Borussia Dortmunds neuer Stürmer Paco Alcacer: Wenn die Tore Trauer tragen

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Paco Alcacer, der zu Beginn seiner Karriere einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste, wechselt zum BVB. Goal stellt den Angreifer vor.


HINTERGRUND

Estadio Mestalla, Valencia, am 13. August 2011: Im Rahmen der alljährlichen Trofeo naranja trifft der FC Valencia auf den italienischen Vertreter AS Rom, es läuft die 83. Spielminute. Linksverteidiger Jeremy Mathieu bekommt die Kugel in den Fuß gespielt, nimmt über die offensive Außenbahn Fahrt auf, dringt in den Strafraum ein. Kurz hebt er den Kopf, in dem Wissen, dass da irgendwo, nur wenige Meter vor des Gegners Tor, ein Mitspieler  lauern dürfte. Ein paar Schritte zur Grundlinie, scharfer Pass in den Rückraum und schon klingelt es zum dritten Mal an diesem Abend im Kasten der Giallorossi. Paco Alcacer, Nachwuchshoffnung und Eigengewächs, drückte die Kugel über die Linie und fällt seinem Assistgeber anschließend in die Arme.

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Ein lauer Sommerabend findet wenige Minuten später sein erfolgreiches sportliches Ende, die Fans auf den Rängen feiern ihr Team, das die Roma letztlich mit 0:3 auf den Heimweg schickt. Auch Pacos Vater, Francisco senior, zählt zu den Zuschauern, hatte seinen Sohn während der 90 Minuten gemeinsam mit Mutter Inma unterstützt. Im Anschluss verlässt die Familie das Stadion zusammen und das traurige Schicksal nimmt seinen Lauf. Paco senior erleidet einen plötzlichen Herzinfarkt, bricht zusammen. Über eine halbe Stunde bangen die Alcacers um sein Leben, immer wieder versuchen ihn die Rettungskräfte zu reanimieren, ehe der behandelnde Notarzt die Maßnahmen einstellen muss. Francisco wird nur 44 Jahre alt, hinterlässt seine Frau, Paco und dessen jüngeren Bruder Jorge.

 

 

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"Ich habe damals ein Tor geschossen, er hat sich aufgeregt und hat einen Herzinfarkt erlitten", erinnert sich Alcacer Jahre später. "Ich war 17 Jahre alt und es war sehr schwer für mich." Seitdem gedenkt der spanische Nationalspieler seines verstorbenen Vaters nach jedem Tor, indem er den Blick gen Himmel richtet, beide Arme mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben hebt. "Ich wollte so früh wie möglich das Kapitel abschließen, aber ich widme ihm jeden Sieg und jedes Tor. Die Kraft, die ich auf dem Feld habe, geben mir meine Mutter und mein Bruder."

Die Zeit, die der mittlerweile 24-Jährige in der jüngeren Vergangenheit auf dem Feld verbracht hat, lässt sich allerdings – überspitzt gesprochen – an einer Hand abzählen. In der vergangenen Saison kam Alcacer für den FC Barcelona lediglich in 17 Liga-Partien zum Einsatz, nur einmal durfte er über die volle Distanz ran, in der neuen Spielzeit steht bislang keine einzige Minute zu Buche. Kein Wunder, dass der Angreifer sich nach drei Jahren im Dress der Blaugrana nach einem neuen Arbeitgeber umsah und ihn in Borussia Dortmund fand.

Paco Alcacer als Nachfolger von Pierre-Emerick Aubameyang

Die Schwarz-Gelben waren nach dem turbulenten Abgang von Pierre-Emerick Aubameyang im letzten Winter auf der Suche nach einem Goalgetter. Auch, weil Kurzzeit-Leihspieler Michy Batshuayi, der seine Sache als Auba-Erbe mehr als zufriedenstellend ausgeführt hatte, den BVB-Verantwortlichen wohl zu teuer war. Alcacer wird zunächst für ein Jahr ausgeliehen, im Anschluss verfügen die Westfalen über eine Kaufoption, die zwischen 20 und 30 Millionen Euro liegt. Wer ist der Mann, der künftig das Sturmzentrum bei den Schwarz-Gelben besetzen soll?

Alcacer wurde am 30. August 1993 in Torrent, in der Nähe von Valencia geboren, startete seine Karriere bei den hiesigen Klubs CD Monte-Sion und später Torrent CF, ehe Scouts des FC Valencia auf das damals zwölfjährige Talent aufmerksam wurden und in die Hafenstadt lotsten. In der Nachwuchsschmiede von Los Che entwickelte sich der flinke Offensivmann zum Hoffnungsträger, mit 18 feierte er sein Debüt für die Profis, meistens kam er aber zu jener Zeit bei Valencias Zweitvertretung zum Einsatz. Um Erstligaerfahrung zu sammeln, wechselte im Jahr darauf leihweise für eine Saison zum FC Getafe.  

Schoss Valencia ins Viertelfinale: Paco Alcacer

Drei Tore sowie eine Vorlage steuerte der Youngster für die Mannschaft aus dem Vorort Madrids bei, ehe er im Winter darauf, zurück an alter Wirkungsstätte endgültig durchstarten sollte. Fünfmal traf Alcacer in seinen ersten sieben Spielen von Beginn an, beim 3:2 im Camp Nou gegen den großen FC Barcelona zeichnete er sich unter anderem als Siegtorschütze verantwortlich, avancierte in der Folge als Lokalmatador zu Valencias Publikumsliebling. Zwei Jahre und 20 Liga-Treffer später durfte er seine Truppe erstmals als Kapitän aufs Feld führen. Die fanatischen Anhänger der Fledermäuse verehrten ihren "Paquito", der mittlerweile auch in der Furia Roja mächtig für Furore gesorgt hatte, fünfmal traf und damit die meisten Tore aller Seleccion-Stars auf dem Konto hatte.   

Doch dann folgte der Karriereschritt, der ihn zur Persona non grata im Mestalla werden ließ. Alcacer entschied sich im Sommer 2016, kurz bevor das Transferfenster schloss, für einen Abgang, schloss sich Barca an – und brachte diejenigen, die ihn einst vergöttert hatten, gegen sich auf. Aus "Paquito" wurde "Judas", "einer von uns" war auf einmal der geächtete Verräter. Insbesondere, weil der Wechsel, der Valencia rund 30 Millionen Euro in die Kassen spülte,  so unvorhersehbar, so aus heiterem Himmel kommuniziert wurde.

Etliche Experten räumten dem Stürmer, der immerhin in ein Team stieß, in dem Neymar, Lionel Messi und Luis Suarez die hochdekorierte Offensivreihe bildeten, kaum Chancen ein. "Das ist ein Zug, der nur einmal im Leben hält. Man kann nicht von Rückschritt sprechen, wenn man zu Barca geht", legitimierte Alcacer damals seine Entscheidung.

Paco Alcacer: Bei Valencia verehrt, beim FC Barcelona nur Reservist

Tatsächlich musste der schnelle Rechtsfuß sich mit der Teilzeitkraft-Rolle bei den Blaugrana begnügen, kam zumeist von der Bank, bisweilen schmorte er 90 Minuten lang auf selbiger oder sogar auf der Tribüne. Als Neymar die Katalanen im darauffolgenden Jahr für 222 Millionen Euro in Richtung Paris verließ, schöpfte Alcacer neue Hoffnung auf mehr Spielzeit und gab sich zunächst selbstbewusst. "Es war kein Fehler, herzukommen", erklärte er trotzig und schob nach: "Ich lerne jeden Tag von den Besten." Barcelona hatte jedoch andere Pläne, schnappte sich Ousmane Dembele als Neymar-Ersatz, ein paar Monate darauf kam auch noch Philippe Coutinho vom FC Liverpool. Das Resultat: Paco blieb Reservist, netzte in seinen unregelmäßigen Auftritten aber immerhin siebenmal.

Lionel Messi Paco Alcacer Barcelona

Und so rankten sich spätestens nach der abgelaufenen Spielzeit zahlreiche Wechselgerüchte um den Mittelstürmer, der beim amtierenden Meister zumeist die Außenbahn beackerte, anstatt auf seiner angestammten Position agieren zu dürfen. Vor wenigen Wochen keimte ein konkretes Interesse aus Dortmund auf, das sich in der Folge konkretisierte. Während Neu-Trainer Lucien Favre, der spielstarke Akteure an vorderster Front präferiert, als großer Befürworter des Deals gilt, zeigt sich Dortmunds Anhängerschaft zwiegespalten.

Viele hatten sich gewünscht, Batshuayi weiterhin im schwarz-gelben Dress zu sehen, einige bevorzugten eine - zugegebenermaßen - etwas unrealistische Verpflichtung von Chelsea-Star Alvaro Morata. Mit Alcacer, so der Tenor, schlage hingegen eine Wundertüte im Ruhrpott auf. Sicherlich mit Potenzial ausgestattet, aber eben nicht sonderlich wettkampferprobt für einen Verein mit derart ambitionierten Zielen.

Wie Paco Alcacer sich schlussendlich in seiner mutmaßlich neuen Heimat akklimatisiert, bleibt abzuwarten. Die nötige Qualität, sich in Deutschlands Beletage zu etablieren, bringt er gewiss mit. Eines ist aber sicher: Der Spanier möchte diejenigen, die an ihm Zweifeln Lügen strafen, beweisen, dass er auf hohem Niveau durchaus zu Größerem fähig ist. Dann, wenn er den Ball im Tor unterbringt, den Kopf in den Nacken legt, die Augen schließt und in den Himmel deutet, an seinen geliebten Vater denkt, der viel zu früh von ihm gegangen ist, vergisst er ohnehin alles um ihn herum. Obwohl jedem Tor von ihm auch immer etwas Trauer innewohnt: Die Kritiker werden mit steigender Anzahl mehr und mehr verstummen.

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