliche Nebenwirkungen auf Herz und Nieren haben", erklärt Graf-Baumann, der unter anderem in der medizinischen Kommission der FIFA sitzt und erinnert dabei an Ivan Klasnic.

"Egal, was langfristig mit den Profis passiert"

Der einstige Top-Stürmer von Werder Bremen ist mit 37 Jahren dazu gezwungen, ein komplett anderes Leben zu führen, als alle seine früheren Weggefährten. Denn aufgrund eines schweren Nierenschadens (wohl bedingt durch Schmerzmittelmissbrauch) und zwei gescheiterten Nierentransplantationen wartet Klasnic auf sein drittes Spenderorgan. Bis dahin muss er sich drei Mal pro Woche einer rund fünfstündigen Dialyse im Klinikum Hamburg Eppendorf unterziehen. Zusätzlich darf er pro Tag höchstens 1,5 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen.

Trotz allarmierender Beispiele wie dem Fall Klasnic hat der Einsatz von Schmerzmitteln in den letzten Jahren stark zugenommen, wie Dr. Thorsten Rarrek, ehemaliger Mannschaftsarzt von Schalke 04, dem Handelsblatt bestätigt: "Es gibt Zahlen, wonach mehr als zwei Drittel der Sportler regelmäßig Schmerzmittel einnehmen, um trainieren und spielen zu können."

Werden die millionenschweren Profis sonst bis ins kleinste Detail von ihren Vereinen durchleuchtet, schauen einige Klubs beim Thema Schmerzmittel gern auch einmal weg. "Da Ibuprofen, Diclophenac, Aspirin und Paracetamol nicht auf der Doping-Liste stehen und die Spieler einsatzfähig gemacht werden müssen, läuft es eben auf der stillen Ebene ab. Ganz nach dem Motto: Egal, was langfristig mit den Profis passiert, wichtig ist nur, dass er kurzfristig spielfähig ist", beklagt Graf-Baumann die Doppelmoral der Vereine.

Warnfunktion des Schmerzes wird ausgeschaltet

Da die weniger wirkstoffreichen Schmerzmittel in Deutschland rezeptfrei erhältlich sind, können sich Sportler diese Mittel ganz problemlos selbst besorgen. Dosiert man die weniger wirkstoffreichen Mittel (z.B. Ibuprofen 200) höher, erreicht man schnell die Wirkung, die sonst nur rezeptpflichtige Medikamente mit sich bringen. "Sollte das nicht ausreichen, gibt es aus der Entourage der Klubs immer irgendjemanden, der auch rezeptpflichtige Medikamente verteilt", weiß der Schmerzforscher, der im Labor selbst unzählige Blut-Proben bei FIFA-Wettbewerben untersucht hat.

GFX Graf-Baumann

Neben möglichen Schädigungen von Herz und Leber ist das künstliche Ausschalten des Schmerzes auch mit Blick auf Folgeverletzungen sehr gefährlich. "Der Schmerz hat eine Warnfunktion", erklärt Graf-Baumann: "Er warnt das Gehirn, dass etwas im Körper nicht stimmt." Mit Schmerzmitteln im Blut können Fußballer daher trotz Muskelverhärtung, kleinen Faserrissen oder Bänderdehnungen problemlos auflaufen. "Dadurch bewegen sich Sportler auf einer Ebene, auf der sie keine Warnfunktionen mehr haben und laufen Gefahr, dass sich die Verletzungen durch den unterdrückten Schmerz verschlimmern. Das ist sehr häufig der Fall und egal wie oft man davor warnt, bis heute gibt es kein wirkliches Rezept, wie man damit umgeht", bedauert der Mediziner.

Prominente Beispiele für solche Folgeverletzungen sind Ex-Berliner Änis Ben-Hatira und der ehemalige Gladbacher Alvaro Dominguez. "In dieser Welt ist Schmerz alltäglich. Schon als Jugendspieler lernte ich damit zu leben. Ich lernte, Strategien zu entwickeln, wie ich trotz einer Entzündung eines quälenden Gelenks am Spieltag auflaufen konnte", erklärte Dominguez bei 11Freunde.

Schmerzmittel auf die Doping-Liste?

Der Weg auf den Platz führte beim 28-Jährigen Jahre lang nur über Schmerzmittel, die ihm letztlich seine Karriere kosteten. Denn statt sich und seinem ramponierten Rücken Pausen zu gönnen, ließ er sich fitspritzen und nahm reihenweise Schmerztabletten ein. Erst, als der Verteidiger körperlich komplett am Ende war und sich kaum mehr bewegen konnte, entschied er, sich genauer untersuchen zu lassen. Wegen akuter Fehlstellung der Hüfte und insgesamt drei Bandscheibenvorfällen war er schließlich gezwungen, seine aktive Laufbahn als Sportinvalide zu beenden.

Auch wegen solch tragischen Karriereenden wird in der Öffentlichkeit immer wieder darüber diskutiert, warum Schmerzmittel wie Ibuprofen nicht unter die Doping-Gesetze fallen. So stand in der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zur Debatte, Schmerzmittel auf die Monitoring-Liste zu schreiben – eine Liste mit Substanzen, die bei Kontrollen genau untersucht und beobachtet werden müssen.

Aus der Sicht von Schmerzforscher Graf-Baumann ist dies allerdings keine Option: "Schmerzmittel haben per se keine leistungssteigernde Wirkung. Sie können Athleten nicht künstlich auf eine höhere Leistungsebene bringen, sondern nur von einem eingeschränkten auf ein normales Leistungsniveau, da sie lediglich Schmerz ausschalten."

Keine Besserung in Sicht

Trotzdem sind sich die meisten Mediziner einig, dass etwas gegen die Einnahme von Schmerzmitteln im Fußball unternommen werden muss. "Für mich ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Sportmediziner für einen Bundesliga-Klub zu sein hat sicherlich nichts mit Naturheilkunde zu tun. Wer etwas anderes behauptet, kennt die Szene einfach nicht", bringt es Ex-Schalke-Arzt Rarrek auf den Punkt.

Ein möglicher Lösungsansatz ist die Einführung eines Grenzwerts für Schmerzmittel im Blut. Da dies durch die Einnahme von verschiedenen Medikamenten aber ebenfalls umgangen werden könnte, scheint auch das nicht als endgültige Regelung in Frage zu kommen. "Auf den Beipackzetteln der Medikamente wird auf alle möglichen Gefahren hingewiesen. Die Spieler wissen es eigentlich, aber nehmen es trotzdem", weiß Graf-Baumann: "Der einzige Weg, diese Problematik zu beenden, wäre Einsicht von Sportlern und Vereinen – darauf habe ich aber kein Vertrauen und glaube, dass alles so weitergeht wie bisher."

Deshalb werden Ibuprofen und Co. wohl auch weiter in vielen Sporttaschen zu finden sein – egal ob in der Bundesliga oder der Kreisliga C. Echte Veränderungen wird es womöglich erst geben, wenn etwas noch Schlimmeres passiert und tatsächlich ein mit Schmerzmitteln vollgepumpter Sportler umfällt und nicht mehr aufsteht. 

Folge Schalke-Reporter Robin Haack auf Twitter 

Schließen