Karim Bellarabi: Darum hat er sich die Nominierung von Löw verdient

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Bongarts
Der Leverkusener steht erstmals im Kader der A-Nationalmannschaft. Lohn für Auftritte voller Tatendurst in punkto Zweikampf, Balleroberung und Torabschluss.

Leverkusen. Plötzlich gehört Karim Bellarabi zum erlauchten Kreis der deutschen Nationalmannschaft. "Wer hätte noch vor zwei, drei Jahren gedacht, dass ich mal da mitspielen kann", staunte er laut Bild über die Berufung von Joachim Löw für die Länderspiele in Polen und gegen Irland. Noch im Sommer 2013, als ihn Bayer Leverkusen an Eintracht Braunschweig verlieh, schien das DFB-Team für den Sohn eines marrokanischen Vaters und einer deutschen Mutter Utopie zu sein. Dass er nach seiner Rückkehr zu Bayer 04 derart durchstarten würde, war keineswegs zu erwarten. Auch der marokkanische Verband bemühte sich deshalb zuletzt um ihn – nun könnte er sich mit einem Einsatz in der EM-Qualifikation jedoch für Deutschland "festspielen".

Großen Anteil an Bellarabis beeindruckendem Saisonstart hat Vereinstrainer Roger Schmidt. Der 47-Jährige erkannte schon während der Vorbereitung: "Unsere Spielidee kommt ihm sehr entgegen." Und der neue Coach der Rheinländer setzt uneingeschränkt auf den 24 Jahre alten Wirbelwind, beorderte ihn in allen zwölf bisherigen Pflichtspielen in die Startelf. In der Bundesliga stand der gebürtige Berliner 592 von 630 möglichen Minuten auf dem Platz. An fünf Toren war er dabei direkt beteiligt, traf dreimal selbst und legte für zwei Treffer auf. Damit ist er sowohl bester Torschütze als auch gemeinsam mit Hakan Calhanoglu bester Vorlagengeber der Werkself.

Wie geschaffen für Schmidts Philosophie

Neben derlei augenscheinlichen Zahlen lohnt ein Blick ins Detail, um Schmidts Vorliebe für Bellarabi zu begründen. 139 Zweikämpfe hat er in dieser Bundesliga-Saison bislang bestritten – die zweitmeisten aller Leverkusener Akteure nach Stefan Kießling. Indiz für seine Aggressivität im Spiel gegen den Ball, das im neuen Bayer-Konzept eine absolute Schlüsselrolle einnimmt: Den Gegner sehr früh, mit Tempo und hohem Risiko im Spielaufbau pressen, dabei möglichst viele Ballgewinne rekrutieren und dann einen kurzen Weg zum Torabschluss haben. Bestes Beispiel dafür war Bellarabis Vorarbeit für Kießlings 2:0 gegen Borussia Dortmund zum Saisonauftakt, als er BVB-Verteidiger Erik Durm 20 Meter vor dem Dortmunder Gehäuse anlief, ihm die Kugel klaute und Kießling mit maßgenauem Anspiel bedienen konnte.

Zwar gewinnt der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler mit 42,4 Prozent letztlich weniger als die Hälfte seiner Zweikämpfe – hat damit aber dennoch deutlich mehr zu bieten als etwa ein Pierre-Emerick Aubameyang, der beim BVB in einem ähnlichen Spielsystem auf einer vergleichbaren Position nur in 53 Zweikämpfe ging, davon schwache 32,1 Prozent für sich entscheiden konnte. Weiterer Unterschied zum Gabuner: Bellarabi beging schon 14 Fouls, Aubameyang erst deren zwei. Zwar nicht zwangsläufig positiv für den Leverkusener, aber dennoch Ausdruck seiner ausgeprägten Bereitschaft zur Defensivarbeit.

Direkter Weg zum Tor

Auch die Zahl von acht abgefangenen Bällen ist für einen Offensivakteur überdurchschnittlich, damit bewegt er sich auf einem Level mit Hoffenheims Roberto Firmino, der in dieser Disziplin einer der stärksten Angriffsspieler der Liga ist. Dass er mit dem ergatterten Spielgerät daraufhin auch etwas anfangen kann, belegen folgende Statistiken: In punkto Torschussvorlagen (zwölf) teilt er sich die teaminterne Spitzenposition mit Hakan Calhanoglu, hat damit deren doppelt so viele auf dem Konto wie Bayerns Thomas Müller. Dass trotzdem noch mehr geht, lassen die Werte der Gladbacher Raffael (16 Torschussvorlagen) und Max Kruse (19) oder vom Wolfsburger Kevin de Bruyne (27) erahnen.

Ebenfalls das Nonplusultra des Mannschaftsrankings bedeuten Bellarabis bislang 20 Torschüsse, deutlich vor Calhanoglu und Kießling (jeweils elf). Der Zug zum Tor mit seiner enormen Geschwindigkeit ist eine weitere große Stärke, die ihn ebenso häufig auf die Kiste feuern lässt wie Bayerns Top-Stürmer Robert Lewandowski. Lediglich Fohlen-Brasilianer Raffael hat ligaweit mit 22 bislang mehr Torschüsse abgegeben. Dessen Vereinskamerad Andre Hahn, mit ähnlichen Anlagen wie Bellarabi ausgestattet, schoss derweil erst elfmal auf das gegnerische Gehäuse.

Überdies sind die Abschlüsse Bellarabis meist qualitativ hochwertig, gingen doch 13 von 20 auf das Tor. Zum Vergleich: Arjen Robben brachte den Ball in neun von 17 Versuchen auf den Kasten, Lewandowski in neun von 20 und Augsburgs Tobias Werner traf nur mit sechs von 17 Schüssen den Raum innerhalb der Querstangen. Prozentual etwas besser als Bellarabi steht Thomas Müller in dieser Statistik da, der mit elf von 16 Abschlüssen den Weg auf das Tor fand. Ebenso auffällig ist, dass der Leverkusener bereits 16-mal gefoult wurde, damit einer der meistgefoulten Bundesliga-Spieler ist. In den Dribblings ist er aufgrund seiner Ballgewandtheit und des rasanten Antritts oft nur mit unfairen Mitteln zu bremsen.

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Preis für hohes Risiko: Passspiel fehlerhaft

Bei all den positiven Zahlen treten allerdings auch schwächere Aspekte ans Tageslicht. So ist Bellarabis Passquote von 63 Prozent verbesserungswürdig. Dieser niedrige Wert ist mitunter in seiner risikoreichen Spielweise begründet, fällt verglichen mit den Statistiken von Julian Draxler (76,3 Prozent angekommene Zuspiele), de Bruyne (71,5 Prozent) oder speziell Mario Götze (87,8 Prozent) jedoch zu stark ab, die in totalen Zahlen jeweils vergleichbar viele oder deutlich mehr Pässe gespielt haben. Auch Bellarabis künftiger Nationalmannschaftskollege Andre Schürrle weist in der Premier League beim FC Chelsea freundlichere Passwerte auf (79,7 Prozent kommen an). Ebenso anzukreiden ist dem Leverkusener, dass er im Eins-gegen-Eins mit dem Keeper zu häufig ungenau abschließt und dadurch viele klare Torchancen liegen lässt.

Letztlich überwiegen jedoch die positiven Eindrücke – die nun auch Joachim Löw von dem Flügelflitzer überzeugt haben. Im Spiel der DFB-Elf könnten seine Zweikampf- und Laufbereitschaft, seine Fähigkeiten in Balleroberung und anschließendem Umschaltspiel mit unbändigem Zug zum Tor eine echte Waffe werden. Besonders hinsichtlich der Dominanz, die das DFB-Team bei den kommenden Auftritten gegen Polen und Irland an den Tag legen will. Klappt es mit einem Einsatz, wäre Bellarabi endgültig in der Sphäre angekommen, die für ihn vor einigen Jahren noch undenkbar war.

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