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Nicht nur Maurizio Sarri ist das Problem: Warum der FC Chelsea in der Krise steckt

18:00 MEZ 22.02.19
Maurizio Sarri FC Chelsea
Chelsea steckt in einer Krise, musste Klatschen gegen Bournemouth und City einstecken. Goal und SPOX stellen fünf Gründe für die Talfahrt heraus.

"F*cking Sarriball!" Die Fans des FC Chelsea hatten am Montag bei der 0:2-Niederlage im FA Cup gegen Manchester United endgültig die Nase voll vom Fußball ihrer Mannschaft, den Trainer Maurizio Sarri seit seiner Ankunft an der Stamford Bridge im Sommer peu a peu versucht hat, umzusetzen.

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Warum auch nicht? Schließlich hatte eben jener Stil den SSC Neapel zu einem ernsthaften Konkurrenten für Abo-Meister Juventus Turin gemacht. Beim FC Chelsea aber fruchtete Sarris Konzept nur kurzfristig.

Nach einem starken Saisonstart mit fünf Siegen in Folge begann das Spiel der Blues zu lahmen. Im neuen Jahr holte Chelsea in der Premier League lediglich sieben von 18 möglichen Punkten, rutschte aus den Champions-League-Rängen und kam beim AFC Bournemouth (0:4) und Manchester City (0:6) kräftig unter die Räder.

Selbst der Einzug ins Finale des Carabao Cups, in dem die Blues am Sonntag erneut auf die Cityzens treffen, täuscht nicht darüber hinweg, dass an der Stamford Bride stürmische Zeiten angebrochen sind. Sarri hat nach Informationen von Goal und SPOX  noch drei Spiele Zeit, um das Ruder mit positiven Ergebnissen herumzureißen.

Einige Gründe für die Krise hängen zwar direkt mit Sarri zusammen, andere sind aber kaum dem Trainer anzulasten.

1. Der "Sarriball" erlebt in England eine Art Götterdämmerung

"Sarriball". Das war jenes offensive und auf kurze Pässe ausgelegte Ballbesitzspiel mit oft nur einem Kontakt. Ein Mix aus hohem Pressing und dem Locken der gegnerischen Mannschaft. Eine Taktik, die den SSC Neapel unter Sarri binnen zwei Jahren zu einem ernsthaften Anwärter auf den Scudetto gemacht hat.

"Sarriball" ist technisch hochwertig, anspruchsvoll, aber auch riskant. Der Ball ist immer in Bewegung, besonders in Sarris Viererkette. Die Verteidiger passen sich mehrfach den Ball hin und her oder binden sich fallenlassende zentrale Mittelfeldspieler ein. Das tun sie auch dann, wenn der Gegner presst. Ein Fehlpass, ein Fehler bei der Ballannahme und der Gegner steht direkt vor dem Tor.

Der Plan dabei ist, das gegnerische Pressing ins Leere laufen zu lassen, um dann mit vertikalen Pässen blitzschnell das Mittelfeld zu überbrücken. Die drei Angreifer und Mittelfeldspieler sind dabei ständig in Bewegung, wechseln immer wieder die Positionen. Als „vertikales Tiki-Taka“, wurde die Spielweise von Sarris Napoli in Italien gefeiert.

Doch in der Premier League beim FC Chelsea sieht es anders aus. Einerseits, weil Sarri einer zuvor von Antonio Conte trainierten und defensiv sowie auf Konter ausgerichteten Mannschaft seinen hochkomplexen Fußball erst einmal einprägen muss.

Andererseits ist Chelsea unter Sarri ausrechenbar und unflexibel. So fällt zumindest das Urteil vieler britischer Sportjournalisten in den vergangenen Wochen und Monaten aus. Falsch liegen sie damit nicht. Sarri rüttelt nicht an seiner Grundsystematik, dem 4-3-3, und ebenso wenig an seinem Personal auf dem Feld.

Vier Spieler haben bei Chelsea bis dato jedes Spiel in der Liga bestritten, drei weitere verpassten nur eine Partie. Überraschungsmomente bezüglich der taktischen Ausrichtung und der Startaufstellung sind rar gesät. Daher werden gegnerische Trainer von Sarri immer seltener kalt erwischt. Ganz im Gegenteil.

Arsenal-Trainer Unai Emery lieferte beispielsweise eine Blaupause, wie man die Blues überraschen und in der Konsequenz mit einfachen Mitteln schlagen kann. Die Gunners liefen am 23. Spieltag erstmals überhaupt in dieser Saison mit einer Raute im 4-4-2 und einer Doppelspitze aus Pierre-Emerick Aubameyang und Alexandre Lacazette auf.

Aaron Ramsey wurde auf Chelseas Spieleröffner Jorginho, der wie schon bei Napoli Sarris Lenker sein soll, angesetzt. Damit kamen die Blues nicht zurecht, verloren mit 0:2.

"Barcelonas Spiel war auch vorhersehbar, aber sie haben trotzdem gewonnen", konterte Sarri auf die Frage, warum er nicht das System oder seine Startelf wechsele. Das mag zutreffen, aber im Gegensatz zu Barcelona verlieren die Blues im laufenden Kalenderjahr in der Liga häufiger (dreimal) als dass sie gewinnen (zweimal).

2. Sarris Ausrechenbarkeit ist auch eine Konsequenz der Kadermischung

Dass Chelsea unter Sarri schon entschlüsselt scheint, liegt auch daran, dass dem Trainer offenbar für sein Konzept die richtigen Spieler fehlen. Das bemängelte der knurrige Italiener, der aufgrund seines früheren Jobs in einer Bank den Spitznamen "L’impiegato“ (der Angestellte) trägt, selbst erst vor Kurzem.

"Wir haben taktische Probleme im Mittelfeld", stellte Sarri gegenüber BT Sport fest: "Wir haben vier Mittelfeldspieler (gemeint waren Jorginho, Mateo Kovacic, Ross Barkley, N’Golo Kante) und drei von ihnen haben die gleichen Eigenschaften. Nur Kante ist defensiv, die anderen sind offensive Mittelfeldspieler."

Zwei Mittelfeldspieler mit den gleichen Charakteristiken aufzustellen, bezeichnete er als schwierig. Sarris Problem ist also ein Stück weit durch die unzureichende Kaderplanung hausgemacht.

Schon Sarri-Vorgänger Conte hatte die Klubführung für ausgebliebene oder gar falsche Transfers kritisiert. Allerdings muss sich Sarri diesbezüglich mindestens den Vorwurf gefallen lassen, zu stur auf sein System zu beharren und sich nicht an die vorhandenen Spieler anzupassen.

3. Sarris "Experimente“ mit Hazard, Königstransfer Jorginho und Kante schlagen fehl

Sarri fliegen derzeit besonders seines Aussagen bezüglich seiner offensiven und defensiven Möglichkeiten im Mittelfeld um die Ohren. Sowohl Kante als auch Jorginho sind bei Sarri zwar gesetzt, werden aber nach Meinung der Kritiker auf der falschen Position eingesetzt.

Jorginho, der Sarri auf dessen Wunsch für 57 Millionen Euro von Neapel an die Stamford Bridge gefolgt war, spielt zentral vor der Viererkette der Blues. Auf jener Position also, die er schon bei Napoli besetzt hatte.

Bei Chelsea wurde die Sechserposition in der Vergangenheit aber eigentlich ideal vom lauf- und zweikampfstarken Kante besetzt. Nicht umsonst sagte Teamkollege Eden Hazard noch in der vergangenen Saison über Kante, dass dieser "auf seiner Position der Beste der Welt" sei. Mit ihm in Top-Form habe man "eine 95 prozentige Chance zu gewinnen".

Zwar befindet sich Kante aktuell nicht in eben jener Form, die ihn bei der WM 2018 schon für die französische Nationalmannschaft unverzichtbar gemacht hatte. Allerdings liegt das kritischen Stimmen zufolge auch daran, dass er von Sarri in eine wesentlich offensivere Rolle hineingedrängt und somit seiner Stärken beraubt wurde.

Sarri beharrt jedoch auf seinem Standpunkt, einen technisch starken Spieler im Zentrum vor der Abwehr spielen zu lassen. Also erhält Jorginho dort den Vorzug vor Kante, obwohl Sarris Königstransfer noch merkliche Probleme mit dem im Vergleich zur Serie A wesentlich höheren Tempo der Premier League hat. Eine Maßnahme, die ebenso fragwürdig ist wie die Etablierung von Eden Hazard als falscher Neun im Zentrum.

Hazard, der eigentlich auf dem linken Flügel beheimatet ist und dort im ersten Saisondrittel brillant spielte (sieben Tore, drei Vorlagen bis zum achten Spieltag), wurde von Sarri im Dezember anstelle von Alvaro Morata immer öfter ins Zentrum gestellt, weil der Spanier in einer Formkrise steckte.

Daran hielt Sarri auch fest, als deutlich wurde, dass Hazard, der gleiches schon phasenweise unter Conte durchmachen musste, diese Rolle nicht liegt. "Es ist ein komisches Gefühl, weil du nicht so sehr ins Spiel eingebunden bist", sagte Hazard nach dem überraschenden 2:0-Sieg über Manchester City Anfang Dezember: "Wir haben gewonnen, das ist das Wichtigste."

Im Falle des Erfolgs über City gab Sarri das Ergebnis Recht. Mit Hazard in der Sturmspitze fehlte Chelsea im restlichen Offensivspiel aber zunehmend der kreative Input. Die Blaupause zur Notlösung mit Hazard als Neuner hatte Sarri in Neapel bereits mit Dries Mertens entwickelt.

4. Sarri kritisiert eigene Spieler öffentlich: Weckruf oder Wutausbruch?

Spätestens Sarris öffentliche Kritik an der eigenen Mannschaft nach der 0:2-Pleite gegen Arsenal Mitte Januar zeigte deutlich, dass es zwischen Mannschaft und Trainer kriselt.

Für seinen Auftritt bei der Pressekonferenz hatte Sarri sogar einen Dolmetscher zur Hilfe genommen, damit man ihn auch ja nicht missverstehen konnte. Seine Mannschaft sei "extrem schwer zu motivieren", schimpfte Sarri und beschrieb sich selbst als "extrem wütend".

Des Weiteren kanzelte er Hazard ab, den er "im Moment" nicht als Anführer in seinem Team sehe. "Er hat gesagt, dass ihm seine Trainer stets gesagt hätten, er müsse mehr machen. Ich denke das auch. Denn sein Potenzial ist besser als seine Leistungen", sagte Sarri.

Die Probleme, die Chelsea in dieser Saison hat, sind jedoch nicht ausschließlich auf Sarri zurückzuführen. Der Italiener stand wegen seines Umgangs mit dem abwanderungswilligen und hochgelobten Eigengewächs Callum Hudson-Odoi gerade bei den Anhängern der Blues massiv in der Kritik.

"Ich verstehe sehr gut, dass die Fans die Talente aus der Nachwuchsakademie lieben, aber letztlich muss ich Spiele gewinnen, das erwarten auch die Fans und der Klub von mir", sagte Sarri. Die Fans seien manchmal genauso ungeduldig wie der Klub - "und ich stehe dazwischen", erklärte Sarri seine komplizierte Situation.

Der Druck bei Chelsea, unbedingt um Titel spielen zu müssen, ist immens. Auch, weil der Klub stattliche Summen in vermeintliche Starspieler investiert. Sind die (zu) hoch gesteckten Ziele an der Stamford Bridge in Gefahr, reagiert die Klubführung rigoros. Das Trainer-Dasein bei Chelsea ist beinahe zu einer "Mission Impossible" verkommen. Vier Trainer in den vergangenen sechs Jahren sprechen eine deutliche Sprache.

In der Folge setzen die Trainer fast ausschließlich auf Superstars statt auf Eigengewächse aus der hervorragenden Jugendakademie. Und so hat die ohnehin schon fragwürdige "Hire and Fire"-Politik der Blues zunehmend negative Auswirkungen auf die hochtalentierten Nachwuchsspieler.

Die sind angesichts der kaum vorhandenen Durchlässigkeit zwischen Jugend und Profis frustriert und suchen das Weite. So war es auch bei Manchester City und Jadon Sancho, der beim BVB zum Shootingstar der Bundesliga wurde und so bahnt es sich nun bei Chelsea und Hudson-Odoi an, der anstelle einer massiven Lohnerhöhung und Vertragsverlängerung in London nach Informationen von  Goal und SPOX weiterhin einen Wechsel zum FC Bayern präferiert.

5. Zu hohe Ansprüche

Sollte Chelsea Sarri tatsächlich in Kürze entlassen, würde sich an den grundsätzlichen Problemen innerhalb des Klubs nichts ändern.

Die Ansprüche des Klubs, mindestens Champions League spielen zu müssen, würden bleiben, die Möglichkeiten, diesen zu genügen aber gleichzeitig weiter sinken. In Hazard wird im Sommer womöglich der Superstar des Teams der Stamford Bridge den Rücken kehren.

Eine Möglichkeit zur Kompensation haben die Blues erstmal nicht. Die FIFA belegte Chelsea am Freitag mit einer zweijährigen Transfersperre , weil der Klub in 29 Fällen gegen die Regeln zur Verpflichtung Minderjähriger verstoßen hatte.

In Christian Pulisic wird daher lediglich ein Spieler im kommenden Sommer den Kader der Londoner verstärken, sollte der Einspruch des Klubs gegen das Urteil abgelehnt werden. Gleichzeitig zieht es die hochkarätigen Eigengewächse immer häufiger ins Ausland.

Dazu kommt noch die Ungewissheit bezüglich der Zukunft des Klubbesitzers. Roman Abramowitsch hatte zuletzt die Pläne für einen Stadionausbau auf Eis gelegt, zudem gibt es Anzeichen für einen Verkauf des Vereins.