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Jese Rodriguez: Letzte Chance in der 2. Liga? Wie Real Madrids größtes Talent seine Karriere ruinierte

19:55 MEZ 09.02.21
GFX Jese Rodriguez Cristiano Ronaldo Real Madrid
2014 galt er noch als größtes Talent Real Madrids und Cristiano Ronaldos designierter Erbe. Heute ist die Karriere von Jese Rodriguez ruiniert.

HINTERGRUND

Einmal hielt er ihn schon in der Hand, den Ballon d'Or. Im Januar 2014 war das, um genau zu sein, als sein großes Vorbild Cristiano Ronaldo zum Ärger eines gewissen Franck Ribery triumphiert hatte.

"Allein hätte ich das niemals geschafft", sagte Ronaldo damals mit Tränen in den Augen und gestattete jedem seiner Teamkollegen von Real Madrid, sich die Trophäe des weltbesten Fußballers für ein Foto zu schnappen. Und so stand Jese Rodriguez da plötzlich, grinsend und mit dem Finger lässig auf das Objekt der Begierde zeigend.

Real Madrid: Jese Rodriguez wollte den Ballon d'Or gewinnen

"In fünf Jahren", kündigte der damals 21-jährige Außenstürmer aus der Talentschmiede der Königlichen wenige Wochen später vollmundig in einem Interview mit der Marca an, "will ich den Ballon d'Or selbst gewinnen".

Daraus wurde nichts. Heute, mit 27, ist der Traum von einer großen Karriere dahin. Nach einer mehr als dreijährigen Odyssee mit etlichen Vereinswechseln war er zuletzt sogar zwei Monate arbeitslos, ehe ihn sein Heimatklub UD Las Palmas aus der spanischen Segunda Division am 1. Februar ablösefrei unter Vertrag nahm. Wie konnte es dazu kommen?

Jese Rodriguez und PSG - ein folgenschweres Missverständnis

Alles begann wenige Wochen nach Jeses Foto mit Ronaldos Ballon d'Or. Real traf im Champions-League-Achtelfinale auf Schalke 04, Jese spielte wie so oft in dieser Phase von Anfang an - und riss sich infolge eines Zweikampfes mit Sead Kolasinac in der 2. Minute das vordere Kreuzband im rechten Knie.

"Danach", gestand er Jahre später, "war ich nicht mehr der Alte". Die Verletzung raubte ihm neben seinem Selbstvertrauen auch seine Leichtigkeit im Eins-gegen-Eins, oft schleppte sich Jese ausgelaugt über den Platz. In Madrid hörten sie trotzdem nie auf, an ihn zu glauben. Insbesondere Zinedine Zidane gab ihm immer wieder Chancen und sagte: "Ich liebe Jese. Jeder weiß um seine Qualitäten." Wegen der hohen Konkurrenz in Reals Offensive reichte es für den Offensivallrounder aber meist nur zu 20- bis 30-minütigen Einsätzen. Zu wenig für ihn. Also wechselte er im Sommer 2016 zu Paris Saint-Germain.

"Ich sehe mich nicht als Spieler für 20 Minuten", erklärte der Spanier bei seiner Vorstellung in der französischen Hauptstadt. "Ich will immer spielen." Das tat er aber auch an der Seine nicht. Im Gegenteil: Der damalige PSG-Coach Unai Emery fand nach einem halben Jahr überhaupt keine Verwendung mehr für den 25 Millionen Euro schweren Neuzugang. Als der Verein im darauffolgenden Sommer mit Neymar und Kylian Mbappe dann auch noch zwei neue Superstars für den Offensivberiech verpflichtete, war für Jese kein Platz mehr.

Jese Rodriguez: "Der Talentierteste" bei Real Madrid

Es folgten mehrere unbefriedigende Leihen. Weder bei seinem neuen alten Arbeitgeber UD Las Palmas noch bei Stoke City, Betis Sevilla oder Sporting Lissabon rief er sein Potenzial ab. Zudem manövrierte er sich häufig mit diversen Disziplinlosigkeiten ins Abseits. Mal verließ er das Stadion vorzeitig, wenn er nicht im Kader stand. Mal kam er zu spät zum Training. Mal nahm er sich Sonderurlaub. Mal verweigerte er Handschläge mit seinen Trainern oder Mitspielern. Kein Wunder, dass auch Emerys Nachfolger Thomas Tuchel ihn bei PSG ignorierte.


Bild: Getty Images

Der Eindruck, Jese halte sich für etwas Besseres, besteht schon seit seinen frühen Jahren in Madrid. "Er war in den Jugendmannschaften zweifellos der Talentierteste von allen", erinnerte sich sein Ex-Real-Mitspieler und Kumpel Omar Mascarell 2019 im Gespräch mit Goal und SPOX an die gemeinsamen Zeiten zurück: "Jeder wusste: Der Junge hat alles, um eines Tages in der ersten Mannschaft zu spielen."

Das viele Lob und die von der spanischen Presse munter angestellten Vergleiche mit Real-Legenden wie Raul stiegen ihm zu Kopf. Nach seinem Profidebüt unter Jose Mourinho im März 2012 schmiss er etwa eine riesige Privatparty, die sich bis zu dem portugiesischen Startrainer herumsprach. In der Folge berücksichtigte "the Special One" ihn nicht mehr - mit dem Rat, sich doch lieber mal auf seinen Job zu konzentrieren.

Real Madrid: Jese überzeugte unter Carlo Ancelotti

Jeses Reaktion: Er drohte Monate über seinen Berater Gines Carvajal mit einem Wechsel. Daraufhin schaltete sich sogar Reals Präsident Florentino Perez ein und sicherte ihm zu, er werde schon bald bei den Profis Fuß fassen. Das gelang ihm nach Mourinhos Rücktritt im Mai 2013, nachdem er für die zweite Mannschaft von Real 21 Tore in der zweiten Liga erzielt und damit den Uralt-Rekord von Klub-Legende Emilio Butragueno geknackt hatte.

"Jese, der neue CR7" oder "Jese, der Galactico zum Nulltarif" war häufiger zu lesen, als er unter Mourinhos Nachfolger Carlo Ancelotti vielversprechende Leistungen zeigte. Doch dann kamen Schalke, Kolasinac und die lange Verletzungspause. Jese war monatelang weg vom Fenster. Und weil er erst nicht spielen konnte und dann nicht mehr viel spielen durfte, verlor er den Fußball aus den Augen.

Immer häufiger auf seiner Tagesordnung: Partys, Frauen - und Musik. Er versuchte sich unter dem Namen "Big Flow" und später unter dem Namen "Jey M" als Reggaeton-Künstler, baute sich auch dadurch ein zwielichtiges Umfeld auf. Bling-Bling war wichtiger als Training.

"Ich hatte viele falsche Freunde", realisierte er Jahre später. Mitverantwortlich für seinen Absturz war auch Aurah Ruiz, ein Model, das Jese kurz vor seinem PSG-Wechsel im Rahmen der spanischen Dating-TV-Show "Mujeres, hombres y Viceversa" kennen und lieben lernte.

Jese Rodriguez und seine schwierige Beziehung zu Aurah Ruiz

In Paris, das berichtete der Profi später in einem Interview selbst, lebten beide monatelang in einem Hotelzimmer zusammen, das täglich um unzählige Shoppingtüten reicher wurde. Irgendwann sah er sich genötigt, seine Kreditkarte sperren zu lassen, weil seine Freundin einen großen Teil seines Gehaltes für Kleidung und Schmuck verprasst hatte.

Aus der vermeintlich großen Liebe wurde eine toxische On-Off-Beziehung, an der sich die spanische Klatschpresse bereicherte, weil sich Jese und Aurah in bemerkenswerter Regelmäßigkeit in den sozialen Netzwerken bekriegten. Im Zentrum des Dauerstreits: Nyan, der dreijährige Sohn des inzwischen endgültig getrennten Paares, der mit einer schweren Zuckererkrankung zur Welt kam. Aurah wirft Jese praktisch seit Nyans Geburt vor, ein schlechter Vater zu sein.

"Während er sich für 600.000 Euro einen Ring kauft, sitzt sein Sohn leidend zu Hause und kann nicht richtig essen", schrieb sie etwa zuletzt im November 2020 bei Instagram. Immerhin wurde Nyan wenige Wochen darauf eine Magensonde eingesetzt, dank der er sich nun besser ernähren kann.

Jese Rodriguez zurück bei UD Las Palmas: "Nur glücklich sein"

Jeses Privatleben ist und bleibt dennoch turbulent. Insgesamt hat der 27-Jährige vier Kinder von drei verschiedenen Frauen. Seine erste feste Freundin, Melody Santana, ist ähnlich schlecht auf ihn zu sprechen wie Aurah Ruiz. Anfang Januar schrieb sie bei Instagram: "Du wurdest mal als neuer Cristiano Ronaldo bezeichnet, doch in Wahrheit warst du bei all deinen Vereinen eine Lachnummer. Heute schaffst du es bestimmt nicht mal, den Ball durch einen Regenbogen zu schießen. Kein Verein will dich."

Ganz richtig lag sie damit nicht. UD Las Palmas hat den Glauben an Jese noch nicht verloren. Zumindest hat er nun bis zum 30. Juni Zeit, sich bei dem derzeit Zehntplatzierten der zweiten spanischen Liga für einen längerfristigen Vertrag zu empfehlen. Eine letzte Chance auf einen Neuanfang? "Ganz ehrlich, ich will einfach nur wieder Spaß am Fußball haben und ein glücklicher Mensch sein", sagt Jese. "Was passiert ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Ich muss jetzt nach vorne schauen."