Drogenkartell-Sumpf, Reggaeton, schlampiges Genie: Das ist Juan Fernando Quintero, Kolumbiens WM-Hoffnung gegen England

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Juan Quintero wuchs im Schatten der Drogenbosse auf, galt als Mega-Talent und schien bereits gescheitert. Doch bei der WM zeigt er sein Genie wieder.


HINTERGRUND

"Juan! Juan!", brüllte der sonst so gesetzte kolumbianische Nationaltrainer Jose Pekerman voller Enthusiasmus. "Genie, Genie, Genie! Du bist ein Genie! Du bist ein Genie", schrie er weiter, als Juan Fernando Quintero auf ihn zugelaufen kam. Es wirkte irgendwie wie ein Vorwurf. Als wolle Pekerman sagen: Warum verdammt noch mal rufst Du nicht immer ab, was Du kannst?!

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Quintero hatte wenige Sekunden vorher mit einem genialen Pass Kolumbiens 2:0 im zweiten WM-Gruppenspiel gegen Polen für Radamel Falcao vorbereitet. Ein extrem wichtiges Tor, die Vorentscheidung im vorentscheidenden Duell, das die Südamerikaner nach der Auftaktpleite gegen Japan wieder in die Spur brachte. Nicht nur gegen Polen, sondern in allen drei Vorrunden-Partien war Quintero einer der besten Kolumbianer, bereitete bei dieser WM schon zwei Tore vor und erzielte eines selbst.

Ausgerechnet der 25-Jährige, bereits als schlampiges Genie, als gescheitertes Talent abgestempelt. Der einst mit Lionel Messi verglichen wurde, der bei der U20-WM 2013 so glänzte und für zehn Millionen Euro zu Porto ging. Der es aber nur sehr überraschend in Kolumbiens WM-Kader schaffte, nachdem er im Verein, beim argentinischen Topklub River Plate, erst seit dem Frühling wieder etwas besser in Form gekommen war.

"Das ist für alle Menschen aus der Comuna 13", sagte Quintero nach dem 1:0-Sieg gegen den Senegal im letzten Gruppenspiel, der den Einzug ins WM-Achtelfinale gegen England (Dienstag, 20 Uhr im LIVE-TICKER) ermöglichte und bei dem der 1,69 Meter kleine Zauberer per Ecke den entscheidenden Treffer auflegte. In der Comuna 13, einem der gefährlichsten Bezirke der kolumbianischen Millionen-Metropole Medellin, der Heimatstadt des legendären Drogenbarons Pablo Escobar, wuchs Quintero auf.

Juan Quintero: Aufgewachsen im Sumpf der Drogenkartelle

Escobar wurde zwar nur knapp ein Jahr nach Quinteros Geburt zur Strecke gebracht, dessen Erben, ihr Drogengeschäft und der Krieg mit der Polizei waren in der Comuna 13 aber weiterhin allgegenwärtig. "Ich liebe die Leute aus meinem Viertel und ich hoffe, dass ich bewiesen habe, dass die Comuna 13 nicht nur für schlechte, sondern auch für gute Dinge stehen kann", frohlockte Quintero weiter.

Seine Herkunft geißelte in den letzten Jahren allerdings nur das Bild des Hochbegabten, dessen schwierige Vergangenheit ihn davon abhält, das Beste aus seinem Potenzial zu machen. Quintero kam früh in den Nachwuchs von Envigado FC, ein Klub aus dem Stadtteil Medellins, in dessen unmittelbarer Nähe Pablo Escobar einst sein eigens gefertigtes Gefängnis, im Volksmund "La Catedral" genannt, bewohnte.

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Ausgestattet mit einem genialen linken Fuß, einer herausragenden Technik und diesem ganz speziellen Sinn für das Besondere, der auch auf höchstem Niveau funktionieren kann, debütierte Quintero schon mit 16 für Envigado in der ersten kolumbianischen Liga. Mit 18 wechselte er zum Topklub Atletico Nacional, sein Aufstieg zu einem der besten Spielmacher der Welt schien vorgezeichnet.

James Quintero

Doch es folgten Jahre, in denen er nie wirklich bereit dafür schien, auf den Platz zu bringen, was er eigentlich kann. Bei Atletico Nacional blieb er nur ein halbes Jahr, das erste Engagement in Europa führte den damals 19-Jährigen in der Saison 2012/13 zum damaligen Serie-A-Vertreter Delfino Pescara. Glänzen konnte Quintero dort nicht, dafür aber bei der U20-WM 2013, wo er in vier Spielen mit drei Toren und einer Vorlage auf sich aufmerksam machte.

Porto schlug zu, holte Quintero für zehn Millionen Euro. Seine erste Saison in Portugal verlief vielversprechend, er durfte mit zur WM 2014 in Brasilien, kam auch zum Einsatz, erzielte im Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste ein Tor. Weiteren Auftrieb gab ihm das jedoch nicht, schon die zweite Spielzeit bei Porto war sehr durchwachsen. Ehe ein dunkles Kapitel aus Quinteros Kindheit wieder mehr Öffentlichkeit erfuhr, ihn einholte.

Quinteros Vater war plötzlich verschwunden

Als Quintero zwei Jahre alt war, verschwand sein Vater vom einen Tag auf den anderen, wird seitdem vermisst. Viele Menschen in Kolumbien erlitten zu jener Zeit, Mitte der 1990er Jahre, das gleiche Schicksal. Manche geben den skrupellosen Drogenkartellen die Schuld, manche dem seinerzeit von Korruption durchzogenen Staat. Fakt ist: Quinteros Vater tauchte nie wieder auf, Juans Tante Silvia gab die Hoffnung aber auch 20 Jahre später nicht auf. "Seit zwei Jahrzehnten suchen wir und fragen den Staat, wo er ist. 20 Jahre in einem Meer voller Gesetzlosigkeit", sagte Silvia Quintero 2015.

Quintero selbst hat noch nie wirklich über das Verschwinden seines Vaters, den er nie kennenlernen durfte, gesprochen. Seine sportliche Karriere ging seit 2015 derweil immer mehr den Bach runter. Eine Leihe zu Stade Rennes brachte keinen Erfolg, im Frühjahr 2016 setzte ihn der französische Klub aus disziplinarischen Gründen vorzeitig vor die Tür. Er kehrte zurück nach Porto, spielte dort jedoch überhaupt keine Rolle mehr - und ließ sich Anfang 2017 daher in die Heimat zu Independiente Medellin verleihen.

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Mit 24 schien Quintero, der neben Bayern-Star James Rodriguez als größtes Versprechen für die Zukunft des kolumbianischen Fußballs galt, gescheitert. Er hatte Probleme, das Gewicht zu halten, tauchte auf einmal in Musikvideos auf, lebte seine Kreativität, die ihn eigentlich dazu befähigen sollte, Fußballstadien in Verzückung zu versetzen, zuweilen im Reggaeton aus.

Juan Quintero bei der WM: Rückkehr zur Genialität

Ende 2017 lief die Leihe in Medellin aus, Porto parkte Quintero nun bei River Plate. Und in Buenos Aires kam der Linksfuß nach Anlaufschwierigkeiten im Frühjahr tatsächlich wieder in Schwung, wurde von Pekerman im März nach fast zweieinhalb Jahren Abstinenz mal wieder in die Nationalelf berufen. Und bei der WM feiert Quintero nun vor breiter Weltöffentlichkeit eine Rückkehr auf die große Bühne, die vor einem halben Jahr wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Sein raffinierter Freistoß unter der Mauer hindurch im ersten Spiel gegen Japan, sein Traumpass auf Falcao gegen Polen, als er auch an der Entstehung des Führungstores beteiligt war, dann die Ecke zum Siegtreffer gegen Senegal. Quintero ist in Russland die zentrale Figur in Kolumbiens Kreativspiel, gegen Polen durfte er dabei gemeinsam mit James glänzen, mit dem er prächtig interagiert.

James hat bei der WM bisher aber mit muskulären Problemen zu kämpfen, könnte für den Achtelfinal-Showdown gegen England ausfallen. Umso mehr würde ganz Kolumbien auf Quintero hoffen. Darauf, dass der Junge aus der Comuna 13 in Medellin wieder sein Genie zeigt. Und den sonst so besonnenen Jose Pekerman ausflippen lässt.

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