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Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach im Interview: "Es geht mir nicht darum, mich bestmöglich zu vermarkten"

00:00 MEZ 31.01.19
*GER ONLY* Matthias Ginter Borussia Mönchengladbach
Im Interview spricht Matthias Ginter über seine Social-Media-Aktivitäten, soziales Engagement und sein Streber-Image.

INTERVIEW

Matthias Ginter gilt als eines der Gesichter des Umbruchs in der deutschen Nationalmannschaft und zählt unbestritten zu den besten Innenverteidigern der Bundesliga . Größe Töne oder protzige Posts in den sozialen Medien sucht man vom 24-Jährigen allerdings vergeblich.

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Im Interview mit Goal und SPOX spricht der Abwehrchef von Borussia Mönchengladbach  über die aktuelle Situation beim DFB, seine Rolle unter Bundestrainer Joachim Löw und einen möglichen Wechsel seines Teamkollegen Thorgan Hazard zum BVB.

Außerdem verrät Ginter, warum es ihm nicht darum geht, "sich bestmöglich zu vermarkten" und wie ein Besuch in der Freiburger Kinderklinik seine Einstellung zum Leben für immer verändert hat.  

Matthias, ist es richtig, dass Sie von Ihren Teamkollegen mitunter als Streber bezeichnet werden?

Matthias Ginter: (lacht) Ja, das kommt schon mal vor. Seitdem meine Mitspieler sich aber an meine Macken gewöhnt haben, ist es weniger geworden. Ich habe einfach den Drang, jeden Tag ein bisschen mehr zu machen als die Anderen – zum Beispiel bei der Regeneration. Wenn am Tag nach einem Spiel um 10 Uhr trainiert wird, bin ich häufig schon um 8 Uhr auf dem Gelände und mache zusätzliche Übungen. Ich habe gemerkt, dass diese Extraschichten meinem Körper guttun.

Was machen Sie im Vergleich zu Ihren Kollegen außerdem anders?

Ginter: Es gibt viele Dinge, zum Beispiel trage ich beim Ausdauertraining regelmäßig eine Phantom-Maske, die die Sauerstoffzufuhr einschränkt und die Atmung erschwert. Wenn meine Teamkollegen mich so sehen würden, müssten sie bestimmt darüber lachen.

Abseits des Platzes zeigen Sie soziales Engagement. Im Alter von 24 Jahren haben Sie eine Stiftung für benachteiligte Kinder gegründet. Wie kam es dazu?

Ginter: Mein Bruder hatte 2016 Kontakt zur Freiburger Kinderklinik und ich wurde gefragt, ob ich die Kinder mal besuchen könne. Meine Frau und ich haben sofort zugesagt und den Kindern einige Geschenke aus dem Fanshop mitgebracht. Als wir dort waren, hatten wir dann ein bedrückendes Gefühl. Wir haben schnell gemerkt, dass diese Fanartikel nicht alles sein können, was wir für die Kinder tun wollen. In solchen Momenten merkt man, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wir wollten also helfen und haben uns deshalb entschieden, eine Stiftung zu gründen, die die Kinderklinik und weitere Einrichtungen in meiner Heimat unterstützt.

Auf Außenstehende wirkt es manchmal, als würden einige Fußballer in einer Scheinwelt leben. Das hängt teilweise auch mit getätigten Aussagen oder Social-Media-Posts zusammen. Warum sind Sie in dieser Hinsicht anders?

Ginter: Jeder muss selbst entscheiden, was und wie viel er preisgibt. Es gibt auch Profis, die nicht in den sozialen Medien aktiv sind. Ich persönlich sehe das Thema ziemlich entspannt. Ich habe nicht das Bedürfnis, Dinge wie "wichtiger Sieg" zu posten, nur um mich mitzuteilen. Das ist wahrscheinlich nicht die beste Strategie, um viele Follower zu generieren, aber es geht mir auch nicht darum, mich bestmöglich zu vermarkten.

Lassen Sie uns zum Sportlichen kommen: Nach einer starken Hinrunde stehen Sie mit der Borussia auf dem dritten Platz. Was macht die Mannschaft in der laufenden Saison so stark?

Ginter: Im Sommer hat sich im Verein einiges verändert. Wir haben ein neues medizinisches Team mit weiteren Ärzten und Physiotherapeuten und in diesem Zusammenhang auch neue Methoden kennengelernt. Dass sich diese Umstellung bezahlt macht, sieht man schon an unserer Verletztenliste. In der vergangenen Saison hatten wir teilweise bis zu zwölf Verletzte, derzeit sind es deutlich weniger. Auch auf dem Platz hat sich mit der Systemumstellung etwas verändert. Wir sind jetzt viel variabler.

Gibt es weitere Gründe für den Erfolg?

Ginter: Die Neuzugänge wurden sehr gut integriert, viele Rädchen greifen bei uns aktuell ineinander.  Außerdem haben Vereine wie Schalke, Leverkusen oder Hoffenheim mit der Dreifachbelastung zu kämpfen.

Wie sieht die Marschroute für die Rückrunde aus?

Ginter: Ich tue mich schwer, über die komplette Rückrunde zu sprechen, da wir uns Woche für Woche nur auf den kommenden Gegner konzentrieren wollen. Wir versuchen, aus dem vergangenen Jahr zu lernen und wollen nicht jeden Tag über Europa sprechen.

Matthias Ginter (l.) traf Goal-Reporter Robin Haack im Borussia Park zum Interview

Aktuell stehen Sie aber auf einem Champions-League-Platz. Wie groß wäre die Enttäuschung, wenn es am Saisonende nicht für die Königsklasse reicht?

Ginter: Es wäre enttäuschend, wenn wir ähnlich gute Leistungen zeigen wie in der Hinrunde und am Ende trotzdem mit leeren Händen dastehen. Am wichtigsten ist es, dass wir wöchentlich unsere Leistung auf den Platz bringen. Dann erreichen wir unsere Ziele von ganz allein.

Bis zu Ihrer Gesichtsverletzung lief es auch für Sie persönlich sehr gut. In der Bundesliga haben Sie keine Minute verpasst und starke Leistungen gezeigt. Würden Sie sagen, dass Sie in der besten Verfassung Ihrer bisherigen Karriere waren?

Ginter: Schwierige Frage. Ich versuche im Hier und Jetzt zu leben und mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann. Wenn man Tag für Tag an sich arbeitet und aus seinen Fehlern lernt, wird man zwangsläufig besser. Ich möchte mich darauf aber nicht ausruhen, sondern weiter an mir arbeiten.

Mit Blick auf die Nationalmannschaft scheint auch Joachim Löw zu registrieren, dass Sie sich stetig verbessern. Seit der WM standen Sie in fünf von sechs Spielen in der Startelf. Was hat sich in der Nationalelf seit Sommer verändert?

Ginter: Niemand in der Nationalmannschaft hat mit dem Abschneiden bei der Weltmeisterschaft gerechnet. Nach einem solchen Turnier verändern sich gewisse Muster. Neue Spieler kommen hinzu und einige Etablierte spielen nicht mehr so häufig wie früher. Trotzdem hat sich, was die Abläufe, das Training oder den Trainer betrifft, seit dem Sommer im DFB nichts Grundlegendes verändert. Wir wissen, welche Fehler wir gemacht haben. Die WM ist analysiert und aufgearbeitet. Auch wir Spieler nehmen wahr, dass momentan ein Umbruch eingeleitet wird. Auch wenn noch nicht alles rund läuft, bin ich guter Dinge, dass wir die Kurve kriegen.

Sie gelten als eines der Gesichter dieses Umbruchs. Wie sehen Sie Ihre persönliche Situation im Nationalteam?

Ginter: Ich versuche alles mitzunehmen, was mir an Vertrauen und Spielzeit entgegengebracht wird. Das Vertrauen des Trainers versuche ich auf dem Platz bestmöglich mit Leistung zurückzuzahlen und will mich auch dort weiterentwickeln. Mit kleinen Unterbrechungen bin ich seit inzwischen fünf Jahren Nationalspieler und weiß, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Darüber bin ich sehr dankbar.

Sind Sie der Spieler, der am meisten vom schwachen Abschneiden in Russland profitiert?

Ginter: Das würde ich so nicht sagen. Fußball ist ein Mannschaftssport. Wir haben als Mannschaft enttäuscht und auch ich war Teil des Teams. Unabhängig davon, ob ich auf dem Platz stand oder nicht. Man gewinnt zusammen und man scheidet zusammen aus. Ich will mich in diesem Punkt nicht besser machen als meine Teamkollegen.

Sie sind der einzige Feldspieler in der Geschichte der Nationalmannschaft, der bei zwei Weltmeisterschaften dabei war, ohne eine Minute zu spielen. Würden Sie eine dritte WM-Teilnahme ohne Einsatzminute unterschreiben?

Ginter: Wenn wir den WM-Titel holen, ja. (lacht)

Aber es würde Sie schon wurmen?

Ginter: Mit 24 habe ich unter anderem schon an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen und durfte in der Nationalmannschaft unglaublich viele tolle Momente miterleben. Das ist alles andere als selbstverständlich, daher sollte man nicht immer das Haar in der Suppe suchen. Natürlich will jeder Fußballer auch auf dem Feld stehen, doch gerade bei der Nationalmannschaft muss man sein Ego hinten anstellen. Ich würde lieber auf der Bank sitzen und den Titel gewinnen, als zu spielen und im Viertelfinale auszuscheiden. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich.

Bei der Borussia gibt es derzeit wieder Gerüchte um mögliche Abgänge von Leistungsträgern wie Thorgan Hazard. Müssen sich die Fans Sorgen machen, dass Hazard, Alassane Plea oder Sie den Verein nur als Durchgangsstation sehen?

Ginter: Ich finde nicht, dass die Borussia eine Durchgangsstation ist. Ganz im Gegenteil: Der Verein hat ungeheures Potenzial. Das Umfeld und die Fans sind überragend. Man sieht ja, dass unser Stadion immer voll ist und wir auch auswärts toll unterstützt werden. Auch die Struktur innerhalb des Kaders stimmt. Deshalb glaube ich, dass die Borussia im Gesamtpaket ein sehr reizvoller Klub ist. Wir spielen momentan guten Fußball und ich fühle mich hier sehr wohl.

Und wie sieht es bei Ihren Kollegen aus?

Ginter: Ich hoffe, dass wir als Mannschaft in dieser Form zusammenbleiben. Gerade mit Spielern wie Alassane oder Thorgan kann hier etwas entstehen. Trotzdem bin ich kein Fußballromantiker und weiß, dass es schwer ist, weit im Voraus zu planen.

Medial ist ein möglicher Transfer von Hazard inzwischen Dauerthema. Wie nehmen Sie diese Diskussion innerhalb der Mannschaft wahr?

Ginter: Natürlich spricht man auch in der Mannschaft ab und zu darüber. Aber diese Gerüchte haben keinen Einfluss auf unsere tägliche Arbeit oder unsere Spielweise. Thorgan weiß, was er an der Borussia hat. Er wird für sich am besten wissen, was für ihn am meisten Sinn macht.

Hat er sich denn bei Ihnen schon über Borussia Dortmund informiert?

Ginter: (lacht) Vielleicht tut er es noch, aber bisher haben wir noch nicht über den BVB gesprochen.

Ihr Vertrag in Mönchengladbach läuft noch bis 2021. Können Sie sich vorstellen, im Anschluss den Sprung ins Ausland zu wagen?

Ginter: So weit blicke ich nicht in die Zukunft. Ich versuche, meine Leistung zu bringen – alles andere wird sich ergeben. Ich mache mir darüber jetzt wirklich keine Gedanken. Alles andere wäre auch der Borussia gegenüber nicht richtig. Wichtig ist: Wir haben noch große Ziele und ich möchte dazu beitragen, diese auch zu erreichen.

Mit Blick auf Ihre komplette Laufbahn fällt auf, dass Sie sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein schon mit einigen talentierten Spielern zusammengespielt haben. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Ginter: Was Henrikh Mkhitaryan 2015/16 beim BVB gespielt hat, war einfach unglaublich. Er hat in einer Saison wettbewerbsübergreifend 50 Scorerpunkte gesammelt und alles auseinandergenommen. Er hat sehr viel für die Mannschaft gearbeitet, Tore vorbereitet, Tore selbst erzielt und uns enorm geholfen, eine starke Saison zu spielen. Bei der Nationalmannschaft staune ich immer wieder über Toni Kroos. Er spielt seit Jahren auf höchstem Niveau und legt dabei eine beneidenswerte Ruhe an den Tag.

Wer war der stärkste Gegenspieler, den Sie je verteidigen mussten?

Ginter: Sergio Agüero. Nach der WM 2014 haben wir gegen Argentinien gespielt. Er ist flink, immer präsent und sehr schwer zu greifen. Agüero ist ein Wahnsinnsstürmer.