News Spiele
Bundesliga

Jupp Heynckes im Goal-Interview: "Junge Trainer haben es heute nicht leicht"

08:00 MEZ 06.02.18
Jupp Heynckes exclusive
Jupp Heynckes spricht im Interview über seine Traineranfänge, seine Leitbilder, Prinzipien und Ziele. Außerdem erklärt er die Schwächephase von Real.

EXKLUSIV

Jupp Heynckes ist gut gelaunt. Höflich begrüßt der Trainer des FC Bayern München Goal zum Interviewtermin an der Säbener Straße. Dann lässt er sich in die braune Ledercouch zurückfallen - und erzählt.

Ein Gespräch über die Entwicklung des Fußballgeschäfts, seinen Mentor Hennes Weisweiler, Mannschaftsführung, Menschlichkeit und die junge Trainergeneration.

Herr Heynckes, es wird derzeit viel über junge Trainer diskutiert. Sie wurden 1979 im zarten Alter von 34 Jahren bei Borussia Mönchengladbach der bis dato jüngste Bundesliga-Trainer. Wie war das damals für Sie?

Jupp Heynckes: Ich war bis 1978 aktiver Spieler und habe anschließend ein Jahr als Assistenztrainer von Udo Lattek gearbeitet. Dann wurde ich von unserem Manager Helmut Grashoff gefragt, ob ich mir den Cheftrainer-Posten zutrauen würde. Und so unbekümmert wie ich eigentlich immer war, habe ich gesagt: Selbstverständlich traue ich mir das zu. Im Nachhinein weiß ich, dass ich noch unheimlich viel habe lernen müssen.

Was genau?

Heynckes: Zunächst einmal war ich schon als Spieler nicht nur leidenschaftlich und sehr ehrgeizig, sondern geradezu überehrgeizig. Ich bin von unserem damaligen Trainer Hennes Weisweiler geprägt worden – und der konnte sehr schlecht verlieren. Genau das muss man im Fußballgeschäft lernen: Du musst Niederlagen respektieren, aber du darfst Niederlagen nie akzeptieren. Du musst immer bereit sein, aus Rückschlägen deine Schlüsse zu ziehen, sie zu analysieren und es dann besser zu machen. Es sind aber auch andere, allgemeinere Dinge, die man anfangs lernen muss, beispielsweise die Mannschaftsführung und den Umgang mit Menschen. Hilfreich war, dass ich schon als Aktiver einen hohen Status innerhalb der Mannschaft hatte und ein Führungsspieler war. Da kann ich Ihnen ein simples Beispiel nennen.

Gerne.

Heynckes: Als ich Cheftrainer wurde, waren noch Spieler dabei, die mit mir aktiv zusammengespielt hatten und die mich selbstverständlich geduzt haben. Und dann, als ich plötzlich Cheftrainer wurde, wollten mich diese Spieler siezen. Da habe ich gesagt: 'Ihr seid wohl alle verrückt. Ihr sagt Du – und dann hat sich das.' Aber daran sieht man schon, welch großen Respekt man mir entgegengebracht hat. Das ist sehr wichtig für den Trainerberuf. Man muss auf der einen Seite Distanz wahren und auf der anderen Seite Nähe aufbauen. Ich denke, diese Mischung habe ich immer sehr gut hinbekommen.

Wie haben Sie den Umgang mit Ihrem jungen Alter erlebt?

Heynckes: Wir haben im ersten Jahr den siebten Tabellenplatz und das Endspiel des UEFA-Cups erreicht, von daher war man voll des Lobes. Trotzdem stand Kritik nach den Spielen genauso an der Tagesordnung wie heute. Ich habe mich davon aber nie beirren lassen. Schon als Spieler war meine starke Psyche neben dem Fußballerischen meine besondere Stärke. Die hat mir im Trainerberuf sehr geholfen. Ich hatte immer ganz klare Vorstellungen, wie ich den Job ausfüllen möchte, trotzdem war ich immer bereit, von anderen zu lernen. Es ist auch heute noch so, dass man winzige Details sieht, die man in seine Arbeit einfließen lassen kann.

Haben es junge Trainer heute schwerer?

Heynckes: Erstmal sind die jungen Trainer heute besser präpariert. Ich habe damals nur ein Jahr mit einem großen Trainer, sprich mit Udo Lattek, zusammengearbeitet, von dem ich lernen konnte. Heute dagegen ist es oft so, dass die jungen Trainer vorher schon im Jugendbereich oder in der U23 gearbeitet haben und dort Erfahrungen sammeln konnten. Es ist sehr wichtig, dass ein junger Trainer lernt, wie er sich richtig zu präsentieren hat, wie er zur Mannschaft zu sprechen und wie er auf dem Trainingsplatz zu arbeiten hat.

Hilft es dabei, früher selbst Profi gewesen zu sein?

Heynckes: Absolut. Wenn man auf ganz hohem Niveau Eliteprofi war, dann gibt es immer wieder Situationen, die man schon hunderttausendmal erlebt hat und auf die man entsprechend reagieren kann. Das ist natürlich ein ganz großer Vorteil. Trotzdem: Junge Trainer haben es heute nicht leicht, das sage ich ganz ehrlich. Allein wenn man an unsere Mediensituation, aber auch an die hohen Ansprüche der jeweiligen Klubs denkt. Junge Trainer müssen auch Fehler machen dürfen, sie müssen auch mal Dinge sagen dürfen, bei denen man hinterher denkt: Das hätte er besser nicht gesagt. Das haben wir doch alle auch schon mal gemacht.

Wer hat Sie abgesehen von Hennes Weisweiler geprägt?

Heynckes: Ernst Happel zum Beispiel. Er war eine Trainer-Koryphäe und hat schon damals beim HSV sehr modern spielen lassen: Mit Viererkette, mit Abseitsfalle, mit Pressing, mit einer hoch stehenden Abwehr, mit modernen Angriffsschemen. Das habe ich beobachtet, das habe ich analysiert und das habe ich mir zu eigen gemacht. Später waren es dann Arrigo Sacchi und Johan Cruyff. Als Trainer lernt man immer wieder neue Details kennen, die man in seine Arbeit einfließen lassen kann, wenn man nicht gerade ein Ignorant ist.

Wie haben Sie Ihre Trainerkollegen nach Ihrem Rücktritt 2013 verfolgt?

Heynckes: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich 2013 mit dem Trainerjob abgeschlossen hatte. Danach habe ich Fußball nur noch als Fan geschaut. Sicher habe ich ab und zu mal gedacht: Diese Mannschaft agiert aber geschickt. Oder: So hätte ich jetzt nicht ausgewechselt. Wenn man so lange als Trainer gearbeitet hat, entwickelt man ein Gespür für gewisse Situationen. Man sieht, wie sich die Spieler bewegen, ob jemand müde oder ob er noch vital ist. Manchmal denkt man sich dann auch: Da macht der Trainer gute Arbeit, er stellt die Mannschaft gut ein, strukturiert sie gut, hat einen ganz klaren Plan. Gerade bei Teams, die qualitativ nicht so gut bestückt sind, sieht man die Handschrift des Trainers umso deutlicher. So etwas habe ich also schon registriert, aber im Grunde genommen habe ich mich zurückgelehnt, mich vom Fußball verwöhnen lassen oder manchmal auch gesagt: Nö, da legst du dich lieber ein Stündchen hin und schläfst ein bisschen. (lacht)

Uli Hoeneß sagte zuletzt, Sie seien jemand, der modernes Sportmanagement und menschliche Qualitäten vereint. Auch in der Kabine hätten Sie alles im Griff. Wie sieht Ihr Erfolgsrezept aus?

Heynckes: Wenn Uli Hoeneß gefragt wird, lässt er sich immer etwas einfallen. Sehr oft ist das sehr viel Positives und auch Gutes. Aber das eine oder andere kann man auch mal kritisch sehen. Mit seiner Aussage meinte er sicher die Art und Weise, wie ich eine Mannschaft führe, wie ich eine Mannschaft strukturiere, was für einen Spielplan ich habe und wie ich mit der Mannschaft auf dem Trainingsplatz in allen Bereichen arbeite, die heute notwendig sind, um großen Fußball spielen zu können. Es ging ihm aber bestimmt vor allem um die Mannschaftsführung.

Wie sehen Ihre Prinzipien dahingehend aus?

Heynckes: Es gibt unterschiedliche Trainertypen und es hängt immer vom jeweiligen Charakter ab, wie man mit Menschen umgeht. Es ist ganz wichtig, dass man jeden Spieler und jeden Mitarbeiter respektiert. Für mich haben Menschen immer den gleichen Wert, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Status. Darüber hinaus muss man offen und authentisch sein, ehrlich mit den Spielern umgehen und Vertrauen aufbauen. Ich glaube, meine ganz große Stärke ist es, dass ich den Spielern vertraue und dass die Spieler umgekehrt auch mir vertrauen. So findet man eine gemeinschaftliche Basis, auf der man erfolgreich sein kann. Und dann hat man auch eine natürliche Autorität, die nicht nur im Amt begründet ist.

Wir haben bereits über Ihre Traineranfänge im Jahr 1979 gesprochen. In den darauffolgenden 39 Jahren haben sich das Trainer- und das Fußballgeschäft enorm weiterentwickelt. Heutzutage spielen zum Beispiel detaillierte Statistiken eine große Rolle. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Heynckes: Man darf die Spieler nicht mit Daten überfrachten, man muss die goldene Mitte finden. Grundsätzlich finde ich die modernen Hilfsmittel gut und zeitgemäß, weil man dadurch sehr viele Hinweise bekommt. Es gehört einfach dazu und ich fühle mich dafür auch nicht zu alt. Dem gegenüber steht dann meine Erfahrung, durch die ich ebenso bewerten kann, wer zum Beispiel eine große Laufleistung gezeigt hat. Meistens deckt sich meine Beobachtung dann auch mit den Daten, die ich von unseren Fitnesstrainern und Sportwissenschaftlern bekomme.

Und wie stehen Sie zum Thema Videoanalyse?

Heynckes: Es ist heutzutage ganz wichtig für die Spielanalyse und die Gegnervorbereitung, dass wir mit unseren Analysten ein großes Video zusammenstellen, in dem die Stärken und Schwächen der gegnerischen Mannschaft zu sehen sind. Einen genauso hohen Stellenwert hat die Nachbereitung der Spiele mit Videosequenzen und meiner positiven oder auch negativen Kritik. Solche Hilfsmittel sind unabdingbar. Sie sind wunderbar und machen es leichter als früher. Entscheidend ist aber, dass man solche Dinge nicht nur visuell, sondern auch aktiv auf dem Trainingsplatz erlebt, wo man es dann umsetzt.

Durch Ihre Arbeit auf dem Platz haben Sie seit Ihrer Rückkehr zum FC Bayern viele Spieler besser gemacht. Kingsley Coman etwa, dem Sie unter anderem ganz banal gesagt haben, er müsse den Kopf vor dem Flanken öfter hochnehmen.

Heynckes: Das fußt alles auf Situationen, die ich selbst erlebt habe, auch mit meinem Mentor und späteren Freund Hennes Weisweiler. Hennes war ein fanatischer Trainer, fanatisch auch in dem Sinne, dass er Detailarbeit geliebt hat. Er hat mit uns Innenspannstöße, Kopfballspiel, Passspiel und vieles mehr geübt. Und das mache ich auch mit den sehr guten Spielern bei Bayern München. Man muss das Spielgerät, das ist der Ball, beherrschen. Und deswegen muss man gewisse Abläufe auch immer wieder trainieren. Das ist genauso wie bei einem Tennisspieler, der in der Woche vor einem großen Turnier 500 Aufschläge macht. Im Fußball muss man vieles verinnerlichen: das Positionsspiel, das Passspiel, die Angriffsschemen, Flanken, das Timing vor dem Tor. Auch dazu kann ich Ihnen eine kurze Geschichte erzählen.

Sehr gerne.

Heynckes: Simon Rolfes von Bayer 04 Leverkusen hat mal zu mir gesagt: 'Sie waren auch deshalb mein bester Trainer, weil Sie uns korrigiert haben, weil Sie genau gesagt haben, ob ich richtig zum Ball stehe, ob ich im richtigen Moment passe und viele Dinge mehr.' Es ist die große Kunst eines Trainers, Dinge zu erkennen und auch zu korrigieren.

Das gilt speziell für das Pass- und Positionsspiel. Pep Guardiola hat sehr penibel darauf geachtet, Carlo Ancelotti dagegen setzte gerade in der Offensive auf mehr Freiheiten. Ist Ihre Herangehensweise ein Mittelweg?

Heynckes: Ich finde, dass jeder Spieler im Positionsspiel wissen muss, was er zu tun und zu lassen hat. Sie können heutzutage bei einem Fußballer anhand seiner Bewegungen erkennen, ob er wirklich ganz große Klasse hat. Es geht darum, ob er sich passend zum jeweiligen Angriff bewegt, ob er die richtigen Räume besetzt, ob er sich anbietet oder wegbleibt. Positionsspiel ist aber nur dann produktiv, wenn man auch immer wieder die Tiefe sucht, das heißt nicht nur Quergeschiebe, sondern auch Tempowechsel einzubauen oder den Vertikalpass in die Tiefe zu spielen. Dazu braucht man natürlich Spieler, die damit etwas anfangen können und diese Zuspiele in Tore umsetzen. Wir sind 2013 deswegen Triple-Sieger geworden, weil wir die richtige Mischung beherrscht haben zwischen Positionierung und der Fähigkeit, zu explodieren und auch mal den Ball in die Tiefe zu fordern. Manchmal sind simple Dinge die effektivsten.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes im Gespräch mit Goal -Reporter Niklas König

Sie haben in dieser Saison 19 von 20 Spielen mit dem FC Bayern gewonnen und werden gerade als Wundertrainer wahrgenommen. Wie gehen Sie damit um?

Heynckes: Dass wir Erfolg haben, seit Peter Herrmann und ich hier sind, hat einfache Gründe. Zunächst sind wir bei einem ganz großen Klub angestellt. Wir haben sehr gute Spieler, wir haben ein absolutes Top-Trainerteam, der gesamte Staff funktioniert perfekt. Was im Moment geschieht, ist ein Erfolg aller, die involviert sind im Lizenzspielerbereich. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch. Ich habe sehr viel Erfahrung, ich habe das Leben, vor allem das Berufsleben immer realistisch gesehen. Es gibt Höhen und Tiefen, es gibt Erfolge und Niederlagen. Als ich das Amt hier Anfang Oktober übernommen habe, war ich überzeugt, dass wir Erfolg haben würden, weil ich die Spieler, die Mannschaft und das Trainerteam genauso kannte wie meinen Führungsstil. Aber wir sind ja noch nicht am Ende.

Welche Ziele haben Sie?

Heynckes: Wir wollen Meister werden, das sind wir ja noch nicht. Zudem wollen wir im Pokal und in der Champions League erfolgreich sein. Und in der Königsklasse wird es sicher sehr schwer, weil da Top-Mannschaften dabei sind, die sich – teilweise mit riesigen Fremdmitteln - auf dem Transfermarkt enorm verstärkt haben. Deshalb wird es sicher für die Bundesliga und auch für Bayern München immer schwieriger, international so erfolgreich zu sein, wie es der FC Bayern in seiner Geschichte immer wieder war.

Ihr Ex-Klub Real Madrid hat die Champions League zuletzt zweimal in Serie gewonnen, strauchelt aber derzeit. Wie bewerten Sie die Lage?

Heynckes: Es gibt immer Zyklen im Fußball. Zuletzt war Real Madrid unheimlich erfolgreich, davor der FC Barcelona in einem gewissen Zeitraum. Bayern München war es 2013 und auch in früheren Jahren. Es sind also immer Momentaufnahmen. Gerade sagt man, die englische Liga sei die beste und momentan mag das vielleicht auch so sein. Nur müssen die englischen Mannschaften das nun auch in der K.o.-Phase der Champions League unter Beweis stellen.

Kommen wir auf die Schwächephase von Real zurück.

Heynckes: Dass Madrid in der Liga im Moment ein Tief durchläuft, ist meines Erachtens ganz normal, wenn man zweimal die Champions League gewonnen hat und dazu noch einmal spanischer Meister geworden ist. Außerdem hat Real im Sommer mit Alvaro Morata, Pepe und James Rodriguez drei sehr gute Spieler abgegeben, um vielleicht auch Gehälter zu sparen. Sie haben nicht großartig eingekauft und gedacht: Mit den jungen Spielern kompensieren wir das. Nein, Sie brauchen eine richtig gute Mischung zwischen jungen und alten, zwischen erfahrenen und hungrigen Spielern. Da hat es ein bisschen gehakt. Trotzdem dürfen Sie die Königlichen in der Champions League nicht abschreiben, auf gar keinen Fall. Sie haben viel mehr Erfahrung als Paris Saint-Germain. Viel mehr! Ich glaube auch, dass Real weiterkommen wird. Das ist international eine gute Mannschaft. Als wir 1998 nach 32 Jahren erstmals wieder die Champions League gewonnen haben, sind wir in der Liga auch nur Vierter geworden. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung: Madrid darf man nie unterschätzen.