Neil Warnocks Kampf gegen den Premier-League-Fluch: Und täglich grüßt das Murmeltier

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Bisher stieg Neil Warnock immer aus der Premier League ab oder wurde entlassen. Mit Cardiff City will der Coach nun seine Karriere krönen.


HINTERGRUND

Da steht er nun, die Hände vorsichtig in den Himmel ragend. Während die Anhänger von Cardiff City im Mai 2018 das heimische Stadion stürmen, es in blauen Rauch von bengalischen Feuern hüllen und den Rasen in eine riesige Tanz- und Feierfläche verwandeln, hat Aufstiegstrainer Neil Warnock nicht mehr als ein erleichtertes Grinsen auf den Lippen. In dem Moment, in dem ganz Cardiff in Ekstase verfiel, muss Klubeigentürmer Vincent Tan den 69-Jährigen fast zum Feiern animieren. 

Obwohl Warnock sonst keineswegs zu den ruhigen Vertretern der Trainerzunft gehört, ist er in diesem Moment eher still, denn er weiß ganz genau, was er geschafft hat. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Er wird ahnen, was nun alles auf den Klub aus dem Süden Wales' zukommen wird. Für Warnock ist es bereits der vierte Aufstieg in die Premier League, der achte insgesamt in seiner Trainerkarriere. Auf der Insel einsamer Rekord.  

Ein Rekord, der für Warnock persönlich allerdings einen bitteren Beigeschmack trägt, denn spätestens auf den zweiten Blick erinnern seine bisherigen Ausflüge in Englands höchste Spielklasse erschreckend an den Kinohit "Und täglich grüßt das Murmeltier" aus dem Jahr 1993.  

Warnock in der Premier League: Konsequente Erfolglosigkeit 

Gefangen in seinem ewigen Trott durchlebt Hauptdarsteller Bill Murray im Film jeden Tag das Gleiche. Er wird jeden Morgen unsanft geweckt, wacht am 2. Februar in seinem Bett auf, durchlebt denselben Tag wieder und wieder und beginnt zu verzweifeln.  

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Warnock erlebte Ähnliches in Nottingham, Sheffield, London und nun in Cardiff und es wäre wenig verwunderlich, wenn sich auch beim Coach allmählich Verzweiflung breit machen würde. Als wäre er in einer Dauerschleife gefangen, endeten all seine Ausflüge in Englands Eliteklasse mit Misserfolg. Egal ob nach seinen Aufstiegen mit Notts County (90/91), Sheffield United (05/06) oder den Queens Park Rangers (10/11). In der Folgesaison stiegen die Klubs unter seiner Leitung entweder sofort wieder ab oder Warnock wurde schon während der Spielzeit wegen Erfolglosigkeit entlassen.  

Ausgerechnet bei Cardiff City, einem Klub, der bei Warnocks Amtsübernahme im Oktober 2016 am Tabellenende der zweitklassigen Championship stand und somit drohte, endgültig in der sportlichen Bedeutungslosigkeit zu versinken, soll dieser Fluch gebrochen werden. Anders als beispielsweise Mitaufsteiger FC Fulham hat man in Cardiff dabei trotz Besitzer aus Malaysia keine horrenden Summen zur Verfügung. Prominente Neuzugänge im Sommer? Fehlanzeige. 

Cardiff City bei Buchmachern Abstiegskandidat Nummer eins 

Während Fulham Ablösesummen in Höhe von 109 Millionen Euro für Neuzugänge zahlte und zusätzlich noch gestandene Akteure wie etwa Weltmeister Andre Schürrle, Luciano Vietto oder Sergio Rico ausleihen konnte, beschränkten sich die Transferaktivitäten von Cardiff auf No-Names. Rekordzugang ist Linksaußen Josh Murphy, der für rund 11 Millionen Euro von Norwich aus der Championship kam. Hinzu kommen drei weitere Spieler aus Englands zweiter Liga und je ein Leihspieler von Bournemouth und Real Betis Sevilla.  

Auch mit Blick auf den Kader der Bluebirds wird klar, dass der Klassenerhalt in der Premier League eine kleine Sensation wäre. Über die Landesgrenzen hinaus bekannte Spieler sucht man im Aufgebot des Zweitplatzieren der letztjährigen Championship-Saison vergeblich. Wenig verwunderlich also, dass die Buchmacher den Klub schon vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat Nummer eins auf dem Zettel hatten. Setzte man zehn Pfund auf einen Cardiff-Abstieg, wird man im Fall der Fälle nur mit rund fünf Pfund Gewinn entlohnt. Zum Vergleich: Setzte man die gleiche Summe auf einen Abstieg von Fulham, könnte man einen Gewinn von 25 Euro einheimsen. 

Nach neun Saisonspielen steht man nun einen Platz über dem Mitaufsteiger, wenngleich auch nur wegen der besseren Tordifferenz. Der Kampf gegen die Wettquoten geht damit weiter, kämpfen liegt aber in der Natur des temperamentvollen 69-Jährigen, wie er in seiner inzwischen drei Dekaden langen Trainerkarriere in Großbritannien eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Der gebürtige Sheffielder Warnock ist kein Ja-Sager und niemand, der stets den einfachen Weg wählt. 

GFX Neil Warnock

Ein Original des englischen Fußballs 

Statt sich 1995 nach seinem Aufstieg mit Huddersfield Town in die zweite Liga im Ruhm zu sonnen und mit dem Klub in die neue Spielzeit zu gehen, räumte er beispielsweise freiwillig seinen Trainerstuhl, um zu Plymouth Argyle in Liga vier zu wechseln. 

Man könnte unzählige weitere, auf den ersten Blick unkonventionelle, Entscheidungen in seiner Karriere aufzählen. Doch um deutlich zu machen, wie Warnock tatsächlich tickt und wie sehr er den Fußball lebt und liebt, dient exemplarisch eine Szene aus dem Jahr 2004. Damals Trainer bei seinem Herzensklub Sheffield United, wurde er für eine Dokumentation für eine Saison von einem Kamerateam begleitet. Beim Auswärtsspiel gegen den FC Millwall kam es damals im Kabinentrakt zum Eklat.  

Nach hitzigem erstem Durchgang verpasste Millwall-Verteidiger Kevin Muscat Sheffield-Keeper Paddy Kenny auf dem Weg in die Kabine eine Kopfnuss. Der Schiedsrichter zeigte beiden Spielern die Rote Karte, was den ausgebildeten Schiedsrichter Warnock zur Weißglut trieb. Vollgepumpt mit Wut und Adrenalin machte er seine Mannschaft in seiner unnachahmlichen Manier heiß auf die zweite Halbzeit im The Den.  

In der etwa dreiminütigen Szene der Dokumentation über jenes Spiel ist zu hören, wie Warnock in der Kabine zu seiner Mannschaft spricht und dabei fast 30-mal das Wort "fuck" benutzt. Obwohl Sheffield damals ohne Ersatzkeeper nach London reiste und Innenverteidiger Phil Jagielka im zweiten Durchgang im Tor stand, gewann das Team damals mit 2:1 – "no fucking way", um es mit Warnocks Worten auszudrücken.  

Klassenerhalt mit Cardiff City als Karrierekrönung?  

Etwas Ähnliches werden auch zahlreiche englische Fußballfans- und Experten sagen, wenn sie auf einen möglichen Klassenerhalt von Cardiff City in der Premier League angesprochen werden. Ein Abstieg wäre für Trainer Warnock bekanntlich nichts Neues, doch trotzdem etwas Schmerzhaftes. Denn obwohl er in seiner Karriere insgesamt acht Aufstiege feiern konnte, würde ihm dann wohl für auf ewig das Prädikat "Premier-League-Tauglichkeit" abgesprochen werden.  

Vielleicht kommt allerdings doch alles ganz anders. Denn jeder Fluch und jede scheinbar ewige Dauerschleife hat irgendwann ein Ende, wie auch der Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" beweist. Denn nach etlichen Versuchen, der Dauerschleife zu entkommen, wurde der Hauptdarsteller im US-Streifen tatsächlich erlöst. Weil er sich vom griesgrämigen Egoisten zu einem besseren Menschen entwickelt hatte.  

Ähnliches könnte auch Warnock und Cardiff City im Sommer 2019 gelingen. Dafür muss der 69-Jährige, der auf der Insel schon jetzt sehr geschätzt wird, kein besserer Mensch werden, sondern seine Erfahrung an die unerfahrene Mannschaft der Bluebirds weitergeben. Nach drei schmerzhaften, aber dennoch sehr lehrreichen Jahren in der Premier League wäre es für Warnock an der Zeit, seine Laufbahn mit dem Klassenerhalt zu krönen.

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