James Rodriguez: Der Abend des Schöpfers

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Auf Schalke zeigt James Rodriguez, warum ihn Carlo Ancelotti unbedingt wollte. Damit legt er auch seinen Rucksack ab, bekommt aber gleich einen neuen.


HINTERGRUND

Hinterher marschierte er ganz unbeschwert durch die Katakomben. Einen Rucksack hatte James Rodriguez nicht dabei, als er frisch geduscht, die Harre ordentlich gescheitelt, eingepackt im roten Trainingsanzug, in der Interviewzone erschien. Der Neuzugang des FC Bayern wirkte locker, geradezu befreit, nach dem 3:0-Sieg im Bundesliga-Spiel auf Schalke.

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Im Sommer war der Kolumbianer von Real Madrid nach München gewechselt, zunächst für zwei Jahre auf Leihbasis. Er war die "Granate", die Uli Hoeneß angekündigt hatte. Ein Spieler, der bereits auf Weltklasse-Niveau agiert hat und von einem Weltklub gekommen war. Und doch gab es viel Skepsis im Umfeld. Bloß einen Ersatzspieler der Königlichen hätten die Bayern da verpflichtet, dazu einen, der nicht ins Anforderungsprofil passe, da er doch eigentlich ein klassischer Zehner sei, hielten Kritiker dem FC Bayern vor. Einen großen Namen habe James ja schon, großes Vermarktungspotenzial sowieso. Dass er den Münchnern im sportlichen Kerngeschäft aber tatsächlich weiterhelfen würde, daran gab es große Zweifel.

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"Ich bin erleichtert", sagte James also am späten Dienstagabend, "dass ich heute mein erstes Tor für Bayern erzielt und ein gutes Spiel gemacht habe." James sprach leise und wirkte eher zurückhaltend, abgeklärt. Der 26-Jährige kennt das Business. Er weiß, wie schnelllebig das Fußballgeschäft und die dazugehörige Medienlandschaft sind.

2014 spielte James eine überragende Weltmeisterschaft, er zog mit Kolumbien ins Viertelfinale ein, erzielte sechs Treffer in fünf Spielen und wurde Torschützenkönig. Männer und Frauen kreischten, wo auch immer er nun auftauchte. Plötzlich war er ein Megastar, die heißeste Aktie im Weltfußball.

Gleich unter Druck

Es folgte der 80 Millionen Euro schwere Wechsel zu Real. James bekam in Madrid die prestigeträchtige Rückennummer zehn, spielte eine starke erste Saison unter Trainer Carlo Ancelotti. Dann allerdings verlor er seinen Stammplatz, in den Finalspielen der Champions League saß er 2016 und 2017 auf der Bank respektive der Tribüne. Es war ein rasanter Aufstieg über Porto und Monaco bis hin zum derzeit wahrscheinlich besten Verein der Welt, wie ihn nur wenige erlebt haben. Und ein Fall, wie ihn schon so viele erlebt haben im Fußballgeschäft. 

Der Wechsel zu Bayern war auch eine Flucht aus Madrid. James wollte wieder spielen, wieder wichtig sein. Und an der Isar sah er beim deutschen Rekordmeister mit jenem Trainer an der Seitenlinie, unter dem er die bislang beste Saison seiner Karriere gespielt und sich endgültig auf Top-Niveau etabliert hat, eine willkommene Gelegenheit dazu. Und auf Schalke sahen die Zuschauer jetzt erstmals, warum Ancelotti den Offensivspieler unbedingt haben wollte. 

"Die Verpflichtung von James Rodriguez war der große Wunsch unseres Trainers", hatte Karl-Heinz Rummenigge verkündet, als die Verträge unterschrieben waren. "Wir verlassen uns da voll auf Carlo Ancelotti, der ihn im Gegensatz zu uns viel besser kennt. Das ist der Wunschspieler von ihm und den hat er jetzt gekriegt", ergänzte Hoeneß wenig später. Damit setzten die Bosse James gleich einen schweren Rucksack auf und Ancelotti mächtig unter Druck. So nach dem Motto: James muss jetzt auch liefern. Tut er das nicht, ist Carlo dafür verantwortlich.

Lob von den Kollegen

Umso glücklicher wird Ancelotti sein, wie sich James in seinem erst dritten Einsatz als Bayern-Profi präsentierte. Auf Schalke war der Neue der entscheidende Mann. Er holte den Handelfmeter, den Robert Lewandowski verwandelte (25.), heraus, er erzielte den zweiten Treffer selbst (29.) und bereitete den dritten von Arturo Vidal sagenhaft mit einem gelupftem Schnittstellenpass vor (75.). Bei seinem Tor war James Vollstrecker, primär waren es aber seine Qualitäten als Schöpfer, die selbst seinen größten Kritikern ein anerkennendes Kopfnicken abverlangten.

James leistete sich zwar auch ein paar unnötige Ballverluste, zwei, drei Unkonzentriertheiten, das schon. Er machte aber vor allem vieles richtig, überzeugte offensiv mit guten Bewegungen und guten Pässen. So bereitete er drei weitere Chancen der Münchner von Sebastian Rudy (8.) und Thomas Müller (10./51.) mustergültig vor und hätte beinahe noch seinen zweiten Treffer erzielt (88.). Dass er zudem nach Ballverlusten mit nach hinten arbeitete und sich nach jedem gespielten Pass gleich wieder als Anspielstation anbot, kam gut an. "James hat sehr gut gespielt, sehr mannschaftsdienlich mit guten Kombinationen, physisch ist er aber noch nicht bei hundert Prozent", urteilte Ancelotti. 

JAMES RODRIGUEZ BAYERN MÜNCHEN GERMAN BUNDESLIGA 19092017

JAMES RODRIGUEZ BAYERN MÜNCHEN GERMAN BUNDESLIGA 19092017

"Er hat richtig gut gespielt. Mit ihm haben wir neue Optionen im Spielaufbau und in der Offensive. Die ganze Mannschaft kann sich freuen, dass er jetzt bei uns spielt", schwärmte indes Lewandowski. Und auch die anderen in Rot waren hellauf begeistert. "Er hat die Bälle gefordert, war spielfreudig und immer anspielbereit", lobte etwa der ebenfalls starke Rudy.

Ancelotti hatte in der offensiven Dreierreihe James, Thomas Müller und Kingsley Coman aufs Feld geschickt. Während James und Coman relativ flexibel die Flügel besetzten, war Müller zumeist im Zentrum zu finden. Wohl auch eine Konsequenz aus der bis dato besten Saisonleistung im Bundesliga-Spiel gegen Mainz (4:0) .

"Es geht darum, die Spieler da zu positionieren, wo sie der Mannschaft am meisten bringen. Und James spielt auch gerne rechts in diesem Halbraum. Er ist ja auch kein klassischer Flügelspieler, hat aber ein gutes Auge. Wenn er nach innen geht, kann er mit seinem starken, linken Fuß entweder die Seite verlagern oder eine sehr gute Flanke bringen. Wir haben da gut harmoniert", meinte Müller, der James ebenfalls attestierte, "ein gutes Spiel" gemacht, "immer wieder vorne Akzente gesetzt und gute Entscheidungen getroffen" zu haben.

Souveränere Bayern als zu Saisonbeginn

Überhaupt spielten die Bayern wie schon gegen Mainz deutlich besser als in den Partien zuvor. Die Schalker Defensive wurde früh unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen. "Ich bin total zufrieden. Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht, als Mannschaft gut den Ball gehalten, gut kombiniert und viele Torchancen herausgespielt", meinte Rudy. "Wir sind glücklich mit dem Spiel. Wir haben mit der gleichen Intensität gespielt wie zuletzt und Schalke früh gestört. Daraus sind auch einige Möglichkeiten und Tore entstanden", befand Müller. 

Ausschlaggebend dafür sei die bessere Verständigung untereinander gewesen. Insgesamt, aber insbesondere mit den Neuzugängen. "Es hat immer auch etwas mit der Abstimmung zu tun. Dass man genau weiß, was der andere macht", erklärte Müller. Am Anfang der Saison sei es noch so gewesen, "dass wir uns selbst ein bisschen unsicher waren, was der andere gerade macht. In den letzten beiden Spielen haben wir das besser in den Griff gekommen. Obwohl im Mittelfeld mit Coco Tolisso und Sebastian Rudy zwei Neue gespielt haben, waren die Abläufe stimmiger als in den Wochen zuvor. So macht es dann natürlich auch mehr Spaß". 

Es waren aber eben auch die technische Klasse, die Spielfreude und die schöpferischen Fähigkeiten eines James Rodriguez, die den Unterschied gemacht haben. "Man hat gesehen, dass James heute einen großen Schritt nach vorne gemacht hat. Ich denke aber, dass noch viel mehr in ihm steckt. Daher glaube ich auch, dass man in den kommenden Wochen noch mehr von ihm sehen wird", sagte Rudy - und setzte seinem Teamkollegen damit noch in den Katakomben der Veltins-Arena den nächsten Rucksack auf, wenn auch ganz sicher unfreiwillig. 

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