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Ravel Morrison: Der Absturz des größten Talents von Manchester United

18:00 MEZ 14.02.19
GFX Ravel Morrison Manchester United
Er galt bei United als begabter als Paul Pogba, nun wechselt er erneut. Falsche Freunde und eine falsche Einstellung kosteten ihn eine große Karriere.

HINTERGRUND
23. Mai 2011, Old Trafford: Es ist ein lauer Frühlingstag im Theater der Träume. An jenem Ort, der schon so viele Helden geboren hat. In Manchesters Fußballtempel scheint es an diesem frühen Abend, als sei Englands größtes Juwel vor knapp 25.000 Zuschauern dabei, die vielen Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen.

Es läuft die 70. Minute im Final-Rückspiel des FA Youth Cups zwischen Manchester United und Sheffield United. Ravel Morrison kommt in zentraler Position in der gegnerischen Hälfte an den Ball. Unnachahmlich marschiert er Richtung Sechzehner. Einen Gegenspieler schüttelt er ab, einen anderen lässt er mit einer Finte aussteigen und knallt den die Kugel schließlich aus 16 Metern platziert links unten ins Eck. Es ist Morrisons zweiter Treffer in diesem Spiel und das Tor, welches vorentscheidend ist für Uniteds Titelgewinn. 6:3 heißt es in der Endabrechnung nach Hin- und Rückspiel für die Red Devils und nach der Pokalübergabe sprechen sie in Manchester alle davon, wie dieser Doppelpacker Ravel Morrison schon bald ein ganz Großer sein wird.

Entdecker Brogan: "Einen wie ihn hatte ich noch nie gesehen"

Keine 48 Stunden nach dem Triumph steht Morrison erneut im Blickpunkt. Diesmal allerdings nicht auf dem grünen Rasen, sondern im Gerichtssaal: Er muss sich vor dem Salford Magistrates' Court wegen eines tätlichen Angriffs auf seine Ex-Freundin und Sachbeschädigung verantworten. Die Anzeige wegen der Köperverletzung wird fallengelassen, weil die Frau nicht aussagen möchte. Die Sachbeschädigung gibt der Teenager zu und muss eine Geldstrafe zahlen. Er hatte das Mobiltelefon seiner Ex während eines Streits in ihrem Elternhaus aus dem Fenster geworfen.

Es sind zwei bezeichnende Szenen, die zeitlich so nah beieinander liegen und die das ganze Dilemma des Ravel Morrison verdeutlichen. Auf der einen Seite dieser begnadete Kicker, mit unfassbarem Talent gesegnet und mit allen Waffen ausgestattet, die Fußballwelt im Sturm zu erobern. Dem gegenüber steht ein Junge aus schwierigen Verhältnissen, der sich immer wieder selbst im Weg steht und der nun, nach großen Schwierigkeiten in England und Italien, im Alter von 26 Jahren in Schweden mal wieder einen Neuanfang starten will.

Große Worte über Morrison gibt es viele. Zum Beispiel von Phil Brogan, der zwischen 1998 und 2010 als Scout beim englischen Rekordmeister arbeitete und der pro Jahr etwa 1000 junge Kicker unter die Lupe nahm. Er entdeckte Morrison an einem Sommertag im Jahr 2001, als dieser aus einer Gruppe Gleichaltriger herausstach. "Einen wie Ravel hatte ich noch nie gesehen", sagte Brogan dem Bleacher Report. "In dem Moment, als ich ihn bemerkte, war ich sofort aufgeregt. Ich wusste, ich hatte da einen Jungen gefunden, der unglaublich war und der es bis ganz an die Spitze schaffen konnte. Man musste das einfach sehen. Es war die Art, wie er sich über den Platz bewegte – mit und ohne Ball. Er war fantastisch."

In diesen Tönen schwärmte Brogan auch bei Uniteds legendärem Coach Sir Alex Ferguson vom damals acht Jahre alten Morrison und wenig später war der Jungspund ein Spieler Uniteds. Der Rechtsfuß mit der perfekten Technik, einer eleganten Art, das Leder zu streicheln und gleichzeitig elektrisierender Geschwindigkeit entwickelte sich prächtig. Schnell sprach sich sein überbordendes Talent in England herum.

Morrison galt als talentierter als Paul Pogba

Uniteds Mittelfeldlegende Paddy Cerand meinte, Morrison sei für ihn "der beste Youngster seit George Best" und Uniteds Ex-Kapitän Rio Ferdinand gestand, er hätte "Eintritt bezahlt, um ihm beim Training, geschweige denn in einem Spiel zuzuschauen".

Am 2. Februar 2010, seinem 17. Geburtstag, unterschrieb Morrison seinen ersten Profivertrag, der Weg in den Profikader war längst vorgezeichnet. In der Jugend überragte er an der Seite der heutigen United-Stars Paul Pogba und Jesse Lingard. Es wurden gar Vergleiche zur legendären "Class of '92" um die Eigengewächse Ryan Giggs, Pauls Scholes, Gary und Phil Neville, David Beckham und Nicky Butt gezogen.

Paddy Cerand erinnerte sich: "Auch in einer Mannschaft mit Pogba stach Ravel noch heraus. Er war flink auf den Beinen und schnell im Kopf. Er hatte großes Spielverständnis und alles, was ein großer Spieler haben muss."

Uniteds Fans freuen sich auf den offensiven Mittelfeldspieler. Einer, der aus der eigenen Jugend stammt und dessen Weg in die Weltspitze vorgezeichnet scheint, das mögen sie bei jedem Verein. Bei United aufgrund der eigenen Geschichte vielleicht noch ein bisschen mehr.

Computerspiele statt Trainingseinheiten

Doch die Anhänger werden enttäuscht. Morrisons Entwicklung gerät ins Stocken. Der Übergang aus der Jugend zu den Profis gelingt nicht und immer häufiger sorgt der Jungstar außerhalb des Rasens für Schlagzeilen.

Er verpasst mehrfach Trainingseinheiten, 2011 gibt er zwei Fälle von Zeugeneinschüchterung zu. Ein Jahr später klagt ihn die FA wegen homophober Äußerungen auf Twitter an. 2015, da ist er längst kein Red Devil mehr, sagt Morrison der Sun über seinen Karriereknick: "Manchester United und Sir Alex Ferguson gaben mir zu viele Chancen. Ich kann nur bei mir allein die Schuld suchen, es gibt keine Ausreden. Viele der Dinge, die ich bei United falsch machte, waren Blödsinn. Ich habe nie an irgendwelchen Raubzügen teilgenommen. Es war mehr, dass ich Computerspiele gezockt und mit meinen Freunden abgehangen habe, wenn ich mich auf das Training hätte konzentrieren soll."

Morrisons Problem: Wenn er in den Spielen keine Chance bekam, verhielt er sich im Training lustlos. Ganz im Gegenteil also zu einem wie Jesse Lingard, der vermutlich über weniger Talent verfügt, aber hart für seinen Traum bei United arbeitete und sich in jeder Trainingseinheit empfehlen wollte. "Sir Alex sagte mir, ich solle mich auf den Fußball fokussieren und deutlich härter arbeiten", erinnerte sich der Shootingstar. Zu Herzen nahm er sich die Ratschläge aber nicht.

So lief Morrison einzig in zwei Ligapokalspielen für die Profis auf, für einen Einsatz in der Premier League reicht es nicht. Anfang 2012 war Fergusons Geduld aufgebraucht. Für knapp 800.000 Euro wechselte Morrison zu West Ham United und Ferguson gab dem damaligen Hammers-Coach Sam Allardyce mit auf den Weg: "Ich hoffe, Du kriegst ihn in den Griff. Falls Dir das gelingt, hast Du da ein Genie. Das ist ein brillanter Spieler mit brillanten Fähigkeiten. Aber er muss raus aus Manchester und er muss einen Neuanfang in seinem Leben starten."

Viele Wechsel, wenig Konstanz

Fergie hatte erkannt, dass es immer wieder das Umfeld war, das Morrison herunterzog. Seine Freunde, die wie er aus Wythenshawe, einer harten Gegend im Süden Manchesters, stammten und die mindestens ein paar Flausen zu viel im Kopf hatten, lenkten ihn immer wieder ab vom Profisport. Und Morrison gelang es nicht, sich ihrem Einfluss zu entziehen. Dazu kam das angespannte Verhältnis zu seinen Eltern. Seine Mutter beschuldigte ihn 2009, er habe sie geschlagen und weil er Stress mit seinem Vater hatte, lief er eine Zeit lang mit "Ravel" als Namenszug hinten auf dem Trikot auf.

Ende 2013, Morrison hatte gerade damit begonnen sich bei West Ham durchzusetzen und mit einem Wahnsinnstor gegen Tottenham für Furore gesorgt, kam es zum Bruch mit Allardyce. Im Anschluss an das Auswärtsspiel in Manchester blieb Morrison ohne Ankündigung in der alten Heimat. Es war Weihnachten und während sich West Hams Mannschaft, die im Abstiegskampf steckte, auf das Duell mit Arsenal am Boxing Day vorbereitete, postete Morrison bei Facebook ein Bild von sich und seiner Familie bei der Weihnachtsfeier.

Wer geglaubt hatte, Morrison sei mittlerweile geläutert und voll auf den Profisport fokussiert, der sah sich spätestens hier getäuscht. In der Folge gab es eine ganze Reihe Ausleihgeschäfte. Zu QPR, zu Birmingham City, wo ihn Ex-Trainer Lee Clarke noch als "besten englischen Spieler seit Paul Gascoigne" betitelte und zu Cardiff City. Überall blitzte sein Können kurz mal auf, QPR verhalf er 2014 sogar mit sechs Tore in 17 Spielen zum Aufstieg in die Premier League. Von Dauer waren seine Leistungshochs aber nicht. Stattdessen wurde er wieder angeklagt. Diesmal wegen Körperverletzung in zwei Fällen. Er soll seine Ex-Freundin und deren Mutter nach einer Partynacht in Manchester angegriffen habe. Von diesen Vorwürfen wird er später freigesprochen.

Dennoch: Von Februar bis Juli 2015 war er gar vertragslos. Er haderte vor allem mit dem Ende seiner Zeit bei ManUnited: "Wäre ich noch einmal in der Situation, verhielte ich mich anders. Aber es ist passiert und es gibt kein zurück. Ich muss nun nach vorn schauen."

Lazio Rom griff schließlich zu. Bei den Biancocelesti hatte man mit Englands Enfant terrible Paul Gascoigne einst gute Erfahrungen gemacht, vielleicht bekam man ja auch Morrison in den Griff. Sportdirektor Igli Tare sprach davon, Morrison haben "Weltklassefähigkeiten", sei aber eben "auch ein wenig verrückt".

Nur 58 Minuten für Lazio in der Serie A

Die "Weltklassefähigkeiten" demonstrierte der ehemalige englische Junioren-Nationalspieler nur selten. Er weigerte sich, Italienisch zu lernen und Trainer Stefano Pioli kritisierte öffentlich, Morrison müsse mehr "für die Mannschaft arbeiten". In der Serie A absolvierte er bisher nur 58 Minuten, zwischendurch war er erneut an die Queens Park Rangers verliehen. 2017 dann ein weiteres Kapitel in Morrisons Odyssee: Weil er in Lazios Plänen erneut keine Rolle spielte, wechselte er auf Leihbasis zu Atlas Guadalajara nach Mexiko und versuchte beim damals 13. der mexikanischen Liga, sportlich wieder wichtig zu werden - ohne Erfolg.

 

Ein von @1ravel geteilter Beitrag am 6. Sep 2017 um 12:15 Uhr

Er war das größte Talent des englischen Rekordmeisters, scheiterte anschließend auf all seinen Stationen und am Donnerstag wechselte er zum schwedischen Klub Östersunds, wie Lazio offiziell mitteilte. Es deutet wenig daraufhin, dass Ravel Morrison noch einmal die Kurve kriegt und eine ordentliche Rolle im Fußballgeschäft spielt.

Sein Ex-Trainer Harry Redknapp, der einen guten Draht zu ihm hatte, sagte: "Es ist noch nicht zu spät. Aber er muss sich zusammenreißen. Sonst ist er bald 30 Jahre alt, blickt zurück und merkt, dass er all sein unglaubliches Talent verschleudert hat."