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Ralph Hasenhüttl im Interview vor dem Duell mit Jürgen Klopp: "Wir spielen zwölfmal gegen Bayern"

08:50 MESZ 05.04.19
Ralph Hasenhuttl
Southamptons Ralph Hasenhüttl spricht im Interview über seinen Schritt nach England, die Eigenheiten der Premier League und Klubboss Ralph Krueger.

EXKLUSIV

Ralph Hasenhüttl ist seit Anfang Dezember Chefcoach beim FC Southampton. Am Freitagabend trifft der Österreicher mit seinen Saints auf Jürgen Klopp und den FC Liverpool (21 Uhr im LIVE-TICKER). Im Interview mit Goal und SPOX spricht Hasenhüttl über die Herausforderung Southampton, die Überlegenheit der Premier League im Vergleich zur Bundesliga und Freistoßkünstler James Ward-Prowse. Außerdem erklärt Hasenhüttl, warum er seiner Mannschaft im Teamhotel ein Internetverbot auferlegt hat und erzählt von seinem Verhältnis zu Klubboss Ralph Krueger.

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Krueger schwärmt gegenüber Goal und SPOX von Hasenhüttl: "Ralph hat die Kultur des Klubs total angenommen. Seine Arbeitseinstellung ist unglaublich und er hat einen klaren Plan, was er tun muss, um das Potenzial des Teams auszuschöpfen. Seine Leidenschaft und sein Enthusiasmus sind ansteckend."

Herr Hasenhüttl, Sie haben in der vergangenen Woche erklärt, dass Sie Ihren Spielern ein Internetverbot auferlegt haben im Teamhotel, um sie vor abhängig machenden Videospielen zu schützen. Warum war es Ihnen so wichtig, dort einzugreifen?

Ralph Hasenhüttl: Wir werden mit unseren Maßnahmen nicht die Welt verändern. Aber mir war es wichtig, einen Denkanstoß zu liefern. Während die Alkohol- und Drogensucht in der Öffentlichkeit als Krankheit anerkannt ist und thematisiert wird, habe ich das Empfinden, dass es bei der Spielsucht leider noch nicht der Fall ist. Doch eSport, auch hier bei uns in Southampton, spielt mittlerweile eine bedeutende Rolle und beeinflusst somit natürlich auch die Jugendlichen. Bei aller Begeisterung gilt es auch zu sensibilisieren und beispielsweise das Ausmaß und die aufgewendete Zeit zu hinterfragen. Als Trainer ist es generell unsere Pflicht, die Spieler zu schützen und zu schauen, wie sie mit dem Thema umgehen, weil sie eben auch eine Vorbildfunktion haben.

Wie würden Sie Ihr Abenteuer in Southampton bislang beschreiben? Sie sind auf einem guten Weg, den Klassenerhalt zu schaffen.

Hasenhüttl: Wir sind auf einem guten Weg, das stimmt. Aber trotzdem ist es noch ein sehr weiter Weg, den wir gehen müssen. Wir haben es mit einer verdammt starken Liga zu tun. Wenn man da nicht von Anfang an mitschwimmt, ist es eine große Herausforderung. Wir hatten nach 16 Spielen 9 Punkte, diesen Rückstand holt man nicht so schnell auf. Jetzt haben wir einige Zähler mehr auf dem Konto, stehen aber noch immer hinten drin. Aber den aus meiner Sicht schwersten Schritt haben wir hinter uns gebracht. Denn im ersten halben Jahr nimmt man die meisten Anpassungen vor und muss sich auf viele neue Dinge einstellen.

Abgesehen von der Punktzahl: Was hat die Aufgabe besonders anspruchsvoll gemacht?

Hasenhüttl: Wir mussten in den ersten fünf Spielen gleich viermal gegen Top-6-Klubs antreten - unser Auftaktprogramm war brutal. Parallel dazu galt es, eine verunsicherte Mannschaft wieder in die Spur zu bringen. Es ging darum, den Spielern eine komplett neue Philosophie einzuimpfen und viele Dinge zu verändern. Bisweilen sind da alle Beteiligten rund um die Uhr gefragt.

Sie sprechen die Top 6 in der Premier League an. Macht das die Liga so einzigartig?

Hasenhüttl: Auf jeden Fall. Wir haben in der Premier League sechs Mannschaften auf dem Niveau von Bayern München. Wir spielen also in der Saison quasi zwölfmal gegen Bayern. (lacht) Zwölf Spiele, in denen man normalerweise nicht viel holt. Dazu gibt es vier oder fünf Vereine mit der Qualität von RB Leipzig oder Bayer Leverkusen. Und wir sind das Mainz, Freiburg oder Augsburg der Premier League. Das ist definitiv nicht despektierlich gemeint, aber von den Möglichkeiten kann man es an dieser Stelle gut vergleichen. Wir müssen perfekte Spiele abliefern und selbst dann ist es nicht garantiert, dass danach auch Punkte auf dem Konto stehen. Das macht die Geschichte zu einer besonderen Herausforderung.

Aus Ihrer Sicht: Warum sind die englischen Vereine im Moment den deutschen überlegen?

Hasenhüttl: Die Topklubs der Premier League profitieren aus meiner Sicht enorm davon, dass es sechs Vereine gibt, die auf einem sehr hohen Niveau agieren. Diese Teams bestreiten so viele Duelle untereinander, dass für sie in gewisser Art und Weise das ganze Jahr Champions League gespielt wird. Das hilft ihnen extrem, um in den europäischen Duellen zu bestehen. Und uns kleineren Vereinen helfen die vielen Spiele gegen die Top 6 natürlich auch in unserer Entwicklung.

Wie erleben Sie die spielerischen Unterschiede zwischen der Premier League und der Bundesliga?

Hasenhüttl: Es wird viel mehr laufen gelassen, man muss physisch mehr dagegenhalten. Unsere Mannschaft hatte damit auch ihre Schwierigkeiten. In der Vergangenheit hat der Klub auf eine andere taktische Ausrichtung gesetzt, weshalb wir die Spieler erst von dem neuen Stil begeistern und überzeugen mussten. Inzwischen haben wir in diesem Bereich einen großen Fortschritt gemacht, aber es ist natürlich längst noch nicht perfekt.

Die Stimmung in Southampton scheint gut zu sein,wenn man an den kleinen Streich denkt, den Ihnen Ihre Spieler letztens gespielt haben.

Hasenhüttl: Die Jungs sind willig und investieren sehr viel, um besser zu werden. Eine gute Atmosphäre zu haben, ist absolut angenehm, aber wir müssen vor allem weiter punkten. So banal sich das anhört, aber es ist einfach so verdammt eng. Wir tun gut daran, so weiterzuarbeiten wie in den letzten Wochen und Monaten. Wenn wir die richtige Mischung aus Freude und Spaß an der Arbeit, aber auch Fokussiertheit und Konzentration finden, werden wir es am Ende schaffen.

Southampton ist bekannt für eine hervorragende Nachwuchsakademie. Yan Valery ist beispielsweise ein junger Spieler, der unter Ihnen eine sehr gute Rolle spielt. Wie würden Sie die Philosophie der Saints beschreiben?

Hasenhüttl: In Deutschland würde man uns als Ausbildungsverein bezeichnen. Wir haben nicht die Möglichkeiten, die ganz großen Transfers zu tätigen. Wir sind ein sich selbst tragendes Unternehmen, wir kaufen und verkaufen Spieler. In Southampton sind in den vergangenen Jahren viele gute Spieler, aber auch Trainer, ausgebildet worden. Wir haben ein fantastisches Trainingsgelände und eine hervorragende Akademie. Wir wollen junge Spieler heranführen und haben diesbezüglich in letzter Zeit schon ein paar Erfolge errungen, daran müssen wir anknüpfen. Das ist der "Southampton Way", wie wir ihn bezeichen. Diesen Weg wollen wir gehen und mit Leben füllen. Es ist sicher kein leichter Weg, aber für uns ist es der einzig gangbare.

Welche Rolle spielt Klubchef Ralph Krueger für Sie?

Hasenhüttl: Ralph war ein bedeutender Faktor, warum ich die Aufgabe angenommen habe. Inzwischen ist die Sprache kein Problem mehr, aber am Anfang war es hilfreich, sich auf Deutsch austauschen zu können. Außerdem hat er selbst eine unglaubliche Erfahrung als Coach aus seiner Eishockey-Zeit und versteht unsere Arbeit deshalb sehr gut. Wir haben einen sehr angenehmen Austausch und ein absolutes Vertrauensverhältnis. Das ist sehr wichtig.

Wenn wir auf Ihre Mannschaft blicken, fällt vor allem ein Spieler auf: Freistoßkünstler James Ward-Prowse. Was zeichnet ihn aus?

Hasenhüttl: James ist ein Vollprofi mit einer vorbildlichen Einstellung. Er arbeitet sehr hart an sich. Sein Problem war, dass er früher darauf reduziert wurde, was er mit dem Ball drauf hat. Gegen den Ball war ein wenig Aufbauarbeit notwendig. Aber jetzt hat er sein Spiel weiterentwickelt, gewinnt Bälle und ist aggressiv in den Zweikämpfen. Seine Flexibilität, verschiedene Positionen spielen zu können, ist wichtig für ihn und hat ihm geholfen, sich seinen Platz zu erkämpfen. Jetzt ist er nicht mehr aus der ersten Elf wegzudenken.

Und er stand jetzt auch im Kader der englischen Nationalmannschaft.

Hasenhüttl: Jede Mannschaft auf der Welt kann einen Jungen gebrauchen, der mal einen Freistoß über die Mauer zirkeln kann. (lacht) Er hat es sich durch seine Leistungen verdient und wenn man als Mittelfeldspieler in neun Spielen sechs Tore schießt, dann kommt man automatisch auf den Zettel des Nationaltrainers. Gareth Southgate kennt ihn aus der U21 und hat mir gesagt, dass er weiß, was für ein professioneller Typ James ist und dass man sich immer auf ihn verlassen kann. Die Berufung war dann nur die logische Folge.

Spieler wie Ward-Prowse könnten nach dem erfolgreichen Ligaverbleib für das mittelfristige Ziel stehen, "Best of the Rest" in der Premier League zu werden. Ist das realistisch für Southampton?

Hasenhüttl:  "Best of the Rest" sein zu wollen ist nichts, das man so einfach als Ziel ausrufen kann. Man muss vor allem viel dafür tun. Wir haben den Plan, im Rahmen unserer Möglichkeiten einiges zu verändern, aber es gibt in England Vereine, die auch den Anspruch haben, "Best of the Rest" sein zu wollen und die deutlich mehr Möglichkeiten haben als wir. Wir haben die mit Abstand jüngste Mannschaft der Premier League. Für uns geht es darum, diese Jungs weiterzuentwickeln. Gelingt uns das, haben wir die Chance, in der nächsten Saison vielleicht eine andere Rolle zu spielen. Aber ganz ehrlich: Das ist alles Zukunftsmusik. Aktuell geht es nur um den Klassenerhalt, der wird schwer genug.

Im Kampf um den Klassenerhalt können Sie mit den Saints auch ins Titelrennen eingreifen.

Hasenhüttl: Mal schauen, vielleicht können wir das Zünglein an der Waage sein. Es ist unmöglich zu sagen, wer am Ende das Rennen macht. Sowohl Liverpool als auch City haben jede Menge Qualität und könnten bis zum Schluss jedes Spiel gewinnen. Doch an jedem Spieltag warten auch potenzielle Stolpersteine. Da wird es am Ende auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied machen.

Stehen Sie mit Jürgen Klopp in Kontakt? Hat er Ihnen Tipps für die Premier League gegeben?

Hasenhüttl: Nein, Jürgen hat sicher genug zu tun. (lacht) Und ich auch. Für mich ist es wichtig, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Aber ich freue mich schon, ihn zu sehen. Ich habe bis jetzt erst ein einziges Mal gegen ihn gespielt, das war 2012 mit Aalen im DFB-Pokal gegen den BVB. Das ging nicht so gut aus für mich.

1:4 hieß es damals am Ende. Aber jetzt könnte es besser aussehen, Ihre Bilanz gegen die Top-6 ist gut.

Hasenhüttl: Gut ist relativ. Wir haben gezeigt, zuletzt gegen Tottenham, dass wir zuhause die Chance haben, den einen oder anderen zu ärgern. Das werden wir auch gegen Liverpool versuchen. Ich bin froh, dass wir eine ganze Woche zur Vorbereitung hatten und das Spiel seriös angehen konnten. Gegen City hatten wir hingegen nur zwei Tage Zeit. Jetzt können wir uns hoffentlich anders präsentieren. Ich erwarte einen tollen Abend.

Warum war Southampton nach Ihrer Zeit in Leipzig genau die richtige Herausforderung für Sie?

Hasenhüttl:  Da gab es mehrere Gründe. Wenn man die Chance bekommt, in die stärkste Liga der Welt zu gehen, muss man sie wahrnehmen. Ich hatte davor schon öfter darüber nachgedacht, ob mein Stil, mit agressivem Pressing Fußball spielen zu lassen, gut zur Premier League passen würde. Auch als Spieler hatte ich schon zweimal einen Versuch gestartet...

Warum hat das nicht geklappt?

Hasenhüttl: Ganz einfach: Weil ich nicht gut genug war. (lacht)

Wie wichtig war die Sprache bei Ihrer Entscheidung?

Hasenhüttl:  Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass man als Trainer die entsprechende Landessprache beherrscht. Es war nach meinem Wechsel nach Southampton eine große Herausforderung für mich, vor der Mannschaft zu stehen und in einer anderen Sprache meine Philosophie zu vermitteln. Generell beinhaltet der Job des Managers in der Premier League viel mehr Aufgaben, was mich persönlich enorm weiterbringt. Ich bin in eine Liga gekommen, in der ich mich auf ganz neue Teams einstellen und vorbereiten muss. Das macht einen großen Reiz aus. Das heißt nicht, dass ich es nicht genossen habe, in der Bundesliga zu arbeiten. Ich hatte in Ingolstadt und Leipzig eine wunderschöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Aber ich war nach Leipzig an einem Punkt angekommen, an dem ich nach einer neuen Herausforderung gesucht habe. Deshalb war der Schritt in die Premier League für mich richtig. Ich empfinde es als Auszeichnung, in der besten Liga der Welt arbeiten zu dürfen.

Hätten Sie das für möglich gehalten, als Sie in Unterhaching unter Harry Deutinger als Coach anfingen?

Hasenhüttl:  Wenn ich das damals für möglich gehalten hätte, wäre ich ein ganz schöner Träumer gewesen. Umso schöner ist es, dass es so gelaufen ist. Als Trainer kann man vielleicht davon träumen, dass man sich in 13 Jahren keine Kerbe holt, überall Erfolg hat und dann in der stärksten Liga der Welt landet - rein analytisch betrachtet ist es aber nicht wahrscheinlich.

Abschließend, wie haben Sie den verpatzten Start des ÖFB-Teams in die EM-Qualifikation miterlebt?

Hasenhüttl:  Gegen Polen kann man zuhause natürlich verlieren, aber so wie das Spiel gelaufen ist und so wie dann der Auftritt in Israel war, muss man von einem verpatzten Start sprechen. Aber trotzdem ist noch nichts verloren. Wenn jetzt die richtigen Konsequenzen und Schlüsse gezogen werden, verbleiben noch genügend Spiele in einer Gruppe, in der es nicht unmöglich sein sollte, zu punkten. Von daher gilt es, positiv zu bleiben und die Scharten auszuwetzen.