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Jamie Lawrence: Mit 18 vier Jahre Gefängnis, mit 24 Premier League

12:00 MEZ 20.03.18
GFX Jamie Lawrence
Mit 17 wurde Jamie Lawrence zum ersten Mal verhaftet, mit 18 musste er ins Gefängnis. Dennoch schaffte er es aus der 9. Liga in die Premier League.


HINTERGRUND

Als Schiedsrichter Paul Durkin an einem eisigen Januartag im Jahr 1995 das Premier-League-Spiel zwischen Crystal Palace und Leicester City anpfeift, ist Jamie Lawrence den Tränen nah. "Ich dachte: Verdammt, Du bist jetzt Premier-League-Spieler", erinnert er sich an jenen Moment, an dem er es endgültig geschafft hatte. An den Tag, den er nie für möglich gehalten hätte. Denn Lawrence war eigentlich einer der Verlierer der Gesellschaft, einer, dessen vorbestimmtes, trauriges Leben nichts anderes vorsah als Kriminalität und Ausweglosigkeit. Mit 18 wurde er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Einige Wochen vor seinem 25. Geburtstag, an jenem 14. Januar wird er Erstligaspieler. Das letzte Kapitel seines ganz persönlichen Märchens ist der Schlusspunkt eines Buches, dessen erste Seiten von einer tristen Jugend im West-Londoner Bezirk Balham erzählen.

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Dort wird er 1970 als Sohn jamaikanischer Einwanderer geboren. "Wir hatten fast nichts, Geld war immer knapp, obwohl meine Eltern hart arbeiteten", sagte Lawrence der Daily Mail. Er lernt früh, dass der auch nach Europa transportierte 'American Dream' eine Lüge ist, dass man es nicht nach ganz oben schaffen kann, wenn man nur fest daran glaubt und hart genug arbeitet. Die Lektion seiner Kindheit ist eine andere: "Willst du raus aus dem Elend, tritt der Gang bei."

Jugend in der Gang

Gangs gibt es im Balham der Achtziger einige. Der Straßenstrich Bedford Hill wird von mächtigen Zuhältern und Drogenbossen regiert. Einwanderer drängen mit Drogengeschäften ins Revier der Alteingesessenen, an jeder Ecke kann man Drogen kaufen. Schon mit zehn Jahren kommt Lawrence in Kontakt mit einer Gang. "Das waren farbige Jungs wie ich. Nur, dass sie sich alles kaufen konnten, was sie wollten." Er wird noch als Minderjähriger Dealer auf der Straße, bewundert besonders den Anführer der Gang, der wie er Wurzeln in Jamaika hat. Mit 17 wird er nach einem Raubüberfall zum ersten Mal verhaftet. Nur vier Monate später klingelt es an der Haustür und ein Team der Polizei steht vor ihm. Dieses Mal wird er nicht wieder laufen gelassen.

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Man bietet ihm einen Deal an, doch Lawrence verrät die Männer, die er damals für seine Freunde hält nicht, sondern geht für vier Jahre ins Gefängnis. Wegen Raub, Körperverletzung, Drogenhandel und Geldwäsche. Lawrence ist 18 und sein Leben liegt in Trümmern. Es ist eigentlich vorbei, bevor es angefangen hatte. Heute sagt er, dass vor allem das Fehlen von Vorbildern dazu geführt habe, dass er in der Schule so schlecht gewesen und so früh in die Kriminalität abgerutscht sei. "Sicher", sagt er, "Fußballer waren auch Vorbilder. Aber sie waren so weit weg für mich. Die Jungs auf der Straße dagegen waren direkt vor meiner Tür."

Im Gefängnis wird er erwachsen

Das Gefängnis verändert ihn, er wird erwachsen, erkennt, dass er dieses Leben nicht möchte. "Im Gefängnis habe ich Disziplin gelernt. Dort wird gegessen, geschlafen und geduscht, wenn es einem gesagt wird. Ich denke, genau das fehlt so vielen Jungs." Er trainiert im Knast hart, hat bald stählerne Muskeln, ist fit wie nie. Er weiß, dass er ein anderes Leben will, wenn er raus ist. Eines ohne die ständige Angst, erwischt zu werden, eines in Freiheit.

"Es ist kein Leben. Kriminalität ist nicht unbedingt die einzige Möglichkeit, Zugang zu einem Lebensstil zu erhalten, der attraktiv erscheint. Wenn du zur Schule gehst und deine Ausbildung machst, kannst du erreichen, was immer du willst", weiß er heute.

Fußball hatte er immer gespielt, als Kind auf der Straße, in Käfigen, gegen andere harte Jungs. "Ich war nie der Beste. Es gab damals Jungs, die so viel besser waren als ich", sagt er. "Aber ich habe immer härter gearbeitet." Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, vor dem Erreichen der ursprünglich veranschlagten Dauer, weiß er, dass er einen Job will, eine Familie, ein normales Leben. Mit dem Fußball beginnt er eigentlich vor allem deshalb, weil es ihm immer Spaß gemacht hat und weil es Teil der für ihn so wichtigen Struktur ist.

Von der neunten in die zweite Liga

Er heuert bei Cowes Sports FC an, in der neunten Liga. Er erkämpft sich einen Stammplatz, am Ende wird man Meister. "Es war eines der größten Gefühle meines Lebens, gemeinsam etwas zu erreichen", sagt Lawrence. Daran, jemals höher zu spielen, denkt er nicht. Wie auch, ist er doch bereits 22 und hat nie eine fußballerische Ausbildung erhalten.

Sein Vorteil: Er hat einen Trainer, der sofort erkennt, dass Lawrence es weit bringen kann. Denn er ist körperlich bärenstark, gut am Ball und lernt schnell. Dale Thompson ist es auch, der den Kontakt zum AFC Sunderland herstellt, wo er Leute kennt. Sunderland ist damals ein mittelmäßiger Zweitligist, der Sprung aus der neunten Liga ist freilich ein enormer.


Jamie Lawrence (r.) im Laufduell mit Arsenal-Star Dennis Bergkamp

Thompson verschafft Lawrence ein Probetraining – und bei den Black Cats staunt man nicht schlecht, was da für ein Kämpfer ankommt, der auch gegen die Techniker im Team Zweikämpfe in Serie gewinnt. Lawrence bekommt einen Einjahresvertrag. Er macht nur vier Spiele, letztlich ist er doch noch zu weit entfernt vom auf diesem Level nötigen Niveau. Und doch ist er überglücklich. "Ich sah plötzlich, die Möglichkeit, es noch weiter zu schaffen. Ich war plötzlich Fußball-Profi", sagt er. Dennoch entscheidet er sich für das Angebot der Doncaster Rovers, einesm Viertligisten, weil die Offerte einfach zu gut war.

Premier League und Jamie Lawrence Academy

"In dieser Saison habe ich mehr gelernt als andere in zehn Jahren", sagt er. Und es zahlt sich aus: Nach einem Jahr als Stammspieler wechselt er zu Leicester City. Sein damaliger Trainer, Mark McGhee, macht ihn zum Stammspieler. Der Schotte schätzt Lawrences Kampfgeist, den unbedingten Willen, zu gewinnen. So kommt es, dass Jamie Lawrence an einem eisigen Januar-Tag im Jahr 1995 auf dem Rasen des Selhurst Park mit den Tränen kämpft und wenige Sekunden später Premier-League-Spieler ist.

70-mal spielt er in seiner Karriere, die er erst 2010 beendete, im Oberhaus, sonst bei diversen Vereinen in der zweiten und dritten Liga. Außerdem trägt er 24-mal das Trikot Jamaikas, spielt gegen Weltstars wie Ronaldo oder Rivaldo.

Und heute? Da arbeitet er als Trainer, war beim Afrika-Cup als Fitness-Trainer beim Team Ghanas. Und dann ist da natürlich noch die Jamie Lawrence Academy im Süden Londons für benachteiligte Kinder. Kinder ohne Eltern oder solche, die früh Straftaten begangen haben. So wie einst Lawrence. Er will das Vorbild sein, das er so dringend gebraucht hätte. "Ich glaube, jeder hat etwas, in dem er gut ist. Wenn er es gefunden hat, muss er nur Herz und Seele hineinstecken. Denn Träume können Wirklichkeit werden. Ich bin der Beweis dafür."