Mido, Salah, "Ramadona"? Ägyptens Wunderkind zwischen Genie und Wahnsinn

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Er soll der nächste Superstar des ägyptischen Fußballs werden, will es anders als Mido und genau wie Salah machen. Goal stellt Ramadan Sobhi vor.

Oktober 2015, Kairo. Festtag für die Fußballfans in Ägyptens Hauptstadt. Überall hört man die Menschen nur über ein Thema reden: das Derby, Zamalek gegen Al Ahly. Die beiden Großklubs aus der Millionen-Metropole treffen am späten Nachmittag im Duell um den ägyptischen Supercup aufeinander. In der Hauptrolle - das wussten die Anhänger da noch nicht - ein 18-Jähriger. Ramadan Sobhi.

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Ihn stört es offenbar wenig, dass er da, gerade mal volljährig, in einem der weltweit heißesten Derbys aufläuft. In der zweiten Hälfte kommt Sobhi nahe der Mittellinie an die Kugel, ist unbedrängt - und stellt sich plötzlich einfach mal kurz auf den Ball. Zamaleks Spieler fühlen sich verhöhnt, zwei Gegner schlagen und treten unmittelbar nach der Aktion nach Sobhi.

So weit, so extravagant. Aber es geht noch besser: Knapp drei Monate vorher hatte Sobhi bei einem 2:0-Erfolg in der Liga gegen Zamalek genau das Gleiche getan. Sein Gegenspieler Hazem Emam ließ sich daraufhin zu einer Tätlichkeit hinreißen und flog mit Rot vom Platz. "Die Fans von Zamalek hassen ihn dafür", sagt Ahmed Mokhtar, Goals Experte für den arabischen Raum.

"Das war keineswegs Arroganz", verteidigte sich Sobhi vor einigen Monaten im Guardian. "Das war nur ein kleiner Skill-Move, so etwas gibt es auch in England. In Ägypten werden Dinge häufig unnötig aufgebauscht, obwohl es gar kein Problem gibt", erklärte der mittlerweile 20-Jährige. Seit Sommer 2016 spielt Sobhi in England für Stoke City, wechselte für fünf Millionen Euro von seinem Heimatklub Al Ahly in die Premier League.

Dort, auf der Insel, findet sich der dribbelstarke Flügelspieler immer besser zurecht, hat in dieser Saison bereits sechs Pflichtspiele für Stoke absolviert. Zudem tütete er mit Ägyptens Nationalelf vergangenen Sonntag mit einem 2:1 gegen den Kongo das vielumjubelte Ticket zur WM 2018 nach Russland ein. In Ägypten ist Sobhi, der in Anlehnung an Diego Armando Maradona liebevoll "Ramadona" genannt wird, nicht erst seitdem ein Star. Er ist der nächste Hoffnungsträger, der Nachfolger von Mido und Liverpools Mohamed Salah.

"Er ist das größte Talent in Nordafrika", sagte Mido, der aus dem Nachwuchs von Zamalek emporkam, dem Sentinel über seinen jungen Landsmann. Er war einst selbst zu Ägyptens fußballerischem Heilsbringer auserkoren worden, galt bei Ajax Anfang des Jahrtausends als eines der größten Stürmertalente Europas. Der heute 34-Jährige verbaute sich seine Karriere jedoch mit mangelndem Fleiß und lascher Einstellung.

Sobhi will nicht wie Mido enden

Sobhi will ein ähnliches Schicksal unbedingt vermeiden. In Kairo geboren, kam er bereits als Achtjähriger in die Nachwuchsakademie von Al Ahly. "Sie haben mich auf Anhieb genommen", erinnert er sich. Beim Probetraining damals habe er "keine wirklichen Hindernisse" gesehen.

Ein starker Charakter, der für Sobhi wohl auch unabdingbar war, stand er doch sehr früh im Spotlight, stand unter Beobachtung. Weil er in den Jugendmannschaften herausragte und körperlich bereits sehr weit entwickelt war, gab es Spekulationen, ob er nicht eigentlich älter sei, als es in seinem Pass steht. Sobhi wusste um die Gerüchte. "Die Leute redeten ständig darüber, seit ich zwölf Jahre alt war."

Er durchlief mehrere medizinische Tests, alle bestätigten, dass sein Alter stimme. "Jeder, der dabei erwischt geworden wäre, bei seinem Alter zu flunkern, wäre von Al Ahly rausgeschmissen worden. Aber sie behielten mich." Kurz nach seinem 17. Geburtstag debütierte er für Al Ahlys Profis, mauserte sich nach und nach zum Stammspieler. "Als Kind war ich als Zuschauer bei den Spielen. Es war großartig, für den Klub meiner Kindheit zu spielen", schwärmte Sobhi, der mit 18 dann auch seine Premiere bei der Nationalelf feierte.

Ramadan Sobhi Stoke City Premier League

Die Vorschusslorbeeren, die Sobhi genießt, kamen so zwangsläufig. So, wie es einst auch bei Mido war. Doch Sobhi scheint anders zu sein. Er hat großes Selbstbewusstsein, klar, vielleicht auch den Hang zum Wahnsinn. Aber das ist in seinem Alter nicht ungewöhnlich. Und kann auf dem Platz, gerade für einen Spielertypen wie ihn, sogar förderlich sein.

Außerhalb des Rasens ist Sobhi schon erstaunlich reif. Mit 20 ist er bereits unter der Haube, heiratete kürzlich die Schwester seines Nationalmannschaftskollegen Sherif Ekramy. Er hat ein stabiles Umfeld, konnte sich so in Stoke, in der fremden englischen Umgebung, besser einleben. "Meine Ehe wird mir noch mehr Kraft geben, mich auf die Arbeit auf dem Platz zu konzentrieren", betont er. Religion sieht der gläubige Muslim zwar losgelöst vom Fußball - der Glaube hilft ihm dennoch in seinem Job: "An Gott zu glauben, hilft dir, auch an harte Arbeit zu glauben. Wenn du hart arbeitest, wird Gott dir helfen, weiterzukommen."

"Ramadona hat ihnen den Kopf verdreht"

Eine Einstellung, die von Geduld zeugt. Genau das, was er in Stoke bisher mitunter brauchte. Zu Beginn der vergangenen Saison, in seinem ersten Jahr, kam Sobhi kaum zum Zug. "Er ist manchmal noch zu eigensinnig", kritisiert Goal-Experte Mokhtar. "Damit zerstört er zuweilen die Angriffe seines Teams. Und er muss noch an seinem Torabschluss arbeiten."

Erst in der zweiten Saisonhälfte 2016/17 setzte Stoke-Trainer Mark Hughes häufiger auf ihn, in dieser Spielzeit scheint Sobhi den nächsten Schritt zu gehen. Seine Ballgewandtheit, seine Geschwindigkeit und Kreativität, die er vom linken oder rechten Flügel aus einbringt, imponieren seinen Teamkollegen. So twitterte etwa sein damaliger Mannschaftskamerad Jonathan Walters im März nach einem starken Auftritt beim 2:0 über Middlesbrough: "Ramadona hat einigen Boro-Verteidigern den Kopf verdreht."

"Ramadona" ist mittlerweile so richtig in Stoke angekommen, im August unterzeichnete der Ägypter einen neuen Fünfjahresvertrag bei den Potters. Nach dem Verkauf von Marko Arnautovic an West Ham schien klar, dass Sobhi fortan eine gewichtigere Rolle spielen würde. Die Konkurrenz ist zwar weiterhin groß, kamen doch Eric Maxim Choupo-Moting und Jese als neue Flügelspieler dazu. Martin Jol, früher unter anderem Trainer bei Tottenham und beim HSV, der Sobhi bei Al Ahly coachte, glaubt aber dennoch an ihn - nicht nur bei Stoke, sondern auch bei ganz anderen Kalibern.

"Ich habe Jose Mourinho eine Nachricht geschickt", sagte Jol im Sommer 2016. "Ich sagte ihm, er solle Ramadan bei Stoke beobachten, weil er ein brillanter Fußballer ist und er irgendwann einmal bei Manchester United spielen kann." Ein Sprung, der Sobhis Ansehen in der Heimat weiter steigern würde. Denn ägyptische Profis bei den ganz großen Klubs Europas gibt es derzeit nur deren zwei: Arsenals Mohamed Elneny und Liverpools Mohamed Salah.

An deren Seite will Sobhi bei der WM in Russland im kommenden Sommer für Furore sorgen. Und vielleicht gelingt ihm das ja so gut, dass ihn alle Fußballfans in Ägypten lieben. Selbst die von Zamalek.

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