Taktik-Analyse: Italien - ein Riegel ohne Schlupflöcher?

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Ein Dreier-Riegel als Fundament, entspinnen die Italiener darauf fußend bisher taktische Meisterleistungen. Goal nimmt Contes Truppe genauer unter die Lupe.

Italien ist bisher definitv eine der positiven Erscheinungen der EM 2016. Ein beeindruckendes 2:0 zum Auftakt gegen stark eingeschätzte Belgier, Gruppensieger, im Achtelfinale verdientermaßen den amtierenden Europameister Spanien gestürzt. Deutschland ist vor dem Viertelfinal-Klassiker am Samstag (21 Uhr im LIVE-TICKER) jedenfalls gewarnt.

Dass die Italiener, deren Mannschaft vor dem Turnier als ihre schlechteste aller Zeiten galt, derart stark auftreten, liegt vor allem an ihrer enormen Geschlossenheit. Und daran, dass Trainer Antonio Conte im taktischen Bereich großartige Arbeit leistet. "Es gibt niemanden, der einen besser auf den nächsten Gegner vorbereitet", betonte etwa Mittelfeld-Antreiber Daniele De Rossi.

Conte lässt die Italiener in einem 3-5-2-System auflaufen, das bei gegnerischem Ballbesitz zu einem 5-3-2 wird. Die Dreierkette ist dabei das Prunkstück, die drei Juventus-Asse Giorgio Chiellini, Andrea Barzagli und Leonardo Bonucci sind hier gesetzt. 

Davor sorgen drei zentral ausgerichtete Mittelfeldspieler für Ordnung, die Außenbahnen sind mit Dauerläufern besetzt. Vorne baut Conte bei der EM auf eine Doppelspitze aus Eder und Graziano Pelle, von denen letzterer klassischer Mittelstürmer und ersterer herumschweifender Wirbelwind ist.

  • SPIELAUFBAU

Muss Italien das Spiel aufbauen, ist das beinahe ausschließlich Angelegenheit der Dreierkette. Chiellini, Bonucci oder Barzagli müssen eröffnen, meist ist es das Juve-Trio, das am Ende der 90 Minuten die meisten Pässe auf dem Konto hat. Ihr Mittel sind dabei häufig lange Diagonalbälle auf die offensiven Außenverteidiger.

Hier und da werden jedoch auch Pässe durch das Zentrum eingestreut. So, wie es Bonucci par excellence tat, als er den Führungstreffer durch Emanuele Giaccherini mit einem 50-Meter-Traumpass in den gegnerischen Strafraum vorbereitete.

Dass sich aus dem Mittelfeld-Trio jemand entscheidend in den Spielaufbau einklinkt oder jenen übernimmt, ist der Ausnahmefall. Lediglich Daniele de Rossi - falls er denn einsatzbereit ist - kappt gelegentlich so ab, dass er den ersten Pass für den folgenden Angriff anbringt.

  • POSITIONSSPIEL

Die oberste Maxime unter Conte: Disziplin. Schon in der Dreierkette beginnt das Credo, dass die Abstände zwischen den einzelnen Spielern stets höchst präzise sitzen müssen. Das gilt natürlich in erster Linie für das Verhalten bei gegnerischem Ballbesitz, sprich in der Defensive.

Geht es darum, von Angriff auf Verteidigung oder umgekehrt umzuschalten, sind in punkto Positionsspiel zunächst die beiden Außenbahnspieler von Bedeutung. Sie haben im Offensivvortrag die Aufgabe, für Tiefe zu sorgen, indem sie konsequent die Grundlinie suchen. Andersherum ist es von maßgeblicher Bedeutung für die Stabilität, dass sie nach Ballverlust schnellstmöglich aus der Dreier- eine Fünferkette machen.

Zwei weitere Akteure, die in ihren Positionen etwas freier sind als die meisten anderen, sind Giaccherini und Marco Parolo. Sie variieren, tauchen mal rechts, mal links auf, dringen in den Strafraum ein, interagieren miteinander. Fixpunkt im Dreier-Mittelfeld ist hingegen de Rossi, der seinen Aktionsradius-Mittelpunkt meist rund um den Anstoßkreis hat.

  • ABSICHERN

Was bereits anklang, gilt hierfür besonders: In Italiens Spiel ist es essentiell, dass nach Ballverlust möglichst schnell der Rückwärtsgang eingeschaltet wird, alle möglichst schnell ihre angestammte Position wieder einnehmen. Das Abwehr-Trio steht ohnehin stets in der Ordnung und relativ tief, verteidigt nur sehr selten mal aggressiv nach vorne.

Stattdessen lässt man sich als Kollektiv zurückfallen, baut einen wahren Riegel aus Fünferkette plus vorangestellter Dreierkette auf. Der Erfolg gibt der Squadra Azzurra bisher Recht. Schaut man sich die bisherigen EM-Partien Italiens an, fällt auf, dass es die Gegner kaum einmal bis in den Strafraum schaffen. Verdienst der herausragenden Defensivarbeit, die Chiellini, Bonucci, de Rossi und Co. leisten.

Die Heatmap aus dem Achtelfinale gegen Spanien zeigt etwa, dass die Iberer in der ersten Halbzeit im italienischen Sechzehner praktisch nicht existent waren. Die Gefahr eines Gegentores minimierte Italien damit enorm effektiv.

Als prädestinierte Szenen für die italienische Spielweise dienen eigentlich beinahe alle Angriffe Spaniens in der ersten Halbzeit der Achtelfinal-Begegnung der beiden Nationen. Die Spanier, die es meist mit ihren kurzen Pässen durch das Zentrum probierten, verzweifelten reihenweise an der italienischen Abwehrwand.

Spätestens an der Strafraumkante waren die Iberer mit ihrem Latein am Ende. Weil Chiellini, Barzagli und Bonucci sich perfekt abstimmten, enorm eng standen. Und zudem die beiden offensiven Außenverteidiger ebenso einrückten, auf diese Weise dafür sorgten, dass kaum noch Raum vorhanden war.

Kamen die Spanier in Hälfte eins doch mal zum Abschluss, dann eigentlich immer von außerhalb des Sechzehners.

Hier gibt es keine zwei Meinungen: Der Schlüssel, damit Italiens Taktik aufgeht, ist die Dreierkette. Sie ist das Fundament, auf dem alles aufbaut, sie verleiht die Stabilität, die nötig ist, um offensivstarke Gegner wie Spanien oder nun Deutschland in Schach zu halten.

Das entscheidende Element dabei: die Abstimmung. Und die funktioniert einwandfrei, kennen sich Bonucci, Chiellini und Barzagli doch bestens aus ihrem Verein, wo sie zudem auch Trainer Conte von 2011 bis 2014 schon trainierte.

Emanuele Giaccherini trumpft bei der EM bisher so auf, wie es kaum jemand erwartet hatte. Im unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Irland geschont, stand der 31-Jährige ansonsten in allen drei Partien 90 Minuten lang auf dem Platz, verbuchte ein Tor und ein Assist.

Besonders gut: Neben seinem Wert für die Defensive ist er es, der mit seiner Beweglichkeit auch offensiv mal für Überraschungseffekte sorgt. Er stößt in den richtigen Momenten ganz vorne rein, wie bei seinem Tor gegen Belgien geschehen. Er wählt geschickte Laufwege, zieht auf die Außenbahn, um dann mit Tempo nach innen zu gehen. Offensivtaktisch ist er bisher einer der italienischen Schlüsselspieler.

Durch das Zentrum ist Italien aufgrund des Dreier-Riegels bisher kaum zu überwinden, die Gegner taten sich enorm schwer, überhaupt in den Sechzehner zu kommen. Für Deutschland sollte die Maxime also lauten: Viel über die Flügel probieren, etwaige Vorstöße der beiden offensiven Außenverteidiger der Squadra zu eigenen Gunsten nutzen.

Kreativität ist gefragt, Unvorhergesehenes. Mesut Özil, Toni Kroos und Co. müssen sich etwas einfallen lassen. Im defensiven Umschaltspiel muss die DFB-Elf derweil vor allem den wieselflinken Giaccherini im Auge behalten. 

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