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Kommentar zur Nouri-Entlassung bei Werder Bremen: Auch Frank Baumann sollte hinterfragt werden

12:21 MEZ 30.10.17
GFX Alexander Nouri Frank Baumann Werder Bremen
Alex Nouri muss bei Werder gehen. Die Entscheidung ist richtig. Allerdings sollte in Bremen nicht nur seine Rolle hinterfragt werden. Ein Kommentar.

KOMMENTAR
Der Fisch beginnt immer vom Kopf zu stinken. Warum sollte das in Bremen anders sein? Gerade im hohen Norden, so sollte man meinen, müsste das alte Sprichwort doch zutreffen, oder? In diesem Sinne ist nach der (richtigen) Trennung von Alexander Nouri bei Werder auch die Frage nach der Verantwortung von Sportchef Frank Baumann zu stellen.

Nouris Bilanz ist grausam, sie ließ den SVW-Verantwortlichen kaum noch eine andere Wahl: Tabellenplatz 17, kein Sieg, fünf Punkte, drei Tore – so steigt man ab! Die Entlassung des Cheftrainers nach dem spielerischen Offenbarungseid am Sonntag gegen den FC Augsburg (0:3) war praktisch alternativlos. Baumann hatte dies bereits nach Spielschluss angedeutet, als er meinte: "Die Mannschaft hat alles vermissen lassen, was man in der Bundesliga braucht, um erfolgreich zu sein. Die Leistung heute war erschreckend."

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Stars wie Delaney und Junuzovic sind völlig von der Rolle

Kapitän Zlatko Junuzovic wirkte nahezu paralysiert, als er von "niederschmetternden Emotionen" sprach. Werder ist am Tiefpunkt angekommen, keine Frage. Es braucht nun eine Initialzündung. Denn es ist nicht so, dass Werder auf die Rückkehr zahlreicher Leistungsträger hoffen könnte. Gegen den FCA stand die nominell beste Elf auf dem Rasen, personell kann im Moment aus dem Vollen geschöpft werden. Und diese A-Mannschaft konnte am Sonntag noch froh sein, von den Gästen nicht noch höher aus dem eigenen Stadion geschossen zu werden.

Die lange Misserfolgsserie in der Bundesliga, Nouris fragwürdige Personalrochaden, das Hin und Her zwischen Dreier- und Viererkette und die ultra-defensive Ausrichtung auf Kosten eines konstruktiven Angriffsspiels haben Spuren hinterlassen, die Spieler in Grün-Weiß sind komplett verunsichert. Anführer wie Thomas Delaney oder Junuzovic sind völlig von der Rolle, Max Kruse ist nach längerer Zwangspause noch nicht wieder bei 100 Prozent.

In Bremen hoffen sie, dass U23-Trainer Florian Kohfeldt, ehemaliger Assistent von Viktor Skripnik, gemeinsam mit Ex-Double-Held Tim Borowski das Ruder nun herumreißen kann. Sie werden die Mannschaft mindestens bis zum Spiel bei Eintracht Frankfurt am Freitag betreuen. "Wir sind der Überzeugung, dass dieses Trainerteam in den kommenden Tagen einen wichtigen Impuls setzen kann und die Verunsicherung in der Mannschaft auflösen kann", sagte Baumann.

Für den Geschäftsführer ist die nächste Trainerentscheidung vermutlich eine schicksalhafte. Denn nach Nouris Demission ist auch der Ehrenspielführer der Bremer angezählt. Zum einen wegen der Transferpolitik. In der Mannschaft und bei den Fans überaus beliebte Spieler wie Claudio Pizarro und Felix Wiedwald mussten im Sommer gehen, ihre Ersatzleute haben noch nicht den Beweis erbracht, besser zu sein. Dazu fehlt ein gestandener Abwehrmann und mindestens ein kreativer Mittelfeldspieler.

2016 vergab Baumann die Chancen auf einen Neuanfang zum richtigen Zeitpunkt

Aber auch die aktuelle Trainerproblematik darf durchaus Baumann angekreidet werden. Er war es, der im Sommer 2016 zum Unverständnis vieler Beobachter und Experten dem umstrittenen Viktor Skripnik die Treue hielt, um ihn dann wenig später, nach katastrophalem Saisonstart, doch zu entlassen. Im Sommer wäre die Auswahl an erfahrenen Trainern größer gewesen, im Herbst eben nicht. So durfte Nouri nach ordentlichem Start dann auch bleiben. Kurzfristig war dies sicher die richtige Wahl. Aber langfristig? Der Effekt des Neuen verpuffte bereits in der vergangenen Rückrunde und der Trend verschärfte sich nun immer mehr.

Baumanns nächster Schuss muss sitzen. Sonst wird es mit dem Klassenerhalt schwer und sein Job dürfte ernsthaft in Gefahr geraten.

Was wirklich Grund zur Besorgnis macht: Erstmals wendete sich das Publikum am Sonntag gegen die eigene Mannschaft. Das will im Weserstadion schon etwas heißen. Im Überlebenskampf der Bundesliga, der für die Hanseaten mittlerweile zum Alltag geworden ist, war die Unterstützung der Fans stets ein Faustpfand und ein Garant dafür, das Blatt am Ende noch zum Guten zu wenden. Geht das nun auch noch verloren, droht eine ganz schlimme Saison.