Paul Vaessen: Absturz vom Arsenal-Hoffnungsträger zum Drogentoten

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Getty / Goal
In jungen Jahren lag ihm die Welt zu Füßen. Eine Verletzung zerstörte Paul Vaessens großen Traum. Es kamen die Drogen und die zerstörten sein Leben.


HINTERGRUND
Es war ein milder Abend am 23. April 1980 in Turin. Man konnte durchaus in kurzärmliger Kleidung vor die Tür gehen, auch wenn viele das gar nicht vor hatten. Es war ein Abend, an dem man entweder das Glück hatte, eine Karte für das Juventus -Spiel ergattert zu haben, oder an dem man das große Spiel vor dem Fernseher verfolgte. Es lag eine Anspannung über der Stadt, den ganzen Tag war sie zu spüren. Die Bianconeri empfingen Arsenal , Halbfinal-Rückspiel im Europapokal der Pokalsieger. Die Ausgangslage war nach einem 1:1 in Highbury wie gemalt für die Italiener, die ja das wichtige Auswärtstor auf der Insel erzielt hatten. Und sowieso: In 25 Jahren Europapokal hatte Juventus nie ein Heimspiel gegen eine englische Mannschaft verloren. Was sollte da schon schiefgehen?

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88 Minuten lang sah es im prall gefüllten Stadio delle Alpi auch so aus, als ginge nichts schief. Es stand 0:0, Juve hatte alles im Griff und verteidigte souverän. Dann kam der Auftritt eines 18-Jährigen, der die Tifosi schockte: Der junge Paul Vaessen, kurz zuvor eingewechselt, nickte am langen Pfosten eine Flanke von Graham Rix so ein, dass der große Dino Zoff im Juve-Kasten sich nur noch vergeblich strecken konnte. Die in gelb und blau gekleideten Gunners gewannen mit 1:0 und zogen ins Endspiel ein. Arsenal hatte einen neuen Helden - und der hatte gerade schon den Zenit seiner Karriere erlebt.

Vaessen unterzeichnete mit 16 einen Vertrag bei Arsenal

Mehr als zehn Jahre später erinnerte sich Vaessen an diese Szene und beschrieb sie in der News of the World so: "Mit einem 0:0 wären wir wegen der Auswärtstorregel ausgeschieden. So stand es, als Trainer Don Howe mich auf's Feld schickte. Ich weiß noch, dass er zu mir sagte: 'Los Paul, hau einen für uns rein.' Ich antwortete: 'Ja, geht klar.'"

Als Vaessen dieses Interview 1994 gab, war seine Karriere längst vorbei und er hing im Drogensumpf fest. Der Junge, der im Alter von 16 Jahren bei Arsenal bereits einen Profivertrag unterzeichnet hatte und als eine der großen englischen Sturmhoffnungen jener Zeit galt, war auf die schiefe Bahn geraten und hatte nie die Karriere hingelegt, die viele von ihm erwartet hatten.

Es war nicht lange her, dass Trainer Howe den jungen Vaessen als "überragendes Talent" bezeichnet hatte, da bekam die Karriere einen Knick, von dem sie sich schon nicht mehr erholte. Im Nordlondon-Derby gegen Tottenham erhielt Vaessen einen Schlag auf sein Knie. Er verletzte sich schwer und musste in der Folge mehrfach operiert werden. Der Junge aus der Fußballerfamilie (Vater Leon spielte einst als Profi beim FC Millwall und beim FC Gillingham) konnte nicht mehr das tun, was er am liebsten tat: dem Ball nachjagen und Tore schießen.

Später sagte er über seine große Nacht von Turin: "Ich werde nie die Stille im Stadion vergessen, als ich getroffen hatte. Die Feuerwerkskörper, die Gesänge, die Pauken – alles stoppte. Es war gespenstisch. Wir haben das später in der Bar kompensiert. Der Champagner war leer, wir sangen und lachten. Der Adrenalinrausch war fantastisch."

"Manchmal schlief ich ein, wo ich hinfiel"

Dieser Adrenalinrausch nach Toren und Siegen, er fehlte dem verletzten Vaessen nun. Ersatzbefriedigungen mussten her und der Lockenkopf mit den dunkelblonden Haaren fand sie in den Drogen. Bis er 13 war, hatte er Marihuana geraucht, es dann aber aufgegeben. Nun wandte er sich härteren Drogen zu. Und je mehr er dies tat, desto weniger kämpfte er um seine Karriere. "Alles war eigentlich in Ordnung. Aber dann, plötzlich, machte er keinerlei Fortschritte mehr", wunderte sich Howe.

Vaessen absolvierte in der Saison 1982/83 keine einzige Partie und anschließend war seine Laufbahn bei Arsenal vorbei. Der damals 21-Jährige war geknickt. Sein Traum war geplatzt, er resignierte und beendete seine Karriere.

Paul Vaessen Arsenal

Zuflucht boten ihm einige Jugendfreunde und immer stärkere Drogen. Vaessen probierte Heroin. Er war abhängig, nahm auch Kokain. Er schlug die klassische Drogenlaufbahn ein. Ab und zu hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, meist aber wurde er kriminell, um den teuren Alltag zu finanzieren. Seine Frau verließ ihn und nahm den gemeinsamen Sohn mit. Vaessen musste mehrfach vor Gerichte und konstatierte später gemäß Guardian : "Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht ins Gefängnis musste."

Vaessen zog zurück zu seinen Eltern und war "vollgedröhnt bis zu den Augäpfeln". Bei seinen Eltern hielt er es nicht lange aus und sie hielten es auch nicht lange mit ihm aus. Also lebte er auf der Straße sein wenig erstrebenswertes Leben: "Manchmal schlief ich ein, wo ich hinfiel."

Hoffnungsschimmer nach dem Entzug

Vaessen, einst ein Hoffnungsträger der englischen Fußballfans, war schon weit unten angekommen, doch es sollte noch weiter bergab gehen. Während eines geplatzten Drogendeals wurde er mit sechs Stichen niedergestochen und verbrachte vier Tage auf der Intensivstation. Er sollte eigentlich noch wochenlang behandelt werden, aber er hatte keine Lust auf eine Reha. In seinem Kopf gab es nur die Rauschmittel, also verließ er das Krankenhaus und kehrte zurück auf die Straße.

In einem seiner klaren Momente sagte Vaessen einmal über den Raubbau an seinem Körper und den drohenden Konsequenzen: "Man sieht nicht viele 60-jährige Drogenabhängige." Im Mai 1993 wollte er gegen seine Sucht ankämpfen und ließ sich in eine Entzugsklinik in Bexleyheath einliefern. Sieben Wochen verbracht er dort.

Für Vaessen ging es bergauf. Er lernte eine Frau kennen, Sally. Sie hatte eine kleine Tochter. Die drei wohnten zusammen und später bekamen Paul und Sally noch einen gemeinsamen Sohn. Es war 1994, als er als Maler arbeitete und endlich etwas fand, was er machen wollte. Eine Bestimmung, die ihn zumindest ansatzweise so befriedigen konnte, wie es einst der Fußball getan hatte: Er wollte als Physiotherapeut für Sportler arbeiten.

Er war euphorisch und voller Motivation. Umso tiefer riss es ihn wieder nach unten, als er seinen Wunschjob nicht ausüben konnte. Wieder machte das Knie Probleme, er brach seine Ausbildung ab – und wurde rückfällig.

Vaessen starb im Alter von 40 Jahren

Vaessen zog nach Bristol und lebte bei seinem Bruder. Immer wieder kämpfte er gegen seine Drogensucht und auch gegen Depressionen. 1998 wurde er angeklagt, weil er einen Polizisten angegriffen hatte, nachdem er in einem Supermarkt Damen-Strumpfhosen gestohlen hatte. Die Polizei hatte ihn gefunden, als er auf der Toilette des Geschäfts Selbstgespräche führte. Auf dem Parkplatz fiel er hin und trat einen Ordnungshüter, als dieser ihm aufhelfen wollte. Vaessen widersprach dieser Darstellung und behauptete, er sei zu Boden geworfen worden und habe daher wieder Schmerzen in seinem Bein.

Vaessens Anwalt Andre Purkiss sagte damals vor Gericht über seinen Mandanten: "Dies ist ein sehr tragischer Fall. Vor 20 Jahren konnte mein Klient die Welt erobern und hatte allen Grund, sich auf die Zukunft zu freuen. Aber mit 21 Jahren sagten ihm die Ärzte, er werde zum Krüppel, sollte er weiterhin professionell Fußball spielen. Sein ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt und er war völlig verzweifelt. Damals wurde sich nicht gekümmert und es gab keine Hilfe nach der Karriere. Arsenal sagte ihm damals: 'Auf Wiedersehen und viel Glück'."

Vaessen, der zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt worden war und dagegen erfolgreich Berufung eingelegt hatte, hatte nur noch wenig Glück und Ende der 1990er Jahre war es endgültig erschöpft. Mittlerweile war er auch Methadon-süchtig. Seine Freundin Sally verließ ihn nach mehreren Fällen von häuslicher Gewalt und Anfang August 2001 kam das Unausweichliche: Paul Vassen wurde von einem Freund im Badezimmer des Hauses, das er sich mit seinem Bruder teilte, tot aufgefunden. In seinem Blut wurden Drogen gefunden, Anzeichen für ein Fremdverschulden gab es keine.

Seinen schwersten Kampf hatte Vaessen endgültig verloren. Gary Lewin, ein Kamerad aus gemeinsamen Arsenal-Zeiten, sagte dem Guardian : "Es ist sehr, sehr traurig. Schockierend. Wenn jemand unter diesen Umständen stirbt, fühlt es sich an, als sei ein Leben verschwendet worden."

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