Jovanovs HSV: Was noch für Gisdol spricht - und was nicht

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Für Hamburgs Trainer wird die Luft immer dünner. Kaum eine Statistik spricht für ihn und seine Arbeit. Im Gegenteil.


KOLUMNE

Lasst mich zu Beginn eines vorwegschicken: Auf Personalwechsel habe ich nach den Erfahrungen der letzten Jahre keine Lust mehr. Gebracht haben sie nämlich überhaupt nichts. Wie viele unterschiedliche Trainer, Sportchefs, Vorstände und Aufsichtsräte durften ihr Glück in diesem Jahrzehnt bereits versuchen? Ich habe aufgehört zu zählen. Klar ist nur: Gelöst haben sie beim Hamburger SV maximal nur kurzfristig etwas. Dennoch können wir angesichts der Entwicklung in dieser Saison nicht einfach die Augen schließen und die Dinge schöner malen, als sie sind.

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Vor allem nicht, wenn bereits von einer "Job-Garantie" für Markus Gisdol die Rede ist. Normalerweise ist das der Anfang vom Ende. Denn fast jeder Trainerwechsel verläuft nach dem gleichen Muster und beginnt mit einem offiziellen oder informellen Statement, der Trainer sitze fest im Sattel. Der Unterschied zu früheren Zeiten: Einen Wechsel auf der Trainerbank müsste Heribert Bruchhagen absegnen. Der ist bekanntlich kein Freund dieser Maßnahme. Allerdings hat der Vorstandsvorsitzende beim HSV inzwischen fast all seine Prinzipien über Bord geworfen. Auch das Prinzip der uneingeschränkten Loyalität zum Trainer? Das werden nicht nur die kommenden Ergebnisse zeigen, sondern auch mögliche Reaktionen von Klaus-Michael Kühne.

Offensiv und defensiv verschlechtert

Aber vorerst zurück zu Gisdol und den unumstößlichen Fakten. Der 48-Jährige ist seit dem 25. September 2016 Trainer in Hamburg, holte in dieser Zeit 14 Siege, acht Unentschieden und 19 Niederlagen. Das entspricht einem Schnitt von 1,22 Punkten pro Spiel. Eine magere und keinesfalls bessere Bilanz als die seines Vorgängers Bruno Labbadia. Während Labbadia jedoch das Image anhaftete, zur Trainergeneration aus der Steinzeit zu gehören, wurde bei Gisdol vielerorts so getan, als habe er den Fußball im Reagenzglas neu erfunden. Doch woraus resultiert diese unterschiedliche Wahrnehmung?

Mit Gewissheit lässt sich das zwar nicht sagen. Aber ich glaube, es liegt vor allem an der Art und Weise, wie die Trainer sich öffentlich präsentieren und sprachlich ausdrücken können. Labbadia hatte etwas Ehrliches und manchmal auch sehr Sympathisches an sich, auf Dauer wirkten seine Ausführungen allerdings eintönig. Bei Gisdol klingt vieles irgendwie akademischer und präziser. Daher mögen einige dazu neigen, ihm mehr Kompetenz zu unterstellen. Die Ergebnisse sind jedoch in Summe nicht besser geworden. Labbadia holte im Schnitt 1,20 Punkte pro Spiel - Gisdol nur 0,02 Punkte mehr. Wobei er seinen Vorgänger in den nächsten Wochen sogar (deutlich?) unterbieten könnte.

Filip Kostic Hamburger SV Leipzig 09082017
Auch Filip Kostic erfüllte nach seinem Wechsel aus Stuttgart beim HSV die Erwartungen nicht

Den größten Unterschied erkennt man derweil an einer anderen Statistik: Unter Gisdol schießt der HSV pro Spiel 1,09 Tore und kassiert 1,70 Gegentore. Bei Labbadia waren es 1,16 Tore und 1,38 Gegentore pro Partie. Heißt: Sowohl offensiv als auch defensiv performt der HSV mit Gisdol schlechter. Auch in anderen Disziplinen haben sich die Rothosen eher verschlechtert als verbessert. Zum Beispiel beim Thema Laufleistung. Hier ist der HSV innerhalb von knapp zwei Spielzeiten vom 5. Platz (Saison 2015/16) auf den 17. Rang (aktuell) abgerutscht. Selbst bei den Torchancen, einer der Hauptkritikpunkte an Labbadias Arbeit, ist der Wert von 3,82 Chancen pro Spiel inzwischen auf 3,5 gefallen.

Gisdol wies auf Schwächen des Kaders hin

Was ist also besser geworden durch den Trainerwechsel? Auf den ersten Blick: nichts. Im Gegenteil. Hängen geblieben ist jedoch der Eindruck, die Mannschaft habe sich taktisch entwickelt, sie würde viel früher pressen und dynamischer spielen. Vor Gisdols Übernahme wirkte das Spiel des HSV oft etwas statisch und zu kontrolliert. Gisdols "Chaos-Theorie" des Wegbolzens und Hinterherlaufens hat in der vergangenen Rückrunde auf der Basis einer guten Fitness und der nötigen Portion Glück die notwendigen Punkte für den Klassenerhalt gebracht. Jetzt funktioniert der Plan nicht mehr so wie erhofft. Ob es einen Plan B gibt?

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Für Gisdol spricht jedenfalls nicht mehr allzu viel - und mit jeder Niederlage immer weniger. Natürlich hat er mit dem Verletzungspech und den nicht realisierten Transferwünschen ein paar Argumente auf seiner Seite. Nur sind diese in der Regel bei ausbleibendem Erfolg irrelevant - das nennt sich dann "Mechanismus des Geschäfts". Wobei ich mich gut daran erinnern kann, wie alle Verantwortlichen davon sprachen, dass dieser Kader in der Rückrunde den siebten Platz erreichte und kein großer Umbruch notwendig sei. Entsprechend leger wirkten auch die Bemühungen und Ergebnisse der Kaderplanung im Sommer.

Bislang konnte sich Gisdol zumindest auf das Vertrauen des Investors Kühne verlassen, der ihm in der Vergangenheit den Rücken stärkte. Wie schnell dieser seine Meinung auch wieder ändern kann und welchen Druck seine Aussagen auf den HSV entfalten können, ist derweil gut dokumentiert. Aufgrund der kommenden Begegnungen (Bayern, in Berlin, Stuttgart und auf Schalke) glaube ich nicht, dass Gisdol mit seinem Team noch mal die Kurve kriegt. Es droht mal wieder ein ziemlicher stürmischer Herbst.

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