HSV-Sportdirektor Bernhard Peters im Goal-Interview: "Mentalität des Siegens aufbauen"

Bernhard Peters HSV
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Der Nachwuchschef der Rothosen spricht im Interview mit Goal über neue Regeln im Fußball, seine Ziele beim HSV und Kritik an den Leistungszentren.

EXKLUSIV

Mit dem Hockey-National-Team gewann er zwei Weltmeisterschaften, wechselte 2006 in den Fußball und legte den Grundstein für die erfolgreiche Nachwuchsförderung der TSG Hoffenheim: Bernhard Peters, 57, hat in seiner Karriere als Trainer und Manager eine umfangreiche Expertise in der Konzeptionierung, Strukturierung und Koordination unterschiedlicher Sportarten aufbauen können.

Seit 2014 kümmert er sich in der Funktion des "Direktor Sport" beim Hamburger SV vor allem um die Entwicklung der Jugendabteilung. Im Goal-Interview spricht Peters über neue Regeln im Fußball, seine Ziele beim HSV und Kritik an den Leistungszentren.

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Herr Peters, seit einigen Jahren ist in Diskussionen rund um Fußball eine Tendenz in Richtung Theoretisierung zu beobachten. Es wird zunehmend über Spielsysteme und sogenannte "Matchpläne" gesprochen. Inwieweit ist ein Fußballspiel planbar?

Bernhard Peters: Fußballspiele sind seit 150 Jahren interaktive Prozesse, sie sind nicht planbar. Das liegt unter anderem an Leistungsschwankungen der Spieler, am Gegner und der Tagesform einer Mannschaft. Man kann ihr auf der Basis einer Analyse des Gegners einen Rahmenplan mit Handlungsanweisungen mitgeben. Dieser Plan wird allerdings sehr oft von Zufällen oder anderen Umständen durchkreuzt. Dem Einfluss eines Trainers auf das Spiel sind natürliche Grenzen gesetzt.

Wie schwer fällt es dem Fußball, Denkmuster aufzubrechen und sich Neuerungen zu öffnen?

Peters: Viele haben es lange Zeit vermieden, neue Wege zu gehen, weil sie sich im System Fußball sehr komfortabel fühlten. Komfort ist jedoch kein Kriterium für Erfolg. Jürgen Klinsmann war einer der Ersten, der Anfang der 2000er Jahre aus diesem System ausgebrochen ist und viele überfällige Anstöße gegeben hat. Dieser Prozess erfordert jedoch Zeit und Durchhaltevermögen. Veränderungen ziehen Widerstand nach sich.

Wie viel Widerstand haben Sie im Fußball allgemein und beim Hamburger SV im Speziellen erfahren müssen? Schließlich kommen Sie ursprünglich aus einer anderen Sportart. Einige Reaktionen waren zunächst von Ablehnung geprägt, als klar war, dass ein ehemaliger Hockey-Trainer in den Fußball wechselt.

Peters: Ich möchte niemandem den Fußball näherbringen, weil ich das gar nicht kann. Unstreitig ist, dass andere Teamsportarten in vielen wichtigen Leistungsfaktoren differenzierter gedacht und sich früher der Möglichkeiten der sportwissenschaftlichen Teilbereiche wie Leistungssteuerung, Diagnostik, Individualisierung oder Video-Management bedient haben. Diese Möglichkeiten gilt es effektiver auszuschöpfen und einen Mehrwert für den Fußball schaffen, um bessere Leistungen zu provozieren.

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Auch beim Einsatz von technischen Hilfsmitteln hat es im Fußball relativ lang mit der Einführung gedauert. Wie stehen Sie zum Videobeweis?

Peters: Ohne den Videobeweis wäre ich 2006 mit der Hockey-Nationalmannschaft nicht zum zweiten Mal Weltmeister geworden. So war es aber gerecht. Und auch im Fußball stellen wir nun erst einmal fest, dass er insgesamt gerechter wird. Die Anzahl von eklatanten Fehleinschätzungen nimmt ab. Natürlich läuft anfangs noch nicht alles perfekt. Aber das war in allen anderen Sportarten genauso. Diskussionen über den Sinn des Videobeweises aufgrund von Startschwierigkeiten halte ich daher für nicht richtig.

Welche weiteren Neuerungen, auch Regeländerungen, würden dem Fußball gut tun?

Peters: Vieles werden wir in unserem Leben wahrscheinlich nicht mehr erleben, weil es mit Regeländerungen grundsätzlich sehr lang dauert, aber es gibt zumindest aktuell leichte Tendenzen hin zum Interchanging, also dem fliegenden Wechsel. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: bessere Kaderdynamik, Einsatz mehrerer Spieler und somit stärkeres Gruppengefühl, besseres Coaching durch die Trainer möglich und leichterer Einsatz von Talenten und Rekonvaleszenten. Das ist aber nur eine von mehreren Ideen. Ich halte zum Beispiel die Einführung von Viertellinienabseits für überlegenswert. Das Spiel wird automatisch attraktiver, weil die Stürmer fünfzehn Meter mehr Kombinationsraum bekommen.

Kommen wir zum HSV. Seit 2014 verantworten Sie als Direktor Sport vor allem die Entwicklung unterhalb der Profimannschaft. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Sie als Chef des Nachwuchses. Diese Bezeichnung gibt aber nur einen Teil Ihres Verantwortungsbereiches wieder. Wie würden Sie selbst Ihre Rolle und Aufgabe beim HSV bezeichnen?

Peters: Ich bin für die konzeptionelle und inhaltliche Entwicklung vom Kinderbereich bis zu den Profis verantwortlich. Dazu zählt erst einmal Strukturen aufzubauen, Ziele und Methoden zu definieren – im fußballerischen, athletischen, mentalen, individuellen und leistungsdiagnostischen Bereich. Es geht also darum, aus all diesen Bausteinen eine stabile und gut funktionierende Pyramide zusammenzubauen. Das geht aber nur in einem guten Team.

Wie weit sind Sie mit dem Bauprozess dieser Pyramide?

Peters: Die Ausgangsposition war recht bescheiden, weil in der Vergangenheit jede Menge gekappt wurde. Der Großteil der Nachwuchsarbeit spielte sich in Norderstedt ab, inzwischen ist die Wahrnehmung eine andere und die jeweiligen Bereiche arbeiten intensiver zusammen. Dank der Unterstützung durch Didi Beiersdorfer konnten wir in den letzten drei Jahren viele Fortschritte erzielen. Ich skaliere die Entwicklung unserer gesamten Arbeit gerne von eins bis zehn: Als wir anfingen, waren wir bei drei, jetzt vielleicht bei fünf. Wir sind also noch nicht da, wo wir irgendwann hinwollen.

Es fällt auf, dass nicht nur personell aufgestockt wurde, sondern seit geraumer Zeit bei der Auswahl der Trainer für die unterschiedlichen Jahrgangsstufen Kontinuität eingekehrt ist.

Peters: Die Trainer sind der Schlüssel für erfolgreiche Arbeit. Wenn sie lernbegierig sind und sich weiterentwickeln wollen, partizipiert die gesamte Organisation davon. Ich persönlich beeinflusse ja niemanden mehr auf dem Platz, das habe ich früher als Trainer gemacht, sondern gebe den Trainern Anregungen und Ideen mit, um sich in allen Bereichen zu verbessern und den Horizont zu erweitern.

Sind Sie an Entscheidungen beteiligt, wenn es darum geht, Spieler zu verpflichten oder Verträge zu verlängern?

Peters: Das übernehmen bei uns Sportchef Jens Todt in Zusammenarbeit mit unserem NLZ-Leiter, Dr. Dieter Gudel sowie unserem Sportlichen Leiter, Sebastian Harms, natürlich in Absprache mit dem Scouting und den Trainern. Das Segment Kadermanagement oder Scouting gehört nicht zu meinen Aufgaben.

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Wie läuft die Aus- und Weiterbildung von Trainern konkret ab?

Peters: Unter anderem durch Workshops und Seminare. Wir haben wöchentlich wiederkehrende Termine festgelegt, in denen wir zum Beispiel Variationen des Angriffspressings oder defensives Zweikampfverhalten diskutieren und gemeinsam erarbeiten. So stellen wir sicher, dass wir in ständigem Austausch unsere Idee des Fußballs fortschreiben, weiterentwickeln und Ziele durch definierte Leistungsstandards überprüfbar machen.

Auch im Nachwuchs spielt Geld eine immer größere Rolle. Selbst für C-Jugendliche werden inzwischen enorme Summen auf den Tisch gelegt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Peters: Generell ist eine qualifizierte Ausbildungsarbeit sehr teuer. Hier investieren wir sehr viel in Personal und Infrastruktur. Was die Aufwandsentschädigungen für die Spieler angeht, bewegen wir uns im unteren Mittelfeld. Wir versuchen, die Spieler nicht mit Geld von uns zu überzeugen, sondern mit unserem ganzheitlichen Konzept von Stand- und Spielbein zu begeistern und ihnen einen klaren Plan aufzuzeigen. Wenn wir finanziell flexibler wären, würden wir das eine oder andere internationale Top-Talent mehr zu uns holen können, was ein weiteres Wertsteigerungspotenzial zur Folge hätte. Natürlich befürchte ich, dass das Rad auch im Nachwuchs überdreht wird. Unser Konzept ist es deshalb, in den unteren Jahrgangsstufen die besten Talente des Nordens an uns zu binden.

In letzter Zeit wurde immer häufiger Kritik an den Leistungszentren in Deutschland laut, weil sie viele gleichförmige Spieler herausbringen würden, die sich kaum noch voneinander unterscheiden. Sehen auch Sie diese Tendenz? Und wie wirkt man entgegen?

Peters: Ja, diese Tendenz sehe ich auch. Es geht hierbei um Führungsstärke der Trainer, die in der Lage sein müssen, schwierige Typen, die den Unterschied ausmachen, zuzulassen. Sie müssen erzieherisch richtig einwirken können. Wenn du Persönlichkeiten als Trainer hast, können sich Persönlichkeiten auch auf dem Platz entwickeln. Andernfalls fallen die schwierigen Jungs zu früh durch das Raster. Eine sehr starke Mannschaft ist ein guter Mix aus Individualisten, Künstlern, Kämpfern und Typen mit Teamorientierung. Diese Typen muss ein Trainer erkennen und als Team führen können. Das ist ebenfalls ein Aspekt, der in die Ausbildung unseres Personals einfließt.

Stehen sich beim HSV grundsätzlich nicht zwei Ansätze gegenseitig im Weg? Auf der einen Seite wird mithilfe eines Investors viel Geld in die Profimannschaft gepumpt, auf der anderen Seite viel Geld in den Nachwuchs.

Peters: Wir können junge Spieler nur dann erfolgreich in das Bundesliga-Team einbauen, wenn dort ein funktionierendes Fundament aus Führungsspielern besteht. Bisher ist es uns noch nicht gelungen, über einen längeren Zeitraum in stabiles Fahrwasser zu gelangen. Es wird uns leichter fallen, sobald wir uns bei den Profis sportlich und tabellarisch stabilisieren. Dann wären wir eher in der Lage, eine strategische Kaderplanung umzusetzen und die Top-Talente der U17, U19 und U21 konsequent einzubauen.

Viele Spieler der U21 sind aufgrund des Verletzungspechs bei den Profis enger an die erste Mannschaft herangerückt. Törles Knöll, Tatsuya Ito und Fiete Arp beispielsweise feierten jüngst ihr Debüt in der Bundesliga. Läuft das in Ihrem Sinne? Oder bräuchten die Spieler noch mehr Zeit?

Peters: Man darf nicht erwarten, dass wir es hier schon mit fertigen Profis zu tun haben. Ihnen fehlen noch einige Prozent in vielen Bereichen wie Athletik oder taktischem Verhalten. Durch Training und Wettkampfhärte müssen sie Widerstandsfähigkeit entwickeln. Wer im Spitzensport angekommen ist, muss auf einem möglichst konstanten Niveau Höchstleistung liefern können. Darauf bereiten wir sie unter anderem auch durch regelmäßiges Training bei den Profis vor.

Dass junge Spieler "mehr Zeit" bräuchten ist ein Satz, der in Hamburg im Zusammenhang mit dem Nachwuchs in den letzten Jahren sehr häufig zu hören war. Ist es hier für junge Spieler tatsächlich so viel schwieriger als an anderen Standorten?

Peters: Nein, das würde ich nicht am Standort festmachen. Es fällt nur automatisch etwas leichter, wenn eine Mannschaft etwas befreiter ohne den Druck spielen kann. Letztlich ist es so, dass wir im Nachwuchs den Rahmen für sie schaffen. Durch die Tür gehen müssen sie aber selber.

Wie würden Sie erfolgreiche Jugendarbeit definieren? Wird Ihr Erfolg an der Anzahl der heraus gebrachten Spieler gemessen? Oder am sportlichen Abschneiden in den jeweiligen Altersklassen?

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Peters: Jeder Verein hat seine eigene Philosophie der Überprüfbarkeit, darüber hinaus gibt es von Seiten des Verbandes eine Zertifizierung, die mehrere Dimensionen beurteilt. Für mich ist entscheidend, dass unsere Spieler eine Mentalität des Siegens aufbauen. Wir wollen viele Spieler durch unser Konzept des Stand- und Spielbeins zu Typen erziehen, die mit dem Leben zurechtkommen. Außerdem geht es darum, wie viele Spieler es am Ende im Berufsfußball erfolgreich packen. Daran lassen wir uns alle messen.

Ihr Vertrag läuft im kommenden Sommer aus. Ist Ihre Aufgabe beim HSV erfüllt? Oder streben Sie eine Verlängerung der Zusammenarbeit an?

Peters: Ich bin mit dem Vorstand in guten Gesprächen darüber, dass wir mit unserer Aufgabe beim HSV noch nicht fertig sind und unsere Arbeit in Zukunft gemeinsam fortführen möchten.

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