Gladbachs Ibrahima Traore im Interview: "Befürchte, dass Playstation mich dumm macht"

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Im Interview spricht Ibrahima Traore über seine Liebe zur Literatur, den ungewöhnlichen Karrierestart und seine multikulturellen Wurzeln.

EXKLUSIV

Ibrahima Traore ist der Sohn eines Vaters aus Guinea und einer Mutter aus dem Libanon. Seit elf Jahren spielt der 30-Jährige in der Bundesliga, aktuell bei Borussia Mönchengladbach. Im Interview mit Goal und SPOX spricht Traore über seine Liebe zur Literatur, den ungewöhnlichen Karrierestart und seine multikulturellen Wurzeln.

Zudem äußert sich Traore zum Thema Rassismus, spricht über Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft, den scharfen Kontrast zu Guinea und erklärt, weshalb er keine konkreten Pläne für die Zukunft hat.

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Herr Traore, in Ihrem Geburtsland Frankreich haben Sie sich einst das Fach Literatur ausgesucht, um damit das Abitur zu machen. Wieso?

Ibrahima Traore: Wenn uns die Lehrer früher Bücher mitgaben, haben die meisten Schüler die gar nicht gelesen. Ich habe sie aber immer gelesen. Um zum Training zu gelangen, musste ich damals eine Stunde mit dem Bus fahren, so dass ich viel Zeit dafür hatte. Mir hat das sehr gefallen, so dass ich mir irgendwann selbst Bücher gekauft und auch mit dem Schreiben begonnen habe. Ich lese immer, bis heute. Momentan zum Beispiel viel von Joel Dicker.

In welcher Form schreiben Sie denn selbst?

Traore: Es geht in Richtung Poesie. Inhaltlich sind es Beobachtungen zum gesamten Leben und in welcher Phase man sich davon befindet. Ich schreibe über eigene Erlebnisse, die Zeit an sich, die Kindheit, die Liebe. Manchmal schreibe ich viel und regelmäßig, dann wieder gar nicht. Und wenn ich etwas schreibe, mache ich das nur ein Mal und dann soll das auch so bleiben. Ich schreibe nicht ein bisschen, lasse es dann liegen und mache irgendwann weiter. Wenn ich anschließend noch einmal drüberlese und es nicht gut finde, dann schmeiße ich es eben wieder weg.

Sie sind also nicht unbedingt ein Konsolen-Fan wie viele andere Fußballer?

Traore: Ich habe keine Playstation und auch kein Nintendo. Ehrlich gesagt habe ich da die Befürchtung, dass mich das dumm macht. (lacht) Ich habe ein Handy und Bücher. Wenn ich im Bus sitze, zocken die anderen Jungs Fortnite oder Mario Kart gegeneinander und ich lese halt. Ein paar von uns lesen ab und an, Yann Sommer hat zum Beispiel auch immer ein Buch dabei.

Möchten Sie eines Tages ein Buch unter Ihrem Namen veröffentlichen?

Traore: Darüber würde ich mich freuen, klar. Eigentlich wollte ich immer viel mehr Schriftsteller als Fußballer sein. Ich war ja auch nie in einer Fußballakademie. Das war mein großes Glück, denn so konnte ich mich mit vielen anderen Dingen beschäftigen und nicht nur mit Fußball. Das wäre mir zu eindimensional gewesen und dann hätte ich es auch bestimmt nicht zum Profi geschafft.

Heutzutage gilt es ja schon als kurios, wenn ein Profi nie ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen hat.

Traore: In einem NLZ hätte sich bei mir irgendwann ein großer Druck aufgebaut, es jetzt auch unbedingt schaffen zu müssen. Sonst wäre ich ja - und so geht es vielen - vielleicht ohne etwas dagestanden, wenn ich es nicht zum Profi geschafft hätte. Bei mir ging nach dem Wechsel zu Hertha BSC alles so schnell, dass gar keine Zeit dafür war, Druck zu verspüren. Ein Jahr, bevor ich in Berlin mein Debüt für die Profis gab, habe ich noch in der Shisha-Bar eines Kumpels gearbeitet - und ich war zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte keinerlei Erwartung, eines Tages Fußballprofi sein zu müssen.

Was hätten Sie denn gemacht, wenn Sie es nicht geschafft hätten?

Traore: Literatur studiert und ein Buch geschrieben. So sah zumindest der Plan aus.

Zumal Ihre Mutter, die als wichtige Ratgeberin für Sie gilt, Sie einst mehr oder weniger vom Wechsel nach Berlin überzeugen musste. Stimmt das?

Traore: Ja, weil ich eigentlich gar nicht wollte. Mir war es egal, ob ich beim Probetraining auffalle und Profi werde. Der Berater, der das damals alles eingefädelt hat, war mehrmals bei uns zu Hause und hat immer nur mit meiner Mutter geredet. Ich habe nur gesagt, dass ich nicht nach Deutschland möchte, weil ich keinen Bock darauf hatte.

Das Probetraining bei der Hertha haben Sie dennoch absolviert - und es lief positiv für Sie. Wie sind Ihre Erinnerungen daran?

Traore: Als ich in Berlin ankam, hätte ich nicht einen Spieler der Profimannschaft aufzählen können. Das Probetraining fand damals neben dem Olympiastadion statt, während Hertha ein Heimspiel im UEFA-Cup hatte. Die anderen Kicker waren alle total motiviert, als sie die Geräuschkulisse herüber schwappen hörten, aber für mich war es nichts Besonderes. Ich sah das als handelsübliches Probetraining an. Ich dachte mir: Wenn es klappt, dann ist es okay, weil ich den Fußball schon immer sehr mochte. Ich war nur eben in einer Phase, in der es für mich nicht mehr wichtig war, ob ich nun Profi werde oder nicht.

Und woher kam diese Phase?

Traore: Ich habe zuvor schon einige Probetrainings in Frankreich gemacht und war sehr häufig der beste Spieler, auch wenn sich das jetzt hochnäsig anhört. Genommen wurden aber immer nur die anderen, weil die sich auch neben dem Spielfeld sehr bemüht und Politik gemacht haben. Da ging es eindeutig nicht nur nach Leistung und auf solche Spielchen wollte ich mich nicht einlassen.

Letztlich hat dann die Mama auf den Tisch gehauen und Sie nach Berlin geschickt?

Traore: Sagen wir es so: Sie hat mich enorm darum gebeten, diese Chance wahr zu nehmen. Meine Mama ist ein extremer Fußballfan. Sie könnte in der Fankurve den Ton angeben. (lacht) Ihre Lieblingsmannschaft ist Olympique Marseille. Es war für sie ein großer Traum, dass ihr Sohn Fußballer wird. Sie meinte, ich solle das in Berlin jetzt versuchen und dann wird sie mit mir kein Wort mehr über Fußball sprechen.

Das mit der Hertha hat geklappt. Hat Ihre Mutter Wort gehalten?

Traore: Naja, nicht unbedingt. Sie ist ja auch sehr wichtig für mich und alle zwei Wochen zu Besuch. Sie wohnt quasi bei mir, aber die Miete muss ich selbst zahlen. (lacht) Da kommt man nicht drum herum, auch über Fußball zu sprechen.

Ihre Mutter soll Sie im letzten Sommer auch davon überzeugt haben, an der Audienz bei Papst Franziskus teilzunehmen, die er der Gladbacher Mannschaft gewährte.

Traore: Richtig. Ich hatte Max Eberl gesagt, dass ich nicht teilnehmen werde, weil es nicht meine Religion ist. Meine Mutter hat dann gemeint, dass ich das falsch sehe. Ich solle hingehen, weil der Papst an Gott glaubt - da ist es ganz egal, welcher Religion man angehört. Sie meinte, ich würde immer von Toleranz und Respekt reden und es dann in dem Moment, wo es um mich geht, nicht zeigen. Damit hatte sie auch Recht, denn das Treffen war wirklich besonders.

Sie sind der Sohn eines Vaters aus Guinea und einer Mutter aus dem Libanon. Seit 2007 spielen Sie Fußball in Deutschland. Fühlen Sie sich mehr als Franzose, als Guineer, als Libanese oder als Europäer?

Traore: Ich bin das alles, von jedem etwas. Das Problem ist, dass die Leute mittlerweile darauf bestehen, dass man sich zu einer Nationalität bekennt. Wer viele Wurzeln hat, soll sich bitteschön trotzdem mit nur einer davon identifizieren. In Gladbach heißt es immer mal wieder, dass schon viele Franzosen für die Borussia gespielt haben. Ich werde aber nie hinzugezählt. Doch ich bin Franzose und kenne Frankreich viel besser als Guinea. Dort nennen mich die Leute auch "Der Weiße", weil ich aus Europa komme.

Können Sie Spieler wie Karim Benzema oder Romelu Lukaku verstehen, die sagen, wenn sie gut spielen und treffen werden sie zu den Einheimischen gezählt und wenn sie schlecht spielen, gelten sie als Ausländer?

Traore: Natürlich. Man kann sich nicht ausschließlich zu einem Land bekennen, wenn man mehrere Wurzeln hat. Ich kann nicht nur Franzose, nur Guineer oder nur Libanese sein. Ich bin alles. Meistens sage ich aber: Ich komme aus Paris. Denn das ist das, was ich am besten kenne.

Nach fast zwölf Jahren in Deutschland: Welche vermeintlich deutschen Eigenschaften haben Sie mittlerweile angenommen?

Traore: Der Klassiker: Pünktlichkeit. Es ist längst so, dass es mich selbst aufregt, wenn jemand nicht pünktlich ist. Ich könnte sagen, dass ich mich natürlich auch als Deutscher fühle, denn mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich in Deutschland verbracht. Da ist es doch völlig egal, ob ich auf dem Papier Deutscher bin oder nicht. Ich lebe schon lange hier, fühle mich wohl und identifiziere mich mit vielen deutschen Werten. Ich bin ein bisschen deutsch, so fühle ich mich und so sehe ich das.

Haben Sie in Deutschland schon einmal einen Fall von Rassismus gegen sich erlebt?

Traore: Einmal bei einem Spiel, das war relativ am Anfang. Ansonsten nie wieder und auch im Alltag nicht. Es gibt aber natürlich eindeutig ein Problem mit Rassismus. Und das nicht nur in Deutschland, sondern so gut wie in jedem Land.

Wie haben Sie die Debatte um Mesut Özil und dessen Rücktritt aus der Nationalelf wahrgenommen?

Traore: Ich glaube nicht, dass sich Özil absichtlich zur Politik von Erdogan bekennen wollte. Vor allem der Zeitpunkt war unglücklich, wenn man bedenkt, was politisch gerade in Deutschland geschieht. Für mich ist Fußball Fußball und Politik ist Politik. Wenn beides vermischt wird, passiert genau so etwas. Klar ist: Diese Geschichte hat der Nationalelf massiv geschadet. Deutschland hat eine politische WM gespielt und keine fußballerische - das kann nicht gutgehen. Wenn es ein Problem zwischen zwei Parteien gibt, verliert immer derjenige, der nicht redet. Wenn er erst danach redet, ist es zu spät.

Damit einher geht unerfreulicherweise ein leichter politischer Umschwung in Deutschland. Rechtspopulisten scheinen auf dem Vormarsch zu sein. Wie gehen Sie damit um?

Traore: Angst macht es mir nicht. Für mich steht und fällt dieses Thema mit Integration und Identifikation. Die Deutschen müssen dabei helfen, Ausländer oder Flüchtlinge zu integrieren. Das geht aber nur, wenn sich die andere Seite, und sei es nur ein bisschen, mit Deutschland und seinen Werten identifiziert. Man darf auch nicht den Fehler machen, von ein paar Flüchtlingen, die zum Beispiel kriminell auffallen, auf alle anderen zu schließen. Man sollte ja auch nicht sagen, dass das, was in Chemnitz passiert ist, alle Deutschen charakterisiert.

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Sie sind Nationalspieler von Guinea - einem armen Land, das einen erheblichen Kontrast zu Ihrem Leben in Deutschland und Europa darstellt. Wie blicken Sie auf diesen immensen Unterschied?

Traore: Guinea ist kein armes, sondern ein sehr armes Land. Dort geht es wirklich jeden Tag ums Überleben und weniger ums Leben. Die Menschen fragen sich dort täglich, wie und ob sie heute etwas zu essen bekommen. Viele essen nur einmal am Tag. In Deutschland habe ich in Restaurants auch schon einen halbvollen Teller zurückgehen lassen. Das habe ich in Guinea noch nie gemacht. Es ist eine unvorstellbar andere Welt.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie dort zu Besuch sind?

Traore: Ich muss mich immer verstecken. Ich kann nicht auf die Straße gehen, mich kennt jeder. Ich brauche deshalb Bodyguards, weil es einfach zu gefährlich ist. Wenn ich mit dem Auto durch die Gegend fahre, habe ich immer Bargeld bei mir, um es den Leuten zu schenken, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. Ich spende permanent, das erreicht dann meist mehrere hundert Menschen täglich. Zudem habe ich vor vielen Jahren eine Stiftung gegründet, die sich zum Beispiel für die Bekämpfung von Ebola einsetzt oder Kindern den Schulbesuch ermöglicht.

Sie sind jetzt 30 Jahre alt und wurden zuletzt immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Traore: Wenn ich eines Tages aufstehe und merke, dass ich keine Lust mehr auf den Fußball habe, dann höre ich umgehend auf. Sollte das morgen passieren, dann ist die Sache morgen durch und fertig. Ich habe keine Ahnung, was ich machen werde, wenn ich meine Karriere beende. Vielleicht bleibe ich im Fußball, vielleicht aber auch nicht.

Seit 2014 spielen Sie in Gladbach, bei keinem Ihrer bisherigen Vereine waren Sie länger. Was ist der Grund dafür?

Traore: Ich war bei jedem meiner Vereine grundsätzlich zufrieden, hatte aber nirgends das Gefühl, dort besonders lange bleiben zu wollen. In Gladbach gefiel mir, wie bis heute die Neuzugänge rasend schnell aufgenommen werden. Da denkst du nach vier Wochen gar nicht mehr daran, neu zu sein. Der Hauptgrund, weshalb ich mich hier auf Anhieb so wohlgefühlt habe, ist aber Max Eberl. Er ist weniger distanziert als andere Sportdirektoren, die ich kennengelernt habe und denen es nicht immer gefallen hat, dass ich meine Meinung sage. Max ist dagegen ein sehr offener Mensch, mit dem ich wirklich über alles reden kann. Hinzu kommt die Mentalität der Region. Die gefällt mir hier besser als es beispielsweise in Stuttgart der Fall war.

Haben Sie im Hinterkopf, zum Ende Ihrer Karriere noch einmal Ihr Glück außerhalb Europas versuchen zu wollen?

Traore: Nein. Ich habe keine Träume. Die Realität des Lebens ist zu hart, um zu träumen. Ich beschäftige mich permanent und viel mit der Realität meines Lebens, so dass ich keine Pläne machen kann, was in zwei Jahren sein könnte. Für mich zählt nur die Gegenwart. Ich habe Ziele, aber keine Träume.

Gibt es dann ein Ziel, auf das Sie rund um ein mögliches Karriereende hinarbeiten?

Traore: Wenn ich aufgehört habe, soll nur noch der Mensch übrig bleiben, weil sich dann auch mein Leben verändern wird. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Fußballer Traore und dem Menschen Traore. Privat bin ich ein vollkommen anderer Mensch, da möchte ich auch heute schon nicht der Fußballspieler sein. Ich bereue auch nichts in meinem Leben. Ich bin nicht auf Menschen neidisch und möchte nicht mit jemandem tauschen. Meine Karriere ist meine Karriere. Ich habe seit zwei Jahren viel mit Verletzungen zu kämpfen, aber so sollte es eben sein.

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