Julian Draxler und Leroy Sane: Königsblaue Parallelwelt

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Draxler wurde einst zu dem stilisiert, der Sane heute sein muss: Schalkes Heilsbringer. Ihr Aufstieg weist verblüffende Parallelen auf – nun kreuzen sich die Wege erneut.
Julian Draxler lächelte. Das kann er gut. Im Mai 2013 tat er das sogar auf den Straßen im Ruhrpott. Damals versetzte er ganz Gelsenkirchen in kollektiven Freudentaumel. Eine Unterschrift und das neue Arbeitspapier reichte dafür aus. Schalke 04 mietete daraufhin Klein-Laster, deren Ladefläche umfunktioniert, mit überdimensionalen Plakaten versehen wurde. Jeden wollte man die frohe Kunde wissen lassen: "Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018" war zu lesen. Draxler, das neue Gesicht des Vereins, stand daneben.

Seither hat sich einiges verändert: Formkrisen, kleinere und schwere Verletzungen warfen ihn aus der Bahn. Hinzu kam der Druck, die Hoffnung einer ganzen Region, irgendwann vom Bundesliga-Thron zu lächeln. Ein verhängnisvoller Mix, der seine rasante Entwicklung hemmte. Er drohte daran zu zerbrechen. "Selbst nach sechs Monaten Pause spürte ich, dass ich Spiele fast im Alleingang entscheiden sollte", sagte er unlängst dem kicker. Im Sommer war der 22-Jährige schließlich geflüchtet.

Er hätte es nicht geschafft, "dem Druck und der Erwartungshaltung standzuhalten". Für 35 Millionen Euro ging es nach Wolfsburg. Er bekam Zeit und Ruhe. Beides konnte ihm Schalke nicht geben: "Bis man nach einer Verletzung in Top-Form ist, dauert es", so Draxler am Mittwochabend. Er wirkte entspannt, fast gelöst, als er im Herzen Münchens über seine DFB-Rückkehr sprach. Zuletzt trug er im Oktober 2014 das deutsche Trikot: "Ich bin zufrieden, wieder hier zu sein und freue mich, dass mit Leroy Sane ein Schalker Junge dabei ist."

Ein Schalker Junge, dessen Aufstieg sehr an Draxlers erinnert. Beide katapultierten sich aus der Knappenschmiede innerhalb kürzester Zeit hoch zu den Profis, bis in die Riege der Leistungsträger. Das hinterlässt Eindruck. "Die Art und Weise, wie Sane spielt, ist einfach gut", begründete Bundestrainer Joachim Löw die Kadernominierung: "Er sieht gut freie Räume, er ist wahnsinnig schnell, bereitet Tore mit Übersicht vor und hat viele selber erzielt. Ich sehe in ihm ein riesiges Potenzial."

Vier Mal knipste der 19-jährige Frechdachs mit der Rasta-Mähne bei zwölf Bundesliga-Einsätzen, bereitete dazu noch drei Tore vor. Er wirbelt im königsblauen Mittelfeld und gilt längst als Heilsbringer. Draxler, der mit zarten 17 debütierte, kennt das nur zu gut. Seine Leistungsexplosion 2012/13 bescherte ihm einst prominente Interessenten. Speziell in England wurden Unsummen aufgerufen. Draxler blieb – die Geschichte ist bekannt.

Wer kann sich beweisen?

Sane verlängerte im Sommer ebenso bis 2019, obwohl der FC Liverpool lockte. Ein gut durchdachter Schritt seines Vaters Souleyman. Er betreut den Filius, kennt als früherer Bundesliga-Kicker die Schnelllebigkeit des Fußballs. Gemeinsam mit Mutter Regina Weber, die in der Rhythmischen Sportgymnastik olympisches Bronze gewann, predigt er Bodenständigkeit, Demut.

Jedoch, betonen Jugendtrainer, sei es ohnehin nicht das Naturell des Überfliegers, die Bodenhaftung zu verlieren. Seine kindlichen Flausen lebt er lieber auf dem Platz aus - ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. "Selbst wenn er keine gute Partie macht und ihn niemand mehr auf dem Schirm hat, kann er jederzeit für die Entscheidung sorgen", so Schalke-Coach Andre Breitenreiter. Sane sei ein bemerkenswertes Talent.

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Das war auch Draxler, den die letzten beiden Jahre prägten und als Persönlichkeit voranbrachten, schlicht reifer werden ließen: "Ich sehe mich wieder auf einem guten Weg. Das hat mir der Bundestrainer mit seiner Einberufung bestätigt." Dass er in Wolfsburg das schwere Erbe von Kevin De Bruyne antrat, belastet ihn nicht. Er möchte nach dem Tapetenwechsel angreifen. Zeigen, dass er mehr in ihm steckt, als ein Trainingsweltmeister, um noch auf den EM-Zug aufzuspringen.

Gegen Frankreich (Freitag, 21 Uhr im LIVE-TICKER) und die Niederlande (Dienstag) kann er sich präsentieren. Für Sane, zu dem er bei S04 ein gutes Verhältnis pflegte, ist es eine Art Schnupperkurs. Er soll für die Zukunft lernen. Tipps für den Neuankömmling hat Draxler nicht: "Er soll eigenen Erfahrungen sammeln. Ich vertraue Leroy da. Ich habe selbst genug damit zu tun, die eigenen Leistungen in die richtige Richtung zu schieben", lächelte Draxler. Diesmal bloß vom Podium im Hilton Hotel.

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