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Martin Ödegaard: Endstation Provinz für Cristiano Ronaldos Erbe?

09:45 MESZ 17.04.17
GFX Martin Ödegaard
Der Norweger scheint am Scheideweg seiner jungen Karriere angelangt, seine Zukunft steht auf der Kippe. Wie macht er sich in Heerenveen?

HINTERGRUND

Beschaulich geht es zu in der niederländischen Provinz Friesland. Die Leute sind bodenständig, der Tourismus sichert einem Gros von ihnen ihr täglich Brot. Neben unzähligen Seen, die gemeinsam mit den vielen Kleinstädten und Feldern ein wundervolles Mosaik aus allen Farben, die die Natur zu bieten hat, ergeben.

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Heerenveen, ein Städtchen, das geradezu als Blaupause für den Rest Frieslands dienen könnte. Die Häuser kaum irgendwo höher als zwei, drei Stockwerke. Das pulsierende Leben aus den Großstädten des Kontinents ist weit weg. Mittendrin: Ein 18-Jähriger mit einem der wohl bekanntesten Namen seiner Altersklasse: Martin Ödegaard.

“Dort hat er gelernt, was es bedeutet, ein Profi zu sein." Starke Worte, die der Norweger Andre Bergdölmo im Algemeen Dagblad über seinen Landsmann wählt. Worte, die irgendwie nicht richtig in dieses beschauliche Idyll passen wollen.

Ödegaard ist jetzt Profi

Aber Bergdölmo trifft den Nagel auf den Kopf. Ödegaard ist jetzt Profi, kommt in Heerenveen seit seinem Wechsel auf Leihbasis im Januar erstmals zu regelmäßigen Einsätzen im Erwachsenenfußball. Eine Entwicklung, die ursprünglich ganz anders geplant war.

Winter 2014. Die Aufregung ist riesig. Der norwegische Blondschopf ist mit Hans-Erik, der gleichzeitig Vater, Mentor und Berater ist, auf Europa-Tour. Alles, was Rang und Namen hat, hat nur ein Ziel vor Augen: Den damals 15-jährigen Ödegaard bald in ihren eigenen Reihen zu wissen. Schließlich ist er der jüngste Spieler aller Zeiten, der für eine Nationalmannschaft Europas aufgelaufen ist. Die Königlichen aus Madrid erhalten den Zuschlag, Ödegaard soll die Zukunft sichern, irgendwann das Erbe von Cristiano Ronaldo und Co. antreten.

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Dieser Traum scheint geplatzt, der Youngster trug in LaLiga nur einmal das weiße Trikot – und dort auch nur 32 Minuten lang. Zwar bringt ihm der Einsatz den Rekord des jüngsten Spielers, der je für Madrid in der spanischen Beletage aufgelaufen ist, ein, doch es wird auf unbestimmte Zeit auch der letzte bleiben. Fast seine gesamte Zeit während seiner beiden Jahre in der spanischen Hauptstadt verbringt er bei der Castilla, der berühmten Nachwuchsmannschaft der Blancos. Dritte Liga statt LaLiga mit den Superstars. Der bis dato kometenhafte Aufstieg stockt gewaltig. Er darf zwar immer wieder mit CR7 und Co. ins Trainingslager reisen, aber weder Carlo Ancelotti oder Rafael Benitez noch Zinedine Zidane sind oder waren von ihm angetan.

Die Vereine stehen nicht mehr Schlange

Auf der Suche nach Spielpraxis legen ihm die Verantwortlichen in Madrid im letzten Winter eines nahe: Such dir einen neuen Verein. Wieder startet die Europa-Tour. Wieder sucht er gemeinsam mit seinem Vater einen Klub. Doch dieses Mal sind die Namen kleiner und stehen nicht mehr Schlange.

Vereine wie Rennes erteilen dem Norweger eine Absage. "Wir sind nicht dafür da, Spieler anderer Klubs aufzurichten", macht der Präsident des französischen Erstligisten klar. Dass ihn das Time Magazine einst unter die "30 einflussreichsten Teenager" gewählt hat, es ist keine Auszeichnung mehr, es ist eine Bürde. Die Fallhöhe wurde zu hoch.

Vor Real Madrid nach Heerenveen: kein Abstieg?

Jetzt also Heerenveen, holländische Provinz. Ist sein Karriereverlauf ein Abstieg? “Das sehe ich nicht so”, gibt sich Ödegaard gegenüber der Sport Bild entspannt. "Viele vergessen, dass ich von Real für die Reserve verpflichtet worden bin und da auch sehr viel gespielt habe. Jetzt habe ich Chancen auf Einsätze in der niederländischen ersten Liga. Also ist es ein Schritt nach oben!"

Ein Schritt nach oben? Orientiert man sich an den nackten Fakten, mag das vielleicht stimmen. Das einstige Wunderkind scheint im europäischen Erstligafußball angekommen. Kein Gekicke auf teilweise schlecht gemähten Plätzen mit der Castilla mehr. Das war es dann aber auch schon. Denn dass die dritte spanische Liga für den Norweger weniger gut als die Eredivisie in der Entwicklung ist, darf bezweifelt werden.

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Eigentlich hatte er dort die besten Bedingungen, auch Weltstars wie Lionel Messi, Xavi oder Andres Iniesta sind den steinigen Weg über die Reservemannschaft ihres Klubs gegangen, entwickelten sich dort prächtig. Auch wenn es in Anführungszeichen nur Drittligafußball ist: Das Spiel hat auch in dieser Klasse eine spanische Note. Die Technik steht im Vordergrund, wer lediglich den Ball wegbolzen oder grätschen kann, für den ist dort Endstation.

"Ödegaard ist niemals spielentscheidend"

In den Niederlanden ist Kampf angesagt, und auch hier läuft es nicht wie geplant. Bislang absolvierte er von seinen 14 Einsätzen nur sechs von Beginn an. Ein Tor gelang ihm noch nicht. Er ist keiner, auf den der Trainer unbedingt baut. Auch in der norwegischen Nationalmannschaft wurde er in die U21 zurückgestuft.

Will sich in Heerenveen wieder in den Fokus spielen: Martin Ödegaard

"Man kann es in einigen Situationen erkennen, er bringt eine gewisse Genialität und Eleganz mit", sagt Pieter Stroink van Eizenga, Eredivisie-Experte bei Goal Niederlande, bringt aber gleichzeitig das Hauptproblem auf den Punkt: "Er ist niemals spielentscheidend."

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Ein paar gefällige Dribblings von außen in die Mitte. Gute Ansätze, alles schön und gut, aber es gibt zahlreiche Youngster, die das auf den Platz bringen können und viele haben auch noch mehr Selbstvertrauen, sind unbekümmert – alles Attribute, die ein dermaßen junger Spieler braucht, um zu glänzen. Unbedingt.

Die Zeit läuft weg, der Vertrag in Madrid aus

Wohin also geht die Karriere des Martin Ödegaard? "Ich bin kein Wunderkind. Ich sehe mich selbst als ganz normalen Jungen. Vielleicht habe ich ein großes Talent, aber ich muss genauso hart arbeiten, um Erfolg zu haben, wie andere auch", gibt er sich heute erfrischend einsichtig. Doch er muss schnell Leistung bringen. Denn aktuell deutet nichts darauf hin, dass er einmal regelmäßig im Santiago Bernabeu auflaufen darf. Sein Vertrag in Madrid läuft noch bis zum Sommer 2018 – genauso lange wie seine Leihe nach Heerenveen. Aktuell sieht es nicht so aus, als habe man in Madrid Interesse daran, den Kontrakt zu verlängern.

Rund 27.000 Menschen bietet das Abe-Lenstra-Stadion seines aktuellen Klubs Platz. Mehr als dreimal so viele passen in das seines Traum-Vereins. Friesland. Provinz. Häuser mit zwei bis drei Stockwerken statt Wolkenkratzer und Blitzlichtgewitter. Vielleicht muss sich Ödegaard damit abfinden, seinen Traum bei Real nie ausleben zu können.