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Matthias Ginter bei Borussia Mönchengladbach: Raus aus dem Schatten - rein in die Führungsrolle

18:00 MESZ 10.08.17
GFX Matthias Ginter Borussia Monchengladbach
Beim BVB stand Ginter nur selten im Mittelpunkt. Mit seinem Wechsel nach Gladbach soll sich das ändern. Er will als Führungsspieler vorangehen.

HINTERGRUND

Weltmeister, Confed-Cup-Gewinner, DFB-Pokalsieger, Olympiasilber und Supercup-Champion: Für einen 23-Jährigen eine mehr als beachtliche Vita. Dazu kommen 137 Einsätze in der Bundesliga, 13 Champions-League-Matches, 14 Länderspiele oder auch 16 Auftritte im DFB-Pokal. Dennoch ist Matthias Ginter in der öffentlichen Wahrnehmung, gemessen an seinen Erfolgen, oftmals eine Randfigur.

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Auch während seiner Zeit beim BVB war auf den Defensiv-Spieler stets Verlass – wenn er eben gebraucht wurde. Waren alle Spieler fit, musste er sich in vielen wichtigen Spielen mit einem Platz auf der Bank anfreunden. Davon hatte er nun offensichtlich genug, bat er doch die Verantwortlichen, ihm einen Wechsel zu Borussia Mönchengladbach zu ermöglichen. Dort will er persönlich den nächsten Schritt machen. Aber ist Ginter der Anführer, den die Fohlen nach dem Abgang von Andreas Christensen im Abwehrzentrum so dringend benötigen?

Nach dem Confed-Cup in Russland ging alles ganz schnell. Am Sonntag stand er im Finale gegen Chile noch 90 Minuten auf dem Spielfeld der Sankt-Petersburg-Arena. Bereits am Dienstag gab die Borussia seine Verpflichtung bekannt. Ein Coup, über den man bei den Fohlen äußerst glücklich war, denn nach seinen starken Leistungen in Jogi Löws durchgemischter Auswahl dürfte der ein oder andere Klub ein Auge auf den gebürtigen Freiburger geworfen haben.

"Ich habe mit harten Bandagen um die Verpflichtung gekämpft", bekräftigte Manager Max Eberl bei der Vorstellung des Neuzugangs. "Wir sind bei ihm drei Jahre hartnäckig geblieben. Diesmal hatten wir Matthias so im Würgegriff – er konnte gar nicht mehr Nein sagen."

Als Ablöse wurde wohl eine Summe in Höhe von 17 Millionen Euro fällig, die mit Bonuszahlungen noch auf 20 Millionen ansteigen kann. Ein neuer Rekordtransfer bei den Fohlen. "Für uns ist das ein teurer Einkauf, den wir uns aber leisten können", so Eberl weiter. "Schaut man auf den Transfermarkt und sieht andere Summen, war es für einen Spieler mit so einer Vita eher ein normaler Transfer."

Auch Ginter, der einen Vertrag bis 2021 unterschrieb, zeigte sich nach der Verkündung äußerst zufrieden. Bei seiner Entscheidung hatte er sogar einen prominenten Fürsprecher. "Ich habe mit Bundestrainer Jogi Löw über einen Wechsel gesprochen – er hat mir zu Gladbach geraten."

Dabei verzichtet der Defensiv-Allrounder ein Jahr vor der Weltmeisterschaft sogar auf das europäische Geschäft. "Es ist schon schwer, ein Jahr nur Bundesliga zu spielen. Mein Ziel ist es natürlich, mit Borussia zurück nach Europa zu kommen. In der jungen Mannschaft steckt viel Potenzial. Und ich will da als Führungsspieler und Leistungsträger vorangehen", erklärte Ginter.

Führungsspieler und Leistungsträger. Genau dieses Standing hatte er in Dortmund eben nicht, obwohl man ihm bei den meisten seiner Auftritte keinen Vorwurf machen konnte. Der eher introvertierte Ginter füllte verlässlich seine Rolle aus, mehr aber meistens auch nicht.

"Ich habe in Dortmund drei schöne Jahre erlebt. In der Öffentlichkeit, so habe ich es zumindest empfunden, wurde ich eher als Ersatz gesehen", sagte Ginter nach seinem Wechsel der Bild.

Darum hat er sich nun zu einem Wechsel an den Niederrhein entschlossen. Dort dürfte er unter Trainer Dieter Hecking in der Innenverteidigung gesetzt sein. Genau die Position, auf der er am liebsten aufläuft. Beim BVB wurde er regelmäßig auch als Rechtsverteidiger oder im defensiven Mittelfeld aufgeboten.

Ginter in der Christensen-Rolle

"Allein die Position im Zentrum der Abwehr bringt Verantwortung mit sich", erklärte er. "Ich will durch Leistung vorangehen, nicht durch große Töne."

Für Gladbach ist die Verpflichtung die optimale Lösung. Relativ schnell wurde klar, dass Chelsea-Leihgabe Andreas Christensen nach seiner grandiosen Entwicklung nicht gehalten werden kann. Der Däne wurde von den Blues zurück nach London beordert, obwohl Max Eberl mit allen verfügbaren Mitteln um den 21-Jährigen gekämpft hatte.

Dessen Rolle soll nun Ginter einnehmen, der nach einer ordentlichen Vorbereitung den Pflichtspielauftakt im Pokal bei Rot-Weiss Essen herbeisehnt: "Ich bin froh, dass ich mich für die Borussia entschieden habe. Jetzt wird es Zeit, dass es losgeht. Ich brenne auf meinen ersten Einsatz", erklärte er der WZ.

Zum Bundesliga-Auftakt steht neun Tage später das Derby gegen den 1. FC Köln an. Dem Abwehrspieler ist längst bekannt, dass es sich dabei um eine Partie mit erhöhter Brisanz handelt. "In Essen weiterkommen und dann in der Liga mit einem Sieg gegen Köln starten", formuliert er ein klares Ziel für die anstehenden Wochen. "Ich weiß natürlich, dass die Partie gegen die Kölner für die Anhänger ein besonderes, ein ganz bedeutendes Spiel ist."

Mit solchen Aussagen will Ginter vom Start weg vorangehen. Zusammen mit Leistungsträgern wie Lars Stindl und Christoph Kramer will er dafür sorgen, dass Wiedergutmachung für das enttäuschende Abschneiden in der Vorsaison betrieben wird. Das klare Ziel ist die Qualifikation für die internationalen Plätze, hat man mit Investitionen von mehr als 35 Millionen Euro gerade einen Rekordsommer bezüglich Transferausgaben hinter sich.

"Wenn wir diese Gier, wieder erfolgreich zu sein, entwickeln und zweimal eine solche Halbserie wie zuletzt mit 28 Punkten hinlegen, dann ist man mit 56 Punkten irgendwo im Dunstkreis der Plätze vier bis sechs", sagte Trainer Hecking der dpa. "Das kann die spannendste Bundesliga-Saison aller Zeiten werden, weil viele Vereine viel Geld eingenommen haben. Da kann man plötzlich auch mal sieben Punkte hinter den europäischen Plätzen liegen."

Dass dieser Fall eintritt, soll unter anderem der neue Mann im Abwehrzentrum verhindern. Ginter will nach seinen Erfahrungen bei Borussia Dortmund endlich aus dem Schatten seiner Mitspieler treten und selbst zum unverzichtbaren Teil der Viererkette mutieren. Dass er das Potenzial dafür besitzt, hat er mit seinen Auftritten in Russland angedeutet. Bei Gladbach soll in seiner persönlichen Entwicklung der nächste Schritt gemacht werden – inklusive Stammplatzgarantie und Führungsrolle.