Im Schatten des Auserwählten: Das ist Brasiliens U17-Juwel Paulinho

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Er stahl Vinicius die Show, erinnert an Coutinho und durfte früher nicht mit seinen Freunden kicken. Goal stellt U17-Juwel Paulinho vor.

Es schien eine klare Sache zu sein. Vinicius, 17-jähriges Wunderkind von Flamengo, der im Sommer 2018 für 45 Millionen Euro zu Real Madrid wechseln wird, würde der erste Torschütze in Brasiliens Eliteliga sein, der in diesem Jahrtausend geboren wurde. Da waren sich die Experten einig.

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Doch sie täuschten sich. Weil im Schatten des Auserwählten ein anderer blutjunger Hochbegabter glänzte und noch vor Vinicius traf. Sein klangvoller Name: Paulo Henrique Sampaio Filho, kurz Paulinho. Er, geboren im Juli 2000, drei Tage später als sein mittlerweile berühmter Altersgenosse Vinicius, schoss seinen Klub Vasco da Gama Ende Juli mit zwei Toren im Alleingang zum 2:1-Auswärtssieg bei Atletico Mineiro.

Vielseitigkeit als großes Plus

Besonders der zweite Streich Paulinhos, der zuvor bereits zwei Kurzeinsätze in der brasilianischen Serie A absolviert hatte und nun zum ersten Mal in der Startelf der Profis von Vasco stand, ließ die Herzen der Fans höher schlagen. An der Strafraumgrenze angespielt, ließ er zunächst seinen Gegenspieler mit einem klugen ersten Kontakt aussteigen, dann nagelte er den Ball mit einem sehenswerten Schuss zum Siegtreffer in den Winkel.

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Seitdem fliegt der Junge mit der Zahnspange nicht mehr unter dem Radar, wird nicht mehr von dem allgegenwärtigen Namen Vinicius' erdrückt, wenn es um die größten Talente vom Zuckerhut geht. Die U17-WM in Indien will Paulinho nun zu seiner großen Bühne machen.

Ballkontrolle, Übersicht und Physis sind die großen Stärken Paulinhos. Und seine Vielseitigkeit. "Ich bin Stürmer, aber ich habe auch schon als Außenverteidiger und im Mittelfeld gespielt", erklärte Paulinho im Interview mit FIFA.com. "Auf verschiedenen Positionen zu spielen, hat mir mehr Überblick für mein Spiel gegeben. Ich kann dem Team überall helfen, egal, wo der Trainer mich aufstellt."

Er kann praktisch alle Positionen problemlos bekleiden: Auf beiden Flügeln, als Zehner, im Sturmzentrum, ja sogar als Sechser. "Am besten kommen seine Fähigkeiten aber zur Geltung, wenn er Chancen für seine Teamkollegen kreieren kann. Idealerweise, wenn er von den Flügeln nach innen zieht", weiß Goals Vasco-Experte Tauan Ambrosio.

Parallelen zu Coutinho sind unübersehbar

Bei Vasco ist man froh um den Rohdiamanten, der bisher elf Erstligaeinsätze auf dem Konto hat und noch als 16-Jähriger debütiert hatte. Die Fans des Traditionsklubs aus Rio de Janeiro, Paulinhos Geburtsstadt, streiten oft leidenschaftlich mit denen von Stadtrivale Flamengo, wer denn nun der Bessere sei: Paulinho oder Vinicius.

Paulinho Vasco da Gama 23072017

Paulinho könnte jedenfalls Vascos berühmtester Zögling seit einem gewissen Philippe Coutinho werden. "Es ist geradezu unvermeidlich, dass Vergleiche zu ihm gezogen werden", sagt Ambrosio. Der heutige Liverpool-Star Coutinho traf einst ebenfalls als 17-Jähriger erstmals für Vasco, hatte damals ähnliche Anlagen und bis heute einen ähnlichen Spielstil wie Paulinho.

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Mit sieben Jahren begann Paulinho mit dem Kicken. In Vila da Penha wuchs er auf, dem Stadtteil Rios, aus dem auch Vasco-Legende Romario stammt, der Brasilien zum WM-Titel 1994 führte. "Sein älterer Bruder ist nach Romario benannt", verrät Ambrosio. Außerdem trug Paulinho, der als Zehnjähriger zu Vasco kam, in Anlehnung an den früheren Weltklassestürmer in den Nachwuchsteams seines Vereins dessen Rückennummer 11.

Eine Karriere zu haben, wie sie Romario hinlegte, ist Paulinhos Antrieb. "Was gerade passiert, ist ein Traum für meine Familie und mich", sagt der Teenager, der vor Spielen am liebsten zur Spielekonsole greift: "Das entspannt mich und hilft mir, mich zu fokussieren."

Glänzender Start in die U17-Weltmeisterschaft

Im Auftaktspiel der U17-WM hat das offensichtlich geholfen, ein Treffer gelang Paulinho beim 2:1 gegen Mitfavorit Spanien. Weil er, auf dem rechten Flügel eingesetzt, in den Strafraum drängte, ein Zuspiel erlief und clever am Torwart vorbei zum Siegtreffer in den Kasten chippte. Eine Charakteristik, die seinem Spiel ansonsten bisweilen noch fehlt. "Er könnte häufiger in den Strafraum ziehen, um Tore zu erzielen", sagt Ambrosio über die wenigen Schwachpunkte, die Paulinho hat.

Neben seinem Tordebüt bei den Profis war die U17-Südamerikameisterschaft in diesem Jahr ein weiterer Meilenstein in der noch so jungen Karriere Paulinhos. 2015 gewann er mit der U15 bereits die kontinentalen Meisterschaften, doch beim U17-Turnier "spielte er seinen bisher besten Fußball im Trikot Brasiliens", wie Ambrosio betont. In acht der neun Partien stand er in der Startelf, traf zweimal und bereitete zwei Tore vor.

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Nun, bei der WM, liegt in Abwesenheit von Vinicius noch mehr Last auf den Schultern Paulinhos. Auf dem, dessen Wurzeln eigentlich untypisch klingen für einen Zauberer vom Zuckerhut, der das Jogo Bonito, das schöne Spiel, für gewöhnlich beim stundenlangen Kicken am Strand, auf löchrigen Straßen oder in den Hinterhöfen der Favelas lernt. "Als er klein war, wollte seine Familie nicht, dass er mit seinen Freunden Fußball spielt. Sie sahen sein Potenzial und fürchteten, dass er sich verletzen könnte", berichtet Ambrosio.

Potenzial hat Paulinho tatsächlich zur Genüge. Sogar so viel, dass er wohl nicht mehr lange im Schatten des Auserwählten verweilen wird. In einer Kategorie hat er Vinicius ja ohnehin schon die Show gestohlen.

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