PORTRÄT
Unai Emery ist ein Freund klarer Ansagen. Vorschusslorbeeren verteilt der Baske selten, Lobhudeleien über einen seiner Spieler sind rar gesäht, ganz besonders solche, die über die Leistung in einem einzelnen Spiel hinaus gehen. Als er vor einigen Monaten also sagte, Jean-Kevin Augustin sei die Zukunft von Paris St.-Germain war das ein ultimativer Ritterschlag für den damals 19-Jährigen.
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Gut sechs Monate später, ist aus der Zukunft Vergangenheit geworden. Augustin verlässt Paris und wechselt zu RB Leipzig, das sich den jungen Angreifer rund 13 Millionen Euro kosten lässt. Anstatt an der Seine zum Star zu reifen und als einer der Hauptdarsteller eine erfolgreiche Ära zu prägen, soll er nun also an der Pleiße den ihm vorbestimmten Weg einschlagen.
Denn Augustin gilt als Ausnahmetalent, als eines der Verheißungsvollsten seiner Generation und als einer der blutjungen Spieler, die Frankreich wieder zurück zum Ruhm vergangener Tage führen sollen, als Zinedine Zidane und Co. Welt- und Europameister wurden. Doch wer ist der 20-Jährige, der zu seiner Vorstellung bei RB mit Brillanten im Ohr und breitem Grinsen erscheint?
Getty ImagesGoldener Ball bei der U19-EM
Geboren wurde er 1999 in Paris. Beim Amateurklub FO Plaisir schießt er als Knirps Tore am Fließband, in einer Saison über 50. Er wechselt zum AC Boulogne Billancourt, ballert sich auch dort durch seine Tore bei Jugendturnieren in die Notizbücher der Erstligascouts. 2009 wechselt er zu Paris St.-Germain, damals noch nicht durch Katar-Millionen zum Weltklub transformiert, sondern im Schatten von Serienmeister Olympique Lyon stehend.
Augustins Entwicklung schadet das nicht. Im Gegenteil: Er schießt Tor um Tor, sein Tempo, sein Abschluss und sein Instinkt bringen ihm Berufungen in sämtliche U-Nationalteams der Grande Nation ein - deren Gesicht er gemeinsam mit einem anderen Offensivspieler namens Kylian Mbappe wird. In der U19 schießt er zwölf Tore in 13 Spielen und führt Frankreich bei der U19-EM 2016 in Deutschland zum Titel. Dabei schießt die Equipe Tricolore alleine gegen die Größen Niederlande, Portugal und Italien zwölf Tore. Augustin wird mit sechs Treffern Torschützenkönig und gewinnt den Goldenen Ball für den besten Spieler.
Spätestens durch seine Leistungen auf deutschem Boden beim Nachwuchsturnier gilt er als die Identifikationsfigur der Pariser Zukunft. Denn er ist in der Hauptstadt geboren, erinnert ein wenig an Henry und gilt als reifste Frucht der mit viel Geld aufgepeppten Nachwuchsförderung, deren Ernte nur eine Frage der Zeit ist.
Steckbrief | Jean-Kevin Augustin |
| Alter | 20 |
| Position | Stürmer |
| Nationalität | Franzose |
| Vertrag bis | 2022 |
PSG verliert eine Identifikationsfigur
"Mein Spiel basiert auf Explosivität. Zwischen den Trainingseinheiten arbeite ich im Kraftraum", sagt Augustin exklusiv gegenüber Goal. Weitere Kniffe, um tatsächlich die Karriere hinzulegen, die so viele von ihm erwarten, holte er sich von Zlatan Ibrahimovic: "Er ist ein Riese und hat einen großen Charakter. Er arbeitet immer und möchte alles gewinnen, selbst im Training. Das ist eine seiner besten Eigenschaften. Wenn du mit ihm spielst und ihm zuschaust, kannst du nur lernen."
Dass Paris ihn nun ziehen lässt, ist eine Enttäuschung für alle Beteiligten. Für die Fans, die Augustin in seinen wenigen Einsätzen feierten, für Augustin selbst und auch für PSG. Denn nach Kingsley Coman, Mamadou Doucoure, Dan-Axel Zagadou oder auch Moussa Dembele, den man 2012 zu Fulham ziehen ließ, ist er ein weiteres Eigengewächs, das im PSG-Trikot keine Zukunft für sich sieht. Zu groß ist die Konkurrenz, zu rar die Chancen, sich zu beweisen.
Die sind in Leipzig dafür umso größer. Schließlich ist das Teil der Klubphilosophie, jungen Talenten Vertrauen zu schenken und ihnen so die Möglichkeit zu geben, sich rasant zu entwickeln. "Ich habe in Paris nicht genügend Spielzeiten bekommen. Ich sehe gute Chancen, dass ich mich hier durchsetzen kann", bestätigt Augustin. Bei Leipzig erhofft man sich indes selbstredend, dass der Franzose ein weiteres Puzzleteil der Marke Forsberg oder Keita wird.
GettyZukunft ist Vergangenheit
"Ich bin sehr froh, dass er hier ist. Mit seiner Art passt er sehr gut in unser System. Die Konkurrenz ist da, aber ich traue ihm alles zu", so Leipzigs Coach Ralph Hasenhüttl. Konkret heißt das: schnelles Pressing, blitzartige Gegenstöße, One-Touch-Football mit viel Risiko! Sieht man sich Highlight-Videos von Augustin an, sieht man genau das: einen agilen, vielseitigen Stürmer mit tollem erstem Kontakt und ausgeprägtem Gespür für Räume.
Zu Eingewöhnungsproblemen sollte es nicht kommen, stehen mit Dayot Upamecano und Ibrahima Konate doch zwei weitere junge Franzosen im Kader. Und überhaupt: Augustin gilt als lernwilliger Spieler, der äußerlich vielleicht extravagant daher kommt, auf dem Platz – egal, ob im Training oder im Spiel – aber ein harter Arbeiter ist, ein emsiger Arbeiter, der Lücken reißt und sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellt.
Man kann Leipzig nur gratulieren. Denn Augustin stand nicht nur bei den Roten Bullen auf der Wunschliste. Auch Borussia Dortmund soll beispielsweise Interesse angemeldet haben. Und auch, wenn er bei Paris nicht zum Zug kam, ist er noch immer einer der vielversprechendsten Stürmer Europas. Einer, der Spiele entscheiden kann, einer, der optimal zum Rangnick'schen Plan passt. Kurzum: Einer, der die Zukunft eines Vereins sein kann. Das weiß auch Unai Emery. Der sagte: "Es ist schade, dass er uns verlässt. Leipzig wird viel Spaß an ihm haben." Man konnte fast meinen, ein wenig Reue zu hören. Reue, dass die Zukunft nun Vergangenheit ist und andernorts zeigen will, was wirklich in ihr steckt.


