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Kameruns Nationalmannschaft: Keine Stars? Keine Probleme!

12:30 MESZ 25.06.17
Cameroon Confed Cup 22062017
Nach Jahren des Chaos feierten Kameruns Unzähmbare Löwen beim letzten Afrika-Cup ihre Wiederauferstehung. Mit einem Team der Namenlosen.

Eine Spitze konnte sich Kameruns Nationaltrainer Hugo Broos nach dem Sieg im Finale des Afrika-Cups gegen Ägypten nicht verkneifen: "Vor dem Turnier gab es ein paar Probleme, da einige Spieler auf eine Nominierung verzichteten. Naja, es war ihre Entscheidung, aber womöglich sagen sie sich jetzt: Scheiße! Warum haben wir nicht mitgespielt?"

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Die Adressaten seiner Worte waren acht Nationalspieler, unter anderem Schalkes Eric Maxim Choupo-Mouting, Klopp-Schützling Joel Matip, Ajax-Keeper Andre Onana und Premier-League-Profi Allan Nyom, die Anfang des Jahres alle lieber bei ihren Klubs blieben, statt beim Afrika Cup die eigenen Landesfarben zu vertreten.

Broos war dadurch gezwungen, mit einer No-Name-Truppe zum Kontinentalturnier in den Gabun zu reisen, musste vermehrt auf Spieler wie Michel Ngadeu-Ngadjui (Slavia Prag), Sebastien Siani (KV Oostende) und Arnaud Djoum (Heart of Midlothian) setzen, die nur Experten ein Begriff waren. Und doch schaltete Kamerun Favoriten wie Ghana und den Senegal aus und wurde zum fünften Mal Afrikameister.

Kamerun: Jahre des Chaos

Womöglich war die Absagewelle für Kamerun gar ein Glücksfall. In den letzten Jahren reisten die Unzähmbaren Löwen nämlich stets mit vielen bekannten Namen zu großen Turnieren an und versagten doch immer. Bei den letzten beiden Weltmeisterschaften gab man ein katastrophales Bild ab, flog jeweils punktlos in der Vorrunde raus. Auch der Afrika-Cup 2015 endete für Kamerun bereits nach der Gruppenphase. Für die vorherigen beiden Kontinentalmeisterschaften (2012, 2013) konnte man sich nicht einmal qualifizieren.

Die Probleme waren immer wieder die selben: Weder Disziplin noch Stimmung oder Hierarchie stimmten im Team. So galt beispielsweise Superstar Samuel Eto'o in den letzten Jahren seiner Karriere als Quertreiber. Er stänkerte gegen Trainer und Teamkollegen, verursachte interne Grabenkämpfe und wurde dennoch aufgrund seines Standings immer berufen.

Sinnbild für das Chaos im kamerunischen Fußball war eine Szene aus dem zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien bei der WM 2014, als die beiden Mannschaftskollegen Benoit Assou-Ekotto und Benjamin Moukandjo mitten im Spiel plötzlich aufeinander losgingen. Zuvor hatte bereits Superstar Alex Song nach einem völlig unnötigen Ellbogenschlag in den Rücken von Mario Mandzukic die Rote Karte gesehen.

Kameruns Neustart unter Broos

Solche unfassbaren Szenen sind unter Broos Geschichte. Die jetzige Auswahl mag weniger Talent und internationale Erfahrung haben, ist dafür aber umso motivierter und hungriger. "Wir wussten, dass wir ein starkes Mannschaftsgefühl brauchen, um gegen individuell bessere Teams zu bestehen, denn wir haben keine wirklichen mehr Stars im Kader", erklärte Moukandjo, der trotz seines Kampfes mit Assou-Ekotto noch mit Bord an ist. Neben ihm waren aus dem WM-Kader 2014 nur noch Vincent Aboubakar, Edgar Salli und Nicolas N'Koulou beim letzten Kontinentalturnier dabei.

Dass sich auf dem Papier deutlich schwächere Mannschaften gegen die vermeintlichen Favoriten durchsetzen, ist in Afrika kein seltenes Phänomen. 2006 fuhren Togo und Angola anstatt der Schwergewichte Nigeria und Kamerun zur WM nach Deutschland. Zwischen 2006 und 2010 dominierte Ägypten den Schwarzen Kontinent, gewann dreimal hintereinander den Afrika-Cup, obwohl die meisten Spieler der Mannschaft in der heimischen Liga unter Vertrag standen. Ein kleines Fußballwunder war auch der Triumph Sambias 2012. Im Finale setzten sich die Chipolopolo gegen den haushohen Favoriten von der Elfenbeinküste durch.

Dass die Uhren in Afrika anders ticken, hat auch Broos verstanden. "Vier Monate lang habe ich den Nationalspielern hinterher telefoniert. Jetzt werde ich nicht mehr auf den Knien rutschen", sagte der Belgier nach dem Triumph beim Afrika-Cup und ließ seinen Worten taten folgen. Beim Confed Cup verzichtete er - dieses Mal freiwillig - auf Choupo-Mouting, Matip und Nyom. Keeper Onana kehrte zwar ins Team zurück, ist hinter Fabrice Ondoa allerdings nur die Nummer 2.

Deutschland vor der Brust

Anders als der Afrika-Cup verlief die "Mini-WM" für die Kameruner aber bislang enttäuschend. Nach der 0:2-Niederlage gegen die starken Chilenen und dem 1:1-Unentschieden gegen Australien benötigen die Afrikaner gegen Deutschland einen Sieg mit zwei Toren Unterschied, um doch noch ins Halbfinale einzuziehen.

Die Offensivabteilung Kameruns ist gegen die DFB-Elf also gefordert, vor allem auf zwei Spielern ruht die Hoffnung: Sturmtank Aboubakar, der bei Besiktas unter Vertrag steht, und Christian Bassogog – der beste Spieler beim letzten Afrika Cup. Vorher nur den wenigsten ein Begriff, absolvierte der schnelle Dribbler in Gabun ein herausragendes Turnier. Nur wenige Wochen später wechselte der 21-Jährige vom dänischen Klub Aalborg BK für 4,4 Millionen Euro nach China. Allerdings gibt es Zweifel an seinem Alter, denn wie Anfang zwanzig sieht Bassogog beileibe nicht aus.

Kämpfen werden die Kameruner gleichwohl nicht nur für das Weiterkommen, sondern auch, um einem gefallenen Landsmann "die Ehre zu erweisen", wie es Mittelfeldspieler Djoum formulierte. Vor 14 Jahren, beim Confed Cup 2003, kollabierte der kamerunische Nationalspieler Marc-Vivien Foe aufgrund eines Herzversagens im Halbfinale gegen Kolumbien auf dem Rasen und verstarb eine Stunde später im Krankenhaus. Zu seinem Gedenken trugen die Spieler bei der Siegesfeier des Afrika-Cups Trikots mit seiner Nummer 17. Nun soll Foe ein Sieg gegen den Weltmeister gewidmet werden.