Real-Juwel Achraf Hakimi: Die Abkehr vom schnöden Mammon

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Getty / Goal
Real Madrid setzt mit Achraf Hakimi auf ein Eigengewächs. Das bestätigt den Weg, den die Blancos seit kurzer Zeit gehen. Über die Abkehr vom Geldgott.

HINTERGRUND

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" – so steht es in der Bibel, konkret im Matthäus-Evangelium 6, Vers 24, geschrieben. Sinngemäß bedeutet das: Man kann nicht gleichzeitig fromm sein, aber andererseits dem großen Geld, der Gier nach unmoralischer Gewinnmaximierung verfallen. Ursprünglich noch als Ableitung des aramäischen Wortes für Vermögen, "mamon", im Sprachgebrauch verwendet, entwickelte sich der Begriff im Laufe der Jahrhunderte als negativ konnotiertes Synonym für Geld im Allgemeinen, wobei der Mammon stetig personifiziert wurde, in der Fantasie etlicher Maler Gestalt annahm.

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Mal als fettleibiger, überdimensionaler Mann mit fiesem Grinsen dargestellt, mal mit Geierkopf und Peitsche illustrierter Bösewicht oder gar mit Teufelshörnern versehen, bahnte er sich seinen Weg in Kunst und Popkultur. Der Tenor ist dabei ist immer gleich: Die Menschheit wird vom Geld versklavt.

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Erst kürzlich sprach Freiburg-Trainer und –Philosoph in Personalunion, Christian Streich, über die Bedeutsamkeit ebenjener Gottheit, als er gegen die unglaublichen Ablösesummen im Fußballgeschäft wetterte. "Der Mammon steht nicht umsonst in den großen Büchern. Er ist eine der größten Gefahren für die Menschheit, weil er über sie Besitz ergreift", erklärte Streich auf einer Pressekonferenz. Der 52-Jährige erklärte weiter: "Es ist irreal geworden, es passieren derzeit völlig irreale Dinge."

Das Geldausgeben wird den anderen überlassen

Solch irreale Dinge, Transfers, deren finanzielle Utopie jegliche Vorstellungskraft sprengen, steuerte Real Madrid vor nicht allzu langer Zeit noch bei, hielt lange den Rekord für die beiden teuersten Spieler aller Zeiten, namentlich Cristiano Ronaldo und Gareth Bale. Mittlerweile scheinen die Königlichen einen neuen Weg beschreiten zu wollen, die Mega-Deals werden den anderen, den Paris Saint-Germains, Manchester Citys und Manchester Uniteds überlassen. Auch Erzrivale FC Barcelona frönt dem munteren, schier uferlosen Geldausgeben und –einnehmen – vor allem in diesem Sommer, während bei den Blancos verhältnismäßig wenig passierte.

Weder der von halb Europa gejagte Kylian Mbappe noch der mediale Dauer-Aspirant auf den Platz im Real-Tor, David de Gea, wurden den enthusiastischen Anhängern im Bernabeu als neue Galacticos vorgestellt. Stattdessen wurden Theo Hernandez von Atletico und Edeltechniker Dani Ceballos aus Sevilla als Neuzugänge verzeichnet, Borja Majoral und Jesus Vallejo kehrten aus Deutschland zurück in die spanische Hauptstadt. Mit Achraf Hakimi schaffte sogar ein 18-Jähriger aus der eigenen Talentschmiede den Sprung in Zinedine Zidanes Profi-Kader. Letzterer gilt als besonders vielversprechendes Talent, soll sogar den gen Manchester abgewanderten Danilo als Backup für Daniel Carvajal auf der Position des Rechtsverteidigers beerben.

Achraf Hakimi Real Madrid

Hakimi wurde als Sohn marokkanischer Eltern in Madrid geboren und begann seine Karriere bei CD Colonia Ofigevi, ehe er sich schon im Jahr 2006, im Alter von nur sieben Jahren, der Nachwuchsabteilung Reals anschloss, wo er sämtliche Jugendmannschaften durchlief. Durchweg als Stammspieler für die U-Mannschaften des Eliteklubs fungierend, spielte sich der schlanke Defensivspezialist schnell in den Fokus.

Hakimi besticht durch sein Tempo, herausragende Technik, gutes Auge und ist – trotz seiner recht defensiv-ausgerichteten Rolle – torgefährlich, erzielte er für die A-Jugend doch drei Treffer in 16 Youth-League-Auftritten. Vor allem in Eins-gegen-Eins-Duellen wirkt der Youngster dank seiner bereits angesprochenen Eigenschaften unheimlich durchsetzungsfähig, in seinen bisweilen kroosesken Diagonalbällen steckt Augenweiden-Potential. Das bestätigt auch Goals Real-Korrespondent Alberto Pinero: "Er ist natürlich noch sehr jung und wird seine Zeit brauchen. Er bringt aber die besten Voraussetzungen mit, ein Großer zu werden. Hakimi hat sehr viel Durchschlagskraft und eine tolle Ballbehandlung. Er ist eigentlich gelernter offensiver Flügelspieler, wird aber mittlerweile in der Abwehr eingesetzt, weil er sehr gut mit nach hinten arbeitet."

Über Castilla in den Profi-Kader

In der vergangenen Saison, seiner ersten im Profibereich, wusste Hakimi prompt zu gefallen, war in Reals Zweitvertretung, die in der Segunda Division spielt, gesetzt. Kein Wunder also, dass Zidane den Rohdiamanten in der Vorbereitung auf die neue Spielzeit nicht nur mit auf Tour nahm, sondern auch Einsatzminuten generierte. Gegen ManUnited, ManCity und die MLS-All-Stars durfte Hakimi mitwirken, und ließ dabei keine Zweifel an seinem Können aufkommen.

Mitte August stand fest, dass der Franzose offenbar tatsächlich mit Hakimi plant. So erhielt der Emporkömmling als einziger Nachwuchskicker eine feste Rückennummer beim Champions-League-Sieger. Dass die Madrilenen zudem auf dem Transfermarkt nicht mehr auf der Position des Rechtsverteidigers nachjustierten, manifestierte die Spekulation, Hakimi, der schon im Oktober vergangen Jahres für die A-Nationalmannschaft Marokkos debütierte,  könne tatsächlich zu Carvajals Vertreter avancieren – zumindest nominell.

 

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Für Hakimi selbst, der auf seinem Instagram-Account den Anschein eines unbeschwerten Jugendlichen erweckt, der gerne Selfies mit seiner Freundin schießt – und, weniger handelsüblich mit Superstars wie Ronaldo, Bale oder Luka Modric posiert, freut sich, dass er ab sofort im Kreise der ganz Großen mitspielen darf. "Schon als Kind habe ich immer davon geträumt. Es ist großartig, dass es wahr wurde. Von Beginn an war für mich klar, dass ich in Madrid bleiben will", verriet er nach Bekanntgabe seines Aufstiegs.

Die Abkehr vom Mammon als richtiger Weg

So mag der ein oder andere Fan der Galaktischen enttäuscht gewesen sein, weil der Meister mit James Rodriguez, Alvaro Morata und Pepe lediglich namhafte Abgänge verbuchte, ohne selbst den großen Transfer-Wurf zu landen. Dabei scheinen die Verantwortlichen damit, in dem sie die monetären Muskelspielchen, bei dem ein Scheich den anderen russischen Oligarchen irgendwie überbieten will, nicht mitmachen, genau richtig zu fahren.

Natürlich wissen Florentino Perez und Co. um die große Qualität, die beispielsweise ein 21 Jahre alter Marco Asensio, im Sommer 2015 für schlappe 3,5 Millionen Euro von RCD Mallorca verpflichtet, auf den Platz bringt, wie entwicklungsfähig  auch das Schnäppchen Ceballos ist. Hakimi steht indes sinnbildlich für die madrilenische Abkehr vom schnöden Mammon. Bleibt nur abzuwarten, ob Real der Verlockung des Geldes, dem Prestige, welches ein Mega-Transfer mit sich bringt, auch in Zukunft widerstehen kann. Stand jetzt gibt der Erfolg dieser Vorgehensweise recht.  

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