Jovanovs HSV: Bloß kein Relegations-Triple

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Sowohl der HSV als auch Wolfsburg haben es vergeigt, den Klassenerhalt früher klar zu machen. Nun haben sie ein Finale, das keiner wollte.

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Es fällt sehr schwer, die letzten fünf, sechs Minuten des Spiels zwischen dem FC Schalke 04 und dem Hamburger SV in Worte zu fassen. Deshalb versuche ich es erst gar nicht. Nur so viel: Für einen neutralen Beobachter mag Abstiegskampf unterhaltsam sein. Für alle anderen, die emotional direkt oder indirekt daran beteiligt sind, macht das keinen Spaß. Den Fans des HSV kann ich nur wünschen, dass ihr Verein sie in den nächsten Jahren damit verschont. Denn ihre Leidensfähigkeit wurde längst überstrapaziert. Und obwohl sich in den letzten Wochen wieder das Gefühl des Resignation breit machte, bin ich überzeugt, dass das Volksparkstadion am Samstagnachmittag wieder beben wird. Immerhin darauf ist Verlass.

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Aber was ist mit der Mannschaft? Die freudetrunkenen Aussagen der Bosse, die in der zweiten Halbzeit eine überragende Leistung gesehen haben wollen, würde ich an dieser Stelle nicht überbewerten. Wer kurz vor Spielende durch ein reingewurschteltes Tor und ein aberkanntes Gegentor dem Szenario Relegation oder direkter Abstieg aus dem Weg geht, wird Minuten danach keine rationale Analyse abgeben können. Trotz der Übertreibung steckt in den Aussagen dennoch ein Funken Wahrheit. Denn "überragend" war, wie diese Mannschaft sich mit allem, was sie zu bieten hatte, bis zum Schluss gegen die Niederlage gewehrt hat. War dies das Ende der "Kopfmüdigkeit"?

HSV hat auf Schalke Charakter bewiesen

Mehr noch: Der Umgang der Mannschaft mit Bobby Wood, der eine Großchance kläglich vergab, und die authentische Freude über Pierre-Michel Lasoggas Treffer sprechen für den Charakter dieser Mannschaft. Das sagt und schreibt sich nach einem Sieg oder einem wichtigen Punktgewinn natürlich leichter als nach einer Niederlage. Ich würde den Spielern jedoch nicht absprechen wollen, dass ihnen die Situation nicht genauso nahe geht wie den Fans. Ihre Haltung und Einstellung ist allerdings maßgeblich damit verknüpft, was um sie herum passiert. Und hier scheint sich speziell nach dem 2:1 gegen die TSG Hoffenheim die seit Jahren für diesen Verein typische Überheblichkeit und ein Gefühl von Zufriedenheit eingestellt zu haben, die vom Wesentlichen ablenken und dafür sorgen, dass die letzten Prozentpunkte fehlen.

Deshalb empfinde ich dieses "Finale", ein viel zu positiv konnotiertes Wort für Klassenerhalt oder Nachsitzen in der Relegation, auch nicht als Erfolg. Im Gegenteil. Aus der Perspektive des zehnten Spieltages mit nur zwei Punkten auf dem Konto mag der eine oder andere das sogar als riesigen Erfolg sehen. Aus der Perspektive des 28. Spieltages gegen Hoffenheim ist es das keineswegs. Dem HSV hätten noch fünf oder sechs Punkte aus sechs Spielen gegen vermeintlich einfache Gegner (Darmstadt) und direkte Konkurrenten (Augsburg und Mainz) gereicht, um bereits jetzt den sicheren Klassenerhalt feiern zu können.

Aber die Hamburger haben es nicht zum ersten Mal nicht geschafft, eine komfortable Ausgangssituation für sich zu nutzen und die Spannung bis zum Schluss hoch zu halten. Das Resultat ist jedenfalls ein Endspiel gegen Wolfsburg, das der HSV gewinnen muss, sonst ist das Relegations-Triple perfekt. In der Gesamtbetrachtung der Saison kann dieses Finale unabhängig von seinem Ausgang erst recht nicht als Erfolg verkauft werden, da beide Klubs ihre Ziele trotz teurer Korrekturen während der Saison sehr deutlich verfehlt haben. Und wenn es für den HSV am Samstagnachmittag richtig schief geht, habe ich große Zweifel, ob der Klub noch mal alle Kräfte für die die dritte Relegation in vier Jahren mobilisieren kann. Irgendwann ist es einfach genug.

Relegation ist nervlich kaum auszuhalten

Soweit sind wir aber noch nicht. Was aus HSV-Sicht Hoffnung macht, ist nicht nur das Heimspiel, wobei etwa 6000 Wolfsburger im Volkspark erwartet werden, sondern die Spielweise der Gäste, die nicht davon geprägt ist, die Bälle nur weit nach vorn zu schießen. Die Wölfe, wenn ich es richtig beobachtet habe, versuchen, das Spiel meist kontrolliert von hinten heraus über ihre Sechser aufzubauen und mit kurzen Flachpässen zu Torchancen zu kommen. Seit Andries Jonker das Team übernahm, spielt Wolfsburg offensiver und kommt zu vielen Abschlüssen. Genau diese Art von Fußball liegt den Defensivstärken des HSV besonders und könnte Räume zum Kontern öffnen. Der Haken: Wolfsburg muss dieses Spiel gar nicht gewinnen, könnte sich sehr weit zurück ziehen und den Rothosen den Ball überlassen. Ob Jonker wirklich zu diesem Stil greift?

Es wäre zumindest ein schwer kalkulierbares Wagnis. Denn dass der HSV es auch mit kurzen und flachen Pässen kann, hat das Spiel auf Schalke in Ansätzen gezeigt. Die richtige taktische Marschroute und die Nervenstärke beider Mannschaften werden ausschlaggebend dafür sein, wie dieses Spiel ausgeht. Worauf wir uns jedoch jetzt schon einstellen dürfen: 90 Minuten voller Bangen und Zittern. Darauf würde auch ich in Zukunft gern verzichten.

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